17.11.2008

STRAFVERFOLGUNGLeiharbeiter des Todes

Wird der gebürtige Ukrainer John Demjanjuk vor einem deutschen Gericht als SS-Scherge angeklagt? Es wäre ein Coup für die Nazi-Jäger - doch juristische Details stehen im Weg.
Bei seinem ersten großen Auftritt vor der Weltöffentlichkeit fiel Iwan "John" Demjanjuk vor allem durch Provokationen auf: Nach seiner Ankunft in Tel Aviv, mit Flug aus New York, versuchte er, niederzuknien und den Boden des Heiligen Landes zu küssen - seine Bewacher rissen ihn zurück.
Im Jerusalemer Gerichtssaal grüßte Demjanjuk, angeklagt als Holocaust-Handlanger der SS, fröhlich auf Hebräisch in die Runde, während der Verhandlung irritierte er durch Luftküsse und Dehnübungen.
15 Jahre nach seinem Freispruch in Israel könnte Demjanjuk erneut in ein fernes Land ausgeflogen und dort vor Gericht gestellt werden - in Deutschland. In der vergangenen Woche hat die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg ihr Vorermittlungsverfahren abgeschlossen und einen 140 Seiten starken Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft München I übersandt.
Demjanjuk, heißt es in der Akte, habe sich der Beihilfe zum Mord in mindestens 29 000 Fällen schuldig gemacht. Die Staatsanwaltschaft München soll die Auslieferung des mittlerweile 88-jährigen Pensionärs betreiben - er wohnt in einem Vorort von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio.
Es könnte der finale Akt in einem pannenreichen internationalen Justizdrama werden, das nun schon seit über 30 Jahren andauert.
Wer ist der Mann, der hinter dem KZ-Arzt Aribert Heim als Nummer zwei auf der Liste der noch lebenden Kriegsverbrecher geführt wird? Iwan Demjanjuk wurde am 3. April 1920 im ukrainischen Dubowije Makarensy geboren. Der bullige Kerl arbeitete die meiste Zeit seines Lebens als Traktorist, Kraftfahrer oder Autowerker - zuerst auf einer ukrainischen Kolchose, nach dem Zweiten Weltkrieg für verschiedene internationale Flüchtlingsorganisationen in Süddeutschland und schließlich, seit den fünfziger Jahren, in einer Fabrik des Autoherstellers Ford in Ohio.
Nur in den drei Jahren zwischen 1942 und 1945 hatte er wenig mit Fahrzeugen zu tun. Da gehörte er nach Ludwigsburger Erkenntnissen zu den sogenannten Trawniki, einer Schar von rund 5000 "fremdvölkischen Hilfswilligen", Balten, Ukrainern, Wolgadeutschen. Sie machten für die Nazis die Drecksarbeit in den eroberten Ostgebieten, teils freiwillig, oft auch erzwungen. Stationiert im SS-Ausbildungslager Trawniki bei Lublin, rückten sie für zeitlich begrenzte Einsätze aus.
Diese Leiharbeiter des Todes nahmen an Massenerschießungen teil und halfen, Juden-Ghettos auszulöschen. In den Vernichtungslagern trieben sie die Menschen aus den Zügen zu den Auskleideplätzen und schließlich in die Gaskammern.
Demjanjuk geriet 1942 als Rotarmist in deutsche Kriegsgefangenschaft. "Für einen Laib Brot hätte ich meine Seele gegeben", sagte er später einmal vor Gericht. Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben in deutschen Lagern. Demjanjuk überlebte - er wurde Trawniki und diente nacheinander in den Nazi-Lagern Majdanek, Sobibor und schließlich Flossenbürg in Bayern. Anfang 1945 schloss er sich der Wlassow-Armee an, einem russischen Freiwilligen-Verband, der aufseiten der Deutschen gegen die Sowjets kämpfte.
Auch im Chaos der Nachkriegszeit bewies Demjanjuk Überlebenskraft: Er heuerte in einem Flüchtlingslager für Displaced Persons in Landshut als Fahrer an, es folgten weitere Stationen in Regensburg, Ulm, Ellwangen, Bad Reichenhall und schließlich ab Mai 1951 in Feldafing im Landkreis Starnberg. Seine SS-Vergangenheit wurde nie zum Thema.
Auf seiner Odyssee durch Süddeutschland lernte Demjanjuk seine spätere Frau Wera kennen, das Paar bekam eine Tochter, Lydia. Die junge Familie stellte den Antrag, nach Amerika auswandern zu dürfen, im Januar 1952 setzte sie mit dem ehemaligen Truppentransporter "General Haan" von Bremerhaven nach New York über.
Demjanjuk wurde von Bauern in Indiana beschäftigt, später zog die Familie nach Ohio um, wo der Familienvater den Job bei Ford bekam. Zwei weitere Kinder, Irene und John jr., kamen zur Welt, die Demjanjuks bezogen ein schmuckes Haus in Seven Hills, wo sie heute noch leben.
Ende der siebziger Jahre erhielten amerikanische Behörden Hinweise darauf, dass Demjanjuk an NS-Verbrechen beteiligt war. 1986 wurde er von den Vereinigten Staaten an Israel ausgeliefert und dort 1988 zum Tode verurteilt. Fünf Holocaust-Überlebende hatten ihn auf einem Foto als "Iwan den Schrecklichen" identifiziert, jenen Aufseher, der im Vernichtungslager Treblinka schrecklich gewütet hatte.
Doch es stellte sich heraus, dass Demjanjuk und "Iwan der Schreckliche" nicht dieselbe Person waren. Der echte Iwan hieß wahrscheinlich mit Nachnamen Martschenko; er wurde 1943 beim Häftlingsaufstand in Treblinka mit einer Schaufel erschlagen.
Der oberste Gerichtshof Israels musste im Jahr 1993 das Todesurteil "wegen begründeter Zweifel" aufheben. Die Überlebenden und ihre Familien waren entsetzt, Demjanjuk durfte als freier Mann auf Staatskosten in der Business Class zurückfliegen.
Die deutschen Fahnder fühlen sich nun besser gerüstet: Sie haben Dokumente, Zeugenaussagen und Deportationslisten gesammelt, in deutschen, israelischen und amerikanischen Archiven recherchiert. Der Ludwigsburger Chefermittler, Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, spricht von "neuen Beweisen" und betont: "Nach unserer Auffassung kann Anklage erhoben werden."
Seit einigen Monaten hat Demjanjuk keine rechtliche Handhabe mehr gegen seine Auslieferung. Im Mai dieses Jahres bestätigte der Oberste Amerikanische Gerichtshof in der letzten Instanz, dass der mutmaßliche SS-Verbrecher ausgewiesen werden soll.
Demjanjuks Dienstausweis besagt, dass er seit dem 27. März 1943 Aufseher in Sobibor war, im heutigen Ostpolen. Die Ludwigsburger Ermittler halten dies Dokument entgegen früherer Zweifel für echt und sehen darin das zentrale Beweisstück. Außerdem sagte ein Kumpan Demjanjuks aus, mit ihm die Deportierten aus den Waggons getrieben zu haben.
Es gibt auch Belege für den Dienst des Verdächtigen in anderen Lagern: Aus Majdanek ist für Januar 1943 eine Disziplinarstrafe von einigen Stockhieben dokumentiert. Demjanjuk büxte trotz einer Typhus-Quarantäne gemeinsam mit drei Kameraden aus dem Lager aus - Papiere legen nahe, dass sie ein nahe gelegenes Bordell besuchten. Im Konzentrationslager Flossenbürg in Bayern tat Demjanjuk wohl zwischen Herbst 1943 und Anfang 1945 Dienst, dafür bekam er Waffen ausgehändigt.
Doch die Ermittlungen konzentrieren sich auf Sobibor: Sobibor war ein reines Vernichtungslager. Wer dort als Wachmann arbeitete, nahm am Morden teil.
Die Ludwigsburger Fahnder trugen die Namen von 29 000 Menschen zusammen, die aus dem Durchgangslager Westerbork nach Sobibor deportiert und dort während Demjanjuks Zeit als Wachmann ermordet wurden, darunter 1900 Deutsche.
Eine Meldekarte Demjanjuks aus dem Jahr 1951, die die Ermittler im Rathaus von Feldafing im Landkreis Starnberg entdeckten, soll nun helfen, den Fall vor ein deutsches Gericht zu bringen: Demnach sei die Staatsanwaltschaft München zuständig. Das passt auch sonst: Die Staatsanwaltschaft zählt zu den drei deutschen Ermittlungsstellen, die auf NS-Verfahren spezialisiert sind.
Die Münchner Experten baten in der vergangenen Woche erst einmal um Geduld: "Wir lassen uns nicht unter Druck setzen", sagt Christian Schmidt-Sommerfeld, der Leitende Oberstaatsanwalt. Zuerst gelte es zu prüfen, ob seine Behörde überhaupt zuständig sei. Die Münchner wollen dazu die relevanten Meldeunterlagen selbst noch einmal durchgehen. "Wir müssen uns der Sache sicher sein", sagt Schmidt-Sommerfeld, mit einer Anklage im laufenden Jahr sei kaum zu rechnen.
Es ist gut möglich, dass München sich für nicht zuständig erklärt. Dann müsste der Bundesgerichtshof entscheiden, wohin der Fall geht - eine weitere zeitraubende Schleife in der komplizierten Affäre.
Der Fall hätte schon viel früher gerichtlich geklärt werden müssen. Doch Demjanjuk profitierte von einem multinationalen Behördenversagen: Das amerikanische Office for Special Investigations (OSI) etwa, die US-Sonderermittlungsbehörde für NS-Verbrechen, hielt zunächst wichtige Dokumente zurück, weil sie nicht ins Anklagemuster Israels passten.
Und in der Bundesrepublik fühlt sich bis heute keine Staatsanwaltschaft zuständig für ausländische NS-Täter, die in deutschem Namen in eroberten Ländern gemordet hatten. Als im Sommer dieses Jahres ein Brief des OSI das Auswärtige Amt in Berlin davon informierte, dass man sich eine Auslieferung nach Deutschland vorstellen könne, mussten die Ministerialen feststellen, dass hierzulande gar kein Verfahren gegen Demjanjuk geführt wird.
Nun wächst der internationale Druck auf die deutschen Strafverfolger. "Wir sind erfreut über die neuen Entwicklungen in der Demjanjuk-Saga", sagt Jeffrey Sinensky vom American Jewish Committee.
Der Pariser Nazi-Jäger Serge Klarsfeld, dessen Organisation umfangreiches Belastungsmaterial zu Demjanjuk gesammelt hat, begrüßt die Initiative ebenfalls, hofft jedoch, dass ein möglicher Prozess nicht erneut scheitert: "Das wäre das Schlimmste, denn ein Freispruch kann so wirken, als seien die verhandelten Verbrechen nicht geschehen."
Selbst wenn München sich für zuständig erklärt, wird die Causa zunächst nochmals auf die politische Bühne gehoben. Das nötige "Inhaftnahmeersuchen" aus München ginge über das bayerische Justizministerium ans Bundesjustizministerium (BMJ). Das BMJ trifft die Entscheidung über die Weiterleitung an die USA, in Fällen von besonderer politischer Relevanz gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesinnenministerium.
Ob das Justizdrama noch einen Abschluss findet, ist fraglich. Das größte Problem wird wohl die Verhandlungsfähigkeit des Verdächtigen. Sein Vater sei nicht in der Lage, sich in weiteren ausländischen Verfahren zu verteidigen, schrieb John Demjanjuk jr. an eine Nachrichtenagentur.
Demjanjuk und seine Familie haben die Taten stets bestritten. Es gehe längst nicht mehr um Gerechtigkeit, findet sein Sohn auch jetzt wieder. Die deutschen Ermittler wollten ja bloß in der Presse gut dastehen.
JAN FRIEDMANN, MARCEL ROSENBACH
Von Jan Friedmann und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 47/2008
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