24.11.2008

VERLAGEKulturschock am Baumwall

Ruppiger als je zuvor schmeißt Gruner + Jahr im großen Stil Journalisten raus. Selbst beim Mehrheitsaktionär Bertelsmann ist man verstimmt.
Die letzte Titelgeschichte vor dem großen Knall war seltsam passend: "Mein Job? Mein Haus? Mein Geld?", leuchtete es nutzwertig auf dem "Capital"-Cover. Sorgen um Job, Haus und Geld müssen sich nun vor allem die Redakteure des Monatsmagazins machen.
Mit Hiobsbotschaften hatten sie angesichts von Rezession und drohender Anzeigenkrise zwar gerechnet. Doch was Bernd Buchholz, Chef der deutschen Zeitschriften bei Gruner + Jahr, Ende vergangener Woche verkündete, übertraf alle Ängste: Der Verlagsmanager kündigte kurzerhand den kompletten Redaktionen seiner Wirtschaftsblätter "Capital", "Impulse" und "Börse Online", insgesamt gut 110 Journalisten in München und Köln.
Eine einzige große Redaktion in Hamburg soll die Wirtschaftstitel des Konzerns künftig beliefern - also die drei Magazine sowie die lachsrosa Tageszeitung "Financial Times Deutschland" ("FTD"). Wer wolle, könne sich ja in der künftig 250 Mann starken GmbH neu bewerben - zu niedrigerem Gehalt und ohne Tarifbindung. Aus der Masse der Gekündigten können freilich nur gut 50 Mitarbeiter auf einen Job in Hamburg hoffen.
Die Aktion gleicht einer Kulturrevolution. So ruppig ist man am Verlagssitz am Hamburger Baumwall noch nie mit Redakteuren umgesprungen. Die Pläne "übersteigen das Vorstellungsvermögen - in jeder Beziehung", schrieb der scheidende "Capital"-Chefredakteur Klaus Schweinsberg in einer internen E-Mail.
Der Verlag Gruner + Jahr, der auch am SPIEGEL beteiligt ist, gehört zu 25,1 Prozent der Verlegerfamilie Jahr, die sich nicht äußern mag. Die große Mehrheit hält der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann, der sich gern seiner "partnerschaftlichen Unternehmenskultur" rühmt: Respekt, Verantwortung, Vertrauen erklärte Firmen-Patriarch Reinhard Mohn zu den Grundwerten des Konzerns.
Zwar war die unternehmerische Nächstenliebe à la Gütersloh immer elastisch genug, um Druckereien zu schließen oder Billigjobs anzubieten. Doch die Tochter Gruner + Jahr durchwehte auch noch lange nach dem Abschied großer Verleger wie Henri Nannen, Gerd Bucerius und John Jahr vor allem Respekt vor den Autoren bei "Stern", "Geo" und anderen großen Titeln. Über Spar- und Schrumpfkuren bei den Konkurrenten Springer, WAZ oder Bauer wurde verständnislos der Kopf geschüttelt.
Für viel Unmut bei den Redakteuren hatte Buchholz bereits Anfang vergangener Woche gesorgt, vor allem beim Flaggschiff "Stern", das trotz üppiger Gewinne jetzt ebenfalls sparen soll. Angesichts der Anzeigenkrise müsse man "den Leuten auf dem Sonnendeck sagen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseitestellen müssen", so Buchholz auf einem Verlegertreffen. "Stern"-Leute waren danach drauf und dran, ihm eine Ladung Liegestühle vors Büro zu kippen.
Die Redaktionsbeiräte von "Capital" und "Impulse" und der Betriebsrat wollen nun mobilmachen gegen die neuen Hamburger Methoden - mit Briefen an Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski, Liz Mohn, Sprecherin der Gütersloher Eigentümerfamilie, und Miteignerin Angelika Jahr. Die Pläne seien menschenverachtend und ein krasser Verstoß gegen die vielgepriesene Kultur des fairen Umgangs mit Mitarbeitern. Das Gebaren erinnere an Heuschrecken-Investoren, sagt ein Beirat. "An die Unternehmenskultur noch zu glauben wäre naiv. Das Wort Kultur streicht man da besser", sagt "Capital"-Gründer Adolf Theobald.
Selbst in der Bertelsmann-Führung zeigt man sich verstimmt. Die Entscheidung, die Blätter zusammenzulegen, sei richtig, doch das ruppige Vorgehen samt "Sonnendeck"-Ausrutscher wird in Gütersloh nicht goutiert. Auf der Gruner + Jahr-Aufsichtsratssitzung Ende dieser Woche, wo die Pläne abgesegnet werden sollen, dürfte auch über den Stil der Umsetzung noch mal gesprochen werden.
Buchholz selbst räumt ein, dass seine Aktion "eine harte, in dieser Form bisher von Gruner + Jahr nicht gewohnte Maßnahme" sei, die jedoch zwingend nötig sei. Der eingeschlagene Weg, die Redaktionen zu schließen und den Mitarbeitern keinen neuen Job anzubieten, sei aber "fairer und ehrlicher, als Jobangebote zu machen, die man gar nicht ernst meint, weil man schon weiß, dass 60 Stellen wegfallen".
Wie die künftige Großredaktion arbeiten soll, weiß dagegen noch niemand. Dafür glaubt man bei "Capital", "Impulse" und "Börse Online", dass das Sparprojekt letztlich vor allem ein Rettungspaket für den größten Verlustbringer "FTD" ist. Die Tageszeitung gilt im Haus als arm, aber sexy, das publizistische Prestigeprojekt von Gruner + Jahr-Chef Bernd Kundrun macht in diesem Jahr wohl gut sieben Millionen Euro Verlust. Das ist weniger als früher, aber mehr als doppelt so viel wie "Capital" und "Börse Online" zusammen.
Entsprechend vergrätzt sind die Redaktionen, dass ausgerechnet die "FTD" nun den Kern der neuen Zentralredaktion bilden soll und Chefredakteur Steffen Klusmann die Führung des Verbunds übernimmt. G + J-Vorstand Buchholz versichert: "Die Probleme der Magazine wären auch durch eine Schließung der ,FTD' nicht gelöst worden." Und Klusmann beruhigt, jeder Titel solle "seine DNA behalten".
Das aber, so warnen die Kollegen in München und Köln, werde kaum ohne diejenigen Redakteure gelingen, die bisher die Inhalte lieferten. ISABELL HÜLSEN
Von Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 48/2008
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