29.12.2008

KRIMINALITÄTDer Staatsanwalt und die Phantome

Als letzten Ausweg vor der Insolvenz begeben sich manche Unternehmer in die Hände illegaler Firmenbestatter. Ein Ermittler aus Gera, der die Machenschaften aufdeckte, eckte bei Kollegen und Vorgesetzten an - und wurde versetzt. Von Bruno Schrep
Zimmer 207, gelegen im zweiten Stock der Staatsanwaltschaft Gera, ist kein Büro zum Vorzeigen. Der graue Teppichboden ist verschlissen, das Mobiliar marode. Zwischen Leitz-Ordnern eingeklemmt steht ein Kinderfoto, nicht weit daneben eine Pappflasche mit der Aufschrift "Gourmet-Frühstücksdrink". Ansonsten Berge von Akten. Akten in den Regalen. Auf dem Schreibtisch. Auf dem Fußboden. In Kartons gezwängt. In beschrifteten Müllsäcken verpackt.
"Das hier ist nur der letzte Rest", sagt Staatsanwalt Frank Erdt und macht eine kreisende Handbewegung: "Die meisten Akten lagern längst im Gericht." Der 47-jährige Ermittler, ein großer blonder Mann im korrekt sitzenden dunkelgrauen Anzug, redet schnell und in kurzen, knappen Sätzen. Ja, über 2000 Strafverfahren habe er in dieser Sache eingeleitet. Nein, der Fall sei ihm nicht über den Kopf gewachsen. Doch, er würde es genau wieder so machen. "Man musste sich eben reinknien in diese Sache."
Diese Sache, das ist einer der großen Wirtschaftskrimis der Bundesrepublik und das umfangreichste Strafverfahren des Landes Thüringen. Es geht um viele Millionen Euro Schaden, um Tausende gelackmeierter Gläubiger und Dutzende Profiteure. Und um ein Delikt, das in Zeiten von Wirtschaftskrisen und zunehmender Pleiten deutlich Konjunktur hat: die illegale Liquidierung zahlungsunfähiger Unternehmen. Dafür gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: "Firmenbestattung".
Diese Sache, das ist aber auch die Geschichte eines engagierten Staatsanwalts, der sich die unerbittliche Verfolgung einer Betrügerbande zur Lebensaufgabe machte, dem sein Jagdeifer allerdings kein berufliches Glück brachte.
Die Spur, die Staatsanwalt Erdt so hartnäckig verfolgte, führte ihn vom grauen Gera ins spanische Marbella, das Domizil vieler gutsituierter Bundesbürger. Nach dem noblen Badeort an der Costa del Sol nannte Erdt das Betrugskartell "Marbella-Connection".
Aufgenommen hatte Erdt die Spur im Jahr 2001, sie beginnt als kleiner Betrugsfall der Bauunternehmerin Franziska H.
Die Geschäftsfrau wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, ihre Gläubiger behumst und die Insolvenz ihrer Firma verschleppt zu haben. Sie sei nicht mehr Geschäftsführerin, behauptet sie vor Gericht, habe den Betrieb längst an einen Investor in Spanien verkauft. Mit den blöden Schulden habe sie deshalb nichts mehr zu tun. Hier sei die neue Adresse, bitte sehr.
Ermittler Erdt, in Gera zuständig für Wirtschaftskriminalität, wird stutzig. Er vergleicht den Namen des Firmenkäufers mit Handelsregisterlisten, die er sich aus dem Internet zieht - und siehe da: Der neue Gesellschafter und Geschäftsführer der maroden Baufirma hat gleich 50 Pleitefirmen aufgekauft, quer über die Bundesrepublik verteilt. In Villingen und Ravensburg, in Stadthagen und Darmstadt, in Hildesheim und Dortmund. Überall dort laufen Verfahren wegen Insolvenzverschleppung und Bankrott, trauern Gläubiger ihrem Geld nach.
Weil einige Fälle auch im Raum Gera spielen, fordert Erdt bei Kollegen anderer Staatsanwaltschaften die Ermittlungsakten an - sie werden gern geschickt. Erstens, weil jeder Einzelfall für sich allein eher geringfügig erscheint. Zweitens, weil komplizierte Wirtschaftsverfahren viel Wissen und noch mehr Zeit erfordern, meist schwer beweisbar sind und oft genug mit Freispruch oder Einstellung enden. Drittens, weil mit der Thematik überforderte Ermittler froh sind, den Kram loszuwerden.
Erdt dagegen, aufgewachsen im niederrheinischen Moers, hat im bayerischen Passau nicht nur Jura studiert, sondern auch Marketingvorlesungen besucht. Er versteht etwas von Wirtschaft, kann Bilanzen lesen. Fortan brütet er 12 bis 14 Stunden täglich, auch an den Wochenenden, über Akten aus ganz Deutschland. Stößt auf neue Namen, auf neue Verbindungen, rekonstruiert Zusammenhänge. Erkennt, dass die verschiedenen Puzzleteile aus allen Ecken der Republik ein großes Ganzes ergeben: die Marbella-Connection, eine straff geführte kriminelle Organisation mit klarer Aufgabenteilung. Oben die Drahtzieher, in der Mitte die Abwickler, unten die Indianer.
Als Boss ortet Erdt den früheren Handelsschullehrer Herbert Elders. Der graubärtige Jaguar-Fahrer, ein resoluter Mittsechziger, residiert in einer Luxusvilla in den Bergen von Marbella und hat eine mehrköpfige Führungsriege um sich geschart: seine Ehefrau, den früheren Rechtsanwalt Claus Krause aus Kleve und Norbert G., der sich gern als "Professor" vorstellt.
Die Vorgehensweise der Bande ist immer gleich. Von Marbella aus schalten Elders, der sich als Steuerberater ausgibt, und seine Komplizen reihenweise Anzeigen in großen deutschen Tageszeitungen und im Internet. "Statt Konkurs: GmbH-Verkauf" locken knallige Überschriften, oder noch unmissverständlicher: "Bringen Sie Ihre Schäfchen ins Trockene" und "Schulden ade". Im Text wird den Interessenten nahegelegt, sich ihrer Firma "mit einer einfachen Sitzverlegung nach Spanien zu entledigen, damit niemand an den Rest Ihres Vermögens kommt".
Wer sich meldet, und das sind Hunderte klammer Firmenchefs, die Angst vor der Zwangsvollstreckung, vor der Einsetzung eines Insolvenzverwalters oder vor ihren Gläubigern haben, bekommt Besuch von sogenannten Repräsentanten - alerten Vermittlern, die kurz mal in die Bücher gucken und dann um die Konditionen feilschen. Pro Firmenübernahme kassiert die Connection zwischen 5000 und 15 000 Euro - Geld, das die Verkäufer schwarz zu ihren maroden Betrieben dazulegen. "Weg mit Schaden", so heißt das Motto. Offiziell wird der jeweilige Betrieb zu einem imaginären Preis verkauft, der nie gezahlt wird. Nach der Kontaktaufnahme tauchen die Repräsentanten nicht mehr auf.
Den Rest erledigen Strohmänner. Sie begleiten die alten Firmeninhaber zum Notar, schließen die Kaufverträge ab und lassen sich als neue Geschäftsführer im Handelsregister eintragen. Oft kreuzen sie zu den Notarterminen mit gefälschtem Pass und unter falschem Namen auf. Drogenabhängige sind darunter, hochbetagte Senioren, sogar Hausfrauen, die einen Nebenverdienst suchen. Erdt bezeichnet die Strohleute mit der falschen Identität als "Phantome".
Donald A. aus Wiesbaden ist so ein Phantom. Der Nigerianer avancierte innerhalb kurzer Zeit zum Geschäftsführer von über 150 Unternehmen, verteilt auf das gesamte Bundesgebiet. Meist legte er einen Ausweis vor, der auf den Namen Kimbelyn Obi ausgestellt ist. Obwohl das Passfoto erkennbar einen anderen Schwarzafrikaner zeigt, protokollierten allein in Wiesbaden über 20 Notare anstandslos die Kaufverträge. Sie störten sich auch nicht daran, dass der Nigerianer, der nur gebrochen Deutsch spricht, an manchen Tagen innerhalb einer Stunde gleich mehrere Kapitalgesellschaften auf einmal kaufte, manchmal fünf, sechs beim selben Termin. "Hier hat es an Sorgfalt beim Notar gefehlt", moniert Staatsanwalt Erdt, "das kann man sich an drei Fingern abzählen."
Pro Firma kassiert der Nigerianer, der auch unter den Namen Darren Henry Francis und Cole Cici Noel auftritt, 500 Euro in bar - leichtverdientes Geld. Denn als neuer Geschäftsführer kümmert er sich weder um Schulden noch um Außenstände, wie er es laut Gesetz müsste, prüft keine Buchführungsunterlagen, erstellt keine Bilanz, er lässt sich bei der gerade erworbenen Firma nicht mal blicken. Sein Job endet mit der Übernahme. Das Unternehmen ist mausetot.
So tot wie etwa die Baufirma JBH im sächsischen Cunnersdorf. Die Arbeiter, die bis heute auf ihren Lohn warten, bekamen den neuen Eigentümer nie zu sehen. Ihr alter Chef teilte nur mit, dass er den Betrieb an den seriösen Herrn Cole Cici Noel veräußert habe, der die Rückstände sicher schnell begleichen werde. Als Letztes hinterließ er die neue Firmenanschrift "Apto. 138, Marbella, Spain". Doch Briefe an diese Adresse kamen mit dem Hinweis zurück: "Nicht zustellbar". Die Connection verfügte über einen entsprechenden Poststempel.
Der Schaden, den Firmenbestatter Jahr für Jahr anrichten, ist beträchtlich. "Pro Fall kommen locker 100 000 Euro zusammen", schätzt Matthias Marzluf, Anwalt einer großen Mannheimer Wirtschaftskanzlei. Marzlufs Büro vertritt rund 120 von Bestattern reingelegte Gläubigerfirmen, die Forderungen summieren sich auf 12 Millionen Euro. "Geht man von 1000 Fällen in ganz Deutschland aus, ist man schon bei 100 Millionen", rechnet der Anwalt vor.
Große Konzerne versichern sich meist gegen solche Forderungsausfälle; kleine Handwerksbetriebe hingegen geraten oft selbst in einen tödlichen Sog: "Ich musste sieben Leute entlassen und mein Erspartes opfern", berichtet Uwe Schulze, Geschäftsführer eines Cottbusser Malerbetriebs. Im Auftrag eines großen Bauträgers hatten seine Männer die Fassaden zweier Mietshäuser saniert, zum Festpreis von 100 000 Euro.
Als Schulze sein Geld fordert, wird er an Jutta S. verwiesen, wohnhaft in Spanien, Strohfrau der Marbella-Connection. Die Deutsche hatte sich gegen Honorar als neue Geschäftsführerin ins Handelsregister eintragen lassen; eine Funktion, die sie bereits bei über 40 weiteren maroden Unternehmen ausübte. Kurz vor dem Deal hatte der Eigentümer der Bauträgergesellschaft noch schnell seinen Maschinenpark verkloppt und den Gewinn beiseitegeschafft - eine typische Insolvenzstraftat.
Die Gesetzeslage ist klar: Droht einem Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit, muss binnen drei Wochen ein Insolvenzantrag gestellt werden. Geschieht dies, prüft ein Insolvenzverwalter, ob noch Vermögen vorhanden ist, ob die Firma eventuell weitergeführt werden kann oder dichtgemacht werden muss. Geschieht dies nicht, macht sich der Geschäftsführer strafbar.
Doch die Folgen einer Pleite fürchten viele Geschäftsleute weit mehr als den Staatsanwalt: Nicht nur, dass neben dem restlichen Firmenkapital oft der Verlust des Privatvermögens droht, manchmal sogar das Eigenheim unter den Hammer kommt. Gefürchtet wird auch der Gesichtsverlust vor Geschäftspartnern und Angehörigen, die Schande, als Verlierer dazustehen. Hinzu kommt, dass mit dem Malus einer Insolvenz jeder Neuanfang schwerfällt.
Die Neigung, sich aus der Verantwortung zu stehlen, ist die Gelegenheit der Firmenbestatter. Mit ihrer Hilfe gelingt es vielen Pleitiers, ungeschoren davonzukommen: Ist die Firma erst einmal verkauft, sind die Gläubiger auf die falsche Fährte gelockt, wird es immer schwieriger, Manipulationen und Tricksereien zu rekonstruieren, an beiseitegeschafftes Vermögen heranzukommen, einen Vorsatz nachzuweisen. "Den größten Schaden richten die betrügerischen Alteigentümer an", folgert Ermittler Frank Erdt, "die Bestatter machen den Sargdeckel zu."
Der Kampf gegen die Bande an der Costa del Sol ist dem Staatsanwalt zur Passion geworden. Er hat über Jahre recherchiert, jede Verästelung des Betrügernetzes ausgeleuchtet, er hat Verfahren auf Verfahren eingeleitet, Haftbefehle beantragt, Dutzende Anklageschriften verfasst, manche sind Hunderte Seiten lang.
Zwischen 2004 und 2008 wurden aufgrund von Erdts Anklagen 24 Beschuldigte verurteilt, 7 davon zu Freiheitsstrafen ohne Bewährung, 16 zu Strafen mit Bewährung. Ein Notar aus Jena, der reihenweise dubiose Kaufverträge protokollierte, kam mit einer Geldstrafe davon. "Ohne Frank Erdt wäre kein Strippenzieher je zur Rechenschaft gezogen worden", betont der Geraer Richter Friedrich Franke, der viele der Prozesse gegen die Firmenbestatter geführt hat.
Franke schickte den Nigerianer Donald A., der als Kimbelyn Obi und als Cole Cici Noel so viele Notare genarrt hatte, für knapp drei Jahre hinter Gitter. Einen 70-Jährigen, der mit zwei falschen Pässen durch Deutschland reiste, verurteilte er gar zu vier Jahren Gefängnis.
Zur Farce geriet der Prozess gegen Marbella-Boss Herbert Elders und seinen Komplizen Norbert G. vor dem Landgericht Mühlhausen. Der Richter ließ die Verlesung von Erdts 750 Seiten dicker Anklageschrift abbrechen. Dieses Werk, begründete er seinen ungewöhnlichen Schritt, sei viel zu kompliziert, für die Prozessbeteiligten nicht zu verstehen und deshalb nicht zumutbar.
Stattdessen wurde ein Deal ausgehandelt. Ermittler Erdt ließ 1200 seiner 2000 Anklagepunkte fallen, die Beschuldigten gestanden den Rest. Bandenchef Elders, der stets geleugnet hatte, sagte nur drei Worte: "Ja, es stimmt." Und erhielt fünf Jahre Knast, wegen Verletzung der Buchführungspflicht und Falschbeurkundung. Mittäter G. kassierte dreieinhalb Jahre.
Das klingt nach Happy End, nach einer Strafverfolgungsbehörde, die mit viel Beharrlichkeit einen Sumpf austrocknet; die einer Sorte Wirtschaftskriminalität nachgeht, mit der man garantiert nicht in die "tagesthemen" kommt, bei der es auch keine Prominenten zu überführen gibt. Und es klingt nach einem Beamten, der alsbald befördert wird.
Doch es kam ganz anders. Frank Erdt ist frustriert. Mitte Dezember hat er das letzte Urteil gegen ein Mitglied der Marbella-Connection erwirkt; der Angeklagte Roland B. bekam zwei Jahre auf Bewährung. Die Connection ist zwar erledigt, aber längst gibt es neue Fälle.
Auf Anweisung seines Behördenleiters ist Erdt jedoch für Wirtschaftsstrafsachen nicht mehr zuständig. Rolf Mundt lobt zwar Engagement und Fleiß seines Untergebenen, dieses "besessenen Spezialisten". Er sagt jedoch auch: "Diese Verfahren sind viel zu groß für uns, sprengen jeden Rahmen. Wir sind überfordert."
Jahrelang hat Mundt die Klagen der Justizwachtmeister gehört, die täglich Erdts Aktenberge zu schleppen hatten; der Sekretärinnen, die sich über massenweise Schreibarbeit beschwerten; der Staatsanwälte, die sich fragten, warum Erdt sich Strafverfahren aus Hamburg, Dortmund oder Frankfurt aufhalse - und sie dessen ortsnahe Fälle mit übernehmen müssten.
Kurzum: Frank Erdt hat den reibungslosen Ablauf in einer deutschen Behörde gestört. Deshalb soll er sein enormes Wissen über die Tricks von Firmenbestattern künftig bei Vorträgen in der Republik vermitteln, aber nicht mehr in der Praxis anwenden. Erdt wird künftig Umweltsünder verfolgen und, wie früher schon einmal, Einbrecher, Diebe und Schwarzfahrer anklagen, und zwar jene, deren Nachname mit den Buchstaben U, V, W, X, Y oder Z beginnt.
Dabei werden Spezialisten wie Erdt womöglich bald dringender gebraucht als je zuvor. Um mehr als 15 Prozent könnten die Firmenpleiten im kommenden Jahr zunehmen, befürchteten etwa die Fachleute beim 1. Münchner Symposium von Insolvenz- und Sanierungsexperten.
Um Schwindel wie den der Marbella-Connection wenigstens zu erschweren, hat der Gesetzgeber reagiert: Seit dem 1. November muss bei Firmenverkäufen auch eine deutsche Geschäftsadresse ins Handelsregister eingetragen werden. Ob diese Regelung jedoch wirklich reicht, nicht durch fingierte Angaben leicht ausgehebelt werden kann, wird unter Juristen skeptisch betrachtet. Der Geraer Richter Franke sieht die Aussichten für Firmenbestatter weiter günstig: "Für die ist die Finanzkrise doch ein Konjunkturprogramm, da hilft kein Gesetz."
* Links: 2005 in seinem Jaguar in Marbella; rechts: am 12. Dezember 2008 mit seiner Verteidigerin vor dem Amtsgericht Gera.
Von Schrep, Bruno

DER SPIEGEL 1/2009
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