Von Matussek, Matthias
Was in diesen Tagen zusammenbricht, ist nicht nur der Finanzmarkt, sondern ein Glaubenssystem, und da ist es gut zusammenzurücken. Am besten, man bleibt unter sich. Im Hamburger Hauptbahnhof steht der Zug nach Berlin, und an einem Vierertisch der ersten Klasse unterhalten sich Geldmacher übers Geldmachen. Meistens schütteln sie den Kopf. Der Dax steht schon wieder am Abgrund und überlegt sich, wie tief er heute springt.
Hinter ihnen sitzt einer allein, missmutig. Ein Mann im dicken Pullover kommt durch den Mittelgang, Umhängetasche mit der Obdachlosen-Zeitschrift. Er sammelt für eine neue Teestube. Die Vierergruppe ignoriert ihn, der missmutige Einzelne schnarrt: "Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?"
"Klar", sagt der Obdachlose und sucht. "Hamwer gleich." Die beiden sind ungefähr gleich alt. "Hier ist er", sagt der Obdachlose schließlich triumphierend. Der Missmutige nickt grimmig. Er zückt das Portemonnaie und gibt großzügig. Es ist ja nicht so, dass man nicht gern geben würde, aber es muss alles seine Ordnung haben - Deregulierung bitte nur dort, wo sie volkswirtschaftlich sinnvoll ist.
Im Speisewagen später, auf offener Strecke, löffelt ein älterer Herr seine Gemüsesuppe. Pfeffer-und-Salz-Sakko, ein Bier, lange Blicke hinaus über braune Felder. Er wirkt freundlich, wie nach einem arbeitsreichen Leben, zu welcher Gruppe mag er gehören? Wirtschaftsprofessor, Gärtner?
Er besitzt ein Autohaus, das nun die Söhne führen. "Das letzte Jahr war fürchterlich." Die Banken finanzieren nichts mehr, weil sie den Glauben verloren haben. Und wenn die es tun, tun es alle anderen auch. Nun haben Opel und BMW und Daimler beschlossen, vorerst die Produktion runterzufahren, weil keiner unter diesen Umständen noch Autos kauft. "Stellen Sie sich vor, die Deutschen hören auf, Autos zu bauen."
Er hat einige Erschütterungen erlebt. Er kam fünf Jahre nach dem großen Wall-Street-Crash zur Welt. Er hat mehrere Währungsreformen miterlebt, sogar die in der DDR ist ihm noch im Gedächtnis, denn da standen plötzlich sowjetische Soldaten auf den Straßen.
Draußen fliegen Wiesen vorbei, eine kleine Ortschaft, eine Plattenbausiedlung mit zerstörten Fenstern. Wo ist das Geld noch sicher? Im Sparstrumpf? Als Goldbarren? Der Herr schaut auf und lächelt: "Wissen Sie was", sagt er, "wahrscheinlich gibt es keine Sicherheiten im Leben, außer denen, die man in sich trägt."
Vielleicht ist die Welt hinter dem Horizont bereits verschwunden, aber hier, am Spreebogen, sieht sie aus wie immer, Spaziergänger, Boote, Schlangen vor der Reichstagskuppel. Man möchte noch glauben, und wenn es der Glaube an die Politik ist.
Drinnen laufen sich Philipp Mißfelder, CDU, und Dietmar Bartsch, Die Linke, über den Weg. Bartsch gehört jetzt ins Lager der Schon-immer-recht-gehabt-Haber. Hat Marx nicht davon gesprochen, dass der Kapitalismus zu seinem eigenen Totengräber wird? Bartsch sieht nicht so aus, als ob er das tatsächlich will. Er kalauert mit gespieltem Grimm: "Das hat uns alles Gorbatschow eingebrockt."
Beide, Mißfelder und Bartsch, warten auf die Regierungserklärung der Kanzlerin zur Finanzkrise. "Das wird die wichtigste Rede ihrer Karriere", sagt Mißfelder. Sie muss die Märkte beruhigen, den Glauben wiederherstellen, die Welt retten. Mißfelder hat sich jetzt mal erklären lassen, was ein Derivat ist. Es klang nicht gut. Er hat sein Geld auf der Sparkasse, aber keiner kann sagen, wo dieser ganze Alptraum endet. Die Kurse rutschen weiter, der Blackberry piept. "Goppel steigt aus, jetzt macht es Seehofer." Interessiert eigentlich niemanden im Moment.
Die wichtigste Rede Merkels klingt dann ganz schmal und unwichtig. Vielleicht lässt die blaugraue Job-Center-Bestuhlung im Parlament hier auch gar keine wichtigen Reden mehr zu. Applaus brandet parteiübergreifend erst auf, als Merkel davon spricht, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. In vielen politischen und religiösen Systemen hat der Sündenbock eine wichtige, gemeinschaftsstiftende Funktion. Wieso denkt man nur, dass sie jetzt aus einem älteren Überzeugungssystem schöpft, aus dem ihrer Jugend, da hatte man kapitalistische Schurkenfiguren schon im Staatsbürgerkundeunterricht.
Am Abend hat Heinrich Haasis, Chef des Sparkassen- und Giroverbandes, ins Foyer der Kasse am Gendarmenmarkt geladen: Ein Schriftsteller und ein Journalist unterhalten sich über Glaube und Geld. Der Schriftsteller ist Martin Walser, der Journalist Autor dieser Zeilen. In der Vorbesprechung geht es um den Zusammenbruch des kapitalistischen Glaubenssystems, um die Liturgie des freien Marktes, um die rituelle Entfesselung der Gier. Alles war nun also falsch? Was soll jetzt werden? Wie wird die Welt in fünf Jahren aussehen? Walser macht eine abfällige Handbewegung. "Das ischt doch alles Hysterie."
Man kann mit einem 81-jährigen Dichterfürsten nicht ernsthaft über die Zukunft reden. Also dann: Sind das jetzt schon Kaufkurse? Erregte Debatte mit Moderatorin Christine Eichel und einigen Herren von der Bank. Walser erinnert an die goldene Regel: "Allenfalls 20 Prozent Aktien." Die anderen nicken. Allerdings: Zocken gehört zum Menschsein. Bei ihm ist es jetzt Lotto. Wo sonst soll Aufregung herkommen, zweimal die Woche, sagt er und lächelt wild. Früher ist er in Casinos gefahren, um was zu riskieren.
An diesem Abend verläuft das Gespräch über den Glauben tastend, innig, das übers Geld nicht minder. Wer auf Geld baut, hat der Papst am Tag zuvor gesagt, hat auf Sand gebaut. Der Journalist sagt: Na bitte, wie recht er hat, der Papst. Walser sagt: Dieser religiöse Triumph ist zu billig. Er ist der Apologet des Kapitals, ach was: dessen Erotomane. Sein grandioser Roman "Angstblüte" über einen Anlageberater spricht vom "Schauer der Vermehrung" und vom "Zins" als der "Vergeistigung des Geldes" in fast religiöser Verzückung, und er genießt die Provokation, die damit verbunden ist.
Sparkassenchef Heinrich Haasis sitzt nicht im Publikum. Er stößt erst später beim Dinner wieder zur Gruppe. Es sind die Stunden der Krisenprogramme, der heißen Interventionen. In diesen vergangenen 70 Minuten hat er ein paar Stockwerke höher die Anteile am Rettungspaket für die HRE-Bank verteilt, insgesamt 600 Millionen, in einer Konferenz mit anderen Landesbankern. Haasis hat die Chose kommen sehen, dem Späth hat er es schon vor drei Jahren gesagt, aber wer hört schon auf vorsichtige Sparkassenmenschen, wenn die Bullen-Herde trampelt. Sparkassenmenschen galten als Lachnummer in der Glaubensgemeinschaft der Geldmacher. Jetzt allerdings ist die Sparkasse die attraktivste Adresse für die große Gemeinde der Normalsterblichen, "ein feste Burg", wie es im frommen Lied heißt.
Wer in der Bundestagsaussprache die beste Figur gemacht habe? Haasis' sprühende, gutgelaunte Frau, ebenfalls CDU, sagt ohne zu zögern: "Lafontaine."
Ein paar Querstraßen weiter im Osten ein anderer langer Tisch mit Gästen. Hier allerdings nicht Jakobsmuscheln und Weine, sondern Bier und Bockwurst. Es ist die Internet-Guerilla von der ZIA, der Zentralen Intelligenz Agentur, die hier gegenüber von Kaminers "Russendisko" tagt. Eine andere Gruppe, vielleicht die offenste, die toleranteste von allen.
Gerade hatte die Autorin Kathrin Passig ihr Buch über die Wichtigkeit des Prokrastinierens vorgestellt: "Wie man Dinge geregelt kriegt ohne einen Funken Selbstdisziplin". Ein stimulierendes Guerilla-Buch für den kapitalistischen Dschungel, der Brückenschlag zwischen Anpassung und Verweigerung, zwischen System und Anarchie, eine Möglichkeit, im Kapitalismus zu leben, ohne an der Seele krank zu werden. Hier sitzen Literaturexperten und Kulturwissenschaftler, die geläufig über den Rohstoffmarkt und die Hypothekenkrise palavern, und Holm Friebe, einer von ihnen, erklärt, wie wichtig so ein "black swan", ein unvorhersehbarer Einbruch sei: "Er lehrt uns Demut vor der Zukunft."
Das klingt verdammt groß für einen, der Mitte dreißig ist. Wir können nichts wissen, sagt uns die Krise.
Wir müssen auch nicht wissen, sagt uns die Krise, sondern einfach: tun! Die Temporäre Berliner Kunsthalle in der Blickachse von Dom und Lustgarten nimmt Form an. Constanze Kleiner hat diesen blau-weißen Kubus tatsächlich hierhergezaubert vor die Reste des Palasts der Republik, die an diesem Morgen im Nebel stehen wie Ruinenkulissen zum "Untergang". Das Weiße auf dem freundlichen Blau ist eine gepixelte Wolke. "Vielleicht wird der Kunstmarkt zusammenkrachen", meint Kleiner leichthin, "aber der Kunst tut so eine Krise sicher gut." Sie muss dann nicht mehr Portfolios bespielen, die Kunst, sondern darf sich auf die Augen und die Seele konzentrieren.
Kleiner gehört einer anderen Glaubensrichtung an: der Gemeinde der Künstler, und die reicht durch alle Zeiten. Sie wollte "schon immer mal in den zwanziger Jahren in Berlin leben". Die Krise schafft viele Möglichkeiten. Es ist beileibe nicht so, dass sie nicht auch herbeigesehnt werden könnte. "Die Karten werden neu gemischt - wie wunderbar."
Kleiner, die einstige Slawistikstudentin der Humboldt-Universität, hat schon ein paar Neuanfänge hinter sich. Die Währungsunion, die Ankunft des Kapitalismus, was für ein Fest! Nur ein paar Querstraßen weiter lag die Filiale der Deutschen Bank am Alexanderplatz. Nie wieder wurde der Kapitalismus so leidenschaftlich, so taumelnd gefeiert wie hier in der Nacht der Währungsunion, als am 1. Juli 1990 die D-Mark in den Osten kam. Die Filiale gab die ersten D-Mark-Scheine aus, echtes Geld. Hupende Trabbis blockierten die Straße, vom Dach eines Hochhauses dröhnte Abba mit "Money, Money", Rotkäppchen-Sekt floss, und immer wieder wurden Ohnmächtige aus der Schalterhalle getragen, denn jeder wollte die Fetische als Erster berühren in dieser heiligen Nacht.
Nun, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist Kassensturz im Osten: "Kassa blanka" heißt das neue Programm des Leipziger Kabaretts "Pfeffermühle", das einst, unter sozialistischen Bedingungen, eines der muntersten war. Damals ging es um das Ketzertum im kommunistischen Credo, jetzt um Dissidenz zum Kapital, und das scheint wesentlich komplizierter zu sein.
Textauszug aus dem Programmheft: "Früher war Deutschland ein reiches Land, heute gehört es den Reichen." Früher? Wie viel früher? Zwanzig Jahre? Es hat sich einiges getan seither, und Leipzig gehört zu den Gewinnern. Kaum irgendwo ist die Aufbauhilfe Ost schöner sichtbar als hier, am neuen Standort der Pfeffermühle in der Gottschedstraße, die an diesem Abend mit ihren Straßencafés und Restaurants und Discotheken aussieht wie ein römischer Sommertraum. Kassa blanka also, leere Kassen, der Kollaps der Zocker, was für eine Steilvorlage! Sie wird nicht genutzt. Stattdessen eine lahme Elvis-Parodie mit dem Titel "Ich brauch netto" sowie pädagogisch Wertvolles zum Kampf gegen rechts, dem das ältere Publikum und die Touristenfamilie vom Rhein wohlwollend zunicken.
In der Pause in der Garderobe möchte man wissen: War politisches Kabarett womöglich doch aufregender im alten, im geschlossenen Glaubenssystem? Ach, sagt da Kabarettisten-Veteran Marco Schiedt, "war im Prinzip doch das Gleiche, war immer Klassenkampf". "Um Gottes willen, hör auf!", sagt da die Blonde und springt auf. Der Jüngste, Jan Gärtig, sieht im Crash der Märkte so etwas wie die Rache Gottes an den Amerikanern. Für das, was sie mit ihren Autos der Umwelt antun. Das macht zunächst keinen Sinn, hat aber eine gewisse theologische Logik. Vielleicht heißt diese Kirche: diffuser Antiamerikanismus, und die ist riesengroß in Deutschland. Er schaue keine Nachrichten, sagt der Junge. Er bezieht seine Infos über YouTube. Dort übrigens sei der lückenlose Beweis erbracht worden, dass der Anschlag des 11. September von den USA selbst inszeniert worden sei. Vielleicht ist auch das eine Folge der Globalisierung: Nicht nur der Markt erlebt einen Beschleunigungsinfarkt, sondern auch die herkömmliche, solide Nachricht.
Schiedt denkt über die Wirtschaftskrise noch in traditionelleren Bahnen. "Ist nur ein zyklischer Schwächeanfall - lässt sich alles bereits bei Marx nachlesen." Das wäre dann die jüngste Pointe der Marxisten im Umgang mit dem Kapitalismus - sie nehmen seine Rückschläge nicht sehr ernst. Sie glauben stärker an ihn als er an sich selbst.
DER SPIEGEL 42/2008
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