01.12.2008

AFFÄRENAstronomische Rechnungen

Gegen die Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft ermittelt die Staatsanwaltschaft. Es geht um Steuerhinterziehung in Millionenhöhe und Korruption.
Für viele Potentaten aus Afrika begannen Deutschland-Besuche nicht in Berlin, sondern in der baden-württembergischen Provinz. In Wurmlingen.
Minister, Generäle, Könige - sie kamen auf Einladung von Bianca Buchmann, der Geschäftsführerin der Medizintechnik-Firma Hospital Engineering. Das Unternehmen in Wurmlingen ist auf den Handel mit Afrika spezialisiert. Buchmanns Mann baute es in den siebziger Jahren auf.
Anders als die Firmen im nahen Tuttlingen, das als "Welthauptstadt" der Medizintechnik gilt, stellten die Buchmanns nie selbst Ware her, sie handelten nur. Die erste Zeit war zäh - was allerdings half, war Bianca Buchmanns Engagement im Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft - seit dessen Gründung 1934 der Lobbyschirm des deutschen Afrikahandels. Vor acht Jahren wurde sie dort Präsidentin, was ihren Geschäften nicht geschadet hat. Sie kennt Angela Merkel, war mit Präsidenten und Ministern auf Reisen und hat sich von afrika-
nischen Herrschern hofieren lassen.
Allein im Jahr 2002 setzte die Holding der Firmengruppe rund 50 Millionen Euro um. Mittlerweile ist die Firma auch in China und Russland aktiv. Während Bianca Buchmann als Lobbyistin von einem Auftritt zum nächsten reiste, schottete sie den Geschäftsbetrieb in Wurmlingen penibel ab. Schon weit vor dem Firmenparkplatz warnt ein Schild: "Betreten Verboten". Otto Ziegler kann sich an nur eine Einladung der Buchmanns erinnern. Er war 36 Jahre lang Bürgermeister des Ortes. Es sei dort "meist ohne Öffentlichkeit" abgelaufen.
Zumindest bis zum Sommer 2007. Am Morgen des 3. Juli standen nämlich einige Beamte vom Landeskriminalamt vor Bianca Buchmanns Anwesen. Sie durchsuchten die Privatwohnung, die Firmen und ihren Mercedes. Seit der Zeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen das Ehepaar Buchmann wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Und das dauere an, "weil Auslandsermittlungen notwendig sind", so eine Sprecherin der Behörde. Es geht um die Lieferung von Krankenhaus-
ausrüstung an eine Moskauer Firma. Auftragswert: gut 27 Millionen Euro. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft: Ein Großteil der Summe seien Bestechungsgelder, die als Betriebsausgaben getarnt worden seien. Nach Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, sollen von den 27 Millionen Euro rund 11 Millionen für dubiose Geschäfte abgezweigt worden seien. Die Buchmanns sollen sie an die Briefkastenfirmen Burwell Consulting und Bellis Investment gezahlt haben - und an die Firma Dexma ihres Geschäftspartners M., gegen den ebenfalls ermittelt wird. M., der sich zu den Vorwürfen nicht äußern wollte, soll mit dem Geld Konten für russische Staatsangehörige eröffnet haben, die den Buchmanns bei dem Moskau-Geschäft zu Diensten waren.
In dieses Bild würden auch die Rechnungen einer russischen Service-Firma passen, die für sogenannte Installationsarbeiten einiger Geräte über 135 000 Euro in Rechnung stellte. Die Arbeiten, so eine ehemalige Buchmann-Mitarbeiterin, seien nicht erbracht worden, von der Summe sei dafür aber etwas nach Deutschland zurückgeflossen. "Ich bedauere, habe Angst und erwarte Ihre Reaktion", heißt es in der E-Mail eines Mitarbeiters, der mit dem Geschäft betraut war. Bianca und Gerhard Buchmann wollten sich dazu nicht äußern und ließen sämtliche Fragen des SPIEGEL unbeantwortet.
Nicht nur in Russland kam es zu Auffälligkeiten. Im Herbst 2007 etwa wunderten sich Mitarbeiter der Buchmanns über eine Rechnung aus Ghana, die ihnen "astronomisch" hoch vorkam. Exakt 258 224 Euro sollte die Entzollung und der Transport eines Dutzends Container innerhalb Ghanas kosten. Wie es der Zufall wollte, hielt ein Mitarbeiter fest, entspreche der Rechnungsbetrag exakt den geschätzten Kosten der Vorkalkulation, die lange zuvor in Wurmlingen gemacht worden war.
Viele Projekte in Ghana - wie etwa das sich seit Jahren hinschleppende und rund 70 Millionen Euro schwere Projekt des Unfallkrankenhauses in Kumasi - seien überkalkuliert, berichten Mitarbeiter von Hospital Engineering. Wiederholt seien Amtsträger wie hohe Militärs zu luxuriösen Reisen nach Deutschland geladen worden.
Ziemlich ungewöhnlich trat die Firma auch in Libyen auf. Hier sind die Buchmanns dabei, in einigen Städten Krankenhauseinrichtungen zu erneuern. In einer Kalkulation des Jahres 2007 ist von 84 200 Euro "NL" die Rede - gemeinhin bekannt als Nützliche Leistungen. Oder Bakschisch.
In der Kalkulation des Projekts "Misuratha" fallen für die Ausstattung Kosten von rund 25 Millionen Euro an. Darüber steht dann "Manual factor 230%" - womöglich der Korruptionshebel, denn am Ende der Rechnung stehen gut 57 Millionen Euro. Der Kunde, so eine Ex-Mitarbeiterin, bekomme Ware für 25 Millionen Euro, zahle aber 57 Millionen - 32 Millionen allein für Provisionen und Gewinne.
Und die treten in der Kalkulation auch mehr oder minder offen zu Tage: Ein paar Millionen bleiben bei Hospital Engineering hängen, 8,6 Millionen sollen an einen "Agent Umbrella" gehen, fast 3 Millionen an eine "Group Misuratha" - offenbar Teile der Krankenhausleitung. Und zwei VW Passat sollen für das Gesundheitsministerium abfallen. Allerdings steht der Zuschlag für dieses Projekt noch aus.
Gerade "die Kontaktpflege und die Nachsorge der Projekte" lägen ihr sehr am Herzen, sagte Bianca Buchmann noch vor einem Jahr in einem Magazin der Bundesregierung. Damals galt sie noch als Vorzeigeunternehmerin. NILS KLAWITTER
* Mit Angolas damaligem Ölminister Desiderio Costa und Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust im April in der Handelskammer Hamburg.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 49/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Astronomische Rechnungen