08.12.2008

TitelEine Aura der Stärke

Helmut Schmidt wird 90 Jahre alt. Kaum ein Deutscher ist so populär wie er. Er verkörpert Führungskraft, Standhaftigkeit und einen starken Staat. Gerade in den Zeiten einer Krise kommt das gut an. In seiner Beliebtheit steckt aber auch Kritik an den aktuellen Politikern.
Er schaut nicht auf, kein Nicken, kein Wort, keine Begrüßung. Er sitzt an seinem Schreibtisch, über einen Text gebeugt, versunken in einem tieferen Sinn. Es ist laut hier. Vor seinen Fenstern bohren Bauarbeiter im Stein.
Dann steht er auf, Helmut Schmidt, Bundeskanzler außer Dienst. Bald wird er neunzig. Er nimmt seinen Krückstock und geht um seinen Schreibtisch herum, langsam, sehr langsam. Er setzt sich in einen Stuhl an seinem Besuchertisch, er wirkt nicht wie ein Mann, der ein zweistündiges Gespräch durchstehen kann. Zigarette, klar, erst mal eine anstecken. Er könne nur auf dem linken Ohr hören, sagt er, laut reden, langsam reden. Die Bohrmaschine dröhnt, er raucht.
Die erste Frage gefällt ihm nicht, zu allgemein, zu unklar. Da könne er nichts mit anfangen, präziser bitte. Stahl in seinem Blick.
Da ist schon klar, dass sich nicht viel verändert hat. Helmut Schmidt ist Helmut Schmidt. Er ist schroff, sperrig, und selbstverständlich kann er zwei Stunden reden, auch länger.
Wie gehabt, vergibt er unerbittlich Kopfnoten an alle Welt. Lob kommt nicht vor. Es ist eine Auszeichnung, keinen Fehler gemacht zu haben. Das gelte für Merkel und Steinbrück in der Finanzkrise, Obama habe noch nichts geleistet, Hillary Clinton kommt ihm sehr ehrgeizig vor.
Schnupftabak, Zigarette. Sein Büro bei der "Zeit" in Hamburg ist um die Hälfte geschrumpft, er hat jetzt den Platz, den seine Sekretärin auch hat. Wahrscheinlich stört es ihn nicht, er gilt als bescheiden in der Lebensführung. Bücher, ein Bild von Valéry Giscard d'Estaing, ein großes Buddelschiff. Es gehe ihm gut, sagt er, dem Alter entsprechend. Er klopft mit seiner Zigarette gegen einen Aschenbecher, altes Modell, die Asche verschwindet auf Knopfdruck.
Schmidt extemporiert nicht mehr so lange wie früher, es gibt eine größere Chance für Fragen zwischendurch, aber die nimmt er vertraut ungnädig auf. Wie kann man nur so ahnungslos sein. Aber solche Biestigkeit federt er stärker ab als früher, wird dann plötzlich milde, geradezu liebenswürdig.
Die "Zeit" will ein großes Fest für ihn machen. Schrecklich, findet er, dieses ganze Aufheben. Der SPD hat er schon abgesagt - bubenhaftes Grinsen. Er will feiern wie immer, drei Freunde mit Frau zum Essen bei ihm zu Hause.
Am 23. Dezember wird Helmut Schmidt neunzig. Er war gut acht Jahre Bundeskanzler, von 1974 bis 1982, nicht besonders lang. Er ist nicht verantwortlich für die bundesdeutschen Meilensteine: Westbindung, Ostpolitik, deutsche Einheit. Aber er ist der Star der deutschen Politik, die Ikone. Niemand wird so verehrt wie er.
Zwei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag gewinnt Helmut Schmidt noch immer Wahlen: 2002 wird er laut Umfrage zum weisesten Deutschen gewählt, 2007 zum besten Altkanzler und 2008 zum "coolsten Kerl" der Republik, einen Platz hinter ihm landet der Schauspieler Til Schweiger.
Seit er sich auf der letzten Seite des "Zeit-Magazins" für eine Zigarettenlänge über seine Essgewohnheiten ("Es bleibt immer etwas auf dem Teller"), die Stars seiner Jugend ("Greta Garbo!") oder sein erstes Auto ("VW Käfer mit durchgerostetem Bodenblech") unterhält, beginnen viele Leser, das Magazin von hinten durchzublättern.
Angela Merkel, auch gebürtige Hamburgerin, hielt kürzlich eine Laudatio auf Schmidt. Sie erzählte, wie sie als Jugendliche 1962 hinter der DDR-Grenze die Sturmflut verfolgte. Die Hamburger Verwandtschaft war in Gefahr, und das unbürokratische Handeln des damaligen Hamburger Innensenators Schmidt blieb ihr im Gedächtnis. "Weil er es durch seine Präsenz schaffte, in der Stunde der Not meiner Familie ein ganz wichtiges Gefühl zu vermitteln: Vertrauen", sagte Merkel. "Was, meine Damen und Herren, kann man mehr über einen Politiker sagen?"
Nichts, in der Tat. Und da liegt schon ein Schlüssel für Schmidts Popularität. Das Vertrauen in die Politiker von heute ist höchstens mäßig. Es gibt offenkundig eine Sehnsucht nach einem wie ihm, einem, der führen kann, der standhaft bleibt, der Überzeugungen hat. Ein Gegenmodell also? Zu dem, was aktuell jeden Abend in der "Tagesschau" auftritt?
Oder ist es das hohe Alter, die schiere Zahl von 90 Jahren, davon die letzten 25 Jahre nicht in der Verantwortung, sondern redend und schreibend? Er konnte keine
Fehler machen in dieser Zeit, und die Fehler, die er als Kanzler gemacht hat, verblassten von Jahr zu Jahr.
Es kommt viel zusammen in diesem langen Leben. Da sind noch die Jahre im Krieg, die Tragödie um Hanns Martin Schleyer. Schmidt ist verstrickt mit den großen deutschen Geschichten, die immer wieder über die Bildschirme laufen und Buchseiten füllen. Und seine Rolle ist die des Guten, des Zustimmungsfähigen. Und ein Schuss Tragik ist auch dabei.
Aber vor allem stellt Schmidts Popularität die große Frage an die deutsche Politik: Warum er? Warum ein so alter Mann? Ist es eine verklärende Erinnerung, ist es eine Blendung, weil Politik früher viel leichter war, oder ist es wirklich das Versagen der nachfolgenden Generationen?
In diesen Tagen hat Helmut Schmidt eine geradezu bestürzende Aktualität. Es gibt wieder eine Krise, und wenn Schmidt für etwas steht, dann für Krisenmanagement. Er hat Hamburgs Not nach der Sturmflut bekämpft, er hat der RAF widerstanden, und er hat Deutschland durch eine Wirtschaftsflaute nach einem Ölpreisschock gesteuert.
"Der Typus Schmidt erlebt in der Krise eine Renaissance", sagt Peer Steinbrück, der Finanzminister. Nach dem Bankenkollaps 2008 ist eigentlich wieder Helmut-Schmidt-Zeit, und es ist fast ein ironischer Zufall, dass Steinbrück neben der Bundeskanzlerin für das Krisenmanagement zuständig ist. Denn kein aktueller Politiker ist dem Altbundeskanzler so nahe wie er.
Und so mischt Schmidt wieder mit, indirekt, aber auch direkt. Im August hat ihn Steinbrück in seinem Ferienhaus am Brahmsee besucht. Sie haben über die dräuende Krise geredet, und Schmidt hat empfohlen, dass es "Verkehrsregeln" für die Banken geben müsse. Steinbrück hat sich dieses Wort sofort zu eigen gemacht. Er ist auch Schmidts Empfehlung gefolgt, dass der Internationale Währungsfonds gestärkt werden müsse, um den Zahlungsverkehr zu überwachen.
Helmut Schmidt macht wieder Weltpolitik, ein bisschen jedenfalls. So wie damals, als er Bundeskanzler war.
Es war eine undankbare Aufgabe, die ihn nach Brandts Rücktritt 1974 erwartete. Die Energiepreise waren nach dem Ölboykott der arabischen Opec-Staaten 1973 weltweit explodiert. Erstmals seit vielen Jahren standen Politiker steigenden Inflationsraten, Massenarbeitslosigkeit und wachsenden Haushaltsdefiziten gegenüber. Als 1975 die Zahl der Erwerbslosen die Millionengrenze überschritt, dachten viele an den Untergang der Weimarer Republik, erinnerte sich später Kanzleramtschef Manfred Schüler.
Schmidt hatte jahrelange Verwaltungserfahrung, war SPD-Fraktionsvorsitzender, Verteidigungs- und Finanzminister gewesen - nie brachte ein Kanzler bessere Voraussetzungen für das Amt mit. Daher erhob sich kein Widerspruch, als Brandt kurz vor seinem Rücktritt im Mai 1974 ausrief: "Der Helmut muss das machen." Er machte es.
Es gelang ihm bald, den Menschen den Eindruck zu vermitteln, nur er könne die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen, was im Umkehrschluss bedeutete, die Dinge mussten unlösbar sein, wenn der Kanzler sie nicht beseitigte.
Die Probleme benennen, weniger die Probleme lösen - das wurde zur Strategie des erfolgreichsten Medienkanzlers in der Geschichte der Bundesrepublik. Wenn Schmidt vor den Kameras saß, die Zigarette in der Hand, den Blick nachdenklich in den Raum gerichtet, und über weltwirtschaftliche Zusammenhänge dozierte, dann mochten ihm viele Deutsche glauben, was er 1975 im SPIEGEL sagte: dass "der gegenwärtige Bundeskanzler" - also Schmidt - "sich in den letzten drei Jahren sehr intensiv mit weltwirtschaftlichen und monetären Problemen beschäftigt hatte und insofern die glückliche Voraussetzung besonderer Urteilskraft auf diesem Felde mitgebracht hat".
Allerdings schwankte sein Urteil stark. Mal fand man ihn auf Seiten der Keynesianer, mal auf Seiten jener Politiker, die vor allem in einer Verbesserung der Investitionsbedingungen den Weg aus der Krise sahen. Ein wirtschaftliches Rezept, sagte Schmidt in kleinem Kreis, "müsse plausibel sein, ob es richtig ist, ist zweitrangig".
Er wollte die Wirtschaft ankurbeln, indem er Vertrauen schuf, und das bedeutete reden, reden, reden. Ob Unternehmensboss oder Gewerkschaftsführer, französischer oder amerikanischer Präsident, Sozialdemokrat oder Oppositionspolitiker - sie alle berichten halb bewundernd, halb genervt von den Grundsatzvorträgen Schmidts, die seine Mitarbeiter spöttisch "Weltwirtschaftsoper" nannten.
1975 etablierte er gemeinsam mit seinem Freund, dem französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing eine Institution, die bis heute Bestand hat: die Weltwirtschaftsgipfel. In Rambouillet kam man erstmals zusammen, zunächst nur in kleiner Runde mit den Staats- und Regierungschefs aus den USA, Großbritannien, Japan und Italien.
Entschieden wurde auf diesen Gipfeln wenig, aber die Fotos von den parlierenden Granden vermittelten der Weltöffentlichkeit den Eindruck, die Politik habe die Dinge im Griff.
Schmidts Stern leuchtete bei solchen Treffen besonders hell, denn intellektuell und rhetorisch konnte ihm in der westlichen Welt der siebziger Jahre kaum jemand das Wasser reichen.
Heute sprechen die Historiker von einem goldenen Zeitalter, das Anfang der siebziger Jahre zu Ende ging. Und im Gegensatz zu vielen anderen erkannte Schmidt die Zeichen der Zeit. Es werde "nichts wieder so sein" wie zuvor, urteilte er bereits 1976. Vorbei die hohen Wachstumsraten, die Vollbeschäftigung, die niedrigen Energiepreise. Schmidt wusste, dass die Wirtschaftskraft des Landes auf Dauer nicht mehr in der Lage sein würde, den Wohlfahrtsstaat zu tragen. Der zweite Ölpreisschock von 1977 löschte die letzten Hoffnungen aus.
Aber der Hamburger war nicht bereit, seinen Einsichten große Taten folgen zu lassen. Er hielt sie schlichtweg nicht für vermittelbar, denn das "Sicherheitsbedürfnis der durchschnittlichen Wählerin und des durchschnittlichen Wählers ist gerade in unserem Lande ... besonders ausgeprägt". Er wurde kein Reformpolitiker, obwohl er das Zeug dazu hatte. Er kürzte, aber er ließ die Strukturen des Sozialstaats unangetastet.
Aus den Ölpreiskrisen wurden die permanenten Krisen des Arbeitsmarkts und des Staatshaushalts. Und von Schmidt blieb der vage Eindruck, dass er Deutschland irgendwie ganz gut um die akuten Klippen gesteuert hat.
Jetzt ist das die Aufgabe von Angela Merkel und Peer Steinbrück. Er spielt manchmal Schach mit Helmut Schmidt und gewinnt so gut wie immer. Das erzählt Schmidt, Steinbrück schweigt über den Ausgang der Partien, aus Respekt. Niemand zitiert den Altbundeskanzler so häufig wie er. Niemand macht so viele öffentliche Termine mit ihm. Er sagt: "Er ist ein Vorbild für mich." Er sitzt in seinem Büro, es ist der Freitag vergangener Woche. Man ist versucht, den Helmut Schmidt in ihm zu suchen, den Staatsmann. Er ist nicht da, nicht so richtig. Diesem Gesicht fehlt die Schmidtsche Entschiedenheit, die Herablassung, Entrückung, diese Messerschärfe, die nicht nur den Scheitel auszeichnet. Bei Steinbrück ist etwas Lausejungenhaftes darin, auch eine Bereitschaft, hin und wieder richtig nett zu sein, und wenn böse, dann nicht schneidig, sondern laut, rüpelhaft.
Eine Nebensächlichkeit? Staatsmannstum wird auch über ein Gesicht entschieden. Man muss ausstrahlen, verkörpern. Schmidt war da reich beschenkt von der Natur.
Woher kommt denn nun die Dauerhaftigkeit des Helmut Schmidt, aus der Sicht seines Epigonen? Standhaftigkeit, nennt Steinbrück. Zudem die Unterfütterung der Politik mit einer Philosophie der Vernunft und Verantwortung, Kant, Popper, Weber. Zudem Augenmaß, Balance, Nicht-Verführbarkeit durch "Missionare aller Art".
Aber da fehlt doch was. Was fehlt denn nur?
Führung? Ist nicht Führungskraft die herausragende Eigenschaft von Helmut Schmidt gewesen? Steinbrück verdreht etwas die Augen, grinst. Natürlich hat er gemerkt, wohin die Frage zielt. Der Bundeskanzlerin wird Führungsschwäche vorgeworfen, allzu große Beweglichkeit. "Der autoritäre Führungsstil entspricht nicht mehr den Anforderungen, heute braucht man eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz." Das hat er brav gesagt und fügt hinzu, noch braver, dass die Kanzlerin damit reich gesegnet sei.
Dann wieder Standhaftigkeit, das ist Steinbrücks liebster Punkt, gerade jetzt. "In der Krise ist nichts schlimmer als Zweideutigkeit, Beliebigkeit", sagt er.
Das Vorbild Schmidt hilft ihm derzeit. Er wird gescholten und geschmäht, weil er die Schleusen nicht öffnen will für ein größeres Konjunkturpaket. Steinbrück steht, noch. Aber Standhaftigkeit ist nicht an sich gut. Sie wird zu einem schlimmen Fehler, wenn man für die falsche Sache steht. Bei Schmidt waren es die richtigen Sachen, gegen die RAF, für die Nachrüstung. Bei Steinbrück sagen die allermeisten Experten, er irre mit seiner Standhaftigkeit.
Sei ihm egal, schnaubt Steinbrück. Schmidt habe auch riesigen Druck aushalten müssen und, so wie er selbst, immer wieder aus der eigenen Partei.
Zum Beispiel von dem Mann, der heute nichts anderes ausstrahlt als Gemütlichkeit. Als er das Restaurant am Frankfurter Hauptbahnhof betritt, schlenkert seine Aktentasche in großen Bögen, er hat weiße Haare und einen weißen Bart, und als Erstes muss er mal sagen, dass er überhaupt nichts gegen Helmut Schmidt persönlich habe, und er wünsche ihm das Allerbeste, vor allem Gesundheit, das sei ja das Wichtigste im hohen Alter.
Manfred Coppik war nicht immer so freundlich zu Helmut Schmidt. Er saß für die SPD im Bundestag, als Schmidt Kanzler war, und er wollte nicht mittragen, was er "den Beginn des Sozialabbaus" nennt. Als das Parlament 1981 über eine Kürzung des Kindergeldes abstimmte, hob Coppik seine Hand für ein Nein.
1982 stand Schmidt unter Druck von links, aus seiner Fraktion, und von rechts, von Teilen der FDP, vor allem von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff. Als der ein Papier mit Vorschlägen zu weitreichenden Reformen vorlegte, ließ Schmidt die Koalition platzen. Coppik war da schon nicht mehr in der SPD, weil er nicht ständig gegen die Regierungspolitik seiner Partei stimmen wollte. Er war fraktionsloser Abgeordneter und kandidierte 1983 nicht mehr für den Bundestag. Seitdem arbeitet er als Anwalt. Und er arbeitet an seiner Utopie.
Inzwischen ist er Mitglied der Partei Die Linke und sucht immer noch das Eine: die Heimat für seine Idee vom demokratischen Sozialismus. Er will die Realität nicht hinnehmen, sondern im großen Stil verändern. Damit ist er durch die Parteien getingelt und wurde nicht fündig.
Schmidt hatte ein anderes Konzept: die Realität als solche hinnehmen und höchstens mit feinen Justierungen beeinflussen. Damit gelang es ihm, eine Reihe von Begriffen zu besetzen, darunter Realismus, Augenmaß, Pragmatismus, Vernunft. Es sind Begriffe, die keine Angst machen, die beruhigen, also Begriffe für Leute, die etwas zu verlieren haben.
Mit diesen Begriffen übernahm Schmidt die gesellschaftliche Mitte und machte sich selbst zur Verkörperung davon. Er war mehr Mitte als SPD, ihn umgab die gefühlte Parteilosigkeit. Das wirkt bis heute. Schmidt wird verehrt für rigorose Mittigkeit.
Deutschland feiert sich im Bundeskanzler a. D. auch als traumlose Nation, als Land der Vorsicht und der kleinen Schritte. Kleine Schritte gegen die Massenarbeitslosigkeit, gegen das Haushaltsdefizit, die deshalb nicht verschwunden sind. Aber die Gesellschaft ist nicht aus den Fugen geraten mit dem Schmidtschen Ansatz, den alle seine Nachfolger übernommen haben. Mehr war wohl nicht drin.
Coppik sitzt in dem Restaurant und wird, wie bestellt, von einem Deckenlicht angestrahlt, das alle paar Sekunden zwischen den Farben Rot und Weiß wechselt. Sein ganzes Leben ist er gegen diese dominante Mittigkeit angerannt und immer gescheitert, zuletzt vor ein paar Wochen. Da hat er in Hessen am rot-rotgrünen Bündnis mitgeschmiedet. Als er schon dachte, er sei endlich am Ziel, der Traum eines demokratischen Sozialismus könne in Hessen verwirklicht werden, ist er wieder gescheitert, auch an Helmut Schmidt.
Wegen Schmidt ist Dagmar Metzger, die gegen das Linksbündnis gestimmt hatte, in die SPD gegangen und in die Politik. Auch sie schätzt seine Geradlinigkeit und Standhaftigkeit und hat sich ein Vorbild daran genommen.
Am meisten hat Schmidt 1977 Standhaftigkeit bewiesen, als ihn die RAF in die größte Herausforderung seiner Amtszeit steuerte.
Am 5. September hatten Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt und dabei den Fahrer und die Leibwächter erschossen. Sie wollten Gesinnungsgenossen wie Andreas Baader und Gudrun Ensslin freipressen, die überwiegend in Stammheim einsaßen. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, kaperten palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt mit 91 Menschen an Bord.
Schmidt blieb hart. Kein Austausch, kein Nachgeben. Er gab Anweisung, ihn im Falle seiner Entführung nicht auszutauschen. Als Schmidt die Maschine in Mogadischu durch die GSG 9 stürmen ließ, war er zum Rücktritt entschlossen, sollte das Kommando scheitern. Aber es gelang. Keine Geisel kam ums Leben, auch kein Polizist. Unmittelbar darauf wurde die Leiche Schleyers aufgefunden, ermordet als Reaktion auf die Befreiung der "Lands-
hut". Aber das änderte nichts daran, dass Mogadischu zu Schmidts größter Stunde wurde.
Nie war er ähnlich populär wie in jenen Tagen. "Weiß der Kuckuck, was andernfalls aus Deutschland geworden wäre", sagte Schmidt später. Seine Kompromisslosigkeit sorgte dafür, dass RAF-Terroristen kein zweites Mal versuchten, die Regierung zu erpressen. "Die schwere Belastung, die vom Terrorismus für das innenpolitische Klima ausgegangen war", urteilt der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker, habe "nach den dramatischen Ereignissen um die Schleyer-Entführung ihren Schrecken verloren".
Mehr denn je identifizierten sich die Deutschen nun mit einem Staat und seinem führenden Repräsentanten, der in schwierigster Lage standhaft geblieben war - auch gegenüber den Verlockungen, die darin lagen, den Rechtsstaat preiszugeben und mit aller Härte auch jenseits des Grundgesetzes gegen die RAF vorzugehen.
An Vorschlägen dazu hatte es nicht gefehlt. Von allen Seiten, sogar von Politikern, werde von ihm verlangt, Geiselerschießungen an den inhaftierten Terroristen vorzunehmen, klagte Schmidt seinem Freund Valéry auf dem Höhepunkt der Krise. Er selbst war bereit, "bis an die Grenzen dessen zu gehen, was der Rechtsstaat erlaubt" - aber eben nicht darüber hinaus. Gedankenspiele von Strauß, Kohl, wohl auch Willy Brandt, den Entführern Schleyers mit Repressalien gegen RAF-Gefangene zu drohen, setzte er ein "Nicht mit mir!" entgegen (SPIEGEL 37/2008). Er wusste, dass kein Terrorist einen "zur Aufgabe von Rechtsstaatlichkeit zwingen (könne), wir können sie nur selbst verspielen".
Zwar hatte die Polizei Gespräche von inhaftierten Terroristen und deren Anwälten abhören lassen. Aber Schmidt sagt, dass er davon nichts gewusst habe. Das Kontaktsperregesetz wurde erlassen, zum Ärger der liberalen Öffentlichkeit, die darin eine Preisgabe der Liberalität sah. Einer, der sich damals geärgert hat, war Otto Schily.
Schilys Büro liegt an einer der zentralen Kreuzungen von Berlin-Mitte und hat in gewisser Weise eine außerdemokratische Ausstrahlung. Es hat eine Größe, die irgendwo zwischen riesigem Raum und kleiner Halle liegt. Schwere Fauteuils, Leere, eine seltsame Düsternis trotz der großen Fenster.
Schily trägt einen dunkelblauen Dreiteiler mit Nadelstreifen und den bekannten Cäsarenpony. Im Gespräch ist er bald bei Mark Aurel und erzählt, dass er mal mit Cicero verglichen wurde. Er schaut einen selten an, sondern spricht mehr in die Welt hinein. An Arroganz hat er Schmidt längst übertroffen.
Schily hat die Terroristin Gudrun Ensslin juristisch vertreten. Er hat sich mit ihr nicht gemeingemacht wie andere Anwälte mit ihren Mandanten aus der RAF, aber Schmidt sah er sehr skeptisch und zog dann auch mit der Anti-Schmidt-Partei Die Grünen 1983 in den Bundestag ein.
Als Innenminister der rot-grünen Koalition hat Schily später selbst die Sicherheitsgesetze verschärft, weil Deutschland wieder von Terroristen bedroht war, diesmal von islamistischen. Er musste die Kritik hinnehmen, die auch Schmidt hinnehmen musste, dass er den liberalen Rechtsstaat ein Stück weit preisgebe. Gleichzeitig war er ein beliebter und respektierter Innenminister, weil er dem Staat eine Aura der Stärke gegeben hat; wie Helmut Schmidt.
Gerade für Krisenzeiten ist der Staatsmann eine notwendige Figur der bundesdeutschen Politik geworden. Er zeigt Würde, Ernst und Arroganz. Er ist ein Mensch inklusive Staat, und ein bisschen Stahl ist auch darin. Er ist ein Mann, der nicht nur angenehm sein will. Seine Aussage ist nicht: Ich liebe euch, sondern: Ich schütze euch.
Die Innenminister Schily und Wolfgang Schäuble strahlen das auch aus, aber nur Schmidt konnte es für alle Politikbereiche, vor allem auch für die Wirtschaft. So einer fehlt jetzt, ein Kanzler als Staatsmann, Staatsfrau. Auch deshalb ist Schmidt immer noch so populär. Allerdings zieht der Staatsmann auch Misstrauen auf sich. Er neigt dazu, die Sicherheit höher einzuschätzen als die Freiheit. Er neigt zum Autoritären, zum Niederbügeln des Widerspruchs, obwohl der Widerspruch die Grundlage der Demokratie ist.
Aber Schmidt und Schily verbindet nicht nur, dass sie die größten Niederbügler der bundesdeutschen Demokratie waren. Sie lassen sich beide von der Schuld bewegen, die starkes Handeln mit sich bringen kann.
Schmidt, sonst weitgehend gleichmütig, ist immer noch gerührt, wenn er von Hanns Martin Schleyer spricht, den er für die Staatsräson geopfert hat. Und Schily kommt unvermittelt auf die Friseurin von Belgrad zu sprechen.
Zufällig war sie im Fernsehgebäude, als das bombardiert wurde. Schily hatte im Oktober 1998 für deutsche Lufteinsätze gegen Serbien gestimmt, um den Konflikt im Kosovo zu beenden. Er sagt, er wisse nicht, warum, aber er müsse immer wieder an diese getötete Friseurin denken, und das sagt er nicht in die Welt hinein, sondern er sucht Augenkontakt. Seine Stimme ist ein bisschen flockig.
Da ist er wieder nahe bei Schmidt. Der könnte nicht so beliebt sein, wenn er nur der stahlharte Staatsmann gewesen wäre. Es ist auch die Schuld, die er auf sich geladen und angenommen hat. Eine seiner größten Reden hat er im Bundestag gehalten, nachdem Schleyer ermordet worden war. Im Moment der staatlichen Stärke zeigte er sich nicht als Held, sondern als Gebrochener und konnte damit auch jene versöhnen, die staatliche Stärke mit Skepsis betrachteten.
Doch die breite Unterstützung der Deutschen für Schmidt war bald wieder dahin. Er versöhnte nicht mehr, er spaltete. Das lag am berühmten Nato-Doppelbeschluss von 1979. Der sah vor, dass die USA in Westeuropa 572 atomar bestückte Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper stationierten, falls Verhandlungen mit der Sowjetunion über einen Abbau ihrer neuen SS-20-Raketen scheitern sollten. Weite Teile der Bevölkerung waren gegen den Beschluss, die Friedensbewegung lebte auf, aber Schmidt blieb hartnäckig.
Nun erzählt er gern, wie Gorbatschow kurz nach seinem Amtsantritt als KPdSU-Chef 1985 eine Raketenbatterie bei Moskau besucht habe. Ob die Stadt damit gut geschützt sei, wollte er wissen. Nein, sagten die Militärs, gegen die westlichen Waffen könnten sie nichts ausrichten. Da habe Gorbatschow eingesehen, dass er beim Wettrüsten chancenlos sei.
Heute wird der Doppelbeschluss gern zur strategischen Meisterleistung verklärt, die auf den Zusammenbruch der damals schon maroden Sowjetunion zielte. Aber ganz so glanzvoll verlief die Sache nicht.
Als die Sowjetunion 1976 SS-20-Mittelstreckenraketen aufzustellen begann, die London, Paris oder Hamburg, aber nicht New York bedrohten, fürchtete Schmidt als einer der Ersten, dass im Ernstfall eines atomaren Konflikts Westeuropa vom amerikanischen Nuklear-Schutzschirm abgekoppelt werden könnte, und wurde in Washington vorstellig.
Nicht dass Schmidt glaubte, ein sowjetischer Angriff stehe bevor, aber er fürchtete, ein Nachfolger des damaligen Sowjetführers Leonid Breschnew könne möglicherweise der Versuchung erliegen und den Westen erpressen.
In Bonn dominierte ein Worst-Case-Denken, wie der damalige Verteidigungsminister Hans Apel gegenüber den Amerikanern einräumte. Denen kamen die Sorgen Schmidts übertrieben vor, und da die Bundesregierung mit immer neuen, sich auch widersprechenden Vorschlägen aufwartete, zögerte der damalige US-Präsident Jimmy Carter lange, ehe er die Führung in dieser Frage in der Nato übernahm.
Die Amerikaner hatten freilich ihre ganz eigenen Vorstellungen für eine Lösung des Schmidtschen Problems - und infolgedessen wurde 1979 aus dem Antreiber Schmidt der Bremser Schmidt.
Denn was die Amerikaner wollten, war zwar für den verteidigungspolitisch versierten Kanzler, nicht aber für die SPD akzeptabel: eine Stationierung von US-Raketen in West-Europa völlig unabhängig davon, ob Moskau am Ende der Verhandlungen bereit war, die SS-20 zu reduzieren oder gar vollständig zu verschrotten.
Vergeblich versuchte Schmidt die politischen Kosten zu senken. Im Sommer 1979, ein halbes Jahr vor dem Nato-Doppelbeschluss, sondierte er in Washington, ob die sich anbahnende Entscheidung verschoben werden könne. Dann wieder wollte er die US-Raketen nicht in der Bundesrepublik, sondern auf See stationieren. Wenn es stimmt, was sowjetische Politiker später berichten, hat er Moskau zu jener Zeit sogar in Aussicht gestellt, bei begrenztem Entgegenkommen auf eine Nachrüstung ganz zu verzichten. Immerhin kann Schmidt für sich in Anspruch nehmen, dass es ohne ihn vermutlich nie ein Verhandlungsangebot der Amerikaner an die Sowjetunion gegeben hätte.
Im Dezember 1979 wurde der Doppelbeschluss verabschiedet, und Schmidt musste alle Kunst aufbringen, um die rebellierenden Genossen zu besänftigen. Sie stimmten schließlich nur zu, weil sie sich andernfalls einen neuen Kanzler hätten suchen müssen. Als Schmidt kein Regierungschef mehr war, fühlte sich die Partei nicht länger gebunden, wie sich auf dem Kölner Parteitag 1983 zeigte.
Helmut Kohl regierte inzwischen in Bonn, die Verhandlungen zwischen Ost und West waren gescheitert und die Frage stand an, ob die US-Raketen stationiert werden sollten. Mit einem überwältigenden Nein wandte sich die SPD von ihrem Ex-Kanzler ab.
Die ganz große Mehrheit der Fraktion stimmte denn auch gegen den Doppelbeschluss. Es gibt von diesem Tag, dem 22. November, ein schönes Fotos von Helmut Schmidt, geschossen von Jupp Darchinger, dem Fotografen der Bonner Republik.
Schmidt sitzt im Plenum und hat aus Papier einen Flieger gefaltet. Auf einem Flügel steht "Pershing II", der Bundeskanzler a. D. hat es selbst darauf geschrieben. Wenig später wirft er den Flieger Richtung Bundesratsbank, erinnert sich Darchinger. Schmidt sagt, dies sei gedankenlos geschehen.
Im Bundestag saß damals auch Hubert Kleinert. Er war nach der Wahl 1983 ins Parlament gekommen, mit 27 anderen Abgeordneten der Grünen, und das hatte einiges mit Helmut Schmidt zu tun.
Kleinerts Vater war vom selben Jahrgang wie Schmidt. Er war im Krieg, danach Bäckermeister. Kleinert sagt, die beiden seien sich nicht unähnlich gewesen in ihrer Strenge und Emotionslosigkeit.
Kleinert ist Jahrgang 1954. Ende der sechziger Jahre fing er an, seinem Vater Fragen zum Krieg zu stellen. Es wurde viel gestritten in der Bäckerei, es kam "68", und Hubert Kleinert war dabei, Marxismus, Spontitum, Friedensbewegung, Ökologiebewegung, schließlich die Grünen.
Und ein Gegner: Helmut Schmidt, und in Helmut Schmidt der Vater.
Nein, ganz so hart will er es auch nicht sagen. Kleinert, heute Politologe in Gießen, ist kein Mann für einfache Wahrheiten. Er räsoniert, er zieht zurück, macht einen neuen Anlauf, und dann: ja doch, Helmut Schmidt war der Gegner, obwohl, das muss er noch sagen - man hatte auch Respekt vor ihm.
Aber da war etwas Unverzeihliches, ausgedrückt in einem Satz: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", hatte Schmidt gesagt. Und da war nun eine Generation, die Visionen im Überfluss hatte: mehr Gerechtigkeit, Frieden überall, grünes Leben, Emanzipation - und dafür nur Verachtung vom Bundeskanzler. "Warum diese unnötige Schroffheit in der Abwehr von allem, was nach 68 kam?", fragt Kleinert. Und das klingt fast nach der Frage an einen Vater.
Schmidt übersah das. Er verachtete nur. Und spaltete damit das Potential seiner Partei. Viele der 68er gingen zu den Grünen.
Heute hat Kleinert einen milderen Blick auf Schmidt. Die Nachrüstung sei womöglich doch richtig gewesen, jedenfalls hätte es in der Friedensbewegung einige Irrtümer gegeben.
Eines Tages war er mit seinen Eltern im Bundestag, und sie trafen in der Kantine zufällig auf Schmidt, der da schon einfacher Abgeordneter war. Der Vater, der Bäckermeister, war beeindruckt, war ehrfürchtig. Helmut Schmidt. Und dass sein Sohn, der Abgeordnete der Grünen, da arbeitete, wo man auf Helmut Schmidt treffen konnte, das hat ihn sehr stolz gemacht.
Für diese Generation hatte Schmidt den idealen Lebenslauf, absolut zustimmungsfähig. Er war gleichzeitig Soldat und Gegner Hitlers, war dabei und doch nicht so richtig.
Helmut Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek geboren. Die Zeiten waren stürmisch. Revoltierende Matrosen aus Kiel trafen in Hamburg ein. Ein Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht in der Hansestadt. Doch Helmut Schmidts Vater Gustav hatten zeit seines Lebens andere Dinge als die Politik beschäftigt. Gustav Schmidt, Adoptivsohn eines ungelernten Hafenarbeiters, schaffte es trotz proletarischer Wurzeln, ein Lehrerseminar zu besuchen und zum Leiter einer Handelsschule aufzusteigen. Die Härte und Selbstdisziplin, mit der Vater Schmidt es nach oben schaffte, hatte er seinen Söhnen Helmut und Walter stets abverlangt. Auf das Widerwort folgte der Rohrstock. Für die Liebe war Schmidts Mutter Ludovika verantwortlich.
Seine Kindheit beschreibt Helmut Schmidt als "kleinbürgerlich". Die Familie sei eine "apolitische, vielleicht sogar antipolitische Sippe" gewesen. Als die Republik begann, in die Fänge der Nationalsozialisten abzudriften, war der pubertierende Helmut damit beschäftigt, seiner Klassenkameradin Hannelore ("Loki") Glaser zu gefallen.
Er wollte, wie die meisten seiner Freunde, in die Hitlerjugend (HJ) eintreten. Die Eltern verboten es, der leibliche Vater Gustavs war ein Bankier namens Ludwig Gumpel, ein Jude. Nach den Nürnberger Rassegesetzen wäre Enkel Helmut als "Mischling 2. Grades" eingestuft worden. Diesen Umstand verschwieg Schmidt von nun an aus Angst vor Anfeindungen. Als er dennoch in der HJ landete - sein Ruderverein wurde einverleibt - kritzelte er bald in einem Anflug jugendlicher Renitenz eine Wand mit unbequemen Sprüchen voll und flog wieder raus.
Nach seinem Abitur wurde er im Herbst 1937 als Rekrut eingezogen. In der Luftwaffen-Flak bei Bremen war er der Überzeugung, im "einzig anständigen Verein gelandet zu sein". Von den Vorgesetzten seiner Truppe habe es keinen "Hauch nationalsozialistischer Beeinflussung" gegeben. Darüber war der junge Schmidt erleichtert. Hatte er sich doch bereits vorher gedacht: "Die Braunen sind verrückt."
Mit der unpolitischen Selbstdisziplin und Härte seines Vaters im Herzen begann für Schmidt nun das richtige Leben im falschen, durch das viele Wehrmachtsangehörige im Krieg gestolpert waren. Schmidt war Patriot und deshalb Soldat. Der repressiven NS-Ideologie sei er, so zitiert ihn sein Biograf Hans-Joachim Noack, "ohne Einschränkung ablehnend" gegenübergestanden.
Als Hitler 1939 Polen überfiel, wurde Schmidt nicht aus dem Wehrdienst entlassen, sondern zum Wachtmeister der Reserve befördert. Er glaubte Hitlers Kriegslüge, wonach die Polen eine Rundfunkstation in Deutsch-Gleiwitz überfallen hätten und das Land sich wehren müsse. 1941 wurde Schmidt an die Ostfront abkommandiert. Dort erlebte er, wie er es nennt, "die große Scheiße des Krieges". Er lag kurz vor Leningrad, kurz vor Moskau. Kälte, Tod.
1942 kehrte er unverletzt zurück nach Berlin und heiratete seine Jugendliebe Loki. Im Juli 1944 misslang das Attentat der Offiziere rund um Oberst Stauffenberg. Schmidt war wütend. Darüber, wie schlecht der Anschlag geplant gewesen sei, nicht über das Vorhaben. Seinen Widerwillen gegen das NS-Regime konnte er immer schlechter verbergen. Er machte flapsige Bemerkungen über Göring, wurde der Wehrkraftzersetzung beschuldigt. Man schickte ihn an die Westfront, wo er bis März 1945 im Einsatz war und auf dem Rückweg nach Hamburg am 24. April von den Engländern gefangen genommen wurde.
Im britischen Gefangenenlager vor Brüssel begann Helmut Schmidt mit dem, was er seinen "Selbsterziehungsprozess zur Demokratie" nennen wird: Er arbeitete an einer Art frühen Biografie, die er "Disposition" nennt, in der er Rechenschaft ablegt, von "Verwandlungen" schreibt. Es bleibt unklar, ob er sich seiner Vergangenheit nicht auch deswegen so früh gestellt haben könnte, um vor den kritischen Augen der englischen Truppen zu bestehen. Die stuften ihn nach einigen Wochen als "Kein NS-Anhänger" ein, und im August 1945 kehrte er nach Hamburg zurück. Nicht als "Held", wie Schmidt es sich einmal gewünscht hatte, aber auch nicht als "Schwein".
So war Schmidts Leben gewesen, als er 26 Jahre alt war, sein Leben vor der Politik.
Franziska Drohsel ist jetzt 28, Vorsitzende der Jusos, und sie ist kein bisschen verlegen, als sie sagt, dass sie kein Buch von Helmut Schmidt gelesen habe.
Es geht jetzt um die "große Scheiße": Wie sie beiträgt zum Ruhm von Helmut Schmidt. In Drohsels Lebenslauf kommt sie naturgemäß nicht vor.
Es wäre ungerecht, Franziska Drohsel dafür zu verachten. Aber in Wahrheit wird es gemacht, zumindest unterschwellig. Indem nämlich Helmut Schmidt für seinen Lebenslauf gerühmt und verehrt wird.
Da kam ein ziemlich festes Ich aus Krieg und Gefangenschaft, gerade weil es die eigene Verführbarkeit gespürt hatte. Schmidt sagt, in seiner Generation sei niemand Politiker geworden, um Karriere zu machen. Es sei darum gegangen, zu verhindern, das Deutschland und die Welt das Durchgemachte noch einmal durchmachen müssten. Um Aufbau, um ein Fundament für die Demokratie. Nach Schmidt wird es solche Lebensläufe nicht mehr geben. Aber soll sich Franziska Drohsel vorwerfen lassen, dass sie von keinem Krieg gehärtet wurde?
Das Erste, was sie in der Politik gelernt habe, sei Selbstkontrolle, sagt sie. Aufpassen, was man sagt, alles hat Folgen, kann von Konkurrenten und Medien hysterisiert werden. Sie hat nie eine Chance gehabt, ein starkes Ich in die Politik zu tragen, so wie Schmidt. Sie ist längst dabei, sich ihr Ich für die Politik zu formen.
So machen es fast alle, Angela Merkel zuallererst. Sie sind gelenkig, geschmeidig, sie sind Spezialisten für den politischen Kampf in der Mediendemokratie. Das verlangt niemandem Respekt ab. Aber wenn sie so überzeugungsfest wären wie Helmut Schmidt, würden sie untergehen, weil in der extrem schnelllebigen Politik dieser Zeit die Überzeugung von gestern der Irrtum von heute ist.
Helmut Schmidt hat sehr oft Briefe geschrieben. Er hat sich hingesetzt und zum Beispiel Willy Brandt seine Gedanken ausführlich mitgeteilt. Nach ein paar Tagen erreichte ihn Brandts Antwort. Franziska Drohsel hat noch keinen einzigen politischen Brief geschrieben. Sie schreibt aber täglich rund 30 politische Mails, dazu genau so viele SMS.
Bei Angela Merkel ist das nicht anders. Sie schreibt auch keine Briefe, aber ständig SMS, und wenn SPIEGEL ONLINE nach einer Stunde immer noch dieselbe Spitzenmeldung bringt, versteht sie die Welt nicht mehr. Nichts los? Stehengeblieben? Das heißt, Politik hat sich in den vergangenen Jahren extrem verdichtet, durchaus zu Lasten der Tiefe. Es ist eine rasend schnelle Folge von Information und Kommunikation geworden.
In der Politik machen vor allem die Medien den Unterschied. In Helmut Schmidts Bonn gab es zwei Fernsehanstalten und keine Online-Medien, und dem SPIEGEL machte kaum einer Nachrichtenkonkurrenz. Jetzt sind mindestens hundert Nachrichtenjäger unterwegs. Sie treffen auf viele Politiker, die Nachrichtenspieler sind. Das alles gibt dem Berliner Regierungsbezirk etwas Brodelndes, Hysterisches, weit mehr als in Bonn.
Hat es Schmidt am Ende leichter gehabt als die Politiker heute?
Ja, sagt Theo Sommer, einst Chefredakteur und Herausgeber der "Zeit", heute, mit 78 Jahren, Editor at large. Sommer ist ein Mann, der nie alt zu werden scheint.
Er war von 1969 bis 1970 Chef des Planungsstabs im Verteidigungsministerium, als Schmidt dort Minister war. Seit 25 Jahren arbeitet er mit ihm bei der "Zeit" zusammen. Er hat Schmidt mal in einem Brief ermahnt, dass Redakteure keine Staatssekretäre sind. Aber insgesamt ist er Schmidt wohlgesinnt. Wären sie aus einer anderen Generation, könnten sie Freunde sein, so aber sind sie sich in herzlicher Steifheit verbunden.
Sommer, der immer groß war in seinen Analysen, groß in seinen Irrtümern und groß in seinem Umgang damit, sagt, dass die Politik zu Schmidts Zeiten einen "festen Rahmen" hatte. Das war der Kalte Krieg, der politische, ideologische und militärische Kampf zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. In diesem festen Rahmen habe sich wenig bewegt, sagt Sommer, es gab kaum Spielraum für Politik.
Es gab auch wenig Akteure. China schlummerte noch dumpf, Indien war vor allem arm. Schmidt sprach zwar schon von "Globalökonomie", aber das war etwas anderes als die Globalisierung. Es betraf nicht die ganze Welt, sondern einen Ausschnitt. Es war nicht so kompliziert.
Die Probleme waren auch nicht so groß, sagt Sommer. Weniger Arbeitslose, eine halbwegs intakte Demografie und immerhin die Hoffnung, dass sich die Gastarbeiter, wie sie damals genannt wurden, integrieren ließen oder abwandern würden. Für Sommer ist die Sache klar: Es ist schwieriger heute.
Fester Rahmen, faucht Helmut Schmidt. Fünfmal faucht er das, und jedes Mal folgt ein Beleg, wie schwierig Politik damals gewesen sei. Die Zigarette klopft im Sekundentakt gegen den Aschenbecher, er schnupft, er niest. Nachrüstung, sehr schwierig. RAF-Terror, sehr schwierig. Explodierender Ölpreis, sehr schwierig. Am Ende dann Zurücklehnung, arrogante Nachsicht. Was wissen diese jungen Menschen schon, diese Nicht-Bundeskanzler. Er winkt ab, Zigarette in der Hand, der Rauch kräuselt sich wild.
Dann soll er fotografiert werden. Auch das noch, nö, keine Lust, habt Ihr doch alles in den Archiven.
Aber kein Foto von 90 Jahren minus 20 Tagen. Na gut, großes Seufzen, er erträgt auch das noch, brummig zwar, aber eigentlich ist er doch ganz froh, dass er, der alte Mann, noch einmal alle übertreffen kann: als das meistgefeierte Geburtstagskind der Republik. KERSTIN KULLMANN,
DIRK KURBJUWEIT, KLAUS WIEGREFE
* Aldo Moro, Harold Wilson, Gerald Ford, Valéry Giscard d'Estaing, Helmut Schmidt, Takeo Miki.
* Im von Grenzschutzbeamten gesicherten Bundespräsidialamt.
Von Kerstin Kullmann, Dirk Kurbjuweit und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 50/2008
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