08.12.2008

FUSIONENDaphne kuschelt mit Nero

Die Deutsche Börse plant heimlich einen Zusammenschluss mit der New York Stock Exchange. Das Projekt könnte fatale Folgen für den hiesigen Finanzplatz haben.
Das Langweiligste an dem Arbeitspapier, das Deutsche-Börse-Boss Reto Francioni vergangene Woche seinen Vorständen präsentierte, war der Titel. Das Werk trug den Codenamen Rudolf. Der Rest allerdings klingt kühn, manche sagen, tollkühn: Die Deutsche Börse AG will mit New York Stock Exchange (NYSE) Euronext zusammengehen. Ziel soll es sein, gemeinsam den führenden globalen Börsenkonzern zu schaffen.
In zahlreichen Treffen diesseits und jenseits des Atlantik hat Francioni mit seinem New Yorker Amtskollegen Duncan Niederauer an den Details gefeilt. Immerhin 13 Seiten umfasst das Memorandum, das die Vorstände für die weiteren Geheimverhandlungen abgesegnet haben.
Wenn der Schweizer Francioni seinen Plan durchsetzt, steht die Selbständigkeit der 423 Jahre alten Börse in Frankfurt am Main zur Disposition - mit noch unübersehbaren Konsequenzen für den Finanzplatz Deutschland. In einigen Bereichen nimmt die Deutsche Börse AG schon jetzt einen globalen Spitzenplatz ein.
Sie betreibt die weltgrößte Derivatebörse, wickelt so viele Wertpapiergeschäfte wie keine andere Einrichtung in Europa ab und wird dieses Jahr trotz Finanzkrise einen Rekordgewinn erwirtschaften. Mit über einer Milliarde Euro wird gerechnet.
Die NYSE hat außer ihrem großen Namen deutlich weniger zu bieten. In New York hetzen immer noch fernsehwirksam die Händler schreiend durch den Börsensaal, weil der Trend zum Computerhandel lange verschlafen wurde. Der Konzern ist am Aktienmarkt nur halb so viel wert wie die Frankfurter.
Trotzdem planen die beiden Verhandlungspartner Deutsche Börse (Codename: Daphne) und NYSE Euronext (Codename: Nero), wie zwei gleichberechtigte Partner aufzutreten. Sie wollen eine Holding-Gesellschaft in den Niederlanden gründen, die dann den Aktionären der Deutschen Börse ein Übernahmeangebot macht. In einem zweiten Schritt würde das Unternehmen nach amerikanischem Recht mit einer US-Tochter der niederländischen Firma fusionieren.
Ob der steuerliche Sitz der Gesellschaft tatsächlich in die steuergünstigen Niederlande verlegt wird, ist angeblich noch in der Diskussion. Doch der deutsche Fiskus kann sich schon mal darauf einstellen, dass ihm als Ergebnis der Transaktion hohe Steuereinnahmen von einem der profitabelsten deutschen Unternehmen entgehen würden.
Francioni soll fünf Jahre lang Chairman der neuen Superbörse mit erstem Dienstsitz in Frankfurt werden. Die eigentliche Arbeit würde der Amerikaner Niederauer als Vorstandschef mit Dienstsitz in New York verrichten. Beide säßen in einem Direktorium amerikanischen Stils zusammen mit 16 weiteren Mitgliedern, die jeweils zur Hälfte aus beiden Konzernen kommen sollen. Auch die acht Vorstände sollen paritätisch besetzt werden. Als Vizevorstandschef ist Deutsche-Börse-Vorstandsmitglied Andreas Preuß im Gespräch.
Auch sonst wären die Funktionen säuberlich zwischen den Hauptstandorten Frankfurt am Main und New York aufgeteilt. Der Aktienhandel würde künftig von New York aus gesteuert, mit verschiedenen europäischen Standorten. Das Derivategeschäft würde von Deutschland aus dirigiert, das Abwicklungsgeschäft wie bisher aus Luxemburg.
Auf dem Papier scheint alles so, als werde da wie einst bei der Fusion zwischen Daimler und Chrysler eine Hochzeit im Himmel verabredet. Aber das klang auch so, als die NYSE vor 20 Monaten mit der paneuropäischen Börse Euronext zusammenging. "Euronext ist heute Filiale eines amerikanischen Unternehmens, das von Amerikanern gesteuert wird. Die Dominanz der Amerikaner ist total", schimpft der Franzose Henri Lachmann, Aufsichtsratschef des Elektrokonzerns Schneider.
Francioni und seine Berater von der Deutschen Bank haben bislang kaum jemand über ihre weitreichenden Pläne informiert. Die Deutsche Börse evaluiere "kontinuierlich eine Vielzahl von Optionen", teilt sie auf Anfrage mit.
Ihre Manager wissen, dass sie sich mit dem geplanten Deal auf vermintes Gelände begeben. Der Bundesregierung kann es nicht egal sein, wenn sich die Deutsche Börse in ein ergebnisoffenes Fusionsabenteuer stürzt.
"Das Geschäftsmodell der Deutschen Börse ist aus Sicht der hessischen Landesregierung ein extrem schützenswertes Gut", sagte Noch-Ministerpräsident Roland Koch Mitte November anlässlich der Grundsteinlegung für eine neue Unternehmenszentrale in Eschborn. Selbst die meisten Aufsichtsräte, die am Montag dieser Woche zusammenkommen, wissen noch von nichts. Haupttagesordnungspunkt ist bislang der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Kurt Viermetz, der aber noch seinen eigenen Nachfolger vorstellen will.
Den Top-Posten im Kontrollgremium wird wohl der ehemalige DaimlerChrysler-Vorstand Manfred Gentz übernehmen. Der immerhin kann berichten, wie es so zugeht bei einer Fusion unter Gleichen.
CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 50/2008
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