06.10.2008

KATASTROPHEN Geordnet in den Untergang

Bei einer Massenflucht in Indien starben über 200 Hindus. Ein Duisburger Panikforscher hat 127 ähnliche Fälle untersucht. Sein Fazit: Panik gibt es gar nicht.
Kurz vor der Tragödie stellten sich die Gläubigen noch in zwei Schlangen: in die eine Frauen, in die andere Männer. Dann setzte sich die Masse in Bewegung - was folgte, war der Tod.
Über 200 Hindu-Pilger starben vergangene Woche im indischen Jodhpur bei dem verzweifelten Versuch, von einem Tempelberg zu fliehen. Bilder des Schreckens gingen um die Welt, zusammen mit Schlagzeilen, die von Massenpanik sprachen, von Menschen, die andere rücksichtslos niedergetrampelt hätten.
Michael Schreckenberg hält nichts von solchen Begriffen. "Die Menschen sind nicht in wilde Raserei geraten, sie haben keine Mitmenschen mutwillig überrannt." Das alles sei ein Mythos, genährt von den Medien und irreführenden Katastrophenfilmen.
"Panik gibt es eigentlich gar nicht", sagt der Professor, der an der Universität Duisburg-Essen die Physik von Transport und Verkehr erforscht. Früher habe er das Wort selber benutzt. "Ich bin da jetzt viel vorsichtiger", gibt der 52-Jährige zu.
Über das Unglück in Indien sagt er schlicht: "Da ist eine hochverdichtete Masse in Bewegung geraten." Was dann passierte, sei keine Folge von Kopf- und Rücksichtslosigkeit, sondern schlicht eine "physikalische Zwangsläufigkeit", analysiert der Verkehrsforscher.
Gerade hat Schreckenberg eine Studie abgeschlossen. 127 Fälle hat er analysiert. Sein Fazit: Panik sei nicht aufgetreten, zumindest nicht in dem Sinne, dass die Menschen "etwas Dummes" gemacht hätten. Sie taten vielmehr, was sie hatten tun müssen: Sie gingen geordnet in den Untergang.
In den Treppenhäusern des World Trade Center etwa habe an jenem denkwürdigen Septembermorgen 2001 keineswegs Raserei geherrscht. "Durcheinander ist lediglich entstanden, als korpulente oder schwache Menschen sich auf den Treppen vor Erschöpfung hingesetzt haben", sagt der geläuterte Panikprofessor.
Der Auslöser muss nicht so monströs sein wie bei 9/11. "Es reicht schon eine gefühlte Gefahr", sagt der Professor. So war es wohl auch vergangene Woche in Indien. Da war plötzlich die Rede von einer Bombe. "Damit kann man genauso effektiv töten wie mit einem echten Sprengsatz", sagt Schreckenberg.
Der Panikforscher leugnet nicht, dass in einem solchen Moment die Instinkte herrschen. Binnen Sekunden schalte der Mensch sein Denken ab: "Der Organismus ist nur noch darauf ausgerichtet, sein Leben zu erhalten."
Doch das bedeute keineswegs, dass der Mensch im Angesicht des Todes plötzlich zur wilden Bestie werde. Sorgfältig analysierte Schreckenberg Videoaufzeichnungen, die ihm die Polizei zur Verfügung stellte. Immer wieder beobachtete er darauf verblüffend ruhiges, aus Sicht der Betroffenen durchaus folgerichtiges Verhalten.
Vorhersagbaren Regeln folge dabei der flüchtende Mensch, und diese würden von Katastrophenschützern viel zu wenig berücksichtigt. "Niemand flieht zum Beispiel in einen dunklen Notausgang", warnt Schreckenberg. Zwei Fluchtwege seien oft nicht besser als einer: "Die Masse der Flüchtenden staut sich immer an der Tür, wo die meisten hinrennen."
Unterschiedliche Charaktere schälen sich in der Not heraus: Auf zehn Personen kommt ungefähr ein Anführer, der plötzlich die Leitfigur spielt. Zehn weitere Prozent - der Forscher nennt sie "die Sensiblen" - laufen bei der kleinsten Gefahr los. Die restlichen 80 Prozent sind jene, die blind der Masse folgen - mit drastischen Folgen wie in Indien.
Dort sind die Hindu-Pilger den Berg hinuntergestolpert, und zum Verhängnis wurde ihnen, dass es abwärts ging. In der drangvollen Enge konnten die Fliehenden nicht anders, als sich beim Vordermann abzustützen. In solch einem Fall sei es nur eine Frage der Zeit, bis der Erste stürzt, sagt Schreckenberg. Liegen aber fünf Menschen übereinander, bedeutet das für den unteren den Tod: "300 Kilo lasten auf ihm. Atmen ausgeschlossen!"
Und selbst wenn niemand stürzt: "Wenn 50 Menschen von hinten drücken, so lastet auf dem ersten das Gewicht von einer Tonne", rechnet der Desasterforscher vor. In Jodhpur kippte eine Mauer um, die zur Kanalisierung der Massen gebaut worden war - ein "dramatischer Planungsfehler", wie Schreckenberg konstatiert.
Fluchtwege müssten so gebaut sein, dass die Menschen hindurchströmen wie ein Schwarm Heringe. Jeder Stillstand kann tödlich sein. Denn Menschen, die in einer Masse fliehen, die plötzlich ins Stocken gerät, laufen nach ziemlich exakt 15 Sekunden in eine andere Richtung los, hat Schreckenberg beobachtet.
Eine Masse in ihrem kollektiven Reflex zu steuern, so etwas gelinge nur in den ersten Momenten. "Strikte Führung" über Lautsprecher sei dafür nötig, so Schreckenberg. Die Leute brauchten das Gefühl, die Organisatoren hätten die Lage im Griff.
Und selbst wenn dies nicht mehr der Fall sei, sollten die Lautsprecher nicht schweigen. "Dann ist es immer noch besser, Musik zu spielen." GERALD TRAUFETTER
Von Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 41/2008
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