23.10.1978

Regeln wie beim Roulett

Dr. med. Hans Paulsen über Medizin-Statistik

Ein Mann, der mit einem Fuß auf einer heißen Herdplatte steht und mit dem anderen in Eiswasser, hat - statistisch gesehen - angenehm warme Füße. Das ist die Logik des Mittelwerts. Sie ist in der Medizin gang und gäbe.

Wenn es einer Klinik gelingt, den einen Krebspatienten zehn Jahre am Leben zu erhalten, sein Leidensgenosse aber schon an der Operation gestorben ist, dann gelten beide Patienten als gerettet: Durchschnittlich haben sie ihre Krankheit fünf Jahre überlebt, und diese Frist definiert man als "Heilung".

Ein guter Arzt traut deshalb keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht hat. Man nennt das "bereinigen" und macht es so:

Erst überlegt man, wie das "Patientenmaterial" ein bißchen "aufgebessert" werden kann. Es empfiehlt sich, die ohnehin hoffnungslosen Fälle gar nicht erst zu berücksichtigen, weil sie ja entweder "anbehandelt" oder schon "austherapiert" sind. Auch eine Altersgrenze sollte man setzen, wenn's geht, schön niedrig. Vor allem aber muß man aufpassen, daß ein paar Patienten im Beobachtungskollektiv sind, deren Heilung schon feststeht. Wo bleibt sonst der Erfolg?

Solche Rausreißer gibt's in jedem Krankenhaus und selbst für die gewöhnlich tödlichen Leiden: Da wird beispielsweise einem Mann ein tuberkulöser Rundherd aus der Lunge herausoperiert, reine Routine, und anschließend findet der Pathologe unterm Mikroskop in der Wand dieses Herdes ein winzig kleines Krebszellnest, mit bloßen Auge gar nicht sichtbar. "Alarm!" und doch zugleich eine beruhigende Freude: Dieser Mann gilt nun als Lungenkrebspatient, als ein - dank Früherkennung - Geretteter.

Vom Krebs geheilt kann man auch werden, wenn man gar keinen hat - das ist das Geheimnis der Wundertäter, die den Tumor in einem Aufwasch erst diagnostizieren und dann gleich verschwinden lassen.

Freilich fürchten sich auch manche Uni-Kliniken, die archivierten Gewebsschnitte ihrer Karzinompatienten ein paar Jahre später von anderen Doktoren noch mal begutachten zu lassen. So richtig bösartig sieht manche "Krebszelle" dann eben doch nicht aus ...

Ein erfahrener Medikus "bereinigt" seine Statistiken immer am "Urmaterial", dort, wo es keiner kontrollieren kann. Dagegen ist es leichtfertig, die auf dem Urmaterial basierenden Zahlenspiele ohne Netz vorzuführen. Viele Knoten halten besser. Man gibt ihnen solch schöne Namen wie "Signifikanz", "Randomisierung", "Korrelation"; und wer auf sich hält, teilt in der Fußnote mit, daß ein Computer mitgerechnet hat.

Bei den Schlußfolgerungen, besonders den kühnen, ist man dann wieder ganz auf sich selbst gestellt. Der Nachweis, daß die stetige Abnahme der Klapperstörche den Geburtenrückgang bewirkt hat, ist noch leicht zu führen; Kein logisch denkender Mensch wird das bestreiten, schließlich fallen beide Zahlen seit zwei Jahrzehnten synchron. Schon schwieriger, wenn man Ursachen für Tatsachen sucht, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind - etwa deshalb, weil man "um" und "auf" verwechselt hat.

Denn wer in seinem Sprengel eine Zunahme der Tripperfälle von 20 auf 70 beobachtet, der rechnet richtig, wenn er sagt, daß die Zahl um 250 Prozent gestiegen sei - oder auf 350 Prozent. Aber bestimmt nicht um 350 Prozent. Alles klar?

Am erfreulichsten liest sich Medizinalstatistik, wenn von der "Wahrscheinlichkeit" die Rede ist. Diese Rechenkunststücke leiten sich alle von der Theorie des Glückspiels ab. Und da spielt der Zufall die Hauptrolle, den der Mensch bekanntlich nur grundsätzlich, aber nicht tatsächlich analysieren kann. So schwarz die Wolke auch sein mag, die - wahrscheinlich - über irgendeiner Gruppe von Menschen, den Rauchern etwa, aufzieht, so licht ist doch die Hoffnung für den einzelnen.

Aus der Statistik lassen sich nämlich niemals Voraussagen für den Einzelfall herleiten. Mag ja sein, daß eine Statistik vieles zeigt, das Entscheidende bleibt verhüllt (genau wie beim Bikini).

Für die Prognose des Einzelschicksals gilt die Regel, die beim Roulett keiner so recht glauben will: Hundertmal hintereinander kann "Rot" gekommen sein, deshalb ist "Schwarz" beim 101. Mal genauso wahrscheinlich wie beim erstenmal, kein bißchen mehr. Oder, anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit fangt jedesmal wieder von vorne an. Auch in der Heilkunst.


DER SPIEGEL 43/1978
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