15.12.2008

PSYCHOLOGIE„Intelligenz ist ein Tabu“

Interview mit dem Intelligenzforscher James Flynn über die IQ-Unterschiede von Schwarzen, Weißen, Jungen und Alten
Flynn, 74, einer der weltweit einflussreichsten Intelligenzforscher, lebt und lehrt seit den sechziger Jahren in Neuseeland. Nach ihm benannt ist der "Flynn-Effekt", dem zufolge die Menschen in Industrienationen, zumindest gemessen an dem in IQ-Tests erhobenen Intelligenzquotienten, im Durchschnitt immer klüger werden. In seinem jüngsten Buch setzt er sich mit der Frage auseinander, warum Schwarze in Intelligenztests schlechter abschneiden als Weiße*.
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SPIEGEL: Herr Professor, sind Schwarze dümmer als Weiße?
Flynn: Intelligenz ist vielschichtig, der eine versteht darunter das Lösen von mathematischen Problemen, der andere die Interpretation von Romanen. Aber unstrittig ist: In den üblichen Intelligenztests schneiden Schwarze statistisch schlechter ab als Weiße. Das ist eine Tatsache, die viele liberale Akademiker nicht wahrhaben wollen, weil sie nicht in ihr Weltbild passt.
SPIEGEL: In das von Konservativen hingegen sehr wohl. Die sehen darin einen Beweis dafür, dass Weiße von Natur aus mit mehr Geistesgaben ausgestattet seien ...
Flynn: ... was eine Fehlinterpretation ist. Die Zahlen belegen etwas ganz anderes: dass nämlich Eltern, Lehrer und Freunde ganz entscheidend beeinflussen, wie gut oder schlecht jemand bei einem IQ-Test abschneidet. Schwarze Kleinkinder liegen nur ein Prozent hinter weißen; Teenager schon rund 10 Prozent; und 24-jährige Erwachsene waren früher sogar um über 15 Prozent abgeschlagen. Pro Lebensjahr fallen junge Schwarze rund 0,6 Prozent zurück im IQ.
SPIEGEL: Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Flynn: Dahinter stecken vor allem kulturelle Unterschiede. Zum Beispiel sind die Kinder von Büroangestellten in der
Vorschule einem Vokabular von über 2000 Wörtern ausgesetzt, Arbeiterkinder begegnen rund 1200 Wörtern, und Kinder von Sozialhilfeempfängern etwa 600. Das hat Auswirkungen auf das Abschneiden in IQ-Tests. Und genau das macht das Thema zu einem politischen Minenfeld. Denn wir reden hier auch über Familienstrukturen, über die Tatsache, dass viele junge Schwarze im Gefängnis sitzen, dass es viele alleinerziehende Mütter gibt und so weiter.
SPIEGEL: Alleinerziehende gibt es nicht nur unter Schwarzen. Wollen Sie behaupten, das mache die Kinder dumm?
Flynn: Man kann das Gehirn wie eine Art Muskel betrachten. Wenn es nicht trainiert wird, verkümmert es. Wenn zwei Eltern da sind, werden die Kinder vielleicht einfach mehr stimuliert, sie bekommen mehr Eindrücke, ihr Wortschatz ist größer. Aber es kommt noch etwas anderes dazu. Die soziale Oberschicht kann ihre Kleinen gar nicht früh genug in irgendwelche Kurse schicken. In der Unterschicht dominiert viel eher die Vorstellung: Ich gebe dem Kind Liebe und ein Dach über dem Kopf, und der Rest kommt von allein.
SPIEGEL: Die Benachteiligten sind also selber schuld?
Flynn: Das nicht. Ich sage nur, dass, wer über Intelligenz redet, auch über Kultur und über Lebensweise sprechen muss. Intelligenz ist heute ein großes Tabu. Der Effekt ist fatal. Alle reden zwar von der Wissensgesellschaft, aber viele Unis verzichten fast völlig darauf, den Studenten die Grundlagen der Intelligenzforschung zu vermitteln. Dadurch wurde das Feld konservativen Forschern überlassen, die Intelligenz vor allem genetisch erklären.
SPIEGEL: Tatsächlich deutet manches auf genetische Komponenten hin. Schwarze Kinder beispielsweise, die in weißen Familien aufwachsen, schneiden in IQ-Tests schlechter ab als ihre weißen Geschwister.
Flynn: Ja, aber wenn Sie sich die Zahlen genauer anschauen, sehen Sie, dass sich die Schere nicht gleichmäßig von Jahr zu Jahr immer weiter auftut. Es gibt vielmehr einen plötzlichen Einbruch beim IQ, und zwar in der Pubertät, wenn sich die meisten schwarzen Jugendlichen an einer schwarzen Peergroup orientieren - ganz egal, ob ihre Familie nun weiß ist oder nicht. Plötzlich werden die Schulnoten schlechter, und Sport und Musik rücken in den Vordergrund.
SPIEGEL: Eines Ihrer stärksten Argumente für den Einfluss der Kultur auf die Intelligenz stammt überraschenderweise aus Deutschland.
Flynn: Ja, eine Studie an Kindern schwarzer US-Soldaten, die in Deutschland stationiert waren. Sie belegt, dass deren Kinder in Tests genauso abschnitten wie weiße. Leider liegt diese Studie schon 30 Jahre zurück. Es wäre interessant, die Probanden von damals erneut zu testen, um zu sehen, ob ihr IQ immer noch im Durchschnitt liegt. Es wäre großartig, wenn dieses Interview einen deutschen Forscher dazu animieren würde, diese Frage zu klären.
SPIEGEL: Nicht nur zwischen sozialen Milieus, sondern auch zwischen Alt und Jung tut sich bei IQ-Tests eine Schere auf, der nach Ihnen benannte Flynn-Effekt.
Flynn: Zumindest im Bildungsbürgertum von Industrienationen ist dieser Trend eindeutig: Pro Jahr steigt der durchschnittliche IQ um 0,3 Punkte. Diese Zunahme spricht ebenfalls gegen einen starken Einfluss der Vererbung, denn schließlich stammen die Jungen ja von den Alten ab.
SPIEGEL: Rechnerisch müssten unsere Vorfahren um das Jahr 1900 herum also im Durchschnitt einen IQ von 70 gehabt haben. Meinen Sie im Ernst, unsere Urgroßeltern seien geistig behindert gewesen?
Flynn: IQ-Punkte an sich sind nicht gleichzusetzen mit dem, was man im Alltag unter Intelligenz versteht. Der IQ kann für verschiedene Dinge stehen, auch für unterschiedliche Denkstile. Früher dachte man zum Beispiel viel konkreter. Wenn man jemanden fragte: Überall, wo Schnee ist, sind Eisbären. In Novosibirsk ist Schnee. Gibt es dort Eisbären? Dann war die Antwort oft: "Ich weiß es nicht, ich war noch nicht dort." Eigentlich eine gute Antwort, aber in einem Intelligenztest: null Punkte.
SPIEGEL: Allerdings scheint der Flynn-Effekt allmählich an Grenzen zu kommen: In Skandinavien zum Beispiel stagniert der Intelligenzquotient - wenngleich auf hohem Niveau.
Flynn: Irgendwann sind vielleicht alle Tricks und Kniffe, das Gehirn zu stimulieren, ausgereizt. Sie können auch einen Herzmuskel nicht beliebig trainieren.
SPIEGEL: Ist es auch denkbar, dass eine Bevölkerung einen negativen Flynn-Effekt aufweist, also immer schlechter abschneidet?
Flynn: Absolut. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass die vielen alleinerziehenden Eltern dazu beitragen könnten. Oder die Ablenkung durch Computerspiele oder auch das Vernachlässigen des Lesens bei Kindern.
SPIEGEL: Halten Sie selbst Ihren Denkmuskel fit?
Flynn: Ich denke schon. Ich wurde zwar vor zehn Jahren pensioniert, aber ich unterrichte weiter, weil es mir Spaß macht. Derzeit habe ich eine Gastprofessur in den USA. Eine Studie über Frührentner in Frankreich zeigt: Wenn ich nicht mehr arbeiten würde, läge mein IQ statistisch um etwa acht Punkte niedriger.
INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT
* James R. Flynn: "Where Have All the Liberals Gone?". Cambridge University Press, Cambridge; 336 Seiten; 25,99 Euro.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 51/2008
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