03.11.2008

AFFÄREN Die Spinne

Strabag setzt Milliarden beim Straßenbau um. Nun ist der Konzern in Deutschland, Österreich und Ungarn wegen angeblicher Schmiergeldzahlungen und schwarzer Kassen ins Visier der Staatsanwälte geraten. Denn ein ehemaliger Manager hat umfassend ausgepackt.
"Bei allen geschäftlichen Entscheidungen und Handlungen sind die geltenden Gesetze und sonstige maßgebenden Bestimmungen im In- und Ausland zu beachten." (Ethik-Kodex der Strabag)
Dem Mann sieht man den Bauleiter nicht gleich an, er könnte ein Spaziergänger sein mit seinen ausgewaschenen Jeans, der schwarzen Fleece-Jacke, den Reißverschluss bis knapp unter das Kinn hochgezogen. Die Herbstsonne wärmt nur noch mäßig an diesem späten Nachmittag im Oktober auf der zugigen Brücke, die die Autobahn A 4 bei Frankenberg quert.
Günther Ibler, 38, ist an jenen Ort zurückgekehrt, an dem alles anfing: An seine Baustelle, dem damals wichtigsten Projekt von Strabag in Ostdeutschland. Die Autobahnerweiterung rund um Chemnitz sollte für Ibler, einen hoffnungsvollen Nachwuchsmann des Unternehmens, die Fahrkarte ins internationale Baugeschäft sein. Tatsächlich wurde sie der Beginn eines Alptraums.
Statt zu Millionenprojekten in Kroatien und der Ukraine führte den Baumanager der Job in Sachsen ins Gefängnis. Ibler war im Dezember 2005 bei kriminellen Geschäftspraktiken ertappt worden, die, so behauptet er noch heute, "im Konzern übliche Praxis" waren und die er "von der Pike auf gelernt" habe. Ibler, wegen Betrugs und Untreue rechtskräftig verurteilt, mimt ein Jahr nach der Haftentlassung nicht den Unschuldigen. Was ihn wütend macht, ist die Strabag. "Meine Firma hat mich fallengelassen wie eine heiße Kartoffel", sagt er.
Günther Ibler stammt aus Kärnten. Seeboden am westlichen Ende des Millstätter Sees ist ein Ort wie für die Tourismuswerbung erfunden, mit schnuckeligen Pensionen und blitzsauberen Kaffeehäusern. Auf der anderen Seeseite ist die Heimat des Chefs von Strabag, einem der größten Baukonzerne Europas, mit 66 000 Mitarbeitern in zehn Ländern - Hans Peter Haselsteiner residiert am Südufer.
Bevor er bei Strabag die Führung übernahm, hatte Haselsteiner das mittelständische Bauunternehmen Ilbau zu einem großen Player der Branche gemacht. Günther Ibler faszinierte die zupackende Art des Firmenpatrons. Schon Iblers Großvater hatte Ilbau einst als Direktor gedient.
Kurzum: Haselsteiner war der Typ Unternehmer, dem Ibler nacheifern wollte. Und mit dem er sich seelenverwandt wähnte - auch bei seinen illegalen Geschäften in Sachsen, über die er heute sagt, sie hätten vor allem Strabag genutzt. Mittlerweile verbindet Ibler und Haselsteiner, 64, auch das Interesse der Strafverfolger. Seit Sommer ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien gegen den Strabag-Chef wegen des Verdachts der Bestechung.
Haselsteiners Baukonzern, der 2008 einen Umsatz von 13,4 Milliarden Euro erwartet, Autobahnen fast überall in Osteuropa baut, Geschäftshäuser in Moskau und ein Flughafen-Areal in Sotschi am Schwarzen Meer plant - ein Hort der Korruption und Manipulation?
Für Iblers Version und den Verdacht von Ermittlern sprechen zahlreiche Dokumente zu Strabag-Geschäften aus Deutschland und Österreich, die dem SPIEGEL vorliegen. Verträge, Mails, Rechnungen und firmeninterne Memos legen die Annahme nahe, dass Strabag-Mitarbeiter bei Projekten in Ostdeutschland und Osteuropa illegale Wege beschritten haben. Und sie skizzieren Strabag als eine Spinne, die überall Fäden zieht.
Viel Arbeit liegt vor den Ermittlern in Deutschland, Österreich und Ungarn: Es geht um die Suche nach Beweisen für schwarze Kassen, Schmiergelder insgesamt in Millionenhöhe, fingierte Rechnungen und manipulierte Bauleistungen, eben all die schmutzigen Tricks, um im heißumkämpften Baumarkt an lukrative Aufträge zu kommen. Und weil in dem Gewerbe die einträglichsten Geschäfte mit der öffentlichen Hand zu machen sind, zählten zu den Geschädigten vermutlich vor allem die Steuerzahler.
Es sind vielfältige Ungereimtheiten, die nun Strabag in Bedrängnis bringen. Ermittelt wird gegen eine Reihe von Managern und Beratern des Konzerns, wegen des Verdachts der Untreue und Bestechung. Im Fokus der Staatsanwaltschaften stehen dabei vor allem drei Autobahnprojekte, die M 5 in Ungarn zwischen Budapest und der serbischen Grenze sowie zwei Teilstücke der A 72 und der A 4 in Sachsen - Iblers Projekte.
Am Anfang sah es für die Staatsanwaltschaft in Chemnitz nach einer schon fast alltäglichen Geschichte aus, kleine Betrügereien unter notorisch klammen Bauklitschen. Doch dann stießen die Fahnder auf Unterlagen, die sie elektrisierten: Vor ihnen tat sich ein Finanzkarussell der Chemnitzer Strabag-Dependance auf, bei dem Millionen aus dem Autobahnbau in dunkle Kanäle verschwanden. Im Dezember 2005 wurde Ibler verhaftet. Doch die Ermittlungen gerieten ins Stocken, weil der Untersuchungshäftling eisern schwieg, fast ein Jahr lang.
"Ich war sicher, Strabag lässt mich nicht hängen", sagt Ibler heute. Der Österreicher, der nach der Ingenieurausbildung sein Handwerk beim Bau der Karawanken-Autobahn zwischen Villach und der slowenischen Grenze gelernt hatte, kannte Geschichten, die im Konzern kursierten: Von Mitarbeitern, vor die sich angeblich das Unternehmen auch dann stellte, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren.
Nicht so bei Ibler. Noch in die Untersuchungshaft schickte Strabag ihm die Kündigung und drohte Schadensersatzforderungen an. Haselsteiner erklärte, er sei "menschlich zutiefst enttäuscht" von seinem Eleven.
Um die Loyalität des inhaftierten Bau-Managers zu seiner Firma und zu dessen Chef war es damit geschehen. Iblers Anwalt Knut-André Habelt sondierte im Sommer 2006 bei der Justiz in Chemnitz einen Deal: Strafnachlass gegen umfassende Aussage. Der Generalstaatsanwalt in Dresden gab grünes Licht.
Am Morgen des 7. November, eines kalten Herbsttags, wurde Ibler zum ersten Mal aus der Chemnitzer Justizvollzugsanstalt Reichenhain zum Landeskriminalamt in die Hainstraße gefahren. Diskretion war oberstes Gebot. Offiziell diente der Termin nur seiner Prozessvorbereitung. So steht es auf dem Begleitschreiben des Landgerichts.
In Wahrheit begann Ibler nun auszupacken über das, was er als System Strabag skizzierte. Er nannte Namen und Summen, sprach von fingierten Rechnungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro, die er größtenteils persönlich abgezeichnet hatte. Er belastete Vorgesetzte, darunter Manfred Zeidler, dem die gesamten Millionenprojekte beim Autobahnbau in Sachsen unterstanden. Zeidler, so erklärte Ibler den Ermittlern, habe einen eigenen "Topf" gehabt für besondere "Klärungen", die in den Büchern nicht auftauchen durften.
Welche besonderen Klärungen, wollten die Ermittler wissen. Schmiergelder seien das gewesen, antwortete Ibler, bestimmt für Baukontrolleure aus Ämtern und Ingenieurbüros, die ein Auge zudrücken sollten, wenn wieder mal mehr abgerechnet als verbaut wurde. Und es wurde gezahlt, so sagte Ibler aus, mal 10 000 Euro in bar an einen Mitarbeiter der staatseigenen Autobahngesellschaft Deges, mal für einen Anbau für das Privathaus eines Baukontrolleurs.
Das Scheinrechnungssystem und Zeidlers Schwarzgeld-Topf sei auch anderen Managern bekannt gewesen, erklärte Ibler, darunter einem heutigen Vorstandsmitglied der Strabag-Deutschland: Werner Holzfeind. Dem damaligen technischen Direktionsleiter Bayern habe er, so gab Ibler zu Protokoll, in der Münchner Strabag-Zentrale 33 000 Euro in bar übergeben. Der habe das Geld "für Klärungen in seinem Bereich für Zuwendungen gegenüber Auftraggebern" gebraucht. Das mutmaßliche Bakschisch wurde, so Ibler, über Scheinrechnungen beschafft - beim Autobahnbau in Sachsen.
Strabag-Vorstand Holzfeind weist den Vorwurf entschieden zurück. In dem "maßgeblichen Zeitraum" habe er keine Verbindungen zu Ibler gehabt und von den "Praktiken des Herrn Zeidler" nichts gewusst. Konzernsprecher Christian Ebner beteuert, von dem "unakzeptablen Scheinrechnungssystem in der Direktion Sachsen" habe die Strabag-Leitung erst durch die Ermittlungen gegen Ibler erfahren.
Iblers Vernehmungen im Landeskriminalamt dauerten über ein halbes Jahr, bei einer Sitzung kurz vor Weihnachten stand für den redseligen Untersuchungshäftling Gebäck und Dresdner Christstollen bereit. Aus seinen Aussagen entstand für die Staatsanwälte und LKA-Wirtschaftsermittler ein Bild davon, wie es gelaufen sein könnte, wenn einer der größten Baukonzerne Europas in Ostdeutschland Autobahnen anlegt oder erneuert. Es ist das Bild einer Organisation, in der Rechnungen einfach hin- und hergebucht werden. Gerät das Zahlenwerk des Unternehmens in Unordnung oder müssen Nachtragsforderungen an die Autobahnämter aufgepeppt werden, werden Rechnungen fingiert - geschrieben für Leistungen, die nie erbracht wurden.
Ein derart freigiebiger Rechnungslieferant war die M. Beling Kraft und Elektroanlagen GmbH aus Wiesbaden, ein Kleinunternehmer, seit langem mit Strabag im Geschäft. Firmeninhaber Manfred Beling war inzwischen geständig und ist im März rechtskräftig vom Landgericht Chemnitz zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er hatte Rechnungen in Höhe von fast 1,5 Millionen Euro unter anderem für Flutlichtanlagen an Strabag-Baustellen entlang der A 4 und der A 72 ausgestellt.
Nur haben die Anlagen in Sachsen nie geleuchtet, sie wurden nie geliefert. Das Geld floss dagegen sehr wohl, zum größten Teil in die Schmiergeldkasse von Iblers damaligem Vorgesetzten Zeidler. Der ehemalige Strabag-Manager steht im Februar wegen Untreue vor Gericht, wegen des Verdachts der Bestechung wird noch gegen ihn ermittelt. Zu den Vorwürfen möchte Zeidlers Anwalt derzeit keine Stellung nehmen.
Es ist nicht das letzte Verfahren der Chemnitzer Staatsanwaltschaft in der Causa Strabag. Ein hoher Beamter der Autobahnverwaltung und ein Mitarbeiter der Deges stehen unter dem Verdacht der Bestechlichkeit, außerdem verfolgen die Ermittler weitere Spuren, die ihr Kronzeuge Ibler offenlegte: in die Konzernzentrale nach Wien.
Dort sitzt als Vorstand von Strabag Österreich Manfred Weiss. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt. Hintergrund ist eine Zahlung an den vormals in Deutschland tätigen Manager aus dem Jahr 2002 über rund 40 000 Euro aus den Projektkosten für die A 4, angeblich eine Tantieme. Die Strabag bestätigt das Steuer-Ermittlungsverfahren, hält die Vorwürfe aber für unbegründet.
Dass mit den Ermittlungen der Chemnitzer Staatsanwaltschaft gegen Vorstand Weiss die Affäre aus Ostdeutschland nach Wien schwappt, kommt der Strabag und ihrem Chef Haselsteiner nun gar nicht gelegen. In der österreichischen Hauptstadt gibt es schon genug Unruhe, die die Geschäfte stört. Denn auch in der Donaumetropole werden zurzeit Strabag-Geschäfte durchforstet - und wie bei Iblers Enthüllungen kommen immer neue Fäden zum Vorschein, die zur Strabag-Spinne gehören.
Einer dieser Fäden führt in die Ertlgasse, gleich hinter dem Stephansdom. Im Haus Nummer 4, einem wienerisch morbiden Mietshaus, residierte bis vor zwei Jahren die Firma Eurocontact Public Affairs, eine auf den ersten Blick unbedeutende Klitsche.
Doch über Eurocontact lief offenbar so einiges, was im Osteuropageschäft Strabag nutzt, aber tunlichst nicht mit der Strabag direkt in Verbindung gebracht werden sollte. Eine Reihe von E-Mails, Verträgen, Notizen, Rechnungen und Zahlungsbelegen legen den Verdacht nahe, dass die PR-Agenten bei Politikern für ein unternehmensfreundliches Klima sorgten.
Eurocontact war prädestiniert für diskrete Transaktionen. Ihre Chefs Alexander Zach und Zoltan Aczel, gegen die aktuell ermittelt wird, waren auch zeitweilig Vorsitzender und Generalsekretär des Liberalen Forums, einer kleinen Partei, der Haselsteiner seit langem angehört und die er bis vor kurzem finanziell unterstützt hat. Zach und Aczel konnten so ganz unverdächtig Kontakt zur Schwesterpartei in Ungarn aufnehmen - was der Strabag den Weg zu Millionenaufträgen erleichterte.
Doch seit Sommer beschäftigt sich die Wiener Staatsanwaltschaft mit den Ungarn-Geschäften von Strabag und der Rolle von Eurocontact. Es geht um den Bau und Betrieb der nach Budapest führenden Autobahn M 5; und um die mutmaßliche Bestechung ungarischer Politiker, vor allem aus dem liberalen Bund freier Demokraten, der den zuständigen Wirtschaftsminister stellte, als der 350-Millionen-Euro-Auftrag an den Wiener Konzern ging. Zu den Beschuldigten zählt auch der ehemalige Eurocontact-Gesellschafter Alexander Zach, der seinen Posten als Vorsitzender des Liberalen Forums jüngst räumen musste, nachdem seine Lobby-Geschäfte ruchbar geworden waren.
Strabag-Boss Haselsteiner bestreitet jede Provisionszahlung an Parteien. "Da ist kein Geld geflossen." Aber warum erhielt dann nach dem Zuschlag für die Strabag die Eurocontact insgesamt 15 Millionen Euro? Und warum überwiesen die Strabag-Berater davon wiederum diverse Beträge an Briefkastenfirmen? Die damaligen Eurocontact-Gesellschafter waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Für Strabag-Sprecher Ebner sind die Zahlungen an Eurocontact "angemessen" und haben nichts Anrüchiges. Die PR-Firma hätte umfangreiche "Leistungen" erbracht. Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die er als "routinemäßige Aktion" bezeichnet, sieht er gelassen entgegen: "Bisher wurde weder Herr Haselsteiner noch Strabag offiziell kontaktiert."
Wäre Günther Ibler nicht aufgeflogen, wäre er wahrscheinlich jetzt auch in Osteuropa tätig. Nicht für das Ungarn-, sondern für das Kroatien-Geschäft war er vorgesehen. Nun aber ist alles anders gekommen.
Ibler wohnt wieder am Millstätter See, vis-à-vis der Haselsteiner-Villa, aber die Distanz zu seinem früheren Förderer könnte kaum größer sein. Auch die zu der gesamten Branche. Mit der Bauwirtschaft habe er abgeschlossen. "Sonst", sagt Ibler lakonisch, "müsste ich ja wieder kriminell werden." ANDREAS WASSERMANN
Von Wassermann, Andreas

DER SPIEGEL 45/2008
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