08.12.2008

KONGOWarlord auf großer Bühne

Milizenführer Laurent Nkunda hat große Gebiete im seit Jahren umkämpften Ostteil des Landes unter seine Kontrolle gebracht. Viele Kongolesen fürchten den Tutsi und seine Soldateska, doch in seinen Herrschaftsbereich sind erste Spuren staatlicher Ordnung zurückgekehrt.
Der General lässt auf sich warten. Eine Stunde, zwei Stunden, Bedeutung braucht eben ihre Zeit. Die Sonne knallt ins Stadion von Rutshuru, Schatten gibt es nur für die Honoratioren und Offiziere auf der Tribüne. Aber Geduld wird den Menschen im östlichen Kongo schon lange abverlangt, und auch der Umstand, dass viele leiden müssen, während es sich einige wenige kommod eingerichtet haben, ist ihnen vertraut.
General Laurent Nkunda, 41, ist ein hochgewachsener, schmaler Mann. Er trägt eine unauffällige Brille, hat sechs Kinder, ein paar Jahre lang Psychologie studiert und in Ruanda das Kriegshandwerk gelernt. Er kann gut zuhören, und er hat die Gabe, Menschen zu überzeugen. Menschenrechtsorganisationen und die im Kongo stationierten Blauhelme der Uno werfen ihm allerdings schwere Kriegsverbrechen vor, die Regierung in Kinshasa würde ihn am liebsten vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zerren.
Doch dazu müssten sie ihn erst mal schnappen, was nicht einfach ist. Nkunda ist ein mächtiger Mann. Nun gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich in einem gesetzlosen Riesenreich wie dem Kongo Macht und Einfluss zu sichern. Ein ehrgeiziger Anführer kann sich Verbündete im Ausland suchen oder eine eigene Armee aufbauen. Er kann versuchen, Rohstoffquellen zu erobern, und er kann darauf hinarbeiten, den Präsidenten zu stürzen. Laurent Nkunda hat sich für alle vier Möglichkeiten entschieden.
Der General steigt aus seiner Limousine. Die Scheiben sind, wie es sich für Prominenz gehört, getönt. Er hat für seinen Auftritt die graue Felduniform mit passendem Hut gewählt. Die Welt soll sehen: Hier bereitet sich jemand auf den Kampf vor. Hochgewachsene Bodyguards rempeln ihm den Weg frei. Es ist sein erster Auftritt auf großer Bühne.
Ausländische Kamerateams und Fotografen sind da und auch etwa 3000 Einwohner aus Rutshuru. Das rapide gestiegene Interesse an dem Warlord mit den guten Manieren hat einen einfachen Grund: Es fühlen sich viele Milizenführer im Ostkongo zu Höherem berufen, aber keiner kann es mit ihm an Intellekt, Führungsstärke und militärischer Intelligenz aufnehmen. Seine Krieger, etwa 8000 Mann, gelten als die disziplinierteste aller Kriegsparteien. Sie kämpfen nicht nur gegen Maji-Maji-Rebellen und Hutu-Milizen, sondern sind vor allem den 20 000 Regierungssoldaten in der Region haushoch überlegen.
Und jetzt fordert General Nkunda Präsident Joseph Kabila, 37, auch noch politisch heraus.
"So ein großes Land, so ein reiches Land", ruft der General ins Stadion, "und es gibt keine Straßen, keine Krankenhäuser, keine Schulen - wie kann das sein?" Er stellt die Fragen, die sich jeder stellt und die den Fall Kongo, weil es keine Antworten gibt, noch ein bisschen tragischer machen als etwa das Elend in Somalia.
Denn im Kongo lagern so viele verschiedene Bodenschätze wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Der Kongo müsste dank des Wasserreichtums seiner Flüsse eigentlich den halben Kontinent mit Strom versorgen, und insbesondere im Osten des Landes könnten gleich drei Ernten im Jahr eingefahren werden.
"Dieses Land hat keine Führung", ruft der General, und die Lautsprecher dröhnen. "Ich will den Kongo wieder stark machen."
Ende Oktober standen seine Truppen plötzlich am Flughafen der Stadt Goma. Die Soldaten der kongolesischen Armee, zahlenmäßig weit überlegen, hatten sich davongemacht. Die Blauhelme der Uno-Mission (Monuc) wollten die Stadt schon übergeben. Da stoppte Nkunda seine Leute, ließ kurz darauf Hilfstransporte passieren und zog auch an anderer Stelle seine Verbände zurück.
Ein Menschenfreund?
Wohl kaum. 2002 sollen seine Truppen in Kisangani ein Massaker an Zivilisten verübt haben. 2004 zogen seine Soldaten plündernd und vergewaltigend durch Bukavu am Südufer des Kivu-Sees. Auch in seinem Herrschaftsbereich werden Kinder geraubt und zwangsverpflichtet.
Das alles hat sich herumgesprochen. Als er vor wenigen Wochen auf Rutshuru unweit der Grenze zu Uganda vorrückte, ergriffen viele Einwohner die Flucht. Im Flüchtlingslager Kibati, vor den Toren von Goma, haben sie sich versammelt. "Wir haben Angst vor Nkunda", sagen sie. "Seine Leute vergewaltigen die Frauen und bringen viele Menschen um. Sie schlagen ihnen den Kopf ab und zwingen die Männer in seine Armee."
Der Monuc-Sprecher Jean-Paul Dietrich formuliert denselben Tatbestand ähnlich drastisch. "Seine Truppe ist kein Wohltätigkeitsverein, in seinem Herrschaftsbereich gibt es massivste Menschenrechtsverletzungen."
Zugleich räumen aber auch viele Kongolesen ein, dass in Nkundas Reich deutlich mehr Ordnung herrscht als anderswo. Schulwesen, Polizei, Justiz und öffentliche Verwaltung funktionieren in seiner Zone zumindest ansatzweise, und die Bauern können wieder ihre Felder bestellen. Nun will der General nicht mehr einfach nur Rebellenchef sein. Er übt sich in der Rolle des Staatsmannes.
Dass im Osten des Kongo seit 13 Jahren Krieg herrscht, hat viele Gründe. Dazu gehören die Bodenschätze, die Diebe und dubiose Geschäftsleute aller Art anlocken, die schwache Zentralregierung, die keine Ordnung aufrechterhalten kann, ferner Minister, die sich unter gesetzlosen Umständen hemmungslos bereichern, und eben auch der Zusammenprall unterschiedlicher Sprach- und Volksgruppen.
Insbesondere zwischen dem Volk der Nande sowie den Hutu und den Tutsi hat sich über die Jahre eine jederzeit abrufbare Rivalität herausgebildet. Dabei waren Tutsi und Hutu im alten Königreich Ruanda, das sich bis in den heutigen Ostkongo ausdehnte, nicht unterschiedliche Stämme. Die Wörter bezeichneten vielmehr verschiedene soziale Schichten.
Nun mag es in Nkundas Reich zwar geregelter zugehen als anderswo im Kongo, aber geliebt wird er von der Mehrheit der Kongolesen nicht. Er ist ein Tutsi, und die Tutsi sind eher geduldet als geachtet. Sie haben die größeren Häuser, die größeren Viehherden, und während Tausende, die alles verloren hatten, in den vergangenen Wochen vor den Kämpfen in die Wälder flohen, haben es nicht wenige Tutsi geschafft, ihre prächtigen Rinderherden heil durch alle Schießereien zu bringen.
Es ist die Geschichte voller Streit, es ist der Neid, und es ist für nicht wenige auch persönliche leidvolle Erinnerung, die die Abneigung fördert. Denn als Laurent Kabila, der damals mit den Tutsi verbündete Vater des jetzigen Präsidenten, 1996 den Ostkongo in Richtung Kinshasa durchquerte, um den ungeliebten Diktator Mobutu Sese Seko zu stürzen, ging er mit den Hutu nicht gerade zimperlich um. Bis heute setzen sich in Goma weder Nande noch Hutu im Bus neben einen Tutsi, und als Ende Oktober eine Welle der Gewalt über die Stadt schwappte, waren es vornehmlich Tutsi-Geschäfte, die geplündert wurden.
"Für viele kommen die Tutsi einfach aus Ruanda", sagt der Lehrer Hussein Kalumbi. "Die Nande glauben, sie sind von hier." Kalumbis Mutter, die bei Rutshuru wohnt, ist eine Tutsi, sie ist im Kongo geboren. Aber sie spricht das ruandische Kinyaruanda, und ihre Vorfahren wurden vom ruandischen König regiert, dessen Reich weit in den heutigen Kongo hineinreichte.
Nicht wenige Hutu und Nande unterstellen Ruandas Präsidenten Paul Kagame, ebenfalls ein Tutsi, an die Geschichte anknüpfen zu wollen. Kagame feile an einem Plan für ein neues Großreich, das den ruandischen Sprachraum, nämlich Ruanda und Teile von Uganda und des Kongo, umfasst. General Nkunda käme darin die Rolle des Statthalters im Kongo zu.
Die Wahrheit ist vermutlich schlichter. Der General konnte nur deshalb so stark werden, weil er mächtige Verbündete hat. Freiwillige und unfreiwillige.
Ruandas Präsident Kagame gehört zu den freiwilligen Verbündeten. Wie er Nkunda unterstützt, ist immer noch unklar, aber unzweifelhaft profitiert Ruanda von den instabilen Verhältnissen und verdient jedes Jahr viele Millionen Dollar am Export von Rohstoffen, die aus dem Kongo stammen. Und es ist auch kein Geheimnis, dass eine beträchtliche Zahl von Nkundas Kämpfern aus demobilisierten Soldaten der ruandischen Armee besteht.
Nkundas wichtigster Helfer - wenngleich einer, der diese Rolle höchst unfreiwillig übernommen hat - sitzt jedoch in Kinshasa. Es ist der Präsident des Kongo, der versucht, von der peripher gelegenen Hauptstadt aus sein riesiges Land zu regieren.
Das Problem ist, dass Joseph Kabila in acht Jahren Regierungszeit über das Versuchsstadium nicht hinausgekommen ist. Seine Zentralverwaltung gehört zu den korruptesten weltweit: Es gibt Minister, die an Minen beteiligt sind, Minister, die Fluglinien unterhalten, Minister, die den Sold selbst einstreichen, den sie eigentlich ihren Soldaten auszahlen sollten. Allein das Budget des Präsidenten ist mehr als 20-mal so hoch wie der Haushalt für das Gesundheitswesen des ganzen Landes. Dabei wurden Kabila-Vater und Kabila-Sohn von vielen Kongolesen lange unterstützt. Das ist vorbei. Erschöpft nehmen die Menschen zur Kenntnis, dass sich seit dem Sturz von Mobutu in ihrem Land nichts geändert hat.
Im Gegenteil, es ist schlimmer als je zuvor. Kabila regiert ein Reich, in dem nichts mehr funktioniert. Die Polizei und die Justiz nicht, es gibt kein Bildungssystem, keine Straßen und kein funktionierendes Transportwesen. In den Gefängnissen der Provinz Ostkasai sind bis zur Jahresmitte mindestens zwei Dutzend Insassen verhungert. In Butembo, 200 Kilometer nördlich von Goma, sind von knapp 200 Gefangenen nur 10 ordentlich verurteilt. Lehrer werden nicht vom Staat finanziert, sondern durch Abgaben der Eltern. Wer sich einen Pass zulegen will, muss nach Kinshasa reisen und 1000 Dollar - mehrere Jahresgehälter - auf den Tisch legen.
Die Demobilisierungsbehörde Conader, die die Entwaffnung der verschiedenen Milizen im Osten des Landes und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft überwachen sollte, ist kläglich gescheitert. Über 400 Millionen Dollar hatten Weltbank, die Niederlande und andere bereitgestellt. Ein paar tausend Milizionäre bekamen noch je 110 Dollar für die Abgabe ihres Gewehrs, doch für die zugesagten Baumaterialien fürs eigene Häuschen reichten die Mittel nicht mehr. Das Geld war auf unerklärliche Weise versickert, und als eine Prüfkommission der Geldgeber in Kinshasa nachschauen wollte, hatte gerade ein Feuer die Buchhaltung vernichtet.
Am schwersten wiegt jedoch die fehlende Sicherheit. Es gibt keine Kraft, die die Einhaltung von Recht und Gesetz garantieren könnte. Im Gegenteil, ausgerechnet Kabilas Soldaten gehören im Ostkongo zu den schlimmsten Marodeuren. Als sie Ende Oktober auf ihrer Flucht vor Nkunda durch Goma hetzten, beschlagnahmten sie Autos und Motorräder. Wer sich weigerte, sein Gefährt herauszugeben, wurde erschossen. "Den größten Teil der Regierungstruppen müsste man nach Hause schicken", sagt ein Monuc-Offizier in Goma. "Sie sind ein verrotteter Haufen." In ihrer Verzweiflung und um weitere Übergriffe auf die Zivilbevölkerung zumindest einzuschränken, hat die Monuc begonnen, Essenspakete an die Kabila-Soldaten zu verteilen.
Im Stadion von Rutshuru hält Laurent Nkunda seine Rede frei, ohne Manuskript. Er appelliert an den Stolz, den Patriotismus und die Hoffnung seiner Landsleute. "Andere Länder entwickeln sich. Wir nicht, obwohl wir so reich sind. Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass wir hinter Somalia zurückgefallen sind." Und natürlich werde, wenn er nur Unterstützung aus der Bevölkerung bekomme, alles besser werden. "Rutshuru wird zum Vorbild für ganz Ostafrika."
Übergelaufene Offiziere der kongolesischen Armee erklären, warum sie geflohen sind, ein ertappter Dieb wird vorgezeigt und ein zwölfjähriger Junge auf die Bühne gezerrt: ein verschüchterter, angeblicher Maji-Maji-Kämpfer, den man gefangen genommen habe und der nun den Eltern übergeben werde. Es ist eine Ansammlung vollmundiger Versprechen für eine bessere Zukunft.
Der Auftritt als Volkstribun ist bestens vorbereitet. Nkunda tanzt mit kleinen Mädchen, Nkunda nimmt frisch rekrutierten Polizisten den Amtseid ab, Nkunda stellt die neuen Repräsentanten der Stadt vor: "Wollt ihr von Fremden regiert werden oder von Leuten, die ihr kennt?" Das Volk im Stadion murmelt gefällig, und der General darf das als Zustimmung für seine Auswahl deuten.
Ein Präsident ohne Macht, Soldaten, die von einer Uno-Friedenstruppe verpflegt werden müssen, die ihrerseits aber nicht in der Lage ist, auch nur eine der Kriegsparteien aufzuhalten: Das sind die Umstände, die Nkunda und seinen Soldaten die Raubzüge erleichtern und die es ihm ermöglichen, seinen Einflussbereich immer weiter auszudehnen. Ohne Nkunda ist im Kongo kein Frieden mehr zu machen. Präsident Joseph Kabila hat das verstanden: An diesem Montag soll sich eine Delegation der Rebellen mit Abgesandten aus Kinshasa zu Gesprächen treffen. HORAND KNAUP
Von Knaup, Horand

DER SPIEGEL 50/2008
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