17.11.2008

KulturDas Geheimnis an der Wand

Nahaufnahme: Wie zwei Gemälde aus der venezianischen Schule eine ganze Familie überraschten
Jahrzehntelang hatte die alte Dame ihre Frankfurter Dreizimmerwohnung nicht mehr verändert. Als sie voriges Jahr im Alter von 92 Jahren starb, hätten die Angehörigen um ein Haar die klobigen, ziemlich ramponierten Möbel, allerlei Gerümpel und Nippes in einen großen Container werfen und abholen lassen. Das fand auch B., 40, Ehemann einer der drei Erben, so in Ordnung.
Doch kurz bevor es dazu kommt, sitzt der Kaufmann aus Reinbek eines Nachts am Computer und klickt sich durch zahllose Seiten des virtuellen Auktionshauses Ebay. Er lernt: Selbst scheinbar nutzloser Ramsch kann im Internet zum begehrten Sammlerobjekt avancieren. Also bestellt B., nach Rücksprache mit der Familie, den Container ab, fotografiert akribisch Sessel, Schränke und Kommoden und stellt die Bilder ins Netz. Er verlangt erst einmal einen Euro pro Objekt und lädt Interessenten zu einem Besichtigungstermin in die Wohnung der Verstorbenen.
30 potentielle Käufer reisen an, darunter ein Kunsthändler aus Schweinfurt, der auf das Foto eines zerschlissenen Sofas aufmerksam geworden ist. Doch er interessiert sich nicht für die Couch, sondern für zwei verstaubte Ölbilder, die er im Hintergrund entdeckt hat. Es sind fein konturierte und zurückhaltend kolorierte Veduten, die bekannte Blicke auf Venedig zeigen. Wert und Herkunft unbekannt.
Spontan bietet der Mann 5000 Euro für beide Gemälde, die Scheine hat er bar in der Hosentasche. B. erschrickt ein wenig, freut sich, lehnt aber ab. Das schnelle Gebot und die Wortkargheit des Kunsthändlers sind ihm suspekt. "Langsam begann ich, den Braten zu riechen", sagt er heute.
Es dauert nur eine Woche, da erhält die Familie Post aus Schweinfurt. Der Kunsthändler lässt sich nicht abwimmeln - er bietet nun das Vierfache, also 20 000 Euro, für beide Werke. B.: "Ab diesem Tag wollten wir es genau wissen."
Doch zu einem privaten Kunstexperten will er nicht gehen. Zu groß ist die Sorge, dass ihm erneut ein unrealistischer Preis genannt wird. Schließlich lässt er sich von Freunden davon überzeugen, die Geschichte publik zu machen. B. wählt das Fernsehen. Seine Begründung: "In der Öffentlichkeit wird man weniger leicht übers Ohr gehauen."
Und so wickelt der Kaufmann die beiden Veduten in große Decken und schleppt sie zum Casting der leicht staubig-schrulligen NDR-Sendung "Lieb & teuer", in der Kunstexperten Antiquitäten von Zuschauern begutachten.
Schon im Flur vor dem Studio hat die Gemäldeexpertin Barbara Guarnieri, 38, das Gefühl, dass es sich hier, wie sie sagt, um "etwas Besonderes handeln" müsse. Im Casting gibt sie aber nichts preis.
Als B. Wochen später endlich in die Sendung geladen wird, steht ihm der Schweiß auf der Stirn. "Ich fühlte mich wie vor der Aufklärung eines Verbrechens", sagt er, der noch heute aufgeregt gestikuliert, wenn er von seinem Abenteuer erzählt.
Die Kommissarinnen, in diesem Fall Moderatorin Ann-Katrin Schröder und Expertin Guarnieri, lassen sich Zeit. Ob B. schon mal in Venedig war, wollen sie vor laufender Kamera wissen. Das sei schon länger her, antwortet dieser. Die Entstehung der Gemälde liege ja ebenfalls eine Weile zurück, scherzt die Moderatorin. B. blickt gequält, wenigstens geht es jetzt wieder um die Werke.
Man plaudert über gemalte Kirchen und Paläste und natürlich die mögliche Herkunft
der Bilder. Da enthüllt Guarnieri die Sen-
sation: Eines der Gemälde müsse Mitte des
18. Jahrhunderts in der Werkstatt Bernardo Belottos entstanden sein, der sich wie sein berühmter Onkel und Lehrer Giovanni Antonio Canal auch Canaletto nannte. Das zweite Bild hingegen sei eine Kopie im Stile Canalettos aus dem 19. Jahrhundert.
B. schweigt geduldig, auf Fragen antwortet er so knapp wie möglich. Er weiß, dass die Erwartungen der Show-Teilnehmer meist enttäuscht werden. Die Expertin schiebt nach: Bis zu 60 000 Euro könne er für die Kunstwerke erwarten. B. entfährt gerade noch ein "Okay", dann berichtet er über den Container, der eigentlich schon bestellt war.
Die Familie ist sich einig, man will verkaufen. Kunst an der Wand ist eine schöne Sache, aber Geld auf dem Konto auch.
Ein Schweizer Auktionshaus wird beauftragt, die Bilder schafft B. nach Zürich, an einem Septembertag ist Versteigerung. Fast 40 Bieter heben anfangs die Hand, der Preis schießt schnell über die erwarteten 60 000 Euro hinaus. B. sitzt mittendrin, blickt auf die beiden Veduten, die vorn wie auf einem Altar thronen. Es fällt ihm schwer stillzuhalten. "Das war wie im Film, so unwirklich."
Am Ende bleiben vier hartnäckige Telefonbieter, dann zwei, der Hammer fällt "wie in Zeitlupe", erzählt B.. Und der Auktionator ruft endlich den Verkaufspreis aus: Für 220 000 Euro gehen die Gemälde an einen Antiquitätenhändler aus London. Mehr darf die Familie über den Käufer nicht erfahren. B. ist das auch gar nicht so wichtig. "Die Bilder hatten sowieso keinen emotionalen Wert für uns."
Mit seinem Anteil an dem Erbe hat er sich einen alten Wunsch erfüllt: B. ist jetzt Inhaber eines Ladens für Quads und Motorroller im Industriegebiet von Reinbek. Nebenher kümmert er sich noch um den Verkauf der verbliebenen Objekte. So untersuchte er kürzlich ein düsteres Gemälde, das eine Frauengestalt zeigt. "Plötzlich entdeckte ich, dass hinten van Dyck draufstand." Da habe sein Herz einen riesigen Satz gemacht.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet.
Doch diesmal Fehlanzeige: kein van Dyck, nur 100 Euro wert. ARIANE VON DEWITZ
* Mit Expertin und Moderatorin der NDR-Sendung "Lieb & teuer"; oben: vor seinem neuen Laden in Reinbek.
Von Ariane von Dewitz

DER SPIEGEL 47/2008
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