10.11.2008

US-WAHL„Der schwarze Prinz“

Mit ungeheurer Erleichterung, Begeisterung und Freude, aber auch mit Nachdenklichkeit und Sorge nehmen europäische wie amerikanische Künstler und Intellektuelle den Einzug von Barack Obama ins Weiße Haus auf. In exklusiven Statements oder Interviews schildern sie hier ihre Reaktionen auf das amerikanische Wahlergebnis.
PETER HANDKE
"Die Welt kann frisch durchatmen."
Mag ja sein, dass die Wahl Barack Obamas nur ein Symbol bleibt und dass die Sach-, Geld- und Machtzwänge immer weiter zwingend bleiben. Aber ein Symbol ist eben nicht nur ein Symbol. Als Symbol hat es Realität und wird, so oder so, weiterwirken. Deswegen kann die Welt nicht bloß erst einmal erleichtert sein und aufatmen, sondern auch frisch durchatmen. Unser Planet erscheint so neu als eine weltweite Bucht, und die wird, hoffentlich, keine Wiederholung der Schweinebucht sein.
Wie ich vom Ausgang der Wahl erfahren habe? Ich erwartete, durch ein nächtliches Hupkonzert informiert zu werden, und als es dann ausblieb, fürchtete ich schon ... (Aber ich bedachte nicht, dass hier in meiner Niemandsbucht nachts kaum ein Auto fährt.) So schaltete ich den Fernseher an. Alaska ist zwar eins der Länder, die mir ans Herz gewachsen sind; noch im letzten Sommer bin ich mit meiner jüngsten Tochter in Nome an der Beringsee gewesen und fuhr dann mit der Alaska Railroad von Anchorage nach Talkeetna nah am Mount McKinley, und der erste Halt war Wasilla, wo Sarah Palin die Bürgermeisterin gewesen war. (Niemand stieg zu.) Aber die Liebe zu Alaska hat mich doch nicht zu dem Wunsch verführen können, Sarah möge Vizepräsidentin der USA werden. Wissen würde ich freilich gern, wie "meine" Indianer, die knapp 300 (vor 30 Jahren waren's noch weit mehr) in Fort Yukon am Yukon River, acht Meilen nördlich des Polarkreises, gewählt haben.
-----------------------------------
DANIEL KEHLMANN
"Jetzt ist es gut."
SPIEGEL: Herr Kehlmann, Sie sind extra nach New York geflogen. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?
Kehlmann: Zunächst bei einer privaten Party auf der Upper East Side, dann auf einer großen Wahlparty in einem Lokal in Harlem. Es war überwältigend, in diesem Moment in Harlem zu sein, wirklich überwältigend. Das war ja nicht nur ein Augenblick, es dehnte sich über Stunden.
SPIEGEL: Waren viele Weiße in diesem Lokal?
Kehlmann: Nur ein paar. Die Farbigen waren bei weitem in der Überzahl.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Stunden vor dem Ergebnis erlebt?
Kehlmann: Die Atmosphäre war freudig gespannt. Die meisten haben vorher schon damit gerechnet, dass Obama gewinnt. Als es dann passierte, konnten sie es trotzdem kaum glauben.
SPIEGEL: Die Fernseher liefen?
Kehlmann: Klar, die Wahlsendungen wurden per Beamer auf eine große Leinwand projiziert. Der Ton wurde runtergedreht, solange es keine neuen Ergebnisse gab, und man hörte zwischendrin Bob Marley. Immer wieder sein Lied "Buffalo Soldier". Der Text schien wie für die Situation geschrieben zu sein: "Stolen from Africa, brought to America, fighting on arrival, fighting for survival" (Aus Afrika gestohlen, nach Amerika gebracht, schon bei der Ankunft kämpfend, ein Kampf ums Überleben). Dazu wurde ausgelassen getanzt. Wenn wieder ein Bundesstaat an Obama ging, wurde gejubelt. Als er dann wirklich gewonnen hatte, gab es zehn Minuten lang einen derart ausgelassenen Aufruhr, wie ich es noch nie erlebt habe. Jubel, Erleichterung, Gelöstheit und glückliche Ungläubigkeit. Es war kaum jemand im Raum, der nicht geweint hat.
SPIEGEL: Wie wurden Sie behandelt?
Kehlmann: Das war wunderbar. Die Weißen, die da waren, wurden ununterbrochen umarmt, stumm, voll Glück: Wir haben es zusammen geschafft, jetzt ist es gut.
SPIEGEL: Obama war ja fast weltweit der ersehnte US-Präsident.
Kehlmann: Es ist interessant, dass das hier in den USA nicht Teil der Berichterstattung war, nicht einmal im Nachhinein. Ohne Internet hätte ich hier in New York nie erfahren, wie die Welt dazu steht. Das interessiert hier keinen. Nur einige Freunde haben mich gefragt, was man denn in Europa denke. Kaum jemand wusste hier, dass die Welt fast geschlossen für Obama war.
SPIEGEL: Muss Obama nun nicht zwangsläufig viele enttäuschen? Angesichts der gewaltigen Hoffnungen, die sich mit ihm verbinden?
Kehlmann: Das passiert jedem Präsidenten. Aber ich halte Obama für eine Ausnahmeerscheinung. Er hat das Zeug zu einem großen Präsidenten. John Updike hat kürzlich bei einer Veranstaltung gesagt, dieser Mann sei der Kandidat seines Lebens, es habe noch keinen gegeben, der so überzeugend war. Und er hat ja immerhin schon John F. Kennedy erlebt. Aber selbst wenn Obama sich nicht als ein so guter Staatsmann erweisen sollte, bleibt doch die Tatsache, dass es 2008 möglich gewesen ist, dass ein Schwarzer Präsident wurde. Das ist ein gewaltiger historischer Umschwung.
-----------------------------------
CORNELIA FUNKE
"Yes, we can."
Ja! Der Schwarze Prinz zieht ins Weiße Haus, und die USA beweisen wieder einmal, was mich als Europäerin immer wieder aufs Neue fasziniert: dass dieses Land sich ständig neu erfinden kann, dass es immer wieder urdemokratisches Denken beweist, sich in Frage stellt und erneut mit Leidenschaft in die Ideen verliebt, mit denen es gegründet wurde.
Ich weiß nicht, ob von Deutschland aus zu begreifen ist, was es für dieses Land bedeutet, dass es mit Barack Obama zum ersten Mal einen schwarzen Präsidenten hat. Auch wenn er einige der Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, enttäuschen wird - und das wird unumgänglich sein -, auch wenn er nicht einer der "großen" Präsidenten wird - er hat sicherlich das Potential dazu -, seine Wahl hat für jeden Schwarzen in den USA die Zukunft für alle Zeit verändert und jedem Weißen bewusst gemacht, wie sehr Rasse in den USA immer noch ein Thema ist und wie viel Hoffnung es macht, dass der 44. Präsident der USA dennoch schwarz ist.
Es ist sicherlich kaum je ein Präsident in einer schwierigeren politischen Situation an die Macht gekommen. Aber die Gelassenheit und Souveränität, die Obama in den drei entscheidenden Debatten mit McCain und während der Schlammschlacht dieser Kampagne bewiesen hat, lassen hoffen, dass er zumindest einige seiner Versprechen versuchen wird zu halten. Keine Geste des Triumphs selbst bei seiner ersten offiziellen Rede als "president elect". Er kommt gut ohne erhobene Stimme aus.
Seine persönliche Geschichte stellt sicher, dass er seine Rolle nie nur aus amerikanischer Perspektive verstehen wird, wie es in den letzten acht Jahren auf so fatale Weise geschehen ist, dass die meisten meiner amerikanischen Freunde sich schon schämten, in Europa Urlaub zu machen.
Es gibt noch einen anderen Aspekt, der diese Wahl meiner Meinung nach zu einem unerhört wichtigen Ereignis macht: Barack Obama als amerikanischer Präsident wird es terroristischen Organisationen in aller Welt schwerer machen, Nachwuchs zu rekrutieren. Wenn der Sohn eines kenianischen Austauschstudenten und einer Mutter aus Kansas Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte, ist die westliche Welt vielleicht doch nicht das abgeschottete Machtkartell, das sich nur mit Bomben erschüttern lässt.
Also ... wischen wir uns alle die Freudentränen aus dem Gesicht, die wir verschämt oder weniger verschämt geweint haben - was immer jetzt passiert, was immer dieser Präsident schafft oder nicht schafft, die Welt hat sich am 4. November verändert - und ich bin sicher, dass nicht einmal Martin Luther King, als er 1963 seine "I Have a Dream"-Rede hielt, davon geträumt hat, dass es in dem Land, das von Sklavenhaltern mitgegründet wurde, im Jahre 2008 einen schwarzen Präsidenten geben würde.
Um Obama zu zitieren: "Yes, we can." Daran sollten wir alle uns ab und zu erinnern. Aber meist sind wir wesentlich besser darin, uns all das aufzuzählen, warum wir nicht können.
-----------------------------------
FRITZ STERN
"Schweres Erbe"
Obamas Wahl ist ein unbeschreibliches Glück - eine Befreiung nach acht Jahren Schrecken, in einem Land, wo in schleichender Weise Recht und Verfassung verletzt wurden.
Verdient hat er diesen Sieg. Obama hat uns Amerikanern das geboten, was lange verloren war: Vertrauen und Hoffnung. Er verkörpert eine seltene Mischung von Bescheidenheit und Ausstrahlung; er konnte besonders junge Menschen begeistern mit seiner Überzeugung, dass das Land wieder einen Weg zu seinen besseren Traditionen finden muss. Er hat die Sprache befreit von den tödlichen Klischees des Triumphalismus, von Allmachtsphantasien im Namen Gottes. Auch Obama glaubt an die Einmaligkeit Amerikas - die seine eigene Biografie beweist -, aber er verzichtet auf militärische Töne.
Er hat mich von Anfang an überzeugt. Aber als ich dann sein Buch "Die Träume meines Vaters" las, festigte es meine Bewunderung: Es war ein Bekenntnis zu einem gefährdeten Leben auf verschiedenen Kontinenten, es besaß eine schlichte Ehrlichkeit, mit der er auch seine Suche nach höheren Zielen beschrieb.
Obamas Werdegang verweist auf die amerikanische Geschichte: Er begann seine politische Karriere in Illinois, demselben Staat wie Abraham Lincoln. Wie Lincoln kommt auch Obama aus bescheidenen Verhältnissen, wie Lincoln ist er Jurist - ein Anwalt für öffentlichen Anstand. Obama verkörpert die gleiche Mischung von politischem Geschick und historischer Demut, von stiller religiöser Kraft. Obamas Sieg bedeutet auch Lincolns endgültigen Sieg. Lincoln, der größte amerikanische Präsident, befreite zwar die Sklaven, aber der Rassismus blieb. Obama hat gezeigt, dass man auch den Rassismus besiegen kann. Obamas Wähler haben das Leben aller Amerikaner fundamental verändert.
Aber Obama ist auch "elitär" - so haben ihn manche beschimpft. Man wird nicht der erste Schwarze an der Spitze der "Harvard Law Review" ohne harte Arbeit, kühles Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft. Er lehrte Verfassungsrecht an der Universität Chicago: Die Verfassung ist die Basis unserer liberalen Demokratie. Er wird sich hoffentlich weiter als politischer Pädagoge betätigen. Ein in Teilen verführtes Volk braucht diese Lektionen. Dass Politiker auch diese Pflicht zur öffentlichen Erziehung haben, wird oft vergessen.
Was er nicht verdient hat - aber vielleicht im Wahlkampf gebraucht -, ist das schwere Erbe, das ihm und seiner Regierung aufgebürdet sein wird. Was haben wir alles verloren in den letzten acht Jahren! Der Vertrauensverlust hat fast alle Bereiche erfasst. Das Land ist tief verschuldet, wie auch viele seiner Bürger, verführt durch den seichten Konsum.
Wir stecken in einer Wirtschaftskrise und in einer moralischen Krise. Die alten konservativen Tugenden - fiskalische Verantwortung und bürgerliche Pflichten - sind verblasst. Außerdem wurden wir in einen Krieg hineingelogen, der uns geschwächt hat und dessen Folgen, wie die Folterungen von Abu Ghuraib und die Greuel von Guantanamo, uns weltweit schwersten Schaden zugefügt haben. Diese Vergehen sind eine einmalig schwere Erbschaft.
Obama und sein Sieg haben große Hoffnungen geweckt; Enttäuschungen sind wohl unvermeidlich. Aber in seinem Wahlkampf hat er gezeigt, wie gut er eine Mannschaft auswählen und organisieren kann. Er muss jetzt ein noch viel ausgewogeneres Team von Kabinettsmitgliedern aussuchen; er wird hoffentlich auch echte Konservative finden, die sich bewusst sind, wie sehr die amerikanische Justiz und gerade auch das Justizministerium angeschlagen sind.
Man muss den Abgrund kennen, vor dem wir gestanden haben, um unsere Freude zu verstehen. Wie oft - gerade auch in Deutschland - habe ich "das andere Amerika" beschworen, das Amerika, das nicht von Cheney verseucht, nicht von Neokonservativen aufgehetzt ist. Unter Obama hat dieses Amerika zusammengefunden. Die Demokratie in Amerika, die Alexis de Tocqueville als Vorbild kommender Dinge beschrieb, hat eine neue Chance. Möge das Land behutsam mit ihr umgehen - und mögen unsere Freunde in Europa unsere Freude und auch unsere Aufgaben wieder mit uns teilen.
-----------------------------------
JANN WENNER
"Ein Rockstar!"
SPIEGEL: Mr. Wenner, Sie haben Obama nun dreimal auf dem Titel Ihrer Musikzeitschrift "Rolling Stone" gehabt. Eigentlich müsste er Ihnen ein Ministerium anbieten. Welches würden Sie nehmen?
Wenner: Das Verteidigungsministerium würde mich reizen.
SPIEGEL: Welchen Krieg würden Sie als Erstes führen wollen?
Wenner: Gar keinen. Ich wäre der erste wirklich pazifistische Verteidigungsminister, genau das wäre der Witz.
SPIEGEL: Warum wird Obama ein guter Präsident? Nur weil er der Kandidat ist, der mehr rockt?
Wenner: Er repräsentiert unsere Werte einer toleranten Gesellschaft, die die Rechte von Frauen und von Minderheiten achtet, sexuelle Orientierungen respektiert, soziale Gerechtigkeit anstrebt, die Umwelt schützt.
SPIEGEL: Was hat Musik heute noch mit politischer Einstellung zu tun? Ist es wichtig, was einer auf seinem iPod hat?
Wenner: Ich glaube, Musik macht klar, welche Ideen und ästhetischen Konzepte man hat, also wenn Obama Bob Dylan mag, dann hat das schon Bedeutung.
SPIEGEL: "Blowin' in the Wind" ist Fahrstuhlmusik.
Wenner: Da wird's jetzt interessant. Obama hat ja nicht "Blowin' in the Wind" ausgesucht, sondern "Maggie's Farm". Das heißt, dass er den Dylan-Kanon sehr genau kennt, und dieser Song ist geradezu programmatisch: Da geht es um Emanzipation, der Typ wirft sein Joch ab und sagt: Ich schufte nicht mehr für andere. Clinton hätte "The Times They Are A-Changin'" gewählt, das liegt auf der Hand. Obama kennt sich aus, er ist selber ein Rockstar!
-----------------------------------
JULIA FRANCK
"Warum macht er das?"
Keine Frage, meine Hoffnung war schon nach der Entscheidung Hillary oder Barack, dass er Präsident wird. Dafür musste er nicht nach Berlin kommen und brauchte es keinen Zauber an der Siegessäule. Schuld war vielmehr seine Frau, die mich seit einiger Zeit zunehmend fasziniert. Der ernste und gefasste Gesichtsausdruck von Michelle beeindruckt mich mehr als das verlegen demonstrative Gähnen der Tochter an der Wahlurne neben ihren Eltern. Die Gelassenheit der Damen in Obamas Umfeld verspricht Klugheit.
Wächst man in einer Diktatur wie der DDR und mit mütterlich jüdischer Familie auf, so ist Misstrauen ein Reflex auf jede Sorte von Masseneuphorie. Morgen wird nicht alles gut sein. Amerika wird nicht durch einen Mann gerettet. Diese Wahnvorstellung von Größe und Führung in einer Person, die steckt doch noch in unseren Knochen. Mir macht keinerlei Hautfarbe Sorgen, auch sein athletisch gutes Aussehen führt noch zu keinem Verdacht. Aus Tradition wählt Amerika seine Präsidenten aufgrund ihrer darstellenden Qualitäten. Heute sind es diese, und das ist vorerst erfreulich.
Doch seit Wochen beschäftigt mich die Frage: Warum macht der Mann das? Warum riskiert er Leben, Ansehen und kostbare Lebenszeit für ein Unterfangen, in dem er sich mit jeder Zelle seines Körpers wird aufreiben müssen, um nur das Geringste zu bewirken? Eitelkeit, Liebe zu einer Frau namens Michelle, die ihn über Jahre begleitet und schließlich in diese Position gebracht hat - quasi als Märtyrer und Held? Meine Hoffnung wäre: weder noch. Meine Hoffnung ist, er führt etwas im Schilde. Er weiß, dass es um grundsätzliche und umso mühsamere ideologische Veränderungen geht. Er weiß, dass es Zeit braucht, mehr als eine, zwei oder drei Legislaturperioden - mehr Zeit, als er hat. Er weiß, dass es trotzdem notwendig ist und die Zeit langsam reift. Amerika geht es schlecht genug, der Einzelne könnte grundsätzlich die ideologischen Werte seiner Gesellschaft hinterfragen. Obama könnte eine Neuformung dieser kulturellen Werte initialisieren. Vielleicht wird Amerika eines Tages nicht mehr für Coca-Cola, den Weihnachtsmann und den Irak-Krieg stehen, und es lacht bald alle Welt über das Finanzwesen des letzten Jahrhunderts, es finden sich neue Gelegenheiten, neue Mittel, um von Werten in Wirtschaft und Kultur zu sprechen. Ich beneide Barack Obama um keinen Tag seines Amtes. Wenn es ihm aber gelingen sollte, diese tiefen Wurzeln, die Ursachen unserer Kriege - Angst, Neid und Gier - auch nur ein wenig zu behandeln, dann kann er viel erreichen. Nichts Geringeres als eine winzige ideologische und damit kulturelle Wende.
-----------------------------------
PETER ZADEK
"Frische gegen Mief"
Ich freue mich, dass dies noch in meiner Lebzeit passiert ist. Ich hoffe auf das Ende der sinnlosen Kriegsspiele. Ich hoffe sogar, dass sich durch den frischen Obama die miefige deutsche Regierung erneuern muss und Amerika wieder Zentrum der Erneuerung und des Gleichgewichts wird. Ich würde mich am meisten freuen, wenn es in Deutschland bei der nächsten Wahl einen ähnlichen Schwarzen gäbe.
-----------------------------------
AKON
"Es ist ein Signal."
SPIEGEL: Bedeutet Barack Obama, der Harvard-Absolvent, den Jugendlichen aus dem Ghetto eigentlich etwas?
Akon: Natürlich. Er hatte die Jugend, die ich mir für alle schwarzen Jugendlichen wünschen würde. Der Vorwurf des Elitären ist nicht haltbar, weil er immer auch in die Stadtviertel ging, wo man Leute wie ihn brauchte; und sogar das versuchten McCain und Palin gegen ihn zu verwenden. Dass dieser Mann gewählt wurde, ist für alle von großer Bedeutung, er steht für einen historischen Umschwung. Die vorangegangenen Generationen sind so verdorben, so kleingeistig. Bald wird "Rasse" einfach kein Thema mehr sein. Die Leute, für die Hautfarben noch eine Rolle spielen, sind erzogen worden von der Vergangenheit selbst. Aber wir sind die Zukunft, und Obama macht das sichtbar.
SPIEGEL: Was ist Ihnen wichtiger: dass Obama ein Demokrat ist - oder der erste schwarze US-Präsident?
Akon: Ich hätte natürlich auch einen Weißen gewählt, würde er genauso denken wie Obama, oder einen Inder oder sonstwen. Der Fakt, dass Obama schwarz ist, ist nur ein Bonus - weil es hilft, die Geschichte zu heilen, weil es ein Signal ist.
SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich von Barack Obama als Präsident?
Akon: Ich hoffe, dass er dem Gegenwind aus den Reihen der Abgeordneten standhält - und es in vier Jahren schafft, Bushs Fehler auszubügeln. Zu viel mehr reicht die Zeit wohl nicht.
-----------------------------------
JEFFREY EUGENIDES
"Amerika erneuert sich selbst."
Die Dinge haben sich geändert und gleichzeitig auch nicht in jener Nacht, in der Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Die Arbeitslosenquote ist nicht heruntergegangen. Die Anzahl männlicher Schwarzer in den Gefängnissen, die mangelhaften Zustände in städtischen Schulen, die Zahl der Ausbildungsabbrecher sowie die Armutsrate unter den Afroamerikanern - nichts von all dem hat sich schlagartig verbessert.
Was sich aber verändert hat, ist etwas, das vielleicht - mit einiger Mühe und nach einiger Zeit - zu einer Verringerung dieser Probleme führen wird. Wie der Historiker Taylor Branch einmal feststellte, war die Verbesserung der Rassenbeziehungen in der amerikanischen Geschichte immer von Perioden der Hoffnung begleitet. Sowohl der Sezessionskrieg als auch die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre kamen zu einem Zeitpunkt, an dem die Amerikaner merkten, dass die Freiheiten, die unsere Verfassung garantierte, nicht weit genug gingen. Wenn Amerika sich selbst erneuert, dann tut es das über die Rassenbeziehungen. Ich habe in den USA und in Europa gelebt. Und mir kam es immer so vor, als würden Europäer glauben, die Rassenproblematik in den USA hätte sich nicht verändert seit den 1950er Jahren - oder den 1850er Jahren.
Doch diese Wahl hat dazu einiges klargestellt. Es haben mehr weiße Amerikaner für Barack Obama gestimmt als 2004 für John Kerry. Es gab keinen Bradley-Effekt in den Wahlumfragen. Trotz der schwerwiegenden Rassenprobleme, denen wir in diesem Land immer noch gegenüberstehen, haben die USA auf sehr elementare und konkrete Weise einen beispiellosen Fortschritt auf diesem Gebiet gemacht. Die Amerikaner hatten in den letzten acht Jahren wenig, worauf sie stolz sein konnten, und vieles, für das sich schämen mussten.
Die Wahl von Obama aber ist ein klares Zeichen für eine Veränderung von Gemütslage und Weltanschauung. In den ersten 20 Jahren meines Lebens, von 1960 bis 1980, wurde Amerika gelenkt von liberaler Orthodoxie. Im Jahr 1980, mit der Wahl Ronald Reagans, begann eine konservative Ära, die bis heute anhielt. Und jetzt ist etwas Neues auf dem Vormarsch, nicht die alte liberale Orthodoxie der sechziger Jahre, sondern etwas anderes, etwas, das genauso viel Hoffnung in sich trägt, aber hoffentlich ein bisschen pragmatischer und effizienter ist.
Abschließend möchte ich sagen, was ich und all meine Zeitgenossen in diesen letzten ekstatischen Tagen immer wieder gesagt haben: Politisch gesehen ist dies der größte Moment unseres Lebens.

DER SPIEGEL 46/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

US-WAHL:
„Der schwarze Prinz“

Video 01:08

Erste Parlamentsrede Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus

  • Video "Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin" Video 23:10
    Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin
  • Video "Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai" Video 01:16
    Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai
  • Video "Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber" Video 01:48
    Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber
  • Video "Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft" Video 59:39
    Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft
  • Video "Geschäftsaufgabe wegen Brexit: Verrückt ist noch nett gesagt" Video 03:11
    Geschäftsaufgabe wegen Brexit: "Verrückt ist noch nett gesagt"
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede" Video 04:34
    100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede
  • Video "Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner" Video 02:55
    Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner
  • Video "Fahrenheit 11/9 von Micheal Moore: Wie konnte das nur passieren?" Video 02:25
    "Fahrenheit 11/9" von Micheal Moore: "Wie konnte das nur passieren?"
  • Video "Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz" Video 00:50
    Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz
  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Amateurvideo: Explosion in Lyon" Video 00:46
    Amateurvideo: Explosion in Lyon
  • Video "Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?" Video 01:20
    Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?
  • Video "In Spanien vermisster Zweijähriger: Hoffnung, dass er noch lebt" Video 01:00
    In Spanien vermisster Zweijähriger: "Hoffnung, dass er noch lebt"
  • Video "Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht" Video 00:30
    Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht
  • Video "Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus" Video 01:08
    Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus