03.11.2008

SEKTENDer Lord will Sex

Dutzende religiöse Sekten gibt es in Deutschland, unter ihnen die „Children of God“, eine international missionierende Gruppe von Gläubigen, in der sich auch Pädophile ausleben. Kinder, die sich absetzen können, berichten von Demütigung und sexuellem Missbrauch. Von Dialika Krahe
Celeste Jones steigt an diesem warmen Sonntagmittag an der Victoria Station, London, aus dem Bus und blickt direkt in ihre Vergangenheit.
Sie sieht sich an der Haltestelle stehen, damals 27 Jahre alt, von Geburt an Mitglied der Sekte "Children of God", gehirngewaschen, instrumentalisiert, missbraucht, sieht sich, zwei Koffer in der Hand, und es kommt ihr vor, als wäre sie gerade erst geboren. Die Mutter ist gekommen, um sie abzuholen, die Schwester, der Bruder. Sie haben Blumen dabei und eine Fotokamera, umarmen sie, küssen sie und weinen, obwohl sie sie ja gar nicht kennen. Celeste wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und fragt sich, wie das eigentlich gehen soll, was man in dieser Gesellschaft Leben nennt.
Sie war noch nie in einer Schule, sie hat noch nie im Supermarkt Brot eingekauft, im Restaurant ein Tiramisu bestellt, in einer eigenen Wohnung geschlafen oder eigenes Geld in ein eigenes Portemonnaie gesteckt. Stattdessen erwartete Celeste Jones die Endzeit. Sie lebte in Kommunen auf der ganzen Welt - Philippinen, Schweiz, Portugal, Japan -, schlief im Namen Jesu mit Männern, mit denen sie nicht schlafen wollte, empfing Prophezeiungen von einem pädophilen Sektenführer, der sich Moses nannte, und hielt die Gesellschaft außerhalb der Children of God für das "System", eine feindliche und gefährliche Welt.
Und jetzt steht hier diese leise zierliche Frau zwischen all den gottlosen Systemmenschen an einem Londoner Bahnhof, schaut an sich herunter und fragt sich: Wer ist eigentlich diese Celeste Jones? Was mag sie? Was nicht? Was kann sie? Was will sie? Und vor allem: Wie lebt man eigentlich?
Der Ausstieg aus einer Sekte muss sich so anfühlen, als habe man bei einem schrecklichen Autounfall das Gedächtnis verloren. Und alles, was man je wusste und kannte, was man für richtig und falsch, für schwarz und für weiß hielt, gilt nicht mehr. "Ich kam an diesem Tag vom Mond", sagt Celeste sechs Jahre später, "und ich machte meinen ersten Schritt auf diese Erde."
Sie wirft sich ihren großen Rucksack über die Schulter und schiebt sich zwischen den eilenden Londonern hindurch, eine schlanke Frau, die ein bisschen älter wirkt, als sie ist. Sie trägt ein Sommerhemd, mädchenhaft, mit kleinen bunten Punkten, dazu Jeans und Ohrringe. Spricht ein sehr englisches English, ihre Stimme wird leise, sobald es um ihre Vergangenheit geht, sie sagt: "Ich will eben nicht, dass die Leute mich für eine Verrückte halten."
Celeste Jones gehört zu jenen vielen jungen Menschen, die in die Zwänge einer Sekte hineingeboren wurden und den Ausstieg wagten; die den schmerzlichen Versuch unternahmen, ein neues Leben zu beginnen.
Sie treffen sich zu Tausenden auf Internet-Seiten wie exfamily.org, movingon.org, Facebook, um sich gegenseitig zu therapieren. Weil niemand außer ihnen nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, wenn man ein Leben lang Marionette war und plötzlich jemand die Fäden abgeschnitten hat.
Weil es die Vorstellungskraft vieler Menschen übersteigt, was es bedeutet, hörig zu sein, sich von einem bärtigen, alten Mann vorschreiben zu lassen, wie viel Toilettenpapier man benutzen darf, was man isst, wann man das Haus verlässt. Sich einreden zu lassen, dass es in Ordnung ist, wenn Erwachsene mit Kindern Sex haben - weil Jesus Liebe ist und Liebe kein Alter kennt.
An diesem Abend werden sich einige der Aussteiger in einer dunklen, klebrigen Kneipe in Chelsea treffen, um zusammen mit Celeste Jones den "Lost Children Rememberance Day" zu feiern, den Tag der verlorenen Kinder. Ihren Tag.
Celeste Jones sitzt in einem kleinen Café gegenüber dem Club, in dem sie am Abend auf eine Bühne treten wird. Sie dreht den Kopf zum Mann am Nachbartisch, prüft an seinem Gesichtsausdruck, ob er etwas gehört haben könnte "von all diesen sexuellen Dingen", um anschließend ihre Stimme noch leiser, ihre Gesten noch kleiner zu machen. Dann erzählt sie von der Sekte, die ihr Leben war.
Die Geschichte der Children of God beginnt recht harmlos in den späten sechziger Jahren im Süden Kaliforniens, Huntington Beach. Hippies, Surfer und Aussteiger treffen sich hier. Sie sind auf der Suche nach Freiheit und Liebe, nach einer Revolution. Und viele glauben, sie bei David Berg zu finden, einem wegen Missbrauchsvorwürfen gefeuerten Prediger der Christian and Missionary Alliance, einer evangelikalen Freikirche. Er überzeugt sie mit Gitarrenmusik und Anti-Kriegs-Ideen, hat es nicht schwer, weil seine Mission gerade zur allgemeinen Stimmung passt. Berg wird als charismatischer Mann beschrieben, klein, mit kehliger Stimme.
Sie fahren durch die Vereinigten Staaten, angeführt von einem Bus, auf dem in bunten Hippiebuchstaben "Children of God" geschrieben steht. Sie spielen Gitarre, sind gern nackt, sammeln Mitglieder und Spenden. Und sprechen über Jesus und darüber, dass Jesus Liebe ist.
1973 tritt Celestes Vater der Sekte bei, Christopher Jones, in Deutschland geboren, in England zur Schule gegangen. Er bricht sein Studium ab, verlässt Eltern, Freunde, sein Zuhause und schließt sich der Gruppe an; zwei Jahre später wird Celeste geboren.
Zu dieser Zeit verließen die Children of God die USA bereits: Die amerikanischen Behörden waren auf sie aufmerksam geworden und fingen an, ihre Aktivitäten zu untersuchen. Die Gruppe lässt sich an den verschiedensten Orten in Europa in Kommunen nieder. Berühmte Künstler wie Jeremy Spencer, der Gitarrist von Fleetwood Mac, kommen in dieser Zeit dazu, auch die Eltern der Schauspieler River und Joaquin Phoenix. Sie bewohnen spartanische Jugendherbergen in der Schweiz, Villen in Griechenland, Campingplätze in Deutschland. 1972 tragen sie sich hier sogar als Verein ein: Kinder Gottes e. V., Amtsgericht Essen.
Jede Kommune hat einen Shepherd, einen Hirten, der von David Berg, alias Moses, alias Grandpa, Prophezeiungen empfängt, die sogenannten MoLetters: Handlungsanweisungen, aufgemacht wie Bibelverse.
Ein Brief erschien unter dem Titel "Child Brides!". Darauf ist ein Comic-Jesus zu sehen, der aus den Wolken erscheint und Adam und Eva, ein nacktes Kinderpaar, segnet. Unter Paragraf fünf schreibt David Berg dazu: "Ich hoffe, alle unsere Kinder haben viel Sex"; Paragraf sechs: "Warum hat der Herr dich befähigt, mit 11, 12 oder 13 Jahren Kinder zu bekommen, wenn du keinen Sex haben solltest."
Celeste seufzt und schüttelt den Kopf, als sie davon erzählt, "ich weiß, das ist alles so krank", sagt sie, "wenn David Berg eine Melonenallergie hatte, durften wir plötzlich keine Melonen mehr essen - und das in hundert Kommunen auf der ganzen Welt".
Aber damals sei es für sie Alltag gewesen, sagt sie. Sie glaubte, sich glücklich schätzen zu dürfen, dass sie in der Gruppe lebte und nicht im System. "Ich liebte Jesus, und ich liebte Grandpa", sagt sie, "und ich wollte alles tun, damit sie mich auch liebten."
Ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht und religiösem Wahn entsteht, und David Berg denkt sich immer absurdere Regeln aus: Esst nicht mehr mit Messer und Gabel, ein Löffel reicht; alles, was ihr esst, muss vorher 20 Minuten in Salzwasser gelegen haben; schneidet euch nicht die Haare.
Berg führt das "Flirty Fishing" ein: eine Methode, bei der Frauen durch Sex neue Mitglieder werben sollen. Sie machen sich hübsch, lungern in Hotellobbys und auf Tanzabenden herum und verführen einflussreiche, wohlhabende Männer, um den Fortbestand der Gruppe zu sichern.
"Ende der Siebziger kommt es zur Krönung von Bergs perfiden Ideen", sagt Celeste und zieht die Augenbrauen hoch, "das 'Law of Love'", sagt sie, "ein Gesetz, das Erwachsene ermutigt, möglichst viel Sex zu haben", auch mit Kindern, denn Sex sei der größte Ausdruck von Liebe. Berg nannte es "sharing", teilen. Und wer nicht teilen wollte, sagt Celeste, wurde beschuldigt, Gott nicht genug zu lieben.
Berg nennt die Gruppe von nun an "Family of Love".
Da gebe es diese eine Szene aus ihrer Kindheit, sagt Celeste, an die müsse sie immer wieder denken: Es ist ein heißer Sommertag, und Celeste steht nackt vor einer Kamera. Sie ist sechs Jahre alt, ein zierliches Mädchen mit blondem langem Haar, sie lebt in einer Kommune in Griechenland, zusammen mit ihrem Vater Christopher und 200 anderen Family-Mitgliedern. Sie solle tanzen, sagt der Mann, der sie filmt. Sie solle sich mit den Händen am Körper berühren. Celeste tut, was er ihr sagt und lächelt. "Gut", sagt er, "sehr gut, und jetzt wirf ihm Küsse zu, damit er weiß, dass du ihn wirklich liebst." Der Mann sagt, sie tanze für Davidito, den kleinen Prinzen, und das es eine Ehre sei.
Ricky Rodriguez, der kleine Prinz, Ziehsohn David Bergs, ist zu diesem Zeitpunkt selbst gerade sechs Jahre alt und wird angeblich regelmäßig von seinem Kindermädchen missbraucht. Die Filme sind für Berg zur "Inspiration". Das Video von Celeste existiert noch immer, Ausschnitte davon kursieren im Internet.
Heute nennt sich die Gruppe "The Family International". Seit David Berg starb, führt seine Lebensgefährtin Karen Zerby die Gruppe an. Sie nennt sich "Mama Maria" und lebt, wie einst Berg, versteckt in wechselnden Kommunen. Sie seien in über 90 Ländern aktiv, hätten rund 12 000 aktive erwachsene Mitglieder, heißt es auf der Internet-Seite - und Tausende Kinder, die in der Sekte aufwachsen. 1988 veröffentlichte die Gruppe eine Erklärung, in der sie Kindesmissbrauchsvorwürfe zurückwies, 1992 eine weitere, in der physischer, sexueller und emotionaler Missbrauch in allen Kommunen untersagt und verurteilt wird. Viele Sektenmitglieder, inzwischen ausgestiegen, berichten, dass sexueller Missbrauch dennoch weiterging.
In Deutschland erscheint eine Family-Zeitschrift, "Activated", darin finden sich Bergs Weisheiten, Gebete, Endzeit-News. Im Impressum steht lediglich ein Postfach in einem kleinen Ort nahe Duisburg. Öffentlich zeigten sich Family-Mitglieder zuletzt auf dem Weltjugendtag in Köln. Dort standen sie mit einem Stoffbanner auf dem in gelbroten Buchstaben "The Family International" prangte. Und sie sangen und missionierten und spielten Gitarre wie eh und je.
Dem deutschen Alltag haben sich die Mitglieder der Family weitestgehend entzogen. Sie wohnen zurückgezogen in kleinen Kommunen und verdienen ihr Geld durch Spenden, den Verkauf christlicher Musik-CDs, nur wenige arbeiten in normalen Berufen. Denn die Gesellschaft um sie herum ist das System, eine feindliche Welt, zu der sie möglichst nur in Kontakt treten, um neue Mitglieder zu werben. Oder um ihre ausgestiegenen Kinder zu treffen.
Wenn Eva* ihre Tochter sehen will, dann parkt sie ihr gelbes Fahrrad vor einem schicken Freiburger Friseurladen, steckt ihren Kopf durch die Eingangstür und flüstert ihren Namen.
Linn kommt raus, macht Feierabend, ein hübsches Mädchen, 26 Jahre alt, mit einer lauten Stimme, amerikanischem Akzent und braunen Beinen. Sie küsst die Mutter, "I love you", sagt Eva zu ihrer Tochter, sie sagt es oft - zu vielen Leuten.
Beispielsweise wenn sie missionieren geht. Dann stellt sie ihr gelbes Fahrrad, ein Paar Jesus-Poster im Korb, vor dem Freiburger Theater ab. Hier gibt es nicht viel, eine Wiese, ein Denkmal, herumlungernde Punks, Alkoholiker. Für Eva aber ist diese Ecke Freiburgs der ideale Ort, um Menschen mit Jesus zu befreunden. Sie komme oft hierher und spreche mit den Leuten, sagt sie, "hier sind so viele junge Menschen, die eine andere Gesellschaft wollen". "Glaubst du an Jesus?", fragt sie sie dann, sagt: "Jesus liebt dich, you're wonderful", manchmal mit einer Umarmung.
Ein bisschen wird es so sein wie damals, als sie selbst den Children of God beitrat, da war sie gerade 18 und lebte in den USA. Über 35 Jahre später ist sie noch immer Mitglied, ihre sieben Kinder wurden in der Gruppe geboren, in Uruguay, in Deutschland, in der Schweiz. Die beiden ältesten Töchter sind noch aktiv: Eine arbeitet in der Zentrale der Sekte, an einem unbe-
kannten Ort, vermutlich in Texas. Eine andere lebt in England und ist mit 35 Jahren bereits sechsfache Mutter; die übrigen fünf stiegen gemeinsam aus. Auch ihre Tochter Linn, sie war damals 14.
Es ist eine schizophrene Situation, in der Linn steckt. "Einerseits bin ich superwütend, weil ich es ihretwegen so schwer hatte", sagt sie, "andererseits liebe ich meine Mutter sehr, obwohl sie noch in der Sekte ist." Die beiden laufen ein Stück gemeinsam durch die Innenstadt, vorbei an all den Geschäften, in die Linn früher nur gehen konnte, wenn sie missionieren oder Geld einsammeln sollte. Linn, dieses moderne Mädchen mit kurzem Jeansrock und blondiertem Haar, daneben die Sektenmutter, die bieder wirkt mit ihrer blauen Steppjacke, den Perlenohrringen und dem angegrauten Haar, das sie mit altmodischen Spangen zurückgesteckt hat.
"Manchmal macht sie mich verrückt", sagt Linn. Etwa wenn sie auf ihren kleinen Sohn aufpasse. Dann kommt der Kleine am Abend von Oma nach Hause und sagt Dinge wie: "Superman ist nicht echt, Spiderman ist nicht echt, nur Jesus gibt es wirklich." Oder er malt ein Bild, darauf sitzt der "Lord" auf einer Wolke, und ihr Sohn sagt, das habe er bei Oma gelernt.
Eva lebt in einer Art Mini-Kommune, zusammen mit einer Sektenkollegin, die elf Kinder von verschiedenen Männern hat, ein paar davon leben mit im Haus. Eva bewohnt hier ein winziges Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Jesus-Bild, mehr hat sie nicht. Sie setze sich oft an den Computer und empfange Prophezeiungen, sagt Linn, dann rede sie so vor sich hin, ohne Punkt und Komma, und tippe Gebete ein, als ob sie das direkte Medium Gottes sei.
In Linns Wohnung hängen Fotos aus ihrer Kindheit bei den Children of God an den Wänden, auf dem Küchentisch liegen Alben. Sie setzt sich und zeigt auf ein vergilbtes Bild. Darauf ist sie zu sehen, als Dreijährige. Sie sitzt in einem blauen Spielauto, daneben stehen drei Schwestern, im Hintergrund ein Haus mit Fensterläden. "Da lebten wir in Brasilien", sagt sie. Sie erinnere sich, wie sich ihre Mom abends aufbrezelte, um zum "Flirty Fishing" zu gehen, sagt Linn. "Sie angelte einen großen Fisch", sagt sie und reißt die Arme auseinander, "ein reicher Mann, Carlos. Das ist jetzt Spekulation, aber manchmal denke ich, dass mein Dad gar nicht mein richtiger Vater ist." Sie zuckt die Schultern, lacht.
Ein anderes Bild zeigt sie und ihre Schwestern, wenig später in Paraguay: Vier blonde kleine Mädchen singen und tanzen vor einer Gruppe Einheimischer, "da missionieren wir", sagt Linn.
Die Kinder sehen glücklich aus auf den Bildern. "Wir liebten das viele Reisen", sagt sie, Uruguay, Paraguay, Brasilien, Holland, Deutschland, Schweiz. "Gut war auch, dass wir mit vielen anderen Kindern zusammenlebten, Freunde hatten, manche waren wie Geschwister."
Ein typischer Tag in Linns Kindheit: 6.30 Uhr wecken, dann Bettenmachen wie beim Militär. Linn springt von ihrem Küchentisch auf, wirft ein Sofakissen auf den Teppich und legt eine Decke drüber. "Das ging so", sagt sie und faltet in Sekundenschnelle einen perfekten Bettbezug, hier ein Knick, da einer. "Wenn wir es falsch machten, gab es den Hintern versohlt." Auf dem Weg zum Frühstücksraum marschierten die Kinder manchmal, dazu sangen sie dann, sie seien Gottes Armee. Anschließend gab es "Inspiration": "Wir mussten täglich mindestens eine Stunde beten und aus den MoLetters lesen." Dann, gegen Mittag, folgte die "Jesus Job Time": Abwaschen, Klos putzen, den Rasen mit einer Schere schneiden. Dann so eine Art Schule, Mathe, Englisch, ein bisschen Biologie. Und so ging es weiter, Tag für Tag.
"Ich bin nie sexuell missbraucht worden", sagt Linn, das gab es natürlich auch. "Für mich war das Schlimmste die ständige Demütigung", sagt sie, "wir wurden für Nichtigkeiten bestraft - mit Fliegenklatschen, mit Gürteln, oft vor der ganzen Klasse." Ständig habe man ihr den Mund mit Seife ausgewaschen, "manchmal musste ich tagelang mit einem Schild um den Hals herumlaufen, auf dem stand: 'Nicht mit mir sprechen, ich werde durch Schweigen bestraft'." Sie lebten zu dieser Zeit in San Luca, Italien, und Linn kam gerade in die Pubertät. "Ich hasste es, mit meinen schäbigen Kleidern durch Restaurants zu tingeln und Leute anzubetteln. Ich schämte mich."
Irgendwann stand sie in diesem Laden und hörte einen Song von Take That, verbotene System-Musik. "Ich liebte den Song, ich musste ihn haben." Und so nahm sie das Geld, das sie beim Singen für die Sekte verdient hatte, und kaufte sich ihre erste eigene Kassette. Bald darauf schnitt sie sich zusammen mit den Schwestern die langen Haare ab, hörte heimlich Radio, irgendwann beschlossen sie zu gehen.
Die Eltern ließen sie gehen, mieteten für die Kinder ein Haus in Bremen, begleiteten sie zunächst, meldeten sie bei Abendschulen an, sammelten Geld. "Sie halfen uns, ein Leben aufzubauen", sagt Linn, "dafür bin ich ihnen dankbar." Auch die Mädchen gingen weiterhin singen, um etwas zu verdienen, weil sie keine andere Lösung wussten. Aber sie gingen jetzt auch zur Schule, lernten ein normal geregeltes Leben kennen, später kellnerten sie. Schafften Stück für Stück den Einstieg ins System, das jetzt nicht mehr Unheil, sondern Rettung war. "Ich habe mit 14 zum ersten Mal eine Telefonnummer gewählt", sagt Linn.
Sie sei glücklich heute, sagt sie. Vielen anderen ist das noch nicht gelungen, für manche kam der Ausstieg zu spät.
Für Celeste Jones gerade noch rechtzeitig. Sie steht inmitten des Londoner Clubs und öffnet ihren Rucksack. Darin hat sie Kleider für einen Tag gepackt und ein Buch voller Namen, das sie hervorzieht. Da steht beispielsweise der Name von Ricky Rodriguez, dem Ziehsohn des Sektengründers David Berg, in schwarzen Druckbuchstaben. Der von Davida, Celestes kleiner Schwester, darunter zahllose andere, die in der Gruppe aufwuchsen.
Und sich umbrachten, als sie erwachsen waren.
"Ricky rief mich noch an, kurz bevor er sich erschoss", sagt Celeste, sie erinnere sich genau: Es war ein kalter Freitagabend, in ihrer Küche klingelte das Telefon. "Ich musste mich setzen, als ich seine Stimme hörte, so überrascht war ich", sagt Celeste. Sie habe ihm erzählt, dass sie jetzt studiere, Psychologie. Er aber sagte nur, dass er nicht mehr leben wolle, dass er müde sei, nicht vergessen könne. "Bevor er auflegte, bat ich ihn noch, sich in den nächsten Tagen zu melden", sagt Celeste, "ich sagte ihm: ,Wenn du jetzt aufgibst, dann haben die gewonnen.'"
Am Montagmorgen, zwei Tage nachdem bei Celeste Jones das Telefon geklingelt hatte, fanden Polizisten Ricky Rodriguez tot in einem silberfarbenen Chevrolet, irgendwo in einem Industriegebiet im kalifornischen Blythe.
Er hatte sich von rechts in den Kopf geschossen, die Augen waren geöffnet, Blut sickerte aus seinem Ohr. Vorher hatte er ein Abschiedsvideo ins Internet gestellt, 56 Minuten, auf dem er sein Waffenarsenal vorstellt, Pistolen, Messer, Bohrer, und erklärt, warum er sich rächen müsse. Dann lockte er sein ehemaliges Kindermädchen in sein Apartment und tötete es mit einem Messer, fünfmal stach er zu, bis das Blut auf den Teppich spritzte. "Ich erfuhr es noch am selben Tag über das Internet", sagt Celeste.
Kurze Zeit später wurde auch ihre Schwester Davida tot aufgefunden. Sie starb an einer Überdosis Heroin. "Wir fingen gerade an, etwas gegen die Family zu tun", Berichte ans FBI zu geben, an die britische Polizei. "Aber Ricky war überzeugt", sagt Celeste, "dass ihm kein Mensch diese Horrorstory glauben würde."
Celeste Jones steigt zusammen mit ihrer Schwester auf die Bühne und bittet die Gäste um eine Schweigeminute. Der Club hat sich gefüllt, über 30 Aussteiger sind gekommen. Es ist dunkel, nur ein paar Kerzen flackern, es riecht nach der Party vom Vorabend.
Auf den Tischen haben die Schwestern kleine weiße Zettel verteilt, darauf steht in kursiven Buchstaben "Glaube nichts, nur weil man es dir erzählt hat" oder "Du kannst einen Sänger einsperren, aber nicht seinen Song".
Es sind hauptsächlich ehemalige Children of God gekommen, eine Gruppe aus Berlin, Bekannte von Linn, dem Mädchen aus Freiburg. Eine Frau kam aus Paris, eine aus Amerika, der Rest aus England. Viele von ihnen kennen sich, umarmen sich, weil sie irgendwann einmal in irgendeiner Kommune zusammengelebt haben.
Auch ein paar ehemalige Scientologen sind da, eine junge Frau von einer buddhistischen Sekte, ganz gleich von woher: Sie alle gehören wie Celeste und Linn der zweiten Generation an, jenen Kindern, die keine Wahl hatten, weil ihre Eltern ihnen keine ließen.
Diese Aussteiger haben unterschiedliche Probleme und gleiche, je nachdem, wie autoritär die Sekten geführt werden, von denen es allein in Deutschland Dutzende gibt.
Celeste nimmt das Mikrofon in die Hand und dankt allen, die sie beim Ausstieg unterstützten. Sie wisse, dass sie es leichter hatte als andere, weil ihre Familie schon seit Jahren auf sie gewartet und für ihren Ausstieg gekämpft hatte. Ihre Mutter und Schwester hatten die Gruppe einige Jahre vor ihr verlassen und sich ein kleines Leben im englischen Nottingham aufgebaut, eine Dreizimmerwohnung, ein Verhältnis zu den Großeltern. Sie nahmen Celeste auf. Später bestand sie den Aufnahmetest an der Universität und zog nach Bristol. Und sie schrieb ein Buch: "Nicht ohne meine Schwestern - Gefangen und missbraucht in einer Sekte".
Später am Abend zieht Celeste Jones ihren jüngeren Bruder in eine dunkle Ecke des Clubs, "warte kurz hier", sagt sie, "ich will dir jemanden vorstellen".
Sie kommt mit einer jungen Frau an der Hand zurück, die gleichen blauen Augen wie Celeste, die gleiche Nase wie ihr Bruder. "Das hier ist unsere Schwester Lilly", sagt Celeste, "sie lebt in Frankreich." Bruder und Schwester reichen sich die Hand, merkwürdig unemotional, wie Geschäftsleute auf einer langweiligen Tagung.
"Nice to meet you", sagt David, Celeste nickt ihm aufmunternd zu, dann nimmt er seine neue Schwester doch noch in den Arm. Celeste lacht. Es sei fast schon zu normal für sie, neue Geschwister kennenzulernen, sagt sie, "wir Jones-Kinder sind alle in unterschiedlichen Kommunen aufgewachsen, keine Ahnung, wie viele es noch von uns gibt".
Sie legt den Kopf in den Nacken, nimmt den letzten Schluck aus ihrem Weißweinglas, dann sagt sie, sie wolle sich jetzt endlich mehr mit ihrer neuen Familie beschäftigen und dafür weniger mit der Family. "Und wer weiß", sagt sie und blickt auf ihre Geschwister, "vielleicht bete ich dann ja eines Tages sogar wieder zu Gott."
* Name von der Redaktion geändert.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 45/2008
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