16.10.1967

THEATERNach dem Buh

Rolf Hochhuths "Soldaten" hatten keine Fortüne. Die 150 Rezensenten und Sendboten von 44 Rundfunk- und TV-Anstalten, die am vergangenen Montag in Berlins Freier Volksbühne das Churchill-Pasquill besahen, urteilten meist nörgelnd:
Die "Bombe detonierte wie ein feuchtter Knallfrosch" ("Financial Times"); im "Römerdrama eines edel denkenden Studienrates" ("Süddeutsche Zeitung") "langweilte man sich mächtig" ("Die Welt").
Dem "Volkshochschulkurs in Geschichte" ("The Guardian") gebrach es an "Klarheit und Schwungkraft" ("Herald Tribüne"). "FAZ": "Wir haben noch keinem kühneren Mißlingen zugesehen."
Hochhuth hatte sein Kunersdorf einsam aus einer Beleuchter-Kanzel hoch über dem Publikum verfolgt; eine verwirrende Strategie war dem Debakel vorausgegangen.
Bis zum letzten Augenblick schrieb Hochhuth noch Dialoge um; einzelne Szenen im Vorspiel erwiesen sich als schlecht spielbar; Hans Christian Blech, dessen Bomberpiloten-Rolle durch die radikalen Kürzungen verkümmert war, drohte mit Rücktritt.
Auf der Generalprobe, einen Tag vor der Uraufführung, ließ der Regisseur Hans Schweikart dann zwei Figuren tilgen: Der "Stachelschwein"-Kabarettist Wolfgang Gruner, als Sowjet-Offizier engagiert, und Robert Dietl, sein US-Pendant, traten ab.
Auf der gleichen Probe erregte der Kabarettist Wolfgang Neuss, der in der Rahmenhandlung einen deutschen Nato-Offizier vorstellt, Verwunderung - sein Text wirkte plötzlich lückenhaft. Grund: Neuss, der seinen Part während früherer Proben durch eigene Worte gelängt hatte, ließ die Zusätze plötzlich weg.
Der Künstler bekam die Auflage, in der Premieren-Nacht wieder alles zu sagen - unter anderem eine launige Bemerkung über Axel Springers Auslandsdienst (SAD), den Neuss als "SA-Dienst" apostrophierte.
Anderthalb Stunden vor der Weltpremiere kürzte Schweikart zum letztenmal. Das Nachspiel der Rahmenhandlung wurde gekappt, Textblöcke wurden ins Vorspiel montiert. Beleuchter und Vorhangzieher, vom vorverlegten Finale überrascht, ließen durch verwirrende Licht- und Vorhang-Spiele das Publikum im unklaren, ob das Ende da sei.
Aber auch "Soldaten"-Aktionen außerhalb des Theaters verscherzten sich den Erfolg durch mangelhafte Strategie. Die Berliner Horror-Kommune wollte, wie vorher schon bei einem Boulez-Konzert, während der Hochhuth-Premiere Freiheit für ihren inhaftierten Kollegen Teufel fordern.
Der Coup war so geplant: Um den Kommunarden ins Theater zu helfen, wollte Neuss sein Garderobenfenster offenlassen, eine grüne Leuchtrakete sollte den abschirmenden Polizeitrupp verstören und ablenken, und dann gedachten die Bürgerschrecker von hinten auf die Bühne zu treten. Hektographierte Flugblätter - Textprobe: "Auf der Bühne die großen Gauner. Im Parkett die kleinen" - lagen zum Abwurf bereit.
Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und sechs Sympathisanten der Revoluzzer versammelten sich plangemäß gegen 20 Uhr vor dem "Reichskabarett", nahe dem Theater. Doch dann harrte der Stoßtrupp unter den Bäumen vor dem Schauhaus vergeblich auf ein Feuerzeichen - im Nieselregen zündete die Rakete nicht. Und auch der Einstieg blieb verwehrt - Neussens Fenster war geschlossen Eine andere Luke, die Neuss geöffnet hatte, fanden die Kommunarden nicht.
Verdorben war der Abend, meint der "Soldaten" - Verleger Rowohlt, dennoch - durch den Dolchstoß eines deutschen Nachrichten - Magazins; schon bei der morgendlichen Pressekonferenz am Premieren-Montag schien es dem "Theater heute" - Chef Henning Rischbieter "überflüssig, daß noch der Vorhang aufgeht, nachdem heute morgen im SPIEGEL ein zutreffender Verriß des Stückes gestanden hat".
Heinrich Maria Ledig-Rowohlt glaubt, daß eine "gewisse negative Beeinflussung der Kritiker" stattgefunden hat: "Die Meinung von Augstein", sagt der Verleger, "beeinflußt doch unzählige Menschen."
Nicht alle. Denn als Deutschlands Kritiker am Morgen nach der Premiere darangingen, die "Soldaten" zu beschreiben, lag ihnen bereits eine wohlwollende Rezension in der Londoner "Times" vor.
Die Briten waren fixer als die deutschen Gutachter: Schon am Morgen nach der Premiere boten mehrere englische Blätter komplette "Soldaten"-Kritiken. Die deutschen Morgenzeitungen lieferten dagegen im besten Fall nur ein paar Zeilen "Vornotiz"; das Hauptwerk bescherte erst der nächste Tag.
Der auch für amerikanische Kritiker selbstverständliche Brauch, noch in der Premieren-Nacht zu rezensieren, war ehedem in Deutschland üblich - bis Joseph Goebbels im Mai 1936 die "Nachtkritik" verbot. Dem Kunstbetrachter sollte Zeit bleiben, sich an der Sprachregelung des Propaganda-Ministers zu orientieren.
Rolf Hochhuth begann schon vor den Presse-Schlägen seine "Wunden zu lecken": Von Buh-Rufen nach der Aufführung getroffen, suchte er während der Premierenfeier in Berlins "Walliser Stuben" Trost beim Hochhuth-Förderer Kenneth Tynan; der Chefdramaturg des Londoner National Theatre hatte das Churchill-Drama stets als "Meisterwerk" gefeiert.
Zwar hat der britische Zensor die "Soldaten" für England verboten, aber Tynans Chef, Laurence Olivier, gibt nicht auf - er erwarb zu den englischen Rechten die Option für eine Aufführung in New York. Sechs Bühnen in Deutschland, sechs im Ausland haben bislang Premieren zugesagt, sechs weitere verhandeln noch.
Hochhuth sah sich mit Sohn Martin, 6, eine der nächsten Aufführungen an und war erfreut von der "starken Publikumsreaktion". Er bleibt noch eine Weile in Berlin, um in Dahlemer Galerien Bilder für einen Maupassant-Band auszusuchen, den er ediert.
Später will Hochhuth eine Komödie verfassen. Er hält sich, sagt er, an ein Wort Hugo von Hofmannsthals: "Nach verlorenen Kriegen soll man Lustspiele schreiben" - Churchills Tante?
Hochhuth-Premiere "Soldaten" in Berlin*: Nach Dolchstoß und Debakel ...
Englische "Soldaten"-Karikatur
... blieb Churchill Sieger
Dramatiker Hochhuth, Familie: Ein verschlossenes Fenster
Hochhuth-Gegner Langhans, Kunzelmann
... stoppte die Kommune
* Werner Hessenland, O. E. Hasse, Albert Lieven.

DER SPIEGEL 43/1967
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