20.12.2008

PSYCHIATRIEDer Fluch der Teppiche

Der Münchner Millionär Eberhart Herrmann versucht seit über 14 Jahren zu beweisen, dass er nicht verrückt ist. Er bekämpft zwei der berühmtesten deutschen Psychiater sowie den Freistaat Bayern und seine Ex-Frau. Von Alexander Osang
Das Kamel ist mondbezogen, das Pferd dagegen ist sonnenbezogen", sagt Eberhart Herrmann und beugt sich über den kaukasischen Läufer, den er eben ausgerollt hat. Es ist nicht ganz klar, worauf sich die Bemerkung bezieht, denn auf dem Teppich sind weder Kamele noch Pferde zu erkennen. Herrmann aber scheint sie zu sehen, die Pferde und auch die Kamele, seine Hand fährt über den alten Läufer wie die Hand des Wettermanns über die Wetterkarte.
"Man hat in einem Herrschergrab mal 22 Pferde gefunden. Zwei mal elf. Elf bedeutet Feuer. Verstehen Sie, das reinigende Feuer! Teppiche sollten ja die Seele vom Diesseits ins Jenseits tragen", sagt er und scheint, während er immer weiter und schneller redet, mit dem leuchtenden Teppich aus der Schweizer Bergwelt wegfliegen zu wollen, in die Vergangenheit, zu den Sternen und den Toten.
Eberhart Herrmann steht in seiner Galerie in Emmetten, einem von drei Plätzen in der Schweiz, an denen er seine Teppiche zeigt, die viele Millionen Euro wert sind. Er ist 65 Jahre alt, trägt einen dunklen Anzug, ein helles Hemd und einen gestutzten weißen Bart. Sein Gesicht ist tief gebräunt, er würde einen guten Indiana Jones abgeben, er kennt sich mit Bergen ebenso aus wie mit Pyramiden. Sein Blick ist sanft, seine Gesten sind kontrolliert, seine Stimme summt, aber wenn man versucht, seinen Worten zu folgen, platzt einem der Kopf.
Wie kommt er darauf, dass Kamele mondbezogen sind?
"Das habe ich entdeckt", sagt Herrmann. "Ich bewege mich zwischen sechs, sieben Wissenschaften hin und her wie ein Fisch im Wasser. Deswegen bin ich ja für viele konventionelle Denker der Antichrist. Der Antichrist hat das Wissen der Welt, warum glauben Sie denn, hat man den Giordano Bruno verbrannt?"
Er lächelt, über jeden Zweifel erhaben. In der Ecke der Galerie steht der flache weiße Plastikkoffer, den er fast immer dabeihat. Er enthält eine Zeichnung der Cheopspyramide, mit der er beweisen kann, dass nicht Archimedes die Zahl Pi entdeckt hat, wie die Welt bislang annahm.
In diesem Moment kann man sich vorstellen, wie Eberhart Herrmann zum Gegenstand eines der langwierigsten und heftigsten Streitfälle in der jüngeren Geschichte der deutschen Psychiatrie werden konnte.
Bis zum Dezember 1994 betrieb Herrmann eine Galerie in der Münchner Theatinerstraße, in der die besten Geschäfte der Stadt ansässig sind. Er war ein weltbekannter Händler für kostbare Teppiche, hatte enge Kontakte zu Auktionshäusern in London und New York. Zu seinen deutschen Kunden gehörten Vorstandsmitglieder großer Banken, Leo Kirch und der Baumarktbesitzer Albert Hornbach, der bei ihm Teppiche für mehrere Millionen Mark kaufte, sagt Herrmann. Der Verleger Hubert Burda, so heißt es, kam an Samstagnachmittagen gern zum Meditieren in die Galerie auf der Theatinerstraße.
Eberhart Herrmann hatte von seiner Mutter eine Orientteppichhandlung übernommen und sie gemeinsam mit seiner Frau Ulrike in eine moderne Kunstgalerie verwandelt. Er hat Jura studiert, seine Frau Mathematik und Germanistik. Sie waren ein Münchner Power-Paar, kauften keinen Teppich, ohne einander zu beraten, und gaben einmal im Jahr einen Katalog heraus, der in der Teppichwelt wie ein Nachschlagewerk gehandelt wurde. Sie erforschten die in Europa weitgehend unerkundete Geschichte der asiatischen und orientalischen Teppichkunst. Ulrike Herrmann beschäftigte sich vor allem mit dem Gewebe, Eberhart Herrmann mehr mit den Symbolen.
Von 1989 bis 1992 zählte Herrmann oft tage- und nächtelang Muster aus, auf der Suche nach einem System. Je länger er zählte, desto mehr begriff er, dass Menschen ihre Weltsicht, ihre Erkenntnisse und Geheimnisse verwebt hatten, dass man in den Teppichen lesen konnte wie in Büchern. Die Zahlen fügten sich zu einem Sinn, das Welträtsel zerfiel vor seinen Augen. Viele, die ihn damals kannten, sagen, dass es immer schon kompliziert war, seinen Aufsätzen und Reden zur Teppichkunst zu folgen, in denen er Mathematik, Religion, Geschichte und Sternenkunde miteinander verknüpfte. Manche hielten ihn gerade deswegen für genial.
Eberhart Herrmann aber konnte auch andere Sachen.
Er war Ski-Bergführer und Kletterer, er hat den Pik Lenin im Pamirgebirge bezwungen und alle europäischen Viertausender, den Montblanc allein dreimal. Seine Diplomarbeit wurde im bayerischen Justizministerium ausgehängt, er sprach Persisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Latein und ein bisschen Russisch, er vergaß keine Telefonnummer, die er einmal gewählt hatte, und spielte als Junge beim FC Bayern München Fußball. Er hatte dichte schwarze Haare, ein ansteckendes Lächeln, er kam gut bei Frauen an.
Im Jahr 1994 aber wurde das Besondere in Eberhart Herrmann plötzlich besorgniserregend. Vieles, was bislang für ihn sprach, sprach nun gegen ihn.
Detlev von Zerssen, ein Psychiatrieprofessor im Ruhestand, beobachtete im November 1994 auf der jährlichen Ausstellungseröffnung in der Theatinerstraße einen veränderten Herrmann, sagt er. Der sonst ruhige, zurückhaltende Teppichhändler habe fiebrig, fahrig und mit großem Selbstbewusstsein einen Vortrag gehalten, dem offensichtlich niemand folgen konnte. Zerssen, der seit vielen Jahren Kunde der Galerie war, informierte Ulrike Herrmann darüber, dass ihr Mann wahrscheinlich unter einem hypomanischen Symptom leide. Sie war nicht überrascht, sie hatte schon seit längerem den Eindruck, dass Eberhart Herrmann in seiner Zahlenwelt versank. Da er selbst nicht mehr praktizierte, empfahl Zerssen seinen ehemaligen Schüler Hans-Jürgen Möller, der gerade Chef der Psychiatrie an der Münchner Maximilians-Universität geworden war.
Professor Möller ließ sich von Ulrike Herrmann die Symptome schildern und besuchte, gewissermaßen inkognito, die Teppichgalerie auf der Theatinerstraße. Eine halbe Stunde lang beobachtete er, wie Eberhart Herrmann, von ihm durch eine Glasscheibe getrennt, mit einer Kundin verhandelte. Als ihm Ulrike Herrmann einige Tage später telefonisch mitteilte, dass ihr Mann auf der Autobahn einen anderen Fahrer bedrängt habe, stellte Professor Möller ein Attest aus. Er diagnostizierte eine schwere endogene Psychose - obwohl er seinen Patienten weder untersucht noch befragt hatte.
"Herr Herrmann ist als psychisch krank und selbst- und fremdgefährlich zu betrachten", heißt es im Attest. "Seine sofortige Unterbringung in einer geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik ist zwingend erforderlich. Die Unterbringung könnte in unserer Klinik erfolgen."
Am folgenden Tag gab Herrmann dem Drängen seiner Frau nach und besuchte Möllers Klinik. Zur Sicherheit nahm er seinen Freund Herald Oestreicher mit, in dessen Betrieb Herrmanns Teppichbücher hergestellt wurden. Professor Möller teilte Eberhart Herrmann mit, er sehe schon in seinen Augen, dass er verrückt sei, erzählt Herrmann, Oestreicher bestätigt diesen Satz. Er bezeugt auch, dass Professor Möller Eberhart Herrmann beim Verlassen der Klinik hinterhergerufen habe: Wir kriegen Sie schon!
Herrmann bekam es mit der Angst zu tun. Mit ein paar Freunden räumte er nachts seine Galerie aus, lud die Teppiche auf einen Laster und versuchte, mit ihnen in die Schweiz zu fliehen. Weil sich darunter auch Kommissionsware des Auktionshauses Rippon Boswell befand, die Herrmann noch nicht bezahlt hatte, wurde er am 15. Dezember 1994 verhaftet und ins Gefängnis Stadelheim gebracht.
Detlef Maltzahn von Rippon Boswell sagt, er sei nervös geworden, als ihm Herrmann am Telefon mitgeteilt habe, er befinde sich zurzeit in einem Adlerhorst. Maltzahn erstattete Anzeige. Eberhart Herrmanns Schwiegermutter strengte unter Bezugnahme auf das Attest von Professor Möller ein Betreuungsverfahren an.
Nach einer Woche entließ man Herrmann wieder aus dem Gefängnis, aber in der Teppichwelt hatte sich das Gerücht verbreitet, einer der wichtigsten Händler der Welt habe den Verstand verloren. Das Geschäft mit alten Teppichen ist so sensibel wie der Aktienmarkt, es gibt nicht viele Dinge, an denen man sich festhalten kann. Ein Händler, von dem es heißt, er glaube in einem Adlerhorst zu sitzen, drückt die Preise seiner Ware.
Herrmanns Teppiche, die noch im Sommer 1994 von der Hypo-Bank München mit 30 Millionen Mark bewertet worden waren, wurden im Jahr darauf von Sotheby's nur noch auf 6 bis 8 Millionen Mark geschätzt.
Die wichtigsten deutschen Sammler wandten sich von ihm ab, sagt Herrmann, sein ehemaliger Freund Hornbach kaufte nie wieder einen Teppich von ihm, Kreditlinien wurden gestrichen, internationale Messen verweigerten ihm den Zugang.
Eberhart Herrmann zog in die Schweiz, baute in Zürich, Emmetten und Luzern neue Handelsplätze auf und beschloss dann, seinen Ruf zu retten.
Im Dezember 1997 verklagte er Professor Möller und dessen Dienstherrn, den Freistaat Bayern, auf insgesamt acht Millionen Mark Schadensersatz. Der Prozess währte elf Jahre, die Akte ist über 3000 Seiten stark. Sie liest sich in Teilen, als hätten sie Franz Kafka, Patricia Highsmith und Ken Kesey zusammen geschrieben. Sie enthält Aussagen und Gutachten zu Eberhart Herrmanns Gesundheitszustand von zehn Ärzten aus vier verschiedenen Ländern, die sich alle mehr oder weniger widersprechen. Es gibt Autoverfolgungsjagden, Liebesgeschichten und Verschwörungen bis in die Vorstandsetagen der Dresdner Bank und ins bayerische Justizministerium.
Im Spätsommer dieses Jahres verurteilte das Münchner Landgericht Professor Möller und den Freistaat Bayern zu 5000 Euro Entschädigung, weil durch die Herausgabe des Attests an die Ehefrau die ärztliche Schweigepflicht verletzt worden sei. Die restlichen Klagen wurden abgewiesen, die Kosten des Verfahrens muss Eberhart Herrmann tragen. Er hat mittlerweile fast 500 000 Euro in den Rechtsstreit investiert, schätzt er. Aber es geht ihm nicht ums Geld.
"Es geht um das System, ich bekämpfe die Missstände in der Psychiatrie", sagt Herrmann. "Die meisten Menschen haben doch gar nicht die Möglichkeiten, sich zu wehren. Allein finanziell würden die das gar nicht durchstehen. Die sterben hinter den Kliniktüren den bürgerlichen Tod. Kein Arzt stellt sich doch gegen so eine Koryphäe wie Professor Möller."
Er rollt den kaukasischen Läufer zusammen, nimmt den weißen Koffer mit der Cheopspyramidenzeichnung auf, löscht die Lichter der Galerie und tritt in die sternenklare Schweizer Nacht. Im Tal glitzert der Vierwaldstätter See. Die Ausstellung hier oben zählt zur Tour, die er seinen Kunden aus aller Welt bietet, bevor sie über Geld reden. Berge, Banken, Seen. Sie kaufen die Reise mit, die Bilder, die Geschichten, die ihnen Eberhart Herrmann auf dem Weg erzählt.
Heute Mittag hat er sein Lager in Zürich vorgestellt, und auch seinen Kollegen Sandro Mischioff, einen alten russischen Juden, der ihn schon kennt, seit er als Kind mit seinem Vater bei ihm auftauchte. Herrmann hat einen Audienzteppich aus dem Kaiserpalast in Peking ausgerollt, 16. Jahrhundert, für den jemand in China demnächst vielleicht 6,2 Millionen Dollar zahlt. Er spult die Geschichte des Teppichs ab, an deren Ende er steht. Herrmann hat ihn 1987 bei einer Auktion in Boston für 180 000 Dollar gekauft. Er hat das Studio gezeigt, in dem er Teppiche mit einer alten Plattenkamera aufnimmt, und den Raum, in dem Tausende Bücher darauf warten, dass ihr Autor rehabilitiert wird. Er hat über drei Millionen Mark für die Herstellung der prachtvollen Bildbände ausgegeben, sagt er, aber wer kauft schon ein Fachbuch von einem Geisteskranken.
Morgen wird er die Galerie in Luzern vorstellen, und jetzt zeigt er noch schnell seine Eigentumswohnung, die hoch oben über dem See thront. Sie hat eine große Terrasse und einen Arbeitsbereich, der in drei Teile zerfällt: Geschäft, Forschung und Recht. Herrmann ist ja nicht nur Händler und Wissenschaftler, er ist auch Anwalt, nicht nur vor Gericht. Auch diese Tour - der Abstecher in seine Galerie, der Besuch in seiner Wohnung - ist Teil der Beweisführung. Eberhart Herrmann will beweisen, dass er da ist. Dass er immer da war. Er will sein Leben zurück, oder das, was er für sein Leben hielt.
Es ist schwierig, und man spürt das am deutlichsten, wenn man mit ihm durch München läuft, wo er geboren wurde. Er sucht die Plätze, an denen er einst wirkte, wie eine untergegangene Welt. In seinem Geschäft in der Theatinerstraße sitzt jetzt eine Modefirma; die Buchhandlung im Hof führt seine Bücher nicht mehr.
Einige Menschen, die ihn kannten, sind bereits verstorben oder weggezogen oder nicht mehr ansprechbar. Er kann ihre alten Telefonnummern aufsagen. Er stellt die wenigen Zeugen seiner Leidensgeschichte vor wie Beweisstücke. Den Teppichexperten Alfred Ruppenstein, bei dem er seine Waren unterstellte, bevor er in die Schweiz floh. Den Drucktechniker Herald Oestreicher, der ihn in die Psychiatrie begleitete. Zwei alte Männer, er redet, sie nicken. Oestreicher wird wenige Wochen später sterben. Sie illustrieren die Geschichte der versuchten Auslöschung des Eberhart Herrmann.
Es ist eine Rosenkriegsgeschichte, und sie geht ungefähr so: Ulrike Herrmann gefiel es nicht, dass sie immer nur im Schatten ihres eloquenten Mannes stand. Als sie herausbekam, dass er seit Jahren Affären in London und New York hatte, beschloss sie, sich zu rächen. Gemeinsam mit dem Sohn eines ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten, der eifersüchtig war, weil sich seine Frau in Herrmann verliebt hatte, organisierte sie dessen Vernichtung.
Zunächst versuchte sie, ihn zu vergiften, weswegen er lange Zeit unter Schlafstörungen und Verdauungsproblemen litt. Später bedrohten ihn holländische Autos auf der Autobahn, und auch ein Grieche jagte ihn, der einst für den deutschen Verfassungsschutz gearbeitet hatte. Dann wurde Professor Möller engagiert. Einer der hochrangigsten deutschen Psychiater erklärte Herrmann für verrückt, bezahlt wurde er dafür vom Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten, in Millionenhöhe. Es klingt wie eine große klassische Tragödie, und so reagiert Eberhart Herrmann auch darauf.
"Ich muss in einer herkulischen Aktion das Biest erlegen. Die Köpfe der Hydra wachsen ja immer wieder nach. Ich töte das Biest", sagt Herrmann.
"Herrmann redet immer nur vom Vernichten", sagt Detlev von Zerssen, der den jahrelangen Streit mit seiner allerersten Ferndiagnose ausgelöst hat. Eberhart Herrmann hat ihm zwar mal erklärt, dass der Mensch von australischen Flugsauriern abstamme, aber als Jurist bewies er bislang einen scharfen Verstand. Ein Mensch ist nie völlig normal oder völlig verrückt, sagt Zerssen. Das denken nur Laien.
Zerssen ist ein großer, dünner und sehr blasser Mann mit einem Seidentuch am Hals. Er läuft vorsichtig und langsam durch sein Starnberger Haus, wie ein Geist. Er zeigt seine Teppiche und erzählt ihre Geschichten. Er liebt sie. Ein paar hat er von Herrmann gekauft, er hat auch Herrmanns Bücher. Er bewundere den Mann, sagt er.
Warum aber hat er dann damals auf der Vernissage nicht mit Herrmann selbst, sondern mit dessen Frau gesprochen?
"Es ist naiv, mit jemandem in Herrmanns Zustand über seinen Zustand zu reden. Er wäre nicht einsichtig gewesen. Das gehört zum Krankheitsbild", sagt Zerssen.
Welcher Krankheit?
Er schweigt. Dann sagt er: "Wissen Sie, ich wollte dem Mann doch nur helfen."
Zerssen hat die Pyramidenberechnungen von Herrmann zwei Mathematikern gezeigt. Zu deren Urteilen möchte er lieber nichts sagen, lächelt aber schief. Die Teppiche sind doch von Analphabeten gemacht worden, sagt er. Wie sollen diese einfachen Menschen kosmische und theologische Erkenntnisse verarbeitet haben? Er glaubt, dass es Eberhart Herrmann nicht mehr genügte, nur ein Teppichhändler zu sein. Er wollte Teppichwissenschaftler sein, der Begründer der Teppichwissenschaft.
"Wie wollen Sie sich mit einem Mann auseinandersetzen, der sich für Kepler hält, der Kopernikus übertreffen will? Wie?", fragt Zerssen leise. Er sieht jetzt beinahe durchsichtig aus, so blass ist er. Zerssen ist 82 Jahre alt, er ist müde, aber es ist noch nicht vorbei. Eberhart Herrmann legt Berufung ein, und auch Professor Möller akzeptiert das Urteil nicht.
Möller will Eberhart Herrmann in die Schranken weisen. Der Fall, der so winzig begonnen hat, wuchert, vor ein paar Wochen hat er sogar New York erreicht, wo Juan Mezzich sitzt, der ehemalige Präsident des Weltverbandes für Psychiatrie.
Die KVPM, eine deutsche Gruppe von Scientologen, hat den Weltverband in einem Brief über den Fall Eberhart Herrmann informiert. Möller habe sich für den Psychiatriepreis disqualifiziert, der ihm im Herbst in Prag verliehen werden sollte. Es ist der höchste Preis, den die Psychiatrie vergibt, eine Art Oscar, der nur alle drei Jahre verliehen wird. Möller sah sich veranlasst, in einem Schreiben an Juan Mezzich seine Version des Herrmann-Falls zu erläutern. Er bekam den Preis im September. Aber draußen auf den Prager Straßen demonstrierten Scientologen. Sie verteilten Hunderte Flugblätter, auf denen sie behaupteten, dass Hans-Jürgen Möller einst Eberhart Herrmann für verrückt erklärte, ohne ihn untersucht zu haben. Auf ihren Plakaten stand: Psychiatrie ist Tod.
"Der Mann verfolgt mich jetzt seit 14 Jahren", sagt Möller. "Es ist absurd. Ich habe diese Dinge, die er mir unterstellt, nie gesagt. Aber es beginnt meine Reputation zu beschädigen. Ich muss mich jetzt wehren."
Möller sitzt in seinem Chefzimmer in der Münchner Nußbaumstraße, der Teppich ist tief, die Bücherregale wachsen bis an die Decke, die Kugelschreiber in Möllers Brusttasche sehen teuer aus, aber Möller wirkt verunsichert. Er stößt seine Wörter aus, als schmeckte er sie vorher einzeln ab. Gelegentlich steht er auf, sucht ein Buch, das seine Worte bestätigen soll, und meist hat er es selbst geschrieben.
Er redet über die Anfeindungen, denen die Psychiatrie seit Jahrzehnten ausgesetzt ist, über die KVPM-Scientologen, über die Betreuungs- und Unterbringungsgesetzgebung in Deutschland, über die Notwendigkeit der Fremdanamnese. Er redet von den Anschlägen auf Schäuble und Lafontaine, die hätten verhindert werden können. Manche Patienten mit sehr akuten Erkrankungen, die nicht freiwillig zum Psychiater gehen, müsse man ohne persönliche Untersuchung diagnostizieren, um sie und die Gesellschaft zu schützen, sagt er. Er will das Allgemeingültige des Falls herausarbeiten, weil er sich an die Schweigepflicht halten muss. Aber auch, weil er keinen Ringkampf will. Er sucht Distanz zu Eberhart Herrmann.
Die Frage ist, warum er dessen Nähe damals überhaupt gesucht hat. Wieso engagiert sich ein Klinikdirektor in diesem einzelnen Fall?
"Ich mag Teppiche", sagt Möller. "Ich hab mir oft die Nase platt gedrückt an der Galerie. Ich mochte auch Herrmann. Ich verstehe in gewisser Weise sogar, was er wollte. Ich habe mich ja selbst mit der Bedeutung der Zahl als metaphysisches Prinzip bei den Pythagoreern beschäftigt, mit den theologisch-philosophischen Problemen der Antike. Ich bin ja kein 08/15-Mediziner, ich habe zunächst Philosophie und Musikwissenschaften studiert", sagt Professor Möller.
Vielleicht war das das Problem. Vielleicht wollte er einen Bruder im Geiste retten. Er hat sich zu sehr engagiert damals, und er weiß das. Er hatte seinen Posten als Klinikdirektor gerade erst angetreten, sagt er, er war ehrgeizig, die schönen Teppiche, na ja, es ist zu spät jetzt. Es ist ein Duell geworden zwischen den beiden Männern. Möller hat sich einen Medienanwalt zugelegt, Herrmann einen, der auf den Missbrauch in der Psychiatrie spezialisiert ist.
Später führt Professor Möller noch durch seine Klinik, die Fenster sind nicht vergittert, es gibt Türklinken. Das Personal auf den Fluren grüßt ihn wie einen Staatsgast. Er geht an den Porträts seiner Vorgänger vorbei. Es sind nicht so viele, die Psychiatrie ist eine junge Wissenschaft. Sie hat einen schlechten Ruf, weil sie unsere dunklen Seiten beobachtet, sagt Möller. Niemand schaut dort gern hin, auch deshalb ist es für die Angehörigen oft eine Qual.
"Reden Sie mit Frau Herrmann", sagt er. "Das war kein Rosenkrieg, das war eine Liebesgeschichte. Die Frau hat ihren Mann nicht gehasst, die hat ihn geliebt. Die ist zu mir gekommen, weil sie dachte, dass sie so das Schlimmste verhindern kann."
Ulrike Herrmann sitzt aufrecht hinter dem langen gläsernen Schreibtisch ihres Arbeitszimmers, wie eine Sachbearbeiterin. Auf dem Schreibtisch liegt ein Stoß Blätter, Dokumente, deren wichtigste Stellen sie mit Leuchtstift markiert hat. Neben dem Tisch sitzt eine befreundete Rechtsanwältin. Ulrike Herrmann beginnt, aus den Unterlagen vorzutragen. Es erinnert an eine Testamentseröffnung, aber es ist nicht viel zu verteilen. "Ich habe nach der Scheidung keinerlei mir zustehende materielle Versorgung von E. H. bekommen", sagt sie.
Sie möchte ihren Ex-Mann nur noch E. H. nennen, ihre Ellenbogen liegen auf dem Tisch. E. H. habe sich einen Kosmos gebaut, in den immer weniger Menschen vordringen konnten und am Ende dann auch sie nicht mehr.
"Er hat lange Zeit schon von Entdeckungen geredet, die er in seinen Teppichen gemacht zu haben glaubte, aber vom Sommer 1994 an veränderte er sich äußerlich dramatisch. Er lief mit einer turkmenischen Filzkappe durch den Englischen Garten und behauptete, er sei Kurde, er traf wichtige Kunden in durchlöcherten Jogginghosen im besten Hotel der Stadt. Es wurde geschäftsschädigend. Sein finanzielles Verhalten wurde beängstigend, und wenn er Auto fuhr, war er eine Gefahr für sich und andere. Ich wollte mich nicht von ihm trennen. Ich wollte ihm wirklich helfen", sagt sie. "Aber ich habe ihn nicht mehr erreicht. Er hatte kein Leben mehr in den Augen."
Sie liest aus den Gutachten verschiedener Ärzte vor, die ihre Sicht bestätigen. Sie schaut auf den Stapel, der vor ihr auf dem Tisch liegt. All die Unterstreichungen, die gegenseitigen Beschuldigungen, die Gefälligkeitsgutachten, die Teppichschätzungen. "Er führte 20 Prozesse. Seine Strafanzeige gegen angebliche Verfolger ist fast 200 Seiten lang", sagt sie. "Im Grunde ist er ein armer Hund", sagt sie. "Er hat mein Leben zerstört, aber seines auch."
Die Anwältin nickt, Ulrike Herrmann ordnet ihre Unterlagen.
"Wissen Sie, Ulrich Schürmann, einer der wenigen, die sich intensiv mit Orientteppichen beschäftigt haben, schrieb mal sinngemäß: Das Teppichsammeln ist eine Krankheit, die nicht zum Tode führt. Aber sie ist unheilbar."
Sie starrt ins Leere, und man hat für einen Moment das Gefühl, die Teppiche seien schuld. Möller, Zerssen und Ulrike Herrmann scheinen darin zu versinken. Eberhart Herrmann dagegen glaubt, dass sie ihn durch die schwere Zeit getragen haben. Sie sind die Liebe seines Lebens.
"Ich schaue mir seit über 50 Jahren Teppiche an", sagt Herrmann. "Sie sprechen zu mir." Er sitzt auf den Stufen zur Bibliothek der Columbia University und hält sein Gesicht in die Spätherbstsonne. Er ist für ein paar Tage nach New York geflogen, um sich vor den Winterauktionen die Teppichlager von Christie's und Sotheby's anzuschauen, vor allem aber, um sich seine Theorie bestätigen zu lassen. In einer halben Stunde trifft er Professor Phong, einen der führenden Mathematiker der Universität. Der weiße Koffer mit der Cheopspyramide steht neben ihm auf den Stufen.
"Ich hab's zusammen", sagt Herrmann. "Ich gehe seit 1983 einen Alleingang in der Forschung. Und jetzt setz ich den Schlusspunkt. Ich brauch nur den Persilschein von Phong. Die Theorie ist fertig, ich muss sie nur an den Mann bringen. Das geht nur im Ausland. Wenn in Deutschland jemand Heureka ruft, wird er doch gleich für verrückt erklärt."
Professor Phong kennt er schon seit vielen Jahren. Er hat kaukasische Gebetsteppiche bei ihm gekauft, sagt er, und war auch immer sehr an seinen Berechnungen interessiert. Aber als Eberhart Herrmann wenig später in Phongs Büro seine Pyramidenzeichnung ausrollt und den Tischrechner auspackt, schaut ihn der Professor erschrocken an. Phong ist ein kleiner Vietnamese in Flanellhemd und schlammfarbenen Cordhosen. Er hatte damit gerechnet, über Teppiche zu fachsimpeln.
"Bitte nicht, Eberhart. Ich kriege jede Woche irgendwelche Entdeckungen angeboten", sagt er. "Ich bin nicht in der Lage, das einzuschätzen. Es wäre unseriös."
Herrmann scheint ihn nicht zu hören. Er würfelt mit Zahlen.
"Bitte, hören Sie auf", ruft Professor Phong in den Redestrom.
Eberhart Herrmann kann nicht aufhören. Er ist den ganzen Weg hierhergekommen, um den Schlusspunkt zu setzen. Er redet und redet, und als sich Professor Phong die Ohren zuhält, greift er sich ein Stück Kreide, malt seine Formel an die Tafel.
"Nein, bitte, gehen Sie", sagt Phong.
"Aber Sie werden sich ärgern, meine Theorie ist nicht aufzuhalten. Die ist wie ein Panzer, der rollt."
"Es tut mir leid", sagt Professor Phong und deutet eine Verbeugung an. Eberhart Herrmann steht noch einen Moment da, kampfbereit, dann packt er die Zeichnung und den Rechner ein, schüttelt Phongs Hand und steigt die vier Stockwerke hinunter. Als er zwischen den Platanen vorm Mathematikgebäude steht, ist er schon wieder einigermaßen gut gelaunt. Er ist es ja gewohnt. Bei einer Konferenz zur Himmelsscheibe an der Universität Halle erhielt er vor kurzem Redeverbot, gerade als er den lokalen Professoren Wissenschaftsfälschung nachweisen wollte. Er hatte die Berechnungen da, aber sie hörten nicht zu.
"Die westliche Methode setzt auf Sicherheit, ich bevorzuge die indische. Den Tanz mit dem Ungewissen", sagt er.
Am nächsten Morgen schaut sich Herrmann die Teppichlager von Christie's und Sotheby's an. Er ist ein anderer Mensch dort, ein Experte. Er kann beinahe zu jedem Teppich sagen, was er wert ist, wie alt er ist; er weiß, wo er herkommt, wie er angefertigt wurde. Er übersetzt persische Inschriften, russische. Die Auktionäre lauschen seinen Worten. Mary Jo Otsea, die Direktorin für Teppiche bei Sotheby's, kennt Eberhart Herrmann seit 1983. Neben ihrem Schreibtisch stapeln sich seine Bildbände. Sie dienen ihr als Leitfaden, wenn sie einen Katalog vorbereitet. Er hat die bedeutendsten Teppiche dieser Welt gehandelt, sagt sie. Er hat ein einzigartiges Auge, er ist eine Größe in der Teppichkunstszene. Die Bieter im Teppichhandel sind ganz anders als die in der bildenden Kunst, sagt sie. Unberechenbarer.
"Viele unserer besten Kunden waren Hippies", sagte Mary Jo Otsea. "Sie reisten in den Sechzigern und Siebzigern nach Persien und Afghanistan, kauften Teppiche und schwelgten in Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, keine Ahnung, was sie bei ihren Studien alles so einwarfen, um ihr Bewusstsein zu erweitern, aber inzwischen sind viele von ihnen sehr wohlhabend, und ihre Teppiche haben stark an Wert gewonnen."
Mary Jo Otsea zeigt ein paar der Stücke, die sie im Dezember versteigern werden. Sie schaut auf die alten Teppiche, die ihr Gesicht erhellen wie die Sonne. Sie kann Eberhart Herrmann nicht folgen, wenn er über die Sterne redet, die geflügelten Tiere und die Pyramiden. Aber was heißt das schon, sagt sie. "Es kann ja sein, dass er recht hat."
Sie folgt der indischen Methode. Im Attest von Professor Möller, das Herrmann in die geschlossene Psychiatrie bringen sollte, heißt es, er habe absurd hohe Ausgaben geplant. Einer der Gutachter bezweifelte später vor Gericht, dass "absurd" eine taugliche Kategorie für den Kunstmarkt sei, auf dem gerade 64 Millionen Dollar für einen van Gogh bezahlt worden waren. Herrmann war eine Leitfigur für die Teppichsammler. Nachdem er verhaftet worden war, brach der Markt regelrecht zusammen. Sie haben ihm geglaubt, wie die Anleger Alan Greenspan glaubten. Es ist gar nicht so wichtig, ob er verrückt war oder nicht, viel interessanter ist doch, dass es offenbar gar keine Rolle spielt. In einer Welt, die den Tanz des Ungewissen tanzt.
Eine Woche später erklärt Eberhart Herrmann den Teilnehmern einer Konferenz über antike Maßeinheiten im Museum für Vor- und Frühgeschichte von Berlin, warum weder das Urmeter in Paris noch die Definition der megalithischen Elle korrekt sind. So lange, bis man ihm das Wort entzieht.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 52/2008
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