27.10.2008

KATASTROPHENMürber Greis

Ihre Eigentümer schickten die „Titanic“ als klapprigen Riesen auf die erste Reise. Nach dem Untergang des Luxusschiffs wurden die Schlampereien vertuscht.
Musste ein frischverliebtes Paar je größere Anfechtungen ertragen als Kate Winslet und Leonardo DiCaprio auf der sinkenden "Titanic"? Kaum hatte sich das Paar im Lagerraum des Ozeanriesen erstmals leidenschaftlich geliebt, hastete es auf dem kenternden Luxuskahn schon um sein Leben.
Dramatischer Höhepunkt des Katastrophenfilms: Der Rumpf des Riesenschiffs war nach einer Kollision mit einem Eisberg voll Wasser gelaufen. Nun senkte sich der Bug unter dem Gewicht nach unten. Gleichzeitig wurde damit das Heck der "Titanic" aus dem Wasser gewuchtet und ragte steil in den Himmel. An Bord purzelten die Passagiere umher wie auf einem Karussell, dessen Sicherheitsvorrichtung in voller Fahrt entriegelt wurde.
Schließlich brach das für unsinkbar gehaltene Gefährt auseinander wie ein Streichholz. Das längere Ende versank sofort im Ozean - das kürzere von etwa 90 Meter Länge bäumte sich noch einmal auf wie ein Seeungeheuer im Todeskampf und schoss dann wie ein Pfeil in die Tiefe.
So zumindest hatten Experten den Hergang des Unglücks in der Nacht des 15. April 1912 bislang rekonstruiert, bei dem 1500 Menschen im bitterkalten Wasser des Atlantiks erfroren oder ertrunken sind. Seit Jahren wird diese Version in Büchern und Filmen verbreitet - so auch in James Camerons Liebesdrama "Titanic" von 1997.
War womöglich alles noch "viel schlimmer in Bezug auf das, was Passagiere und Crew ertragen mussten", fragt nun der US-Autor Brad Matsen in seinem neuesten Buch*. Im Gegensatz zu zahlreichen fragwürdigen Publikationen zum gleichen Thema hat seine jüngste "Titanic"-Theorie in der US-Presse ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit erhalten.
Dabei schien das 1985 entdeckte Wrack des Unglücksdampfers kaum mehr für einen Scoop zu taugen. Matsen kann allerdings mit unverhofften neuen Funden auf-
warten. In einiger Entfernung zum von Rost und Schleim überzogenen ausgelöschten Schiffskörper entdeckten Taucher Stahlteile, die sich in Computeranimationen wie Puzzlestücke in die Bodenstruktur der "Titanic" fügten. Die Erkenntnisse aus den am Meeresgrund gesichteten Trümmern kombinierte Matsen mit bislang unbekannten Dokumenten aus Archiven. Demnach ist den Reisenden an Bord buchstäblich der Boden unter den Füßen weggebröckelt.
Den Ernst der Lage hatte außer dem Kapitän und wenigen Eingeweihten jedoch lange niemand erkannt. Wie auch? Statt der im Film gezeigten dramatischen Kapriolen bot sich nach Matsens Einsichten ein völlig anderes Bild: Die "Titanic" lag ruhig und flach auf dem Wasser, während sie dem großen Finale entgegendümpelte.
Das Ende kam plötzlich und für die meisten völlig überraschend. Während die arglosen Gäste des Luxusliners noch im Salon ihren Brandy süffelten oder entspannt in den Kojen dösten, brach das leckgeschlagene Schiff auseinander wie eine morsche Zigarrenkiste. Dann ging freilich alles sehr schnell, und binnen Minuten sanken die geborstenen Teile.
Der vorausgegangenen Seelenruhe folgte unvorstellbare Panik: "Nach dem raschen Auseinanderbrechen war jede Hoffnung dahin, auf dem Schiff überleben zu können", konstatiert Matsen.
Den wahren Hintergrund der Tragödie hatten Verantwortliche des "Titanic"-Betreibers White Star Line schon kurz nach dem Desaster ausgeleuchtet. Groß war etwa die Verwunderung über den Umstand, dass sich das Meisterwerk zeitgemäßer Ingenieurskunst bereits gut zwei Stunden nach dem verheerenden Aufprall im Meer verdünnisierte. Andere Schiffe vergleichbaren Typs konnten sich nach weit schwereren Kollisionen zumindest so lange mühelos über Wasser halten, bis Hilfe am Unglücksort eingetroffen war.
Um Gewicht einzusparen, hatten die Konstrukteure das Musterschiff jedoch mit viel zu kleinen Nieten und zu dünnen Stahlplatten zusammengezimmert - der Titan ging bereits mürbe wie ein Greis auf seine Jungfernfahrt. So war die "Titanic" mutmaßlich nicht wegen eindringenden Leckwassers abgesoffen; vielmehr riss der Mantel des Schiffs nach der Kollision wie das Blech einer Konservendose.
Den brisanten Bericht ließen die White-Star-Line-Chefs wegen befürchteter Klagen von Angehörigen eilig im Keller verschwinden. Dort buddelte ihn Brad Matsen nun wieder aus - um womöglich das Bild vom Ablauf der Tragödie dauerhaft zu revidieren.
Würde James Cameron seinen Film noch einmal drehen, müsste es an Bord lange Zeit weit gemächlicher zugehen - der Schluss fiele allerdings ungleich dramatischer aus. FRANK THADEUSZ
* Brad Matsen: "Titanic's last Secrets". Twelve, New York; 328 Seiten; 27,99 Dollar.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 44/2008
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