DER SPIEGEL



KONGO

Jederzeit mordbereit

Es war eine grausige Nacht für den ostkongolesischen Ort Kiwanja: Die Maji-Maji-Milizen, am Vortag gerade erst vertrieben, eroberten das Dorf zurück und töteten dabei an die 60 junge Männer - Alltag im derzeit schlimmsten Land der Welt. Dass die von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon am vergangenen Freitag einberufene Sonderkonferenz mit Vertretern afrikanischer Staaten an diesen Zuständen etwas ändern wird, muss stark bezweifelt werden. Nicht einmal direkte Gespräche zwischen Kongos Staatschef Joseph Kabila und seinem ruandischen Kollegen Paul Kagame, dessen Land erheblichen Einfluss hat auf die im Ostkongo aktiven Tutsi-Rebellen, kamen einstweilen zustande. Stattdessen verdichteten sich Ende vergangener Woche Gerüchte, dass nun ebenfalls angolanische Verbände in der Kampfzone aktiv seien.

Die Angst wächst, der Krieg könnte auch auf andere labile Staaten Zentralafrikas übergreifen. Die Tutsi haben weite Teile der Provinz Nord-Kivu erobert und stolzieren in Polizei- oder Militäruniformen mittlerweile schon durch Orte an der Grenze zu Uganda, 1600 Kilometer von der Hauptstadt Kinshasa entfernt. Jederzeit mordbereit, mit Kalaschnikows im Anschlag, durchsuchen sie Lehmhütten in der Provinzstadt Rutshuru nach versteckten Feinden. "Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes" (CNDP) nennen sich die von Laurent Nkunda geführten Milizen.

Rutshurus neuer Bürgermeister Jules Simpeze Banga, ein von den Tutsi eingesetzter Hutu, wirft Kabilas Truppen "Bombardements und Plünderungen" vor. Deshalb möchte er seine Tutsi-Freunde aufgewertet wissen: "Der Staat kann sich hier nicht durchsetzen, jetzt herrscht der CNDP. Wir fordern ein Treffen mit der Regierung."

Die Gewalt im Kongo folgt einer komplizierten Logik. Die Gier nach den reichen Rohstoffvorkommen, gepaart mit dem Kampf um die politische Oberhoheit im kongolesischen Riesenreich sowie ethnische und regionale Konflikte sind ihre Komponenten - ein Friedenskonzept müsste alle widerstreitenden Interessen dauerhaft in Einklang bringen. Die Aufgabe scheint kaum lösbar, wenn schon ein Bürgermeister wie Banga vollmundig verkündet: "Wir wollen das ganze Land befreien. Wenn es die Menschen wollen, dann auch bis Kinshasa."


DER SPIEGEL 46/2008
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