17.11.2008

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich, der brillante Drecksack“

Er hat Mao und Pol Pot getroffen. Er hat den Terroristen Carlos und Nazi-Schlächter Barbie verteidigt: Jacques Vergès, 83, ist der wohl berüchtigtste Rechtsanwalt der Welt. Sein neuester Mandant ist Khieu Samphan, Ex-Staatschef der Roten Khmer - vor Gericht wegen Kriegsverbrechen.
SPIEGEL: Maître Vergès, lieben Sie das Böse?
Vergès: Die Natur ist wild, unberechenbar und sinnlos grausam. Den Menschen unterscheidet vom Tier die Chance, sich für das Böse auszusprechen. Das Verbrechen ist das Kennzeichen unserer Freiheit.
SPIEGEL: Eine zynische Weltanschauung.
Vergès: Eine realistische.
SPIEGEL: Sie haben einige der schlimmsten Massenmörder der neueren Geschichte verteidigt, man nennt Sie auch den "Advokat des Teufels". Warum fühlen Sie sich so zu Mandanten wie Carlos und Klaus Barbie hingezogen?
Vergès: Ich glaube, jeder hat - was immer er getan haben mag - das Recht auf einen fairen Prozess. Die Öffentlichkeit ist immer schnell bei der Hand mit dem Etikett des "Monsters". Aber Monster gibt es nicht. Ebenso wenig wie das absolut Böse. Meine Mandanten sind Menschen - Menschen mit zwei Augen, zwei Händen, einem Geschlecht und Gefühlen. Das macht sie ja so unheimlich.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Vergès: Das Schockierende ist doch, dass das "Monster" Hitler seinen Hund so sehr liebte und seinen Sekretärinnen Handküsse gab - wie wir aus der Literatur über das Dritte Reich und dem Film "Der Untergang" wissen. Und das Interessante bei meinen Mandanten besteht darin, zu erfahren, was sie dazu bringt, diese grausamen Dinge zu tun. Ich habe den Ehrgeiz, den Weg, der sie zu diesen Taten geführt hat, zu beleuchten. Ein guter Prozess gleicht einem Stück von Shakespeare, einem Kunstwerk.
SPIEGEL: Sie stehen zurzeit selbst im Pariser Theater "Madeleine" auf der Bühne, als Hauptdarsteller eines von Ihnen verfassten Ein-Personen-Stücks.
Vergès: Es geht natürlich um mich, um den Beruf des Anwalts und um die Natur von Gerichtsverfahren: In jedem Prozess spielt sich unter aller Augen ein Drama ab, ein Duell zwischen der Verteidigung und der Anklage. Beide erzählen nicht unbedingt wahre, aber mögliche Geschichten. Zum Schluss wird einer zum Sieger erklärt - das hat nicht immer mit Gerechtigkeit zu tun.
SPIEGEL: Gibt es Menschen, deren Verteidigung Sie aus Prinzip nicht übernehmen würden?
Vergès: Eines meiner Prinzipien ist, keine Prinzipien zu haben. Deshalb würde ich auch niemanden ablehnen.
SPIEGEL: Sagen wir, Adolf Hitler ...
Vergès: ... ich hätte Hitler verteidigt, ich würde auch Osama Bin Laden als Mandanten akzeptieren, sogar George W. Bush - vorausgesetzt, er bekennt sich schuldig.
SPIEGEL: Sie wollen jetzt nicht im Ernst Hitler, Bin Laden und Bush und deren Verfehlungen in einem Atemzug nennen.
Vergès: Jedes Verbrechen ist einmalig, jeder Täter ebenso. Schon deshalb verbieten sich Vergleiche.
SPIEGEL: Ihr neuester Klient ist Khieu Samphan, ehemals Staatschef im berüchtigten Reich der Roten Khmer - ein Mann, mit dem Sie eine erstaunliche Vorgeschichte verbindet. Sie haben ihn vor über 55 Jahren in Paris kennengelernt, wo Sie gemeinsam einer kommunistischen Gruppe angehörten. Khieu Samphan steht demnächst in Phnom Penh vor Gericht. Vor dem Tribunal wird es auch um Völkermord gehen.
Vergès: Es gab in Kambodscha keinen Völkermord.
SPIEGEL: Wirklich nicht? Durch das Terror-Regime der Roten Khmer sind innerhalb von weniger als vier Jahren rund 1,7 Millionen Menschen umgekommen.
Vergès: Diese Zahlen sind übertrieben. Es gab viele Morde - und einige davon sind unverzeihlich, das sagt im Übrigen auch mein Mandant. Es gab auch Folterungen, das soll nicht entschuldigt werden. Aber von einem gezielten Genozid zu sprechen ist trotzdem falsch. Die allermeisten Menschen kamen durch Hunger und Krankheiten ums Leben.
SPIEGEL: Für diese Entbehrungen trug doch das Regime allein die Verantwortung.
Vergès: Eben nicht. Das war eine Folge vor allem der Blockadepolitik der USA. Man darf die Geschichte Kambodschas nicht mit der Machtergreifung der Roten Khmer von 1975 beginnen lassen. Dieser Vorgang hat eine blutige Vorgeschichte: Die Amerikaner unter Präsident Richard Nixon und Sicherheitsberater Henry Kissinger haben Anfang der Siebziger die Zivilbevölkerung Kambodschas mit einem brutalen Bombardement überzogen.
SPIEGEL: Sie können ja Henry Kissinger als Zeugen im Rote-Khmer-Prozess vorladen.
Vergès: Das behalte ich mir in der Tat vor. Aber ich bezweifle, dass er auch erscheinen würde. Ich sehe übrigens noch nicht, dass der Prozess in Phnom Penh überhaupt stattfinden wird.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf? Für die Vorbereitung des Tribunals haben die internationale Staatengemeinschaft und die kambodschanische Regierung schon mehr als 50 Millionen Dollar ausgegeben. Im Fall Duch, Chef des schlimmsten Foltergefängnisses der Roten Khmer, soll bald die Verhandlung beginnen.
Vergès: Mag sein, dass der Prozess gegen Duch bald beginnt - aber nicht der gegen die anderen vier Inhaftierten, gegen den ehemaligen Roten-Khmer-Vize Nuon Chea, gegen die Ex-Minister Ieng Sary und Ieng Thirith, und auch nicht der Prozess gegen Ex-Staatschef Khieu Samphan. Er wird noch im Vorfeld scheitern, der Gerichtshof von Phnom Penh hat seine Glaubwürdigkeit und Legitimität bereits verspielt.
SPIEGEL: Warum denn das?
Vergès: Nur zwei Beispiele für den Dilettantismus der Ankläger: Ieng Sary wurde bereits von einem kambodschanischen Gericht verurteilt und 1996 dann durch ein königliches Dekret begnadigt - es widerspricht allen Rechtsnormen, ihn ein zweites Mal wegen der gleichen Vergehen vor Gericht zu stellen. Und mein Mandant müsste freigelassen werden, weil das Gericht elementare Rechte der Verteidigung missachtet. Obwohl das Tribunal drei Gerichtssprachen als gleichwertig anerkennt, hat man es nicht für nötig gehalten, mehr als einen Bruchteil der auf Khmer verfassten Dokumente ins Französische zu übersetzen. Ohne Kenntnis dieses "Beweismaterials" kann ich meinen Klienten unmöglich verteidigen ...
SPIEGEL: ... und das haben Sie lautstark im Gerichtssaal von Phnom Penh zum Ausdruck gebracht, sind türenschlagend aus der Anhörung gestürmt.
Vergès: Ich musste mir sogar gefallen lassen, dass ein Richter meinem Mandanten empfahl, sich einen anderen Rechtsbeistand zu besorgen. Eine Unverschämtheit!
SPIEGEL: Halten Sie grundsätzlich nichts davon, dass sich Politiker wegen Massenmords oder Bruch des Völkerrechts verantworten müssen?
Vergès: Das ist nicht das Hauptproblem. Der Prozess vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag gegen Milosevic ...
SPIEGEL: ... den mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher, den Sie ebenfalls juristisch beraten haben ...
Vergès: ... war eine Farce. So was riecht immer nach Siegerjustiz. Das gilt auch für die Nürnberger Prozesse, aber da hat man sich zumindest an bestimmte Regeln gehalten. Der ehemalige Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht etwa wurde damals in allen Anklagepunkten freigesprochen. Mein Mandant Khieu Samphan war auch für Wirtschaftsdinge zuständig, aber im Vergleich zu Nürnberg befinden wir uns vor dem Gericht in Phnom Penh in der totalen Illegalität. Was sich da abspielt, grenzt an Lynchjustiz.
SPIEGEL: Könnte Ihr auffallend großes Verständnis für die Roten Khmer auch etwas mit Ihrer persönlichen Geschichte zu tun haben? Sie kennen Pol Pot und Khieu Samphan seit den fünfziger Jahren aus Paris.
Vergès: Ich war damals kommunistischer Studentenführer und hatte mit vielen ausländischen Studenten aus der linken Szene Kontakt. In der Tat habe ich mich auch mit Saloth Sar getroffen, der sich später Pol Pot nannte. Er war ein junger Mann, der Rimbaud liebte und ganz gerührt war von dessen Gedichten. Es fehlte ihm auch nicht an Humor.
SPIEGEL: Humor? Er war ein Massenmörder, neben Hitler, Mao und Stalin sicher der schlimmste des letzten Jahrhunderts.
Vergès: Fest steht: Der intellektuellste unter all den Khmer-Studenten, die mit einem Stipendium von König Sihanouk ihrer Ausbildung nachgingen, war Khieu Samphan. Er hat mit einer klugen Arbeit über die kambodschanische Wirtschaftsentwicklung promoviert. Es ist richtig, dass ich in gewisser Weise zu seiner Politisierung beitrug: Saloth Sar und Khieu Samphan waren wie andere auf der Suche nach Vorbildern für den antikolonialen Kampf in ihrer Heimat. Khieu Samphan wurde zum Marxisten.
SPIEGEL: Wann haben Sie ihn wiedergesehen?
Vergès: Erst 2004. Er teilte mir damals mit, dass er mit einer Anklage rechnen müsse. Da bin ich dann zu ihm nach Kambodscha gefahren, und wir haben vier Tage zusammen in seinem Haus nahe der thailändischen Grenze gesessen, um gemeinsam eine Verteidigungsstrategie zu entwickeln.
SPIEGEL: Und wie sieht die aus?
Vergès: Ganz einfach, mein Mandant hat nie eine verantwortliche Position im Polizei- oder Sicherheitsapparat des Landes innegehabt, er hatte lediglich eine technische Rolle. Er hat als Staatsoberhaupt repräsentiert, er war nicht verantwortlich für die Repression. Er ist ein sanfter Mensch. Er ist unschuldig.
SPIEGEL: Glauben Sie das tatsächlich?
Vergès: Ja, natürlich. Er wollte lediglich eine politische Kaste beseitigen, nicht die dazugehörigen Bürger, er war ein Idealist, der revolutionären Ideen nachhing. Wissen Sie, der Westen will immer allen Lektionen erteilen, aber sollte man das wirklich tun, wenn man, wie die USA, selbst bei Kriegen zur angeblichen Weiterverbreitung der Demokratie Tausende Zivilisten umbringt, wenn man für Guantanamo und Abu Ghuraib verantwortlich ist? Wenn man sich die Finger so schmutzig gemacht hat wie Frankreich in Algerien?
SPIEGEL: Sie haben 1957 viele Mitglieder des FLN, der algerischen Befreiungsfront, verteidigt und sich damit als Anwalt einen
Namen gemacht. Ihre Mandanten hatten sich mit Terrormethoden gegen die französischen Kolonialherren aufgelehnt. Sie haben sich weitgehend mit ihnen solidarisiert.
Vergès: Ja, ich habe ihnen damals gesagt, ich verstehe eure Wut, ich verstehe euren Kampf, ich unterstütze, was ihr tut. Ich habe auch die Gewalt gutgeheißen, die sie anwendeten. Ich habe den FLN als ein Organ des Widerstands angesehen.
SPIEGEL: Haben Sie selbst in Ihrem Leben so viel erlitten, dass Sie dieses Verständnis für Gewalttaten aufbringen?
Vergès: Wissen Sie, es gibt so eine Mode, das eigene Tun damit zu erklären, dass man selbst ein Opfer sei. Ich verabscheue das! Es ist wahr, dass mein Vater seinen Posten als Konsul im kolonialen Indochina aufgeben musste, weil er eine Vietnamesin heiratete. Er ist dann mit uns nach Réunion gegan-
gen, der französischen Filiale vor Afrikas Küste, und hat dort als Arzt gearbeitet. Ich bin ein Wesen mit doppelter Herkunft, aber ich bin keine zerrissene Existenz. Ich bin nicht mit der Wut im Bauch geboren. Ich habe mir diese Wut angeeignet.
SPIEGEL: Trotzdem werden behütete Pariser Söhne andere Erfahrungen gemacht haben.
Vergès: Sicher. Ich habe seit meiner Kindheit erlebt, was Diskriminierung ist. Ich habe in Madagaskar einmal ein fürchterlich dickes europäisches Paar gesehen, das sich in einer Rikscha von einem abgemagerten Einheimischen ziehen ließ. Als sie anhalten wollten, haben sie dem Mann einfach einen Tritt gegeben - mit einem Esel wären sie nicht so umgegangen. Ich habe von Kindheit an erlebt, was Kolonisierung bedeutet. Und ich habe es sehr früh schon verabscheut.
SPIEGEL: Sie sind dann 1942 auf ein Schiff Richtung Europa gestiegen und haben sich dem französischen Widerstand gegen die Nazis angeschlossen. Warum?
Vergès: Ich habe als 17-Jähriger 1942 in den Forces libres von Charles de Gaulle gekämpft, gegen die Nazi-Besatzung. Weil ich ein Frankreich verteidigen wollte, das mir neben der Kolonialmacht Frankreich, die ich verachtete, lieb und teuer geworden war: das Frankreich von Montaigne, Diderot, Robespierre und der Revolution. Und die Idee, unter de Gaulle zu dienen - unter jemandem, der von der französischen Regierung zum Tode verurteilt worden war -, gefiel mir sehr. Wir haben in England und Algerien trainiert, in Italien und Frankreich gekämpft.
SPIEGEL: War das nicht lebensgefährlich?
Vergès: Doch, im Prinzip schon. Ich allerdings habe mir in dieser Zeit nur eine einzige Verletzung zugezogen, beim Öffnen von Austern vor der Ile d'Oléron, hier ein tiefer Schnitt an der Hand ...
SPIEGEL: ... weil Sie offensichtlich einen Schutzengel hatten.
Vergès: Ich bin immun gegen Kugeln, sagen wir es so.
SPIEGEL: In Ihrem ersten großen Prozess als junger Anwalt übernahmen Sie 1957 einen hoffnungslosen Fall - die Verteidigung der algerischen Widerstandskämpferin Djamila Bouhired, angeklagt wegen Bombenattentaten, bei denen auch Zivilisten ums Leben kamen.
Vergès: Ich stand voll und ganz auf ihrer Seite - sie war eine Patriotin. Sie wurde in der Haft brutal gefoltert.
SPIEGEL: In dem Prozess haben Sie erstmals Ihre bis heute berühmte Strategie des Bruchs, der "défense de rupture", eingeführt, das Prinzip der Verteidigung durch einen politischen Gegenangriff. Warum?
Vergès: Die anderen französischen Anwälte, die in Algier die Verteidigung übernommen hatten, haben versucht, einen Dialog mit den dortigen Militärrichtern zu beginnen. Für die Richter war der FLN eine kriminelle Bande. Die algerischen Angeklagten aber sahen ihre Anschläge als einen notwendigen Akt des Widerstands. Es gab also keinen Konsens über die Prinzipien, in deren Namen geurteilt werden sollte. Das bedeutete für mich, ich musste das Geschehen aus dem Gerichtssaal hinaus verlagern und die öffentliche Meinung für die Angeklagten gewinnen.
SPIEGEL: Das funktionierte. Nach einer internationalen, von Ihnen mitorganisierten Kampagne kam die zum Tode Verurteilte schließlich frei und wurde Ihre Lebensgefährtin. Im März 1963 fuhren Sie mit ihr nach China, um mit Mao Zedong Tee zu trinken. Wie kamen Sie zu der Privataudienz beim Großen Vorsitzenden?
Vergès: Ich leitete damals eine Zeitung in Algerien, die "Révolution Africaine" hieß und vom FLN unterstützt wurde. Die Chinesen hatten Mitglieder der Redaktion nach Peking eingeladen. Wir haben dann sehr viele ernsthafte politische Diskussionen geführt. Überraschend aber war die menschliche Seite Maos, er hatte etwas Rührendes. Er hat mich allen Ernstes gefragt, ob ich vorhabe, Djamila zu heiraten. Ich sagte, ja, das habe ich vor, und er antwortete: "Tun Sie's. Das wird zwar sicher eine schwierige Liaison, aber die Liebe ist eine subversive Kraft."
SPIEGEL: Würden Sie Mao auch mit dem Wissen von heute, mit dem Wissen um die 30 Millionen Hungertoten, die er damals schon durch seinen "Großen Sprung" zu verantworten hatte, noch so positiv sehen?
Vergès: Ich glaube, dass jeder Qualitäten und Schwächen hat. Ich hatte das große Glück, nur Maos positive Qualitäten kennenzulernen.
SPIEGEL: Auch Che Guevara haben Sie getroffen.
Vergès: Ja, in Paris, er kam gerade von einer Reise aus der Schweiz zurück, seine erste Frau arbeitete bei uns in der Redaktion. Er war beeindruckend, ein Mann von ungeheurem Charisma.
SPIEGEL: Man hat Sie später verdächtigt, selbst Terroristen geholfen zu haben. Zu Recht? Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, sich dem Kampf Ihrer Mandanten anzuschließen?
Vergès: Ich habe Achtung vor dem, was viele von ihnen getan haben, aber ich würde es selbst nicht tun.
SPIEGEL: Achtung vor Terroristen - wie können Sie das mit Ihrem Gewissen, Ihrer Rechtsauffassung in Einklang bringen?
Vergès: Magdalena Kopp beispielsweise, die langjährige Lebensgefährtin von Carlos, war eine junge Deutsche, die Fotografie studiert hatte, Reporterin werden wollte. Dann hat sie das alles hinter sich gelassen und ist in den Nahen Osten gegangen, um dort an der Seite der unterdrückten Palästinenser zu kämpfen. Das ist ein sehr selbstloser Akt, für den ich nichts anderes als Sympathie empfinden kann.
SPIEGEL: Überschreiten Sie damit als Anwalt nicht eine rote Linie?
Vergès: Was bedeutet denn diese rote Linie? Meine verdammte Pflicht als Anwalt ist es, jeden zu verteidigen und insbesondere die mit den schwerwiegendsten Anklagen. Zweitens: Ich darf mich mit diesen Taten nicht identifizieren. Wenn mein Mandant Klaus Barbie mich gebeten hätte, in meinem Plädoyer die Überlegenheit der arischen Rasse darzulegen, dann hätte ich ihm gesagt, tut mir leid, das kann ich nicht, ich bin Maître Vergès, ein in Paris zugelassener Anwalt, kein Obersturmführer.
SPIEGEL: Haben Sie lange gezögert, die Verteidigung des Ex-Gestapo-Chefs Barbie, des "Schlächters von Lyon", zu akzeptieren?
Vergès: Keine Sekunde. Bei Barbies Prozess 1987 in Lyon stand ich ganz allein 39 Anwälten der Gegenseite und dem Richter gegenüber. Das war schon Grund genug, Barbies Verteidigung zu übernehmen.
SPIEGEL: Sie brauchten Polizeischutz, nachdem Sie im Gerichtssaal Frankreich den Spiegel vorhielten und die Zusammenarbeit vieler Franzosen mit den Nazis anprangerten.
Vergès: Die Schönheit eines Prozesses bemisst sich auch nach der Spur, die er hinterlässt, noch lange nach dem Urteil.
SPIEGEL: Wie haben Sie Barbie erlebt?
Vergès: Er war ein überraschend gewöhnlicher Mann, keine herausragende Persönlichkeit. Aber man darf natürlich nicht vergessen, dass zwischen den Taten, die er beging, und dem Prozess über 40 Jahre lagen, es war nicht mehr derselbe Mann.
SPIEGEL: Sie müssen es wissen. Sie sind in den siebziger Jahren ja selbst auf einmal spurlos von der Bildfläche verschwunden. Ohne Ihre Familie zu benachrichtigen, tauchten Sie für acht Jahre ab. Bis heute weiß niemand, wo Sie damals waren.
Vergès: André Malraux hat einmal gesagt, die Wahrheit eines Mannes liegt vor allem in dem, was er verschweigt ...
SPIEGEL: ... das heißt, Sie haben nicht vor, dieses Geheimnis jemals zu lüften?
Vergès: Warum sollte ich das tun? Es ist doch sehr amüsant, dass in unserem modernen Polizeiapparat niemand nachvollziehen kann, wo ich fast zehn Jahre lang war. Man hat mich in dieser Zeit bei den Roten Khmer in Kambodscha vermutet, in Palästina, in China und in Frankreich. Ich habe gern meine Nachrufe gelesen. Von einem sehr begabten jungen Mann war da die Rede, der nun von dieser Welt gegangen sei.
SPIEGEL: Viele Ihrer Mandate übernehmen Sie ohne Bezahlung. Sie haben auch schon Prostituierte und arme Kinder verteidigt. Wie finanzieren Sie Ihre Kanzlei?
Vergès: Keine Sorge. Es gibt auch Indu-strieunternehmen, die ich vertrete und die mich sehr gut bezahlen, da bleibt schon mal was übrig.
SPIEGEL: Die Rede ist auch von afrikanischen Potentaten, bei denen Sie angeblich auf der Payroll stehen und die Sie beraten. Der Kongolese Moïse Tshombé, der am Mord an Lumumba beteiligt war, gehörte dazu; und für den Togo-Gewaltherrscher Eyadéma verklagten Sie sogar Amnesty International ...
Vergès: ... die Falsches behauptet hatte. Auch das Gute muss gewisse Grenzen einhalten.
SPIEGEL: Eyadéma, Tshombé und Konsorten - sind das nicht Leute, bei denen Sie sagen könnten, mit denen möchte ich nichts zu tun haben?
Vergès: Ja, das könnte ich tun, aber das wäre ungefähr so, als ob ein Arzt seinem Patienten sagt: "Wissen Sie, Sie haben Aids, aber ich mag keine Schwarzen, ich halte sie für Verbrecher, es ekelt mich an, also werde ich Sie nicht behandeln."
SPIEGEL: Ein Mediziner muss Hilfe leisten,
als Anwalt sind Sie nicht verpflichtet, jeden Mandanten zu akzeptieren.
Vergès: Wenn Sie einen Arzt treffen, der kein Blut, keinen Eiter, keine offenen Wunden sehen kann, dann hat er seinen Beruf verfehlt. Wenn Sie einen Anwalt treffen, der keine Verbrecher, keine Kriminellen und keine Diktatoren mag, ist das nicht anders.
SPIEGEL: "Meine Moral ist, gegen jede Moral zu sein, weil sie das Leben festzurren will", haben Sie einmal geschrieben.
Vergès: Ja, in einem autobiografischen Buch, das ich nach einem Journalisten-Zitat über mich genannt habe, "Le Salaud lumineux": Ich, "der brillante Drecksack".
SPIEGEL: Könnte es sein, dass Sie Ihren Beruf vor allem zur permanenten intellektuellen Provokation nutzen?
Vergès: Ich nutze ihn vor allem zur permanenten intellektuellen Bereicherung. Der Blick auf die Welt verändert sich mit der Zeit, da er aus verschiedenen Perspektiven erfolgt. Dank meines Berufs kenne ich jetzt den Blick des Terroristen und des Polizisten, des Verbrechers und des Idioten, der Jungfrau und der Nymphomanin auf die Welt. Und ich kann Ihnen sagen, man sieht danach besser.
SPIEGEL: Maître Vergès, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Links: in Peking 1963; rechts: beim Schauprozess in Nordkambodscha 1997.
* Mit den Redakteuren Britta Sandberg und Erich Follath in Vergès' Pariser Kanzlei.
Von Britta Sandberg und Erich Follath

DER SPIEGEL 47/2008
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