Von Schwägerl, Christian
Jede Krise hat ihre Gewinner. Stimmt das auch jetzt? Es gibt jedenfalls schon Versuche, aus dem Beinahekollaps des Weltfinanzsystems Profit zu schlagen. Nachdem Hunderte Milliarden hart erarbeiteter Steuern umgebucht werden sollen, um den Wahnsinn von Bankern und Investoren einzudämmen, sagen Politiker, Staatschefs, Manager: Jetzt können wir zusätzliche Belastungen durch den Klima- und Naturschutz nicht auch noch ertragen. Solche Vorhaben müssten einige Jahre warten, bis sich die Finanzlage wieder beruhigt hat.
Die möglichen Profiteure eines solchen Kurses sind bekannt: all diejenigen, die in den nächsten Jahren Kohlendioxid weiter kostenlos in die Atmosphäre entsorgen dürften, wenn der EU-Klimaschutzplan zerfällt oder kein weltweites Klimaschutzabkommen zustande kommt.
Der Angriff auf den Klima- und Naturschutz aus der Finanzkrise heraus ist jedoch obszön. Natürlich ist die Kreditkrise akuter als der Klimawandel, die Wahrscheinlichkeit größer, dass weltweit Menschen jetzt ihre Häuser durch Zwangsversteigerungen verlieren als durch menschgemachte Stürme und Überschwemmungen. Doch diese Betrachtung verkennt, dass beide Krisen eine gemeinsame Ursache haben und kein Nichtstun vertragen können.
Nicht nur das amerikanische Immobiliengeschäft, sondern die gesamte heutige Wirtschaftsweise beruht auf faulen Krediten. Der faule Kredit ist die Grundmethode, mit der die Schätze des Planeten auf den Markt kommen. Wir sitzen auch nach allen Rettungsaktionen auf einem Mount Everest von faulen Krediten.
Was ist ein gesunder Kredit? Einer, bei dem zu erwarten ist, dass der Kreditnehmer seine Raten pünktlich bezahlt und der Kreditgeber am Ende sein Geld zurückbekommt plus des Aufschlags für das Risiko des Geldverleihs, die Zinsen.
Was ist ein fauler Kredit? Einer, bei dem der Kreditgeber sein Geld höchstwahrscheinlich nie wiedersieht oder bei dem der Kreditnehmer sich einfach darauf verlässt, dass andere für ihn Raten und Zinsen tilgen werden.
Die Plünderung der Natur und die Erwärmung der Erde, die weltweit in gigantischem Maßstab laufen, lassen sich in dieses Schema einordnen. Die Natur ist die Bank.
Alles, was wir der Natur entnehmen, geschieht auf Kredit. Wenn das ökologische Kapital, das wir als Nahrung, Trinkwasser, Rohstoffe und Klima in Anspruch nehmen, nicht erhalten werden kann, schrumpft der natürliche Reichtum, entfallen die Dienstleistungen der Umwelt, gerät die Bank ins Wanken.
Die Zinsen, die wir für das Kapital der Erde bezahlen müssten, sind die Kosten der Zurückhaltung, der Rücksichtnahme und des guten Managements. Es sind politische Auflagen für Firmen und Bürger, die sicherstellen, dass Meere, Wälder und die Atmosphäre ihre komplexen Regelkreisläufe aufrechterhalten können. Es geht um Schutzzonen und Schutzzeiten, in denen sich das natürliche Kapital regeneriert oder stabilisiert, um wieder als Kreditkapital zur Verfügung zu stehen.
Doch die Menschheit entnimmt der Natur Kapital in großem Stil, ohne an Zins und Tilgung zu denken. Hunderttausende Fischerboote holen jeden Tag deutlich mehr Fische aus dem Meer, als im Meer nachwachsen. Fischschwärme werden mit denselben Technologien aufgespürt, mit denen im Kalten Krieg amerikanische und sowjetische Atom-U-Boote aufeinander Jagd gemacht haben. Bis in viele Kilometer Tiefe hinab reichen die Netze, Schleppnetze räumen den Meeresboden ab und alles, was dort lebt. Der Beifang - Jungtiere, nicht essbare Arten, auch Seevögel - wird, meist tot, ins Meer geworfen.
Vom Meer einen gesunden Kredit zu nehmen hieße, dessen Belastbarkeit zu kennen und weniger Fisch herauszuholen, als absehbar nachwächst. Es hieße, Schutzgebiete einzurichten, in denen die Fischerei tabu ist, damit Nachkommen eine Chance haben. Und es hieße, zerstörerische Praktiken wie die Schleppnetzfischerei weltweit zu verbieten, die jene Ökosysteme zerstört, aus denen das marine Leben sich regeneriert.
Wir aber finanzieren die Ausbeutung der Meere mit einem faulen Kredit. Wenn das System kollabiert und die Meereskrise voll zuschlägt, stehen wir ohne Proteinnahrung aus dem Wasser da, ohne die in Meeresbewohnern schlummernden Pharma-Rohstoffe, ohne Korallenriffe, die Küsten stabilisieren.
In einer gemeinsamen Studie haben die Weltbank und die Welternährungsorganisation FAO nun dargelegt, dass die Überfischung der Meere die Menschheit jedes Jahr allein 50 Milliarden Dollar zusätzlich nur deswegen kostet, weil es immer schwieriger wird, den Fisch zu fangen, und weil mit Subventionen eine zu große Fischereiflotte aufrechterhalten wird. In dieser Summe, die inzwischen so vertraut klingt, ist aber noch gar nicht eingerechnet, welche Kosten dadurch entstehen, dass eine wachsende Menschheit in Zukunft mit weniger Fisch auskommen und ihre Nahrung auf anderem Weg gewinnen muss. Die Überfischung wird zur treibenden Kraft für die Ernährungskrisen von morgen. Dann wird es um viel größere Beträge gehen, gegen die die Bankenrettungspakete von heute Peanuts sind.
Faule Kredite, wohin man blickt: Jährlich verschwinden 13 Millionen Hektar Wald. Das ist lange gewachsenes Naturkapital, das Millionen von Arten birgt, den Wasser- und Sauerstoffhaushalt der Erde reguliert, das Berge befestigt und Täler vor Überschwemmungen schützt.
Der Wald verschwindet nicht nur wegen der unmittelbaren Nachfrage nach Holz, sondern um Land zu gewinnen: für den Sojaanbau, aus dessen Ernte deutsche Rinder gemästet werden, für den Ölpalmenanbau, bei dem das Fett entsteht, in dem die Pommes frittiert werden.
So sorglos ist der Umgang mit den Wäldern weltweit, dass nicht einmal in Europa die Einfuhr von illegal eingeschlagenem Holz verboten ist.
Wir regen uns auf über angeblich kriminelle Machenschaften von Bankern - und lassen es zu, dass Holz in Baumärkten, Möbelhäusern und Papierfabriken landet, das den Bürgern anderer Länder gestohlen worden ist, von mafiösen Organisationen.
Der indische Ökonom Pavan Sukhdev, der einen hohen Posten bei der Deutschen Bank bekleidet, hat im Auftrag der Bundesregierung und der EU-Kommission errechnet, dass die Waldzerstörung die Volkswirtschaften besonders von ärmeren Ländern jährlich zwei bis fünf Billionen Dollar kostet - indem Ökosystem-Dienstleistungen verschwinden wie das saubere Trinkwasser, das Wäldern entspringt, oder der Schutz vor Erosion.
Das sind schon reale Kosten einer Waldkrise, die aus faulen Krediten entstanden ist. Einen gesunden Waldkredit zu nehmen hieße, nur so viel Holz einzuschlagen, wie jährlich nachwächst, und Zinsen zu entrichten in Form von effektiven Schutzgebieten und wirkungsvollen Auflagen für die Forstoperationen.
Doch so, wie die Bankenaufsicht vor der Finanzkrise versagt hat, versagen die Wächter über unsere Meeres- und Waldkredite in den Wirtschafts- und Umweltministerien weltweit. Sie sind mit geringen Mitteln ausgestattet, durchschauen den Markt der Zerstörung zu wenig, werden bestochen oder haben zu geringe Vollmachten, um durchzugreifen.
Der faulste Kredit von allen ist der Klimakredit. Das Kapital, das wir abziehen, ist das bisherige Fließgleichgewicht der Atmosphäre, das Wetterextreme nicht verhindert, aber doch in gewissen Grenzen gehalten hat. Seit Beginn der Industrialisierung pumpt ein Teil der Menschheit deutlich mehr Kohlendioxid in die Luft, als Wälder und Meere in ihren natürlichen Kohlenstoff-Kreisläufen verdauen könnten. Das überschüssige Kohlendioxid hindert Sonnenenergie daran, wieder ins Weltall zu entweichen, und verursacht eine Erwärmung, die nach bestem Stand des Wissens bis zur Jahrhundertmitte auf durchschnittlich zwei bis sechs Grad ansteigen wird.
Der Klimawandel ist in der Sprache von heute eine systemische Krise, die sich auf die Subkrisen der Meere und Wälder noch verstärkend auswirken wird. Der Amazonas könnte von innen heraus austrocknen, das Meer übersäuern, wenn der Kohlendioxid-Ausstoß weiter zunimmt. Die Volatilität des Klimas nimmt stark zu, die Eingriffe in das Klima werden immer riskanter.
Einen guten Kredit von der Atmosphäre zu nehmen hieße, nur so viel Kohlendioxid zu emittieren, wie in natürlichen Stoffkreisläufen wieder verschwinden kann. Die Zinsen eines guten Klimakredits sind alle Schritte, den Verbrauch an fossilen Energieträgern durch neue Effizienztechnologien zu ersetzen.
Wir nehmen aber einen faulen Kredit planetarer Dimension: Immer mehr Kohlendioxid reichert sich in der Atmosphäre an, und nur wenige Länder investieren ausreichend in eine Klimaschutzpolitik, mit der ihr Verbrauch an fossilen Brennstoffen zurückgeht. Wissenschaftler fordern einen Grenzwert von zwei Tonnen Kohlendioxid pro Jahr und Mensch.
Deutsche erzeugen das Fünffache, Amerikaner das Zehnfache dieses Werts. Die Kosten einer Klimakreditkrise hat der britische Ökonom Sir Nicholas Stern auf 5 bis 20 Prozent der weltweiten jährlichen Wirtschaftsleistung beziffert - im Vergleich zu einem Prozent für die Kosten des Handelns.
Und in dieser bereits angespannten Situation soll die Krise des Bankensystems die Vorlage liefern, um die Krise der Wälder, der Meere und des Klimas hintanzustellen? Das Gegenteil ist nötig: Die Finanzkrise ist der beste denkbare Warnschuss davor, wohin das Denken führt, das auch die Umweltkrisen verursacht. Kurzsichtiges, kurzfristiges Renditemaximieren, das weder Risiken einbezieht noch Kosten des Scheiterns kalkuliert. Weil Banker und Investoren sich bei ihren Renditeerwartungen verschätzt haben, sollen wir die überhöhten Renditeerwartungen an den Planeten unangetastet lassen?
Das würde den Großteil der Menschheit zu doppelten Krisenverlierern machen. Zugleich würden ihnen ihre Steuermilliarden weggenommen und die Lebensgrundlagen.
Die Signale sind unüberhörbar: Die Finanzkrise ist ein Lehrstück erster Güte, nicht nur in Ökonomie, sondern auch in Ökologie. Als die Banken aufhörten, einander Geld zu leihen, wurde sichtbar, wie hochgradig vernetzt sie sind und mit welchen Folgen sich Ereignisse von einem Ort in einem globalen Beziehungsgeflecht ausbreiten, sich unterwegs verstärken und anderswo katastrophisch akkumulieren können.
Solche Vernetzungen sind es, aus denen wir unsere Nahrung beziehen, das Trinkwasser und die Luft zum Atmen.
Wie aus dem Ökologie-Lehrbuch verlief die Finanzkrise, als Toleranzschwellen überschritten und Fließgleichgewichte zerstört wurden. Und extrem lehrreich für die Umweltökonomie ist es, wie teuer es kommt, ein komplexes System zu reparieren, selbst wenn es nur aus Papier besteht und nicht aus Lebewesen.
Jetzt wundern wir uns über die Briten, die ihr Geld nach Island transferiert haben, ohne sich zu fragen, wie ein so kleines Land so hohe Zinsen erwirtschaften soll. Wir leben ein Leben, für das eigentlich drei Planeten von der Größe der Erde nötig wären. Jetzt fragen wir uns, warum das Finanzsystem nicht besser geschützt war gegen Missbräuche dieser Dimension.
Wir zerstören aber das Sicherheitsnetz, das für biologische Stabilität sorgt: Jede vierte Säugetierart, jede achte Vogelart und jede dritte Amphibienart ist bedroht. Jetzt fordern wir neue Regeln und Kontrollen, um einen neuerlichen Kollaps der Finanzwelt auszuschließen. Und sollen, weil das enorm viel Geld und Politikerzeit kostet, den Berg fauler Kredite unangetastet lassen?
Die Finanzkrise hat eine ganz andere Botschaft: umzusteuern, bevor das Naturkreditsystem existentiell in Gefahr gerät; Grenzen einzuziehen bei Renditen, die ohne Systemschäden machbar sind; die wahren Kosten der Zerstörung einzukalkulieren. Nur so gibt es mehr Krisengewinnler als Verlierer.
Island, dem Land, das die Finanzkrise am härtesten getroffen hat, bleibt nach den Zins- und Kreditexzessen nun wieder das Meer als Wohlstandsquelle. Sofern noch Fische da sind.
DER SPIEGEL 43/2008
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