20.10.2008

ÖSTERREICH

Erloschene Sonne

Von Kraske, Marion und Neef, Christian

Mit barockem Gepränge verabschiedeten sich die Kärntner von ihrem verunglückten Landeshauptmann Jörg Haider. Welche politischen Spuren der Rechtspopulist im Rest der Alpenrepublik hinterlässt, darüber streitet jetzt das ganze Land. Folgt nun die Vereinigung der radikalen Rechten?

Das gab es 18 Jahre lang nicht mehr in der Alpenrepublik, eine Trauerfeier wie diese. 30 000 Menschen hatten sich im Juli 1990 auf dem Wiener Zentralfriedhof eingefunden zum bislang letzten wirklich großen Staatsbegräbnis des Landes. Sie gaben damals Bruno Kreisky das Geleit. Kreisky hatte 20 Jahre lang dem Land als Minister und als Bundeskanzler gedient. Er war gerngesehener Gast in allen Staatskanzleien der Welt, ein begabter politischer Brückenbauer und einer der Väter der europäischen Sozialdemokratie.

Aber Jörg Haider?

Jörg Haider war zwölf Jahre lang Landeshauptmann des kleinen Kärnten, Herrscher also im überschaulichen Klagenfurt, der Stadt zwischen Karawanken und Wörthersee. Dazu Chef einer Partei mit dem sperrigen Namen Bündnis Zukunft Österreich. Ein Polit-Talent auch er, aber eines, das polarisierte, statt Brücken zu bauen. Ein Rechtspopulist, Schauspieler und Einzelgänger zugleich, ein Mensch mit Hang zur Selbstzerstörung. Einer, der sich Samstag vorvergangener Woche, 58 Jahre alt, mit 142 Stundenkilometern und 1,8 Promille aus der Welt katapultierte, nachdem er nachts aus dem "Stadtkrämer" gekommen war, dem angesagtesten Klagenfurter Schwulenlokal.

Und doch stand Haiders Beisetzung der von Kreisky um kaum einen Deut nach. 30 000 Trauergäste hatten sich vergangenen Sonnabend auch in Klagenfurt angesagt, in einer Stadt, die selbst nur knapp 100 000 Einwohner zählt: Bundespräsident Heinz Fischer und Noch-Kanzler Alfred Gusenbauer, der Apostolische Nuntius und Saif al-Islam Gaddafi, Sohn des libyschen Präsidenten. Außerdem die Milliardärswitwe Ingrid Flick, Abgesandte der rechtsextremen italienischen Lega Nord, ja selbst der Dalai Lama hatte einen Vertreter avisiert. Damit auch das Volk vom "König der Kärntner Herzen" Abschied nehmen konnte, wurde eigens das Fußball-Bundesligaspiel Austria Kärnten gegen Rapid Wien abgesagt.

Das Österreichische Fernsehen bereitete eine anderthalbstündige bundesweite Direktübertragung vor, und wer wollte, war im Internet den ganzen Tag live dabei: beim Trauerzug vom Landhaushof, bei der öffentlichen Verabschiedung am Neuen Platz und dann beim Requiem im Klagenfurter Dom. Nur Haiders Beisetzung im heimatlichen Bärental war im engsten Familienkreis geplant.

Ein Staatsbegräbnis "mit barockem Prunk", schrieb der Wiener "Standard".

"Wir stehen erschüttert vor dem Tod eines Menschen, der Österreich bewegte", hatte, schon am Mittwoch zuvor, Toni Faber gesagt, der Dompfarrer zu Sankt Stephan in Wien: Man müsse beim Abschied der guten Seiten eines Toten gedenken, fügte der Geistliche hinzu.

Die Kärntner hatten das seit dem Hinscheiden ihres Landeshauptmanns voller Inbrunst getan. Sie hatten die Unfallstelle in der Nähe des Loiblpasses, wo sich Haiders schwarze Limousine überschlug, mit Kerzen und letzten Grüßen geschmückt und dann zu Tausenden Abschied genommen im Wappensaal des Klagenfurter Landhauses, wo der Tote aufgebahrt war.

"In Kärnten ist die Sonne vom Himmel gefallen", beklagte der stellvertretende Landeshauptmann den Verlust des politischen Weggefährten. Seine Behörde wies die Schulen an, eine Trauerstunde abzuhalten, obwohl Haider - der nebenamtlich auch Landesschulratspräsident war - mit seiner Fahrt im trunkenen Zustand nicht unbedingt ein nachahmenswertes Vorbild gab.

Die "Ikonisierung und Vergöttlichung" des Verstorbenen, wie sich der liberale "Standard" erregte, hatte gleich nach dem Unfall nicht nur in Kärnten eingesetzt, der Boulevard betrieb sie gemeinsam mit dem Fernsehen bundesweit. Nur noch Gutes über einen Toten zu sagen sei "österreichische Kulturtechnik", erklärte der Schriftsteller Robert Menasse: Dabei werde der konkrete Mensch durch eine Legende ersetzt, "die es ermöglicht, seine wirklichen Taten zu verdrängen".

Worin aber bestanden die im Fall des Jörg Haider? Dass er mitunter den Nationalsozialismus relativierte und antisemitische Töne verlauten ließ, dass er als Landeshauptmann die Gesetze missachtete, indem er die zweisprachigen Ortsschilder für die slowenische Minderheit abschrauben ließ, oder dass er, kürzlich erst, auf dem 1200 Meter hohen Berg Saualpe ein "Sonderlager" für kriminelle Asylanten einrichten ließ - von derlei antidemokratischen Kapricen des Kärntners hörte man vorige Woche wenig im Alpenland.

"Jörg Haider war ein Faschist", behauptet Menasse. Zumindest ein Austrofaschist, der Vernichtung durch Ausgrenzung ersetzte, Blut und Boden durch "Heimat" und Rassismus durch rabiaten Patriotismus. Das alles habe er mit dem Pep eines 68er Studentenführers verkauft.

So hat er auch für einen der größten außenpolitischen Skandale in der Geschichte der Zweiten Republik gesorgt. Die Aufnahme seiner rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei FPÖ, der er damals noch vorstand, in die Regierung durch Wolfgang Schüssel im Jahr 2000 nahm die EU zum Anlass, das Land mit Strafmaßnahmen zu überziehen. Schüssel hatte aus Haiders Programm österreichische Staatsräson gemacht.

Später verschwand der Kärntner wieder in der Versenkung, bis zur jüngsten Nationalratswahl. Mit seinem 2005 gegründeten Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) feierte er ein Comeback: Es gelang ihm, den Stimmenanteil fast zu verdreifachen.

Keine Frage: Sein Tod ist eine Zäsur in Österreichs politischer Landschaft.

Jener, der Haider künftig ersetzen soll, muss nun aus dem Schatten der Überfigur heraustreten: Stefan Petzner. Gerade 27 Jahre ist er alt, er schmiss für Haider sein Publizistikstudium hin. Petzner war einer aus Haiders sogenannter Buberlpartie: enganliegender Anzug, stets braungebrannt und loyal bis zur Selbstaufgabe. Nach dem Unfall präsentierte er sich der Öffentlichkeit mit tränenerstickter Stimme.

Es ist Mitternacht, Petzner sitzt in einem Nobelrestaurant im ersten Wiener Bezirk. Haiders Tod, sagt er leise, sei für ihn ein schwerer Verlust. "Er war mein bester Freund und ich seiner."

Respekt oder gar Angst vor der übergroßen Aufgabe? "Ich glaube an meine innere Kraft und an die des BZÖ", sagt Petzner. Die kritische Distanz zur EU werde er beibehalten. Auch in der Ausländerpolitik werde weiter "eine strenge Linie" verfolgt, Europas Islamisierung müsse verhindert werden.

Ohne Haider sehen Beobachter für die Orangen außerhalb Kärntens langfristig freilich kaum Überlebenschancen. Das BZÖ sei "eine Führerpartei", sagt Anton Pelinka, einer der angesehensten Politologen des Landes. Ohne Haider bleibe davon nichts - außer dessen Mythos.

Das könnte die Chance von Heinz-Christian Strache sein, dem jetzigen Chef der FPÖ. Er ist die nochmals vergröberte Ausgabe von Haider, er will jetzt zur einzigen Leitfigur des nationalen Lagers werden. BZÖ-Abgeordnete seien herzlichst bei den Freiheitlichen willkommen, ließ er vorige Woche wissen. Zusammen kommen FPÖ und BZÖ auf 29 Prozent und sind damit auf Augenhöhe mit dem Wahlgewinner SPÖ. Mit Haiders Tod ist die Wahrscheinlichkeit, dass Rote und Schwarze, Sozial- und Christdemokraten also, eine Neuauflage der alten Koalition wagen, allerdings gestiegen. Ein Bündnis mit den Rechten komme nicht in Frage, sagt der mit der Regierungsbildung beauftragte SPÖ-Chef Werner Faymann. Auch die Volkspartei ÖVP stimmte Verhandlungen über eine Große Koalition zu.

Eine schwarzgeführte Regierung - mit FPÖ und BZÖ im Bunde - gilt etlichen Christsozialen trotzdem als Option. Sollten sich die Großparteien nicht einigen, schlüge so doch noch die Stunde des rechten Lagers. Dann, so ein ÖVP-Mann, würde man auch mit den Rechtsparteien sprechen.

Bis zur letzten Sekunde werde er dafür kämpfen, andere Mehrheiten zustande zu bringen, mit wem auch immer, sagt Petzner, der neue Chef des BZÖ. Die verhasste Große Koalition zu verhindern sei ein wesentlicher Teil von Haiders Erbe.

Welche tieferen Spuren der Kärntner Landeshauptmann in Österreich hinterlässt - darum tobt jetzt ein Glaubenskrieg. So heftig, dass verschiedene Internet-Seiten "aus Pietätsgründen" den Zugang zu ihren Leserforen einschränken mussten.

Vieles, was der Verstorbene brachial kritisiert habe, sei tatsächlich kritikwürdig gewesen, erinnert Robert Menasse, so etwa das jahrzehntelange Hinterzimmergemauschel von Großparteien, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden. Für Haiders Gesinnungsgegner sei es zum Automatismus geworden, selbst Vernünftiges zurückzuweisen, wenn es aus seinem Munde kam.

Haider bekam Zulauf, weil er kritisierte, was viele kritisierten, und seine Gegner verloren Zustimmung, weil sie ebendiese Missstände verteidigten. Sein Erfolg und das Scheitern in der Auseinandersetzung mit ihm haben ein politisches Klima in Österreich geschaffen, in dem es bei allen Parteien nur noch patriotischen Populismus gebe, so der Schriftsteller. Das sei das größte Problem der nächsten Regierung.

"Haider ist tot", schreibt Menasse, "und wir alle müssen mit ihm leben."

MARION KRASKE, CHRISTIAN NEEF


DER SPIEGEL 43/2008
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