15.12.2008

GEHEIMDIENSTE„Die Deutschen sind Helden“

Frank-Walter Steinmeier und BND-Präsident Ernst Uhrlau wollen den Einsatz von BND-Agenten während des Irak-Kriegs in Bagdad zu einer humanitären Aktion umdeuten. Führende US-Militärs zeichnen ein anderes Bild.
Es gibt den perfekten Zeugen. Er ist groß, er ist schlank, und er ist ein erklärter Deutschen-Freund ("Ihr seid so zuverlässig, fast schon überkorrekt"). Vor allem aber: Er weiß alles, was auch deutsche Parlamentarier wissen wollen.
Doch der frühere US-General James Marks ist kein Zeuge, und er wird es wohl nie werden. Die Abgeordneten des BND-Untersuchungsausschusses des Bundestags befragen lieber Deutsche, um herauszufinden, welche Rolle der Bundesnachrichtendienst während des Irak-Kriegs gespielt hat. Wer hier aussagen muss, arbeitet meist für die Regierung und ist von ihr abhängig. Amerikaner sind nicht geladen, es hat nicht einmal den Versuch gegeben.
Dabei hätte ein Mann wie Marks viel zu erzählen. Wie er im Frühjahr 2003 im US-Camp Doha, in der kuwaitischen Wüste, in einem fensterlosen, klimatisierten Einsatzraum saß und Meldungen der zwei BND-Agenten auf den Tisch bekam, die während des Kriegs in Bagdad ausharrten. Er könnte erzählen, wie die Informationen der Deutschen Teil der Lagebilder wurden, die er in täglichen Videokonferenzen dem Oberbefehlshaber der Invasionstruppen, Tommy Franks, und manchmal auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld präsentierte.
Dass der General ein idealer Zeuge für den Untersuchungsausschuss wäre, ergibt sich schon aus seiner damaligen Funktion. Marks leitete vor und während des amerikanischen Feldzugs die Aufklärung der US-Bodentruppen. Sein Wort hatte Gewicht, denn er musste dafür sorgen, dass die 115 000 amerikanischen Soldaten bei ihrem Marsch auf Bagdad keine Überraschungen erleben sollten. Bei ihm landeten alle kriegsrelevanten Informationen. Marks weiß so genau wie wenige andere, wie wichtig die Berichte der beiden Deutschen für die amerikanische Kriegsführung waren.
An diesem Donnerstag muss Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Als Chef des Kanzleramts und Koordinator der Geheimdienste war er während des IrakKriegs der engste Mitarbeiter von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Und der hatte seine Wiederwahl im September 2002 vor allem der harten Opposition gegen die amerikanischen Kriegspläne zu verdanken.
Es werde "keine direkte oder indirekte Beteiligung an einem Krieg geben", versprach Schröder auch noch im Februar 2003 vor dem Bundestag. Sein Kanzleramtschef hatte zu diesem Zeitpunkt bereits im Geheimen den Einsatz der beiden BND-Agenten in Bagdad genehmigt. Seit die Mission im Januar 2006 in Umrissen bekannt wurde, werden nicht nur im Untersuchungsausschuss immer wieder die gleichen Fragen gestellt.
Welchen Auftrag hatten die Männer? Haben sie mit ihren Informationen die Kriegsführung der Amerikaner unterstützt? War die lautstarke Kritik an den USA nur eine Seite der Medaille? Hat Schröders und Steinmeiers BND den Amerikanern insgeheim militärisch geholfen?
Für Steinmeier geht es um nichts weniger als seine politische Glaubwürdigkeit. Er ist der prominenteste Schröder-Freund, der heute noch an der Macht ist, und im kommenden Herbst soll er für die Sozialdemokraten die Kanzlerin herausfordern. Versucht Steinmeier jetzt, einen Teil der Historie umzudeuten?
Seit Januar 2006 erklärt der Vizekanzler, die politische Vorgabe der Regierung für den Bagdad-Einsatz des BND sei klar gewesen: keine "aktive Unterstützung" von Kampfhandlungen im Irak. Und "wenn verhindert werden konnte, dass eine Botschaft oder ein Krankenhaus getroffen wird, dann hat das nichts mit Doppelmoral zu tun. Dann geht es um das Retten unschuldiger Menschenleben".
Auch die schwarz-rote Regierung, der Steinmeier inzwischen angehört, blieb in ihrem offiziellen Bericht zum Bagdad-Einsatz bei dieser Linie: "Keine Unterstützung des offensiven strategischen Luftkriegs der USA. Keine Weitergabe von Informationen mit unmittelbarer Relevanz für die taktische Luft- und Landkriegsführung der USA." Und: "Die vom BND erteilten Antworten auf US-Auskunftsersuchen haben diese Kriterien erfüllt." Im geheimen, geschwärzten Teil des Berichts heißt es, die Informationen der Männer seien für US-Zwecke nicht geeignet gewesen.
Mit der Realität des Kriegseinsatzes haben diese Aussagen nach den Erinnerungen beteiligter US-Militärs nicht viel zu tun. Der SPIEGEL hat mit mehr als 20 aktiven und ehemaligen amerikanischen Soldaten aus dem Central Command (Centcom) und dem Führungsstab der Bodentruppen gesprochen, darunter auch Kritiker der Bush-Regierung, die unverdächtig sind, politische Verantwortung nach Deutschland abschieben zu wollen. Alle hatten mit den Meldungen der Deutschen zu tun, werteten sie aus oder setzten sie um.
Mehrere wichtige US-Militärs wurden noch einmal mit dem Inhalt ausgewählter Meldungen konfrontiert. Das Bild, das die Befragten von der Relevanz der deutschen Beiträge zeichnen, stimmt weitgehend überein. Oberst Carol Stewart, die im Aufklärungsstab des Centcom von Tommy Franks Zugang zu den deutschen Informationen hatte, sagt es so: "Wer behauptet, dass diese Meldungen für die Kampfhandlungen keine Rolle gespielt hätten, lebt auf einem anderen Planeten."
Wer die Geschichte des BND-Einsatzes verstehen will, muss in den Herbst 2002 zurückgehen. Damals entstand in Pullach die Idee, während des Kriegs in Bagdad zu bleiben, um ein eigenes Bild der Lage zu erhalten - unabhängig von den Amerikanern. Das Auswärtige Amt, das früh eingebunden wurde, stand dem Projekt anfangs "eher skeptisch gegenüber", heißt es in einem Vermerk. Mitte Dezember 2002 willigte das Auswärtige Amt schließlich ein, der damalige Außenminister Joschka Fischer stimmte zu. Die Operation konnte beginnen.
Am 11. Februar 2003 machten sich zwei Agenten mit den Tarnnamen Reiner Mahner und Volker Heinster aus dem jordanischen Amman quer durch die Wüste auf den Weg nach Bagdad.
Vorher hatte der Dienst mit den USA in der gebotenen Diskretion einen Deal ausgehandelt. Ausgewählte Berichte aus der irakischen Hauptstadt würden auch an die Amerikaner gehen. Im Gegenzug durften die Deutschen einen Geheimdienstler ins Centcom nach Katar entsenden, in die Kriegszentrale der USA. Der BND schickte Bernd P., Deckname "Gardist".
Die Operation geriet zum Einsatz "von allerhöchster Auftragspriorität", wie sich der damalige BND-Abteilungsleiter Ludwig Mundt erinnert, aus dessen Bereich die Agenten entsandt wurden. Mundt ist ein Geheimdienstveteran, er hat viele Regierungen kommen und gehen sehen, aber er kann sich nicht erinnern, dass die Regierungszentrale in Berlin jemals so viel Interesse für eine Operation gezeigt hätte.
Dass die Rolle des BND in Bagdad so marginal wie heute behauptet nicht gewesen sein kann, zeigt schon ein Ereignis vom 27. Februar: Da überbrachte der damals noch in Bagdad stationierte BND-Resident Johannes H. seinen Kollegen vom irakischen Nachrichtendienst eine äußerst wichtige Nachricht.
Es handelte sich im Kern nur um einen Satz, der allerdings einem Ultimatum gleichkam: "Die Vereinigten Staaten und Großbritannien betrachten die irakische Weigerung, die Samud-II-Raketen zu zerstören, als Casus Belli."
Als die Iraker stutzten, übersetzte der BND-Mann den lateinischen Begriff als "wichtigen Kriegsgrund". Nun kam die Botschaft an. "Beide Gesprächspartner wirkten sehr betroffen", notierte der Resident in einem Vermerk für Pullach. Die Iraker hätten angedeutet, dass ihr Chef wohl "mit der Botschaft sofort zum IRQ Präsidenten Saddam Hussein gehen werde".
Die Übergabe der brisanten Nachricht war eine der letzten Amtshandlungen des Residenten, danach übernahm das Sondereinsatzteam die Bagdad-Geschäfte des BND. Strenggenommen war Deutschland damit sogar mit zwei gelernten Soldaten vor Ort: Mahner war Oberstleutnant und kam aus der Luftwaffe, Heinster war Fallschirmjäger. Das BND-Duo begann mit Erkundungsfahrten. Rund 130 Berichte samt Fotos und GPS-Daten transferierten sie insgesamt über eine gesicherte Satellitenleitung in ihre deutsche Zentrale nach Pullach. Sie meldeten Sandsackstellungen, MG-Nester und baten, nachdem sie die Stellungen irakischer Truppen in der Nähe ihres eigenen Standorts gemeldet hatten, dringend darum, "dass man zur Bekämpfung dieser Truppen doch bitte Special Forces einsetzen möge und keine Raketen und erst recht keine Artillerie".
Anders als sie bis heute beteuern, wussten die beiden also offenbar genau, an wen ihre Berichte weitergereicht wurden. Über den Einsatz von Special Forces und Raketen entschied ausschließlich Centcom, das amerikanische Hauptquartier.
Am Tag neun des Kriegs meldeten die beiden: "Offiziersclub der Luftwaffe schwer getroffen, allerdings richten sich in den Trümmern Soldaten zur Verteidigung ein." Die Meldung ging am selben Tag noch nach Katar. Kurz darauf visierten die Amerikaner das Ziel erneut an, jedenfalls berichtete das "Sondereinsatzteam" (SET) am 1. April, der Offiziersclub der Luftwaffe sei "erneut getroffen und dem Erdboden gleichgemacht" worden. Auch dieser Schadensbericht ging am selben Tag um 11.28 Uhr weiter an Centcom.
Waren diese Meldungen für die Kriegsführung der Amerikaner relevant? Man habe den US-Partnern fast nichts und wenn, dann nur Wertloses geliefert, behauptete Horst-Henning Sch. im Untersuchungsausschuss des Bundestags. Der BND-Mann aus Pullach musste damals darüber entscheiden, was an "Gardist" und an die Amerikaner weitergegeben werden konnte. Vor dem Ausschuss wählte Sch. einen gewagten Vergleich: Wenn man so wolle, habe "Gardist" "mit wenig Assen in der Hand ein gutes Pokerspiel geliefert".
Die vom SPIEGEL befragten Amerikaner könnten den Parlamentariern eine andere Geschichte von der Relevanz der BND-Berichte erzählen: Danach spielten sie sogar bei so wichtigen Kriegsentscheidungen wie dem Beginn der Bodenoffensive eine Rolle.
Marks, der Aufklärungsgeneral, erinnert sich, wie in seinem streng geheimen Mail-Postfach täglich Hunderte Berichte anderer Behörden einliefen. Für ihn rangierten die Informationen der Deutschen in der Kategorie "verlässliche Agenten auf dem Bagdader Boden". Das war exakt die Währung, von der Marks viel zu wenig bekam. Dem General ging es neben der Suche nach den angeblichen Massenvernichtungswaffen auch um die Situation der Ölfelder und die Verteidigung Bagdads.
Vor allem das Öl machte den US-Militärs in Kuwait und Katar Sorgen. Um jeden Preis wollten sie verhindern, dass Saddam Hussein, wie schon zwölf Jahre zuvor im ersten Krieg gegen die USA, seine Ölanlagen zerstörte. Erkenntnisse über mögliche Sabotage hatten in Marks' 400-Mann-Operation deshalb Priorität.
Entsprechend groß war die Aufregung der amerikanischen Aufklärer, als am 25. Februar Informationen einliefen, wonach die irakischen Streitkräfte damit begonnen hätten, an der Raffinerie von Dora "gewaltige Mengen Rohöl" zu verbrennen. "Die IRQ-Seite hofft anscheinend, damit die USA-Satellitenaufklärung zu behindern." Am 5. März hieß es dann: "Es liegen glaubwürdige Informationen vor, wonach die Ölpumpstation bei Kirkuk zur Sprengung vorbereitet wurde." Die brisanten Berichte stammten von Mahner und Heinster, den beiden Agenten des BND.
Elf Tage nach ihrer Ankunft hatten sie mit dem Residenten ihren Jeep bestiegen, um über die Autobahn Nr. 8 Richtung Mahmudija nach Hilla zu fahren, etwa 70 Kilometer südlich von Bagdad. Aus den Autofenstern erspähten die Deutschen entlang der Autobahn eingegrabene Kampfpanzer vom sowjetischen Typ T-72, diverse Sandsackstellungen und Maschinengewehrnester auf den Dächern offizieller Gebäude. Die Agenten schossen mehrere Fotos.
In dem Vermerk, den sie danach erstellten, schilderten sie auch Rauchschleier beim Flughafen und der Raffinerie Dora. Kurz danach waren die Informationen der Deutschen inklusive Fotos für die Amerikaner in Kuwait abrufbar.
Mehrere Mitarbeiter von General Marks erinnern sich, was die Meldungen der Deutschen auslösten.
"Besonders der Rapport vom 5. März war für uns von herausragender Bedeutung", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der Öl-Aufklärungstruppe, der heute für eine Sicherheitsbehörde arbeitet und deshalb nicht genannt werden will. Insgesamt hätten die Berichte und die danach verstärkte Überwachung der Anlagen dazu geführt, dass die Kriegsplanung massiv verändert und beschleunigt wurde.
Man habe sofort mit einer verstärkten Luftüberwachung der Anlagen begonnen. Als eine Drohne am 19. März tatsächlich erste Bilder von brennenden Ölfeldern mit hohen Flammensäulen lieferte und damit die Warnungen der Deutschen bekräftigte, sei er zum Kommandeur der Bodentruppen, David McKiernan, geeilt, sagt Marks. "Was jetzt zählt, ist der Überraschungseffekt", habe er gedrängt, "lassen Sie uns zuerst auf dem Boden vorstoßen und das Öl sichern."
Oberbefehlshaber Franks stimmte zu. Er gab nur wenige Stunden später den Marschbefehl für 140 000 Koalitionssoldaten. Der Bodenkrieg begann damit früher als geplant; in die US-Militärhistorie ist die Entscheidung als "G before A" eingegangen: "Ground before Air" (Boden vor Luft). Schon am 21. März meldeten die Marines Vollzug. Sie hatten die Grenze ohne nennenswerte Gegenwehr überwunden und die zentralen Ölfelder eingenommen. "Die Deutschen und ihre verlässlichen Informationen hatten einen erheblichen Anteil daran, dass der Krieg früher begann als geplant", sagt Marks.
Auch bei einer zweiten strategischen Kriegsfrage spielten die Meldungen der Bagdader BND-Agenten mehreren amerikanischen Militärs zufolge eine Rolle. Es ging um den Internationalen Flughafen von Bagdad, der damals noch Saddam Airport hieß. Und auch in diesem Fall trugen die Informationen aus Deutschland offenbar dazu bei, dass die US-Armee ihre Planung über den Haufen warf.
Wegen seiner strategischen Bedeutung hatten die Militärs in Kuwait ein mehr als zehn Meter langes Modell des Flughafens aufbauen lassen. Plastiksoldaten stellten die irakischen Truppen dar, ein Farb-Codierungssystem die besonders gefährlichen Bereiche. Centcom plante einen Überraschungscoup. An dem Modell hatten die Kommandeure einen Plan entwickelt, wie Special Forces und Teile der 82. Luftlandedivision den Flughafen mit Fallschirmjägern aus der Luft einnehmen könnten.
Auch Mahner und Heinster interessierten sich für den Flughafen. Am 16. Februar unternahmen sie mit dem BND-Residenten dorthin eine ihrer ersten Erkundungsfahrten. Auf einem "künstlich aufgeschütteten Hügel", so ihr Rapport, entdeckten sie "Roland"-Flugabwehrsysteme, die sie aus dem Auto heraus fotografierten.
Einige Tage später registrierten sie bei einer erneuten Erkundung frisch angelegte Ölgräben. Die irakischen Streitkräfte hätten begonnen, "in der Nähe des Saddam Airport Rauchschleier zu legen", berichteten sie am 24. Februar. Einen Tag später ging der Bericht an den "Gardisten" im US-Kriegshauptquartier in Katar. Marks kann sich nicht nur an das Foto der Deutschen erinnern, sondern auch daran, dass ihre Informationen zur Flugabwehr in das Modell in Camp Doha eingearbeitet wurden.
In der entscheidenden Vorkriegsphase rief der Kommandeur der Bodentruppen die Luftlandespezialisten und Aufklärer vor dem Modell zusammen, um alle Optionen durchzuspielen. Nach zwei Stunden Sandkasten-Simulation entschied der General, die Aktion wegen des hohen Risikos abzublasen. Die Informationen über die Flugabwehrstellungen und schnell entzündbare Ölgräben, davon ist Marks bis heute überzeugt, hätten dem Kommandeur deutlich gemacht, dass ein Einsatzbefehl Tausende Fallschirmjäger das Leben kosten konnte.
Mit ihrer Arbeit habe das deutsche Sondereinsatzteam "Leben gerettet", sagt Marks heute, das Leben von Soldaten und nicht von Zivilisten, wie Steinmeier und der BND bis heute behaupten.
Die gefährliche Bagdad-Operation des BND blieb lange geheim. Erst bei einem Besuch von US-Parlamentariern wie Joe Lieberman beim amerikanischen Hauptquartier in Bagdad Anfang 2004 kam die Sache kurz zur Sprache. Ein Republikaner beschwerte sich, Berlin habe die Koalition während des Kriegs im Stich gelassen.
Oberst Carol Stewart erinnert sich, sie habe darauf hingewiesen, dass die Deutschen mit Meldungen zur "Operation Iraqi Freedom" beigetragen hätten. "Lieberman war überrascht", sagt Stewart. Ihr selbst sei es während des Kriegs ähnlich gegangen: "Ich wusste, dass die Deutschen gegen den Krieg waren, deshalb hat es mich gewundert, dass sie während des Kriegs eine derart positive und hilfreiche Rolle für uns spielten." Stewart lässt auf die BND-Männer nichts kommen. Sie seien mutig und hätten "exzellente Arbeit geleistet". General a. D. Marks sagt: "Die Deutschen sind Helden."
So sah man es auch in Pullach und Berlin, zumindest solange die Aktion geheim blieb. Außenminister Joschka Fischer und Kanzleramtschef Steinmeier, die Mahner und Heinster bei unterschiedlichen Gelegenheiten trafen, beglückwünschten sie zu ihrem Einsatz und dankten ihnen. Doch als im Januar 2006 die ersten Meldungen über die BND-Zelle bekannt wurden, brach in Berlin umgehend Streit aus.
August Hanning, während des Irak-Kriegs Präsident des BND und inzwischen Innenstaatssekretär, plädierte für eine offensive Erklärung: "Durch den Irak-Krieg ist doch nicht das Bündnis mit den Amerikanern suspendiert worden, wir arbeiten weiter eng zusammen."
Hanning wirbt im Januar 2006 intern für ein selbstbewusstes und offensives Auftreten, er will sich nicht entschuldigen, und er will den Fall auch nicht kleinreden. "Wir waren an Informationen über den Fortgang des Kriegs interessiert", sagt er gegenüber Vertrauten, "wir wollten eigene Erkenntnisse von vor Ort haben. Dafür haben wir die beiden Beamten gebraucht, und natürlich haben wir Informationen mit den Amerikanern getauscht." Hanning ist sich bewusst, dass die Kooperation mit den US-Geheimdiensten viel enger ist, als es zur Antikriegsrhetorik der ehemaligen Bundesregierung passt: "Die Realität und der öffentliche Eindruck sind nicht deckungsgleich."
Deutlich anders gehen Steinmeier und Ernst Uhrlau mit dem Thema um. Steinmeier ist inzwischen als Außenminister in die erste Reihe der Bundespolitik gerückt, Uhrlau hat Hanning als BND-Präsident beerbt.
Als Mitte Januar 2006 die ersten Medienanfragen zur Bagdad-Operation beim BND eingehen, berät sich Uhrlau erst intern und dann mit dem Kanzleramt. Im Raum steht erstmals der Vorwurf, der BND habe militärische Informationen an die Amerikaner geliefert. In der "Süddeutschen Zeitung" und dem ARD-Magazin "Panorama" wird ein konkretes Beispiel genannt. Die Agenten, heißt es, hätten dem US-Militär einen vermeintlichen Aufenthaltsort von Saddam Hussein bestätigt, daraufhin sei ein Restaurant bombardiert, und mindestens zwölf Zivilisten seien getötet worden. Nach allem, was man heute weiß, ist dieser Vorwurf falsch.
Uhrlau ist für ein hartes Dementi, er lässt eine Mitteilung verfassen, die über den konkreten Vorwurf hinausgeht. Es seien den Kriegsparteien "keinerlei Zielunterlagen oder Koordinaten für Bombenziele zur Verfügung gestellt worden".
Das Vorgehen des BND-Präsidenten ist intern umstritten. Im Leitungsstab plädieren einige für Zurückhaltung: "Hinter eine solche Aussage kommen wir nie mehr zurück." Die neue Amtsleitung wisse gar nicht, welche Überraschungen in den Akten des Diensts noch schlummerten. Doch der Präsident setzt sich über die Bedenken hinweg. Es soll offensiv dementiert werden, und zwar schriftlich.
"Können wir das so rausgeben?", fragt Uhrlau im Kanzleramt nach, wo Kanzleramtsminister Thomas de Maizière und dessen Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche für die Aufsicht über den BND zuständig sind. Das Kanzleramt kennt die Akten nicht, de Maizière und Fritsche müssen sich auf Uhrlau verlassen, es gibt Bedenken und mehrere Gespräche. Wenn es so stimme, könne es so rausgehen, heißt es am Ende im Kanzleramt.
Es geht so raus. Doch es stimmt so nicht.
Uhrlaus Öffentlichkeitsarbeiter sprechen mit der Deutschen Presseagentur und geben ein Zitat frei: "Das Ziel war, Menschenleben zu retten." Was stattgefunden habe, sei die Übermittlung von Objekten, die auf keinen Fall bombardiert werden sollten. "Zivile Einrichtungen, Kitas, Botschaften und so", sagen die BND-Sprecher, "mit dem Ziel, Menschenleben zu schützen. Militärische Informationen sind nicht übergeben worden, das hat nicht stattgefunden, das dementieren wir."
Nichts Militärisches also.
Steinmeier ergänzt die Botschaft noch. Als der SPIEGEL am 14. Januar 2006 meldet, dass auch militärische Informationen über Ölgräben an das US-Militär gegangen seien, verbreiten die Agenturen: "Steinmeier weist SPIEGEL-Bericht über BND-Zuarbeit zurück." Man werde sich "Versuchen widersetzen, dass jetzt aufgrund einer Nachrichtenlage mit angeblichen Zeugen, die in abgedunkelten Räumen sitzen, Geschichte umgeschrieben wird". Intern klagt Steinmeier über "eine Kampagne", Vertraute wollen sich erinnern, dass der Minister ernste politische Schwierigkeiten bis hin zu seinem Rücktritt befürchtete.
Später verbreitet er seine bis heute gültige Sprachregelung, die politische Vorgabe der Regierung für den BND habe "eine aktive Unterstützung von Kampfhandlungen" im Irak "ausgeschlossen". Steinmeiers Problem: Die angebliche Weisung gibt es nicht schriftlich. In einem Beamtenapparat, der sonst selbst für Nebensächliches ausführliche Vermerke fertigt, ein ungewöhnlicher Vorgang.
Hanning spricht vor dem Ausschuss von einem "Balanceakt" und räumt ein, er habe sich auf den zuständigen Referatsleiter verlassen. Für ihn habe es keinen Anlass für Misstrauen gegeben. War es am Ende also ein kleiner Referatsleiter beim BND, der den richtigen Anti-Kriegs-Kurs der rot-grünen Regierung konterkarierte? War es also allenfalls ein Aufsichtsversagen von Hanning, Uhrlau und Steinmeier?
Oder ist die offizielle Darstellung der damals Verantwortlichen ähnlich fragwürdig wie die Versuche, die Verleihung der "Meritorious Service Medal" der US-Armee an die Bagdad-Agenten und "Gardist" herunterzuspielen, da dieser Orden nur an "Nicht-Kombattanten" vergeben werde.
"Totaler Quatsch", sagt James Marks, der heute als Geschäftsführer eines großen Pentagon-Dienstleisters arbeitet. "Diese Medaille ist eine der höchsten Auszeichnungen, die wir an Ausländer verleihen."
Er weiß, wovon er spricht. Er ist selbst mit der Meritorious Service Medal ausgezeichnet worden, gleich viermal.
JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH, HOLGER STARK
Von John Goetz, Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 51/2008
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