13.10.2008

Kultur

Revolution im Reinraum

Von Wolf, Martin

Nahaufnahme: Wie die Firma Plastic Logic in Dresden die Abschaffung des Buchs vorantreibt.

Bücher waren schon immer ein besonders bedrohtes Kulturgut: vernichtet von Feuersbrünsten, Säurefraß oder Termiten, verfolgt von Zensoren, verflucht von Literaturkritikern. Und, spätestens seit der Erfindung des Internet, immer mal wieder für unnötig erklärt.

In Zukunft droht dem Buch noch eine weitere Gefahr: Plastik statt Papier. Zu besichtigen ist diese Zukunft schon in der Dresdner Firma Plastic Logic. In deren Foyer stehen zwei Kisten mit Überschuhen aus, logisch, Plastik. Jeder Besucher muss diese Latschen überstreifen. Die Mitarbeiter des Unternehmens tragen im Gebäude milchfarbige Bademeisterschlappen. Die Produktionshalle selbst, den Reinraum, darf man nur durch eine Schleuse betreten, im Schutzanzug und mit Gesichtsmaske. Die Hauptarbeit erledigen Roboter. Plastic Logic will der wichtigste Buchproduzent der Zukunft werden. Oder, wie es die Firma bescheiden auf ihrer Homepage ausdrückt: Man verfolge die "Mission, eine Revolution anzuführen, wie Menschen Informationen sammeln, organisieren und konsumieren".

Denn Plastic Logic ist kein Verlag und keine Druckerei. Die Firma, gegründet als Ableger des berühmten Cavendish Labors im englischen Cambridge und finanziert von Konzernen wie Siemens und BASF, stellt ein besonderes Display her - eine Art elektronisches Papier, das wichtigste Bauteil der sogenannten E-Books, die als Zukunft der Lesebranche gehandelt werden.

Knapp 500 Kilometer von dem Ort, an dem Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den Buchdruck erfand, wird nun also heftig - und klinisch rein - daran gearbeitet, das Buch abzuschaffen. Die Roboter wissen nicht, was sie da tun. Wissen es die Menschen von Plastic Logic?

Richard Archuleta ist der Chef des Unternehmens, ein freundlicher Amerikaner, der sonst in der Firmenzentrale in Mountain View bei San Francisco arbeitet. Zurzeit läuft Archuleta, 51, in Überschuhen durch die Fabrik in Dresden, "Prozessoptimierung". Soll heißen: Noch ist die Fehlerquote bei der Herstellung zu hoch. Erst Mitte September wurde die Fabrik eingeweiht, im Beisein von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich.

Haben Sie keine Angst, Mr. Archuleta, bald als der Mann zu gelten, der das Buch umbrachte? Und damit eine ganze Kultur des Lesens und der Leseeindrücke vernichtete, Erinnerungen an den Geruch eines frischgedruckten Buchs, an Eselsohren, Tränenflecken oder Sandreste in der Urlaubslektüre? Eine Kultur der Bücherregale, Lesesäle und Bibliotheken, der staubigen, unordentlichen Archive und Antiquariate, in denen sich kein Roboter der Welt zurechtfinden würde?

Die Angst hat er nicht, drückt es aber viel diplomatischer aus: "Ich glaube nicht, dass ein elektronisches Gerät jemals Papier vollkommen ersetzen kann", sagt Archuleta. "Denn Papier ist sehr gut." Aber sein Dispaly, davon ist er natürlich überzeugt, ist besser. "Man muss das Gerät gesehen haben, um es zu glauben", sagt Archuleta. Bislang gibt es allerdings nur einen Prototyp zu bestaunen - einen Bildschirm aus Kunststoff, etwa so groß wie ein SPIEGEL-Heft, allerdings dünner und leichter. In gestochen scharfen Schwarzweißbildern kann das Gerät unzählige Buch- oder Zeitschriftenseiten anzeigen. Auf der Oberfläche des Demo-Modells erscheinen aber auch die Noten von Elton Johns Schnulze "Your Song" oder der Kostenvoranschlag eines Küchenherstellers. Umgeblättert wird durch Berührung des Bildschirms; mit kaum hörbarem Quietschen lädt das Gerät dann in Sekundenbruchteilen die nächste Seite. Der Akku hält angeblich mehrere Tage.

Technisch ist das E-Book also vermutlich anspruchsvoller als ein Atomkraftwerk; es verbreitet allerdings den Charme eines Schnellhefters. Eine Gebrauchsanweisung mag man so lesen wollen, die "Buddenbrooks" eher nicht. "Buddenbrooks"-Leser hat Archuleta allerdings auch nicht unbedingt im Blick. Insbesondere Geschäftsleute, sagt er, würden viele Unterlagen mit sich herumschleppen und ständig neue ausdrucken. "Das kann man sich in Zukunft sparen." Er selbst habe auf dem Gerät schon Sachbücher gelesen, "über Wirtschaft und die Olympischen Spiele 1960". Und Romane? Archuleta überhört die Frage.

Glaubt man Branchenkennern, werden E-Books den Buchmarkt so verändern wie MP3-Spieler das Musikgeschäft. Erste Modelle elektronischer Bücher, etwa der Kindle des Versandhauses Amazon oder der Reader von Sony, sind bereits auf dem Markt. Das Gerät von Plastic Logic soll im Frühjahr folgen. Der Marktanteil für digitale Bücher wird in den nächsten Jahren auf bis zu 25 Prozent steigen, hofft die Branche.

Allerdings ignorieren die Technokraten bei ihren Prognosen, dass eine unübersichtliche Schar von Buchfreunden etwa den neuen Roman von Günter Grass zwar kauft, aber (aus verständlichen Gründen) gar nicht lesen will. Stattdessen werden solche Werke oft gleich ins Regal gestellt, als bildungsbürgerliche Dekoration gewissermaßen. E-Book-Dateien eignen sich für solche Protzereien nur bedingt. Auch die oft totgesagte Schallplatte gibt es noch immer. Gegen die Aura einer guten Plattensammlung kommt keine iPod-Playlist an.

Selbst Plastic-Logic-Boss Archuleta neigt mitunter zu branchenuntypischer Nostalgie. Auch in Zukunft, glaubt er, "wird es Menschen geben, die gern in einem Buchladen herumstöbern". Kulturheinis eben, die man nur in Überschuhen in die schöne neue Welt lassen kann. MARTIN WOLF


DER SPIEGEL 42/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 42/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kultur:
Revolution im Reinraum