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ZEITGEIST

Generation Hamlet

Von Matussek, Matthias

Kapitalismus oder doch noch mal Sozialismus? Die Finanzkrise bringt die Welt aus den Fugen - und erweckt wieder totalitäre Sehnsüchte. Von Matthias Matussek

Eines ist sicher: Dass der Bundespräsidentenkandidat, ein ehemaliger Fernsehkommissar aus den neuen Bundesländern, die Verhaftung des Deutsche-Bank-Chefs anregt, gehört zu den Glossen, die man vor ein paar Wochen noch ausrangiert hätte - zu unwahrscheinlich, und dann auch nicht so wahnsinnig komisch.

Mittlerweile wird tatsächlich darüber nachgedacht, im Osten, im Westen, als Sketch, als Talkshow-Erregung oder mehr. Weitere Verhaftungslisten kursieren, alles ist offen, die Karten werden ganz neu gemischt. Hamlet-Welt: Die Zeit ist aus den Fugen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Marmortafeln gemeißelten Glaubenssätze zum freien Markt, zur freien Welt zerfallen zu Staub.

Atemberaubend, wie manche Kolumnisten, ohne aus dem Tritt zu geraten, nun in die entgegengesetzte Richtung rasen. Man probiert neue Szenarien, neue Antworten, halb ernst, in den "Tagesthemen", in der Zeitungskolumne, im Polit-Theater.

Vorschlag zur Güte: Gleich ins Theater gehen und dort, wie es im "Hamlet" heißt, "dem Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt" zeigen. Wir durchleben einen Epochenbruch, in dem die Kunst wichtiger sein kann als der Leitartikel, weil sie hellsichtiger ist. Der Shakespearesche "Hamlet" scheint dabei zum Signet-Text der Epoche zu werden - im Stuttgarter Schauspiel ist jetzt der aktuelle Spielplan einer Jugendkohorte gewidmet, die man die "Generation Hamlet" nennt.

Es sind die ratlosen Kinder der deutschen Einheit, die sich nun eingestehen, dass etwas erheblich faul war in dem System, dem sie Loyalität geschworen haben, und die sich fragen, ob sie noch eine Zukunft haben. Sie sind krisenerfahren, sie haben einige Crashs hinter sich, doch jetzt geht es für sie um Sein oder Nichtsein. Harald Schmidt, dessen "Hamlet"-Musical am Wochenende Premiere hatte, weiß, dass der "Hamlet" alles enthält, "auch die Finanzkrise".

Viel mehr noch. Wie sehr dieser düstere, brütende Text als Kommentar einer ganzen Ära taugt, zeigt die Erinnerung an eine Inszenierung, die man als Geburtsstunde der Generation Hamlet bezeichnen könnte: Heiner Müllers "Hamlet"-Beschwörung von 1990, also aus den Gründungstagen der deutschen Einheit.

Manche Aufführungen müssen warten, bis ihnen Plausibilität zuwächst, und diese hat knapp zwanzig Jahre gebraucht, doch jetzt könnte sie nicht stimmiger sein: Ihr Schlussbild prophezeite der triumphierenden kapitalistischen Welt die Kernschmelze, den Hitzetod. Eine Inszenierung als Menetekel.

Eines, das sich nun zu bewahrheiten scheint - man sollte Müller, dem Apokalyptiker, dem Meister der finsteren Pointe, zum bevorstehenden Jubiläum des Mauerfalls Zigarren und Whiskey auf den Dorotheenstädtischen Friedhof bringen, wo er seit dem 30. Dezember 1995 liegt.

Kommunismus oder Kapitalismus, darum hatte sich alles gedreht im blutigen vergangenen Jahrhundert, daran hatte sich die Intelligenz abgearbeitet, und darum ging es in diesem Requiem auf die untergehende DDR, das Müller mit seinem "Hamlet" inszenierte. Begonnen hatten die Proben vor dem Mauerfall, die Premiere war kurz danach, und die Inszenierung zeigt den Übergang vom alten Glaubenssystem ins neue.

Ulrich Mühe war Hamlet. Die Aufführung begann im ewigen Eis, im Staatspomp, mit der Rundfunkübertragung von Stalins Beerdigung, und sie endete, acht Stunden später, in einem rötlichen Blaken, einer alles verschlingenden Weißglut. Vor der Burg Helsingörs mit seiner abgewirtschafteten Nomenklatura standen Fortinbras' Truppen, standen die goldenen Horden des Kapitals, und sie brachten das Feuer, die Beschleunigung, den Tod.

Heiner Müller hatte sich da eine herzlose, aber ziemlich überzeugende Warnung geleistet. Mal abgesehen davon, sagte er, dass der Kommunismus ein Unrechtssystem war, und geschenkt, dass er ein Gulag war und längst ohne Utopie - er war immerhin eine Verlangsamung auf dem Weg in die Katastrophe. Nun, nach dem Abschmelzen der stalinistischen Eiskappen, darauf lief diese in jeder Hinsicht unbehagliche Aufführung hinaus, gibt es nur noch entfesselten Kapitalismus und damit den freien Fall in die Verwüstung.

Knapp zwanzig Jahre später nun schmilzt die Arktis, die Finanzwelt überhitzt, die Wahrheit bricht zusammen in einem Beschleunigungsinfarkt wie im rotglühenden Helsingör, das Internet jagt Konspirationstheorien, Gerüchte, Spekulationen, Ängste in hysterischen Fieberkurven um den Globus, und die internationalen Börsen stürzen ab.

Für die Generation Hamlet ist die Börse das, was für die Elterngeneration Vietnam war: Glaubensfrage, Schlachtfeld, das Debattenprisma der Ego-Gesellschaft. Diese Generation ist in der Ära der überwundenen kommunistischen Bedrohung großgeworden, über deren verlogene Morgenröte-Theologie sie nur lächeln konnte.

Doch nun erlebt sie, dass sich die anthropologische Entfesselung des Kapitals - Gier ist gut, Eigennutz stärkt, Verschwendung hält die Nachfrage wach - selber zu einer verwüstenden Katastrophengeschichte ausgewachsen hat. Nach der Ideologie des Kommunismus ist es nun die des grenzenlos triumphierenden Kapitalismus, die ihren moralischen Bankrott anmeldet. Papst Johannes Paul II., der beide Systeme kannte, hatte in jeder zweiten Enzyklika darüber gepredigt - jetzt predigen Politiker und Ökonomen mit. Die Zeit ist aus den Fugen, sagt Hamlet.

Sagt nicht nur Hamlet. Knapp zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus fragt die "Washington Post": "Ist der Kapitalismus tot?" Und das ZDF beschließt ein Feature über die Wall Street mit den Klängen der "Internationale". Klar schmunzeln sich die Redakteure, die Fernsehleute verlegen krumm dabei, aber wie ironisch auch immer: Die Systemfrage wird neu gestellt. Die K-Frage - Kommunismus oder Kapitalismus - kommt zurück und behauptet, sie sei unerledigt. Wie der Geist von Hamlets Vater.

Plötzlich klingt jeder Staatsmann wie Lothar Bisky und jeder Talkmaster wie die Linkspartei in Sachsen-Anhalt, und alle reden von Verstaatlichung. Die Rache des Ostens ist grausam! Alle sitzen jetzt in Müllers Hirn und haben es schon immer gewusst und starren mit grimmiger Ironie, mit apokalyptischem Grauen auf den Schlamassel dieser alternativlosen Welt, in der Spekulationswellen immer schneller um den Globus rasen, die Meere steigen, die Stürme zunehmen, die Hüte fliegen.

Und das ist die Gefahr. Wenn alles besser scheint als das, was wir haben, kommen die Ledermanteltypen aus dem geordneten düsteren Zuchthaus in Helsingör zurück, Handlanger wie Polonius, die erklären: Gemessen am Feuertod des Finales war unser Grauen doch gar nicht so schlimm, auf alle Fälle wie die Ruhe vor dem Sturm, wie Zeiten, die man sich zurücksehnen könnte.

Und dann kann Peter Sodann tatsächlich die Verhaftung Ackermanns anpeilen, unter Applaus, weil damit auch ein wenig das System verhaftet wird, das diese Ackermanns ermöglicht. Verhaften ist das, was eine totalitäre Gesinnung unter Gestalten versteht. Es geht gar nicht um Ackermann. Man stellt still. Man verlangsamt. Man hat die Illusion, man landet wieder im Eis, man hat noch ein wenig Aufschub und Zeit.

Allerdings: Man kann die Ungerechtigkeit, die Erderwärmung nicht verhaften. Die Generation Hamlet weiß das im Grunde. Sie wird mit den Geistern der Väter kämpfen müssen und dann nach neuen Antworten suchen. Und sie muss sich beeilen, denn so viel Zeit bleibt nicht mehr.


DER SPIEGEL 44/2008
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