20.10.2008

DATENSCHUTZKartenspiel mit Ausziehen

Die Telekom ist nicht der einzige Daten-Schluderer: Sensible Informationen über Anzeigenkunden von Springer-Wochenblättern kursierten ungeschützt im Internet.
Der Inhalt der Kleinanzeige war ein wenig delikat. Deshalb entschied sich der Mann aus dem norddeutschen Barmstedt, sie so anonym wie irgend möglich aufzugeben: als Chiffre-Inserat. "Mann im Ruhestand sucht einen oder zwei Herren im Rentneralter zum Kartenspielen mit ausziehen" lautete der Text, der in der Rubrik "Heiraten und Bekanntschaften" erscheinen sollte. Er habe einen jungen, devoten Freund: "Kannst ihn auch massieren, ohne Geld-Interessen."
In seinem lokalen Anzeigenblättchen lief die Einladung zum Kartenspiel ohne Grenzen denn auch gewünscht diskret. Anonym blieb der Anzeigenkunde aber nicht. Im Internet waren bis vergangenen Freitagmittag fast alle persönlichen Daten des Inserenten abrufbar: Name, Anschrift, Handynummer, E-Mail-Adresse, sogar seine vollständige Bankverbindung. Auch der Preis der Annonce war vermerkt: 24,70 Euro, inklusive Mehrwertsteuer.
Es ist ein peinliches Outing. Die Daten des Kartenliebhabers waren wochenlang über eine simple Google-Suche recherchierbar. Ohne Passwort oder sonstige Sicherung. Und das Datenleck betrifft nicht nur ihn. Der Erfurter etwa, der eine "Sie (bi?)" suchte, die "dem Herrn gerne zur Verfügung steht", war genauso gläsern wie die Anbieter von Kühlschränken oder Nachhilfestunden.
Alle Betroffenen hatten ihre Inserate in einem der vielen Anzeigenblätter des Axel-Springer-Konzerns geschaltet, etwa in "Die Woche im Blickpunkt", die in Elmshorn erscheint. Der Datenunfall passierte der Hamburger Springer-Tochter WBV Wochenblatt Verlag GmbH. Dort konnte jeder Internet-Nutzer ohne größeren Aufwand oder kriminelle Energie Teile der internen Anzeigenkundendatei einsehen. Nach den Skandalen bei der Deutschen Telekom und rund um die Callcenter-Branche muss sich nun der Medienkonzern den Vorwurf gefallen lassen, mit den Daten seiner Kunden geschludert zu haben.
"Wir bedauern den Vorfall außerordentlich", sagt Springer-Sprecher Dirk Meyer-Bosse, der betont, dass andere Springer-Objekte nicht betroffen seien: "Andere Fälle sind uns nicht bekannt." Im Übrigen habe Springer schnell reagiert. Tatsächlich informierte der Datenschutzbeauftragte des Konzerns bereits kurz nach dem ersten Hinweis den zuständigen Hamburgischen Datenschutzbeauftragten über das "Leck". Es sei "bedauerlich, dass so ein Programmierfehler durch unsere Qualitätskontrolle gelaufen ist", heißt es in seinem Schreiben an die Aufsichtsbehörde vom 8. Oktober.
WBV-Geschäftsführer Peter Prawdzik hat gegenüber Geschädigten schriftlich eingeräumt, die Kundendaten seien seit dem 1. September "im Internet sichtbar" gewesen. Dem SPIEGEL sagte er, zunächst habe es sich um "einige tausend" Datensätze gehandelt. Auf den im Netz auffindbaren Formularen waren sogar mehr als 18 000 Einträge vermerkt. Viele Dauerkunden seien mehrfach erfasst, erklärt Prawdzik dazu.
Sein Unternehmen habe das Datenleck nach einem ersten telefonischen Hinweis Ende September "noch in derselben Nacht" behoben. Auch Google, über dessen "Cache"-Funktion noch bis Ende vergangener Woche Teile der Daten recherchierbar waren, sei "sofort gebeten worden, die Daten zu löschen". Das allerdings sei leider lange nicht geschehen, so Prawdzik. Deshalb waren bis Freitagmittag noch "mehrere hundert" Datensätze einsehbar, wie der WBV-Geschäftsführer bestätigt. Nun sind auch sie gelöscht.
Betroffen waren offenbar ausschließlich Kunden, die über das Internet Anzeigen geschaltet hatten. Die meisten Datensätze, die der SPIEGEL im Netz einsehen konnte, stammten von Inserenten aus dem Hamburger oder Berliner Raum, die in lokalen Wochenblattausgaben des Springer-Verlags wie dem "Hamburger Wochenblatt" oder der "Berliner Woche" annoncierten - sie allein hat im Hauptstadtgebiet 24 Lokalausgaben.
Bei der zuständigen Hamburger Aufsichtsbehörde wird der Fall nun untersucht. "Die Prüfung läuft noch, aber wir gehen davon aus, dass es sich hier um einen klaren Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz handelt", sagt Evelyn Seiffert, Referentin beim Hamburgischen Datenschutzbeauftragten.
Einer der Springer-Anzeigenkunden hat das Datendesaster selbst bemerkt. Als der Elmshorner Systemadministrator Alfred Manthey Rojas vor zwei Wochen seinen Nachnamen googelte, tauchten in der ganz normalen Ergebnisliste auch seine Anschrift, E-Mail-Adresse, Handynummer und Kontodaten auf. "Ich war total schockiert", sagt der Computerfachmann.
Als er den Link anklickte, stellte er fest, woher die Daten stammen mussten. Aus einer Kleinanzeige, die er anderthalb Jahre zuvor aufgegeben hatte. Es ging um den Verkauf einer Eigentumswohnung. Manthey Rojas suchte nach weiteren Datenopfern und wurde schnell fündig. Stefanie Rixen bestätigte seine Recherche. Sie ist Pferdewirtin und hatte freie Stallplätze annonciert.
Beide wandten sich darauf an den WBV-Verlag - und sind mit dessen Krisenmanagement unzufrieden. "Ich hätte zumindest erwartet, dass der Verlag anbietet, die Kosten für die jetzt fällige Änderung meiner Telefonnummer und Kontodaten zu übernehmen", sagt Manthey Rojas, "aber bisher ist nicht einmal das passiert." MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 43/2008
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