24.11.2008

JUSTIZDresdner Ikarus

Ein Stasi-Opfer erpresste 25 Jahre nach einer gescheiterten Republikflucht die damals auf ihn angesetzten Spitzel - weil er wollte, dass ihre Namen und ihre Taten öffentlich werden.
In manchen Nächten zweifelt Michael Schlosser an seinem Verstand. Mitten in der Finsternis schreckt der 64-Jährige dann schweißgebadet hoch - und da steht er vor ihm: Erich Honecker. Direkt am Bett. Stumm. Und schaut auf ihn hinab.
"Verrückt, oder?", Schlosser schüttelt den Kopf, wenn er die Geschichte erzählt. Manchmal, so sagt er, höre er nachts auch das Klappern von Schlüsseln wie einst in Bautzen. Und wenn der Sachse seine Wohnung verlässt, dann selten ohne eine gelbe Gummiente hinter die Eingangstür zu legen. Mit einem Bindfaden zieht er das Spielzeug sorgfältig von außen bis an die Türschwelle und befestigt die Schnur unter dem Vorleger. "Ist der Faden gerissen, dann war jemand in meiner Wohnung."
Verrückt ist relativ, wenn jemand den Mühlen der DDR-Staatssicherheit entronnen ist. Schlosser wollte 1983 mit einem selbstgebauten Flugzeug fliehen und wurde nach Hinweisen eines Spitzels kurz vor dem Start abgefangen. Er verlor Hab und Gut, die berufliche Existenz, die Freiheit. Nach 13 langen Monaten in Haft kaufte ihn der Westen für 96 000 Mark frei.
25 Jahre ist das alles her. Doch Schlosser kann nicht vergessen. Nicht, nachdem er mehr als 4000 Seiten Stasi-Akten zu seinem Fall in sich hineingefressen hat. Er will die auf ihn damals angesetzten Spitzel nicht davonkommen lassen. Schlosser forderte von zwei Stasi-Zuträgern 80 000 Euro, sonst würde er sie enttarnen. Stasi-Opfer erpresst Spitzel. Das ist wie Mann beißt Hund. Etwas wirklich Verrücktes.
Es war einer jener trostlosen Abende vor dem Fernseher, der das Leben von Michael Schlosser nachhaltig veränderte. Ende 2007 flimmerte eine lahme MDR-Produktion über die Mattscheibe. Müde starrte der Sachse auf den Apparat, gerade lief der Abspann. Da blitzte er plötzlich auf, dieser Name. "Requisite: Stefan S." Schlosser hatte den Namen immer wieder gelesen in seiner Akte, hatte Kindern in Schulen aus den Berichten des IMS "Peter Schwarzer" vorgelesen, damit sie den Irrsinn des SED-Staates begreifen. Stefan S. hatte die Wende also unbeschadet überstanden, während er selbst nachts von Honecker träumte und das Haus noch immer durch den Hintereingang verließ. Stefan S. schien genauso davongekommen zu sein wie Jürgen R., der zweite Spitzel, IMS "Jens Trädner", der ihn der Stasi ans Messer lieferte.
Am 1. November 2007 schrieb Schlosser dem Spitzel einen Brief: "Dem IMS Jens Trädner ... zur Information!" Für die gesundheitlichen Schäden durch die Haft, für menschliches Leid und Verlust von Eigentum verlange er von dem Verräter "eine läppische finanzielle Entschädigung von 60 000 Euro". Zur "Gedächtnisauffrischung" legte Schlosser einen Spitzelbericht von R. bei. Erfolge keine Zahlung, so die Botschaft, gehe er mit dem Aktenmaterial an die Öffentlichkeit.
Gut drei Wochen später folgt ein zweites Schreiben. Diesmal an Stefan S.: "Zahlung eines läppischen Denunzianten- und Schmerzensgeldes von 20 000 Euro", stand darüber. Die Geldübergabe solle auf dem Dresdner Altmarkt stattfinden. Der Brief klang entschlossen: "Ich sollte nicht unterschätzt werden, ich war in Stasi-Haft!"
Schlosser, R. und S. waren in den achtziger Jahren Kollegen beim Fernsehen der DDR, im Studio Dresden. Schlosser als Kfz-Mechaniker, S. in der Requisite und R. als Fahrer. Gemeinsam waren sie ein vorbildliches Kollektiv, vor allem Schlosser galt als äußerst beliebt: Autoschrauber waren in der unterversorgten DDR kleine Könige. Er reparierte nicht nur die Autos der beiden, sondern auch die ihrer Angehörigen. Einer hatte es sogar beim Rapport vor seinem Führungsoffizier lobend erwähnt.
Doch was IMS "Jens Trädner" alias Jürgen R. seinem Stasi-Oberleutnant P. im August 1983 berichtete, versetzte die Geheimen in Aufregung. Schlosser plane womöglich die Flucht in den Westen mit einem selbstgebauten Flugkörper. Als Indiz galt sein Interesse für Fliegerzeitschriften aus dem Ostblock, die im Studio herumgereicht wurden. IMS "Peter Schwarzer" alias Stefan S. bestätigte, dass sich Schlosser mit einem Kollegen im Speiseraum über ein "Flugobjekt" in einer ungarischen Zeitung unterhalten habe - die Stasi setzte daraufhin die Operative Personenkontrolle "Ikarus" in Gang.
Jürgen R. wurde nun "zielgerichtet zur Person und zum Sachverhalt instruiert und eingesetzt". Während Schlosser des Spitzels Auto reparierte, prägte sich dieser das private Anwesen ein und gab eine Skizze zu den Akten. Im Schuppen sah R. Stangen aus Aluminium, "die sich vorzüglich zum Bau eines Flugkörpers eignen würden". Allerdings konnte er nicht alle Räume der Werkstatt sehen. Sein Vorschlag an die Stasi-Truppe: "An meinem Wagen müssen demnächst auch die Stoßdämpfer gewechselt werden, was ich zum Anlass nehmen kann, wieder bei ihm aufzutauchen."
Später entdeckte R. Sicherheitsschlösser an den Türen der Werkstatt, was er verdächtig fand. Da Schlossers Schlüsselbund im Studio immer auf der Werkbank liege, bot er sich an, Abdrücke anzufertigen. Ende Oktober war sich Jürgen R. "auf jeden Fall sicher, dass er bauen wird". Für die Stasi wurde es damit höchste Zeit. Eine gelungene Flucht mit einem Flugzeug wäre ein gefundenes Fressen für die Westpresse.
Schlosser ist wirklich ganz dicht davor. In seinem Schuppen steht bereits ein Gefährt, dessen Einzelteile die Stasi später so auflistet: 30 Meter Vierkantstahl, Polyestermatten, ein Trabantmotor, zwei Schubkarrenräder für das Fahrwerk und ein Rollerrad am Heck. Mit zehn Büchsen "Mökoflex" zusammengeleimt ergibt das ein Flugobjekt, das die Stasi-Bezirksverwaltung in Atem halten wird. Bei einem Testflug, sagt Schlosser heute, sei das Ding mit dem Sperrholz-Propeller einige Meter abgehoben.
Doch am 28. Oktober 1983 schlägt die Stasi zu. Ikarus ist abgestürzt, bevor er der Sonne überhaupt nahe kommen konnte. Generalmajor Horst Böhm, der Dresdner Stasi-Chef, schickt ein dringendes Telegramm an seinen Minister Erich Mielke: "Information über die Verhinderung eines geplanten ungesetzlichen Grenzübertrittes mittels selbstgefertigten Flugzeuges". Der Fall ist ganz oben angekommen. Und gleich im ersten Satz erwähnt Böhm, wem man den spektakulären Erfolg zu verdanken habe: IMS "Jens Trädner".
Schlosser sitzt im Dresdner Stasi-Knast, jetzt wird richtig ermittelt. Stefan S. hat wieder Hilfreiches beizutragen. Der Häftling habe vor einiger Zeit Gegenstände zu seiner Mutter gebracht. Das sei seiner Meinung nach "ein deutliches Zeichen dafür, dass er bewusst seine Flucht vorbereitet hat".
Das Kreisgericht Dresden-Ost verurteilt Schlosser wegen "Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall" zu vier Jahren und sechs Monaten Haft. Das verbrecherische Verhalten des Angeklagten, so steht es im Urteil, richte sich "in einem besonders schwerwiegenden Maße gegen staatliche Sicherheitsinteressen". Die Flucht sei "mit vielfältigen Risiken und Gefahren auch für völlig unbeteiligte Menschen verbunden". Allerdings kam ein Gutachten der Luftfahrtinspektion Berlin zu dem verheerenden Schluss, dass das Flugzeug "in der vorliegenden Form" gar nicht flugfähig war.
Schlosser kam in den Bautzener Knast, während sich IMS "Jens Trädner" über 500 Mark Stasi-Prämie als Dank für die "hohe Einsatzbereitschaft" freuen durfte.
Nun trifft man sich also wieder, Mitte Oktober 2008 zum Showdown. Allerdings nicht auf dem Dresdner Altmarkt, sondern im Saal 1 des Amtsgerichts Pirna. Natürlich haben die Spitzel nicht gezahlt. Stefan S. hat Strafanzeige erstattet. Er fürchte sich vor einem Racheakt, gab er der Polizei zu Protokoll. "Ich will einfach in Ruhe gelassen werden und mir keine Sorgen machen
müssen." Jürgen R. hatte Schlosser zurückgeschrieben. Mit "Hallo Micha" fängt der Brief an, es folgen die üblichen Rechtfertigungen. Die Berichte seien vom Führungsoffizier erfunden worden. Sie stammten nicht von ihm. Und überhaupt: Auch für einen "Verräter" gebe es Rechtsmittel.
Schlosser erscheint ganz in Schwarz vor seinem Richter, um den Hals eine lila Krawatte. Er hat ein Einweckglas mitgebracht mit einer Geruchsprobe, wie sie die Stasi auch von ihm in der Haft angefertigt hat. Er verteidigt sich selbst, die Anklage lautet auf versuchte Erpressung. Stefan S. gibt dem MDR ein Interview. Bis heute arbeite er freiberuflich für den Sender, sagte er der Polizei. Jürgen R. will lieber inkognito bleiben. In dem Brief hatte er sich großmütig gezeigt: "Micha, wenn ich Dir durch mein dummes Gerede geschadet habe, möchte ich mich entschuldigen."
Schlosser ist ein leichter Fall für die Gerichtsbarkeit. Er hat alles zugegeben. Hat die Briefe herausgerückt, den Computer. Sogar seine richtige Adresse hatte er auf die inkriminierten Briefe geschrieben.
Nur erpressen, so sagt er dem Staatsanwalt, wollte er die IM auf keinen Fall. Er habe lediglich eine Empfehlung ausgesprochen. Aber eigentlich wollte er nur eines: dass sich die Spitzel mit ihren Klarnamen der Öffentlichkeit stellen. Dafür sei dieses Verfahren doch bestens geeignet.
Peter Kehr, dereinst Richter im Westen, kennt die ostdeutschen Opfergeschichten. Er hat nach der Wende alte DDR-Urteile auf Rechtsbeugungen hin überprüft. Er nimmt Schlosser ab, dass er wohl kein Geld wollte, sondern Öffentlichkeit. Trotzdem dürfe ein Unrecht nicht durch ein anderes ersetzt werden. Das Stasi-Opfer Michael Schlosser wird wegen versuchter Erpressung seiner Spitzel zu einer Geldstrafe von 2100 Euro verurteilt. Der Staatsanwalt hatte mehr als das Doppelte gefordert.
Schlosser hat den Richter inzwischen schriftlich gebeten, die Geldstrafe doch in gemeinnützige Arbeit umwandeln. Dann könne er in soziale Einrichtungen gehen. Um den Menschen vorzulesen. Aus seiner Stasi-Akte. Mit den Berichten von Jürgen R. und Stefan S. STEFFEN WINTER
* Um 1984.
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 48/2008
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