24.11.2008

Titel

Samstags gehe ich zum Yoga

Neurowissenschaftler Bruce McEwen über die richtigen Strategien zur Bewältigung von chronischem Stress

McEwen, 70, von der Rockefeller University in New York gilt als ein Pionier der Stressforschung.

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SPIEGEL: Die WHO hat Stress zu einem der größten Gesundheitsprobleme des 21. Jahrhunderts erklärt - aber ist er wirklich so schädlich?

McEwen: Wenn er chronisch wird, stellt er tatsächlich ein Riesenproblem dar. Wiederholter Stress wirkt auf die Schaltkreise der Gehirnstruktur Amygdala: Wir werden ängstlicher und können dadurch etwaige Gefahren in der Umwelt viel besser erkennen. Nur: Wenn dieses System gar nicht mehr abgeschaltet wird, dann erwächst daraus eine Angststörung mit schlimmen Folgen für Körper und Geist.

SPIEGEL: Wieso ist das Gehirn nicht von selbst in der Lage, das aus dem Ruder gelaufene System wieder abzuschalten?

McEwen: In der Amygdala entsteht die Angst, der Hippocampus bildet ein Gegengewicht. Der Hippocampus liefert den umgebenden Zusammenhang, damit wir entscheiden können, ob wir wirklich in einer Lage sind, in der wir uns fürchten sollten. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung jedoch ist die Amygdala überaktiv und gewinnt die Oberhand: Wenn ein ehemaliger Soldat einen Auspuffknall hört, reagiert er so, als wäre er noch mitten im Krieg. Sein Organismus kann nicht erkennen: Okay, ich bin wieder zu Hause und nicht mehr in Bagdad.

SPIEGEL: Liegen solche Störungen daran, dass unser Gehirn evolutionär gesehen noch auf Steinzeit gepolt ist, in der die Gefahr allgegenwärtig war?

McEwen: Unser Gehirn hat sich so entwickelt, dass wir die ungeheuerliche Fähigkeit haben, uns Dinge vorzustellen und im Voraus zu planen. Aber das ist auch ein Riesenproblem: Zugleich können wir nämlich grübeln, wir malen uns Ängste aus, die in Wahrheit gar nicht drohen - ein geradezu unvermeidliches Paradoxon unseres Lebens.

SPIEGEL: Lassen sich die physiologischen Auswirkungen von dauerhaftem Stress auf den Körper denn rückgängig machen?

McEwen: Die kumulativen Auswirkungen sind schwerer umzukehren als die einzelnen Effekte. Aber bei Versuchstieren haben wir gesehen: Die Veränderungen in den Schaltkreisen des Gehirns sind weitgehend reversibel. Das gilt auch für die Verkalkung von Arterien: Durch Bewegung und angemessene Diät können die Plaques kleiner werden.

SPIEGEL: Es schält sich heraus, dass Stress die Entstehung neuer Nervenzellen im Hippocampus stört und dadurch eine Depression bewirken kann. Fieberhaft suchen Pharmaforscher nach neuartigen Substanzen, die dem entgegenwirken. Könnte das zu einer Anti-Stress-Pille führen?

McEwen: Auch die gängigen Antidepressiva wirken ja bereits in der beschriebenen Weise. Bei Menschen, die man anders nicht behandeln kann, mögen diese Medikamente berechtigt sein. Aber das wirksamste Mittel ist körperliche Bewegung: Sie erhöht die Neubildung von Nervenzellen und kann bewirken, dass sich die Schaltkreise im Gehirn umbilden. Der Psychologe Arthur Kramer hat an älteren Menschen gezeigt, dass körperliches Training die Funktion des präfrontalen Kortex verbessert.

SPIEGEL: Was hilft noch?

McEwen: Freundschaften, Kontakte zu anderen Menschen. Viele von uns leben heute nicht mehr in überschaubaren Dörfern. Die Leute haben zu viel um die Ohren, und nach der Arbeit fallen sie in ein schwarzes Loch. Sie mögen den Fernseher anschalten, ins Internet gehen oder Musik hören, aber in Wahrheit vereinsamen sie.

SPIEGEL: Wie bekämpfen Sie persönlich den Stress?

McEwen: Ob Sie es glauben oder nicht: Samstags gehe ich zum Yoga.

SPIEGEL: Von der Ausbildung her sind Sie ein Naturwissenschaftler ...

McEwen: ... und genau deshalb weiß ich inzwischen, dass Meditationstechniken wie beispielsweise Yoga zu messbaren physiologischen Änderungen führen. Ein erfüllendes Hobby zu haben geht übrigens in eine ähnliche Richtung. Ich liebe es, mit Wasserfarben zu malen. Im Winter beschäftige ich mich mit Holzarbeiten. Einfach etwas mit meinen Händen zu gestalten, das lenkt meinen Geist ab, und ich komme in einen erhabenen Gemütszustand - das ist beinahe wie Meditieren.

SPIEGEL: Wie kann sich ein gestresster, unzufriedener Mensch motivieren, seinem Leben eine andere Richtung zu geben?

McEwen: Indem er sich bewusst macht, wie Stress entsteht. Dann erkennt er, dass er ihn in den Griff bekommen kann. Wir müssen nicht dauerhaft das Opfer unseres in die Irre geleiteten Gehirns sein.


DER SPIEGEL 48/2008
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