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Deutsches Prickeln

Von Matussek, Matthias

Der Sekt, die Krise und die Weinberge des Ostens - die Firma Rotkäppchen startet nervös ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls. Von Matthias Matussek

Gar nichts kann da schiefgehen für die Rotkäppchen-Kellerei, möchte man meinen. Sekt ist eine todsichere Nummer. Wer feiert, trinkt ihn. Wer traurig ist, muss sich damit trösten. Die Firma gewinnt auf beiden Seiten.

Allerdings ist der Verbraucher ein merkwürdiges Wesen. Und so rattert die moderne Abfüllanlage im Freyburger Stammhaus hoch über der Unstrut zwar voll aufs Silvestergeschäft zu, 20 000 Flaschen pro Stunde, schlupp, schlupp, schlupp, drei Schichten am Tag, aber sie rattert in einen dicken Nebel gesamtwirtschaftlicher Unwägbarkeiten hinein.

Niemand kann sagen, ob der Handel das alles loswird in Zeiten wie diesen. Abgerechnet wird im neuen Jahr. Im deutschen Jahr also, dem Jubiläumsjahr zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, dem Schicksalsjahr, in jeder Beziehung. Auch Rotkäppchen ist ja mehr als nur ein Sekt. Jede Flasche ist wie ein kleines Ausrufezeichen hinter einer deutsch-deutschen Erfolgsgeschichte.

Rotkäppchen und Freyburg, beide zusammen haben bewiesen, dass der Wiederaufbau und blühende Landschaften tatsächlich möglich sind - sogar in Sachsen-Anhalt, dem Reißbrett-Bundesland der Rechtsradikalen, der Arbeitslosen und der stillgelegten Chemiegiganten. Mittlerweile ist das Unternehmen der größte gesamtdeutsche Sekthersteller und Freyburg ein Tourismusjuwel. Grund zum Jubel. Ein tiefer Schluck aus der patriotischen Pulle wäre hier fällig, oder?

Im November hatte man bereits Anlauf genommen, allerdings nicht exakt am Tag des Mauerfalls, sondern zwei Tage später, zu Karnevalsbeginn. Die Freyburger waren so gut wie möglich aus dem Häuschen.

Glühwein, Bratwurst, gesteppte Anoraks, viele Alte. Freyburg lebt von den Alten, die Seniorenheime am Ort sind der größte Arbeitgeber. Als dann der junge Bürgermeister bei der Schlüsselübergabe ans närrische Volk gutmütig reimte: "Meine leere Kasse bekommt ihr gleich mit dazu / werdet glücklich und gebt endlich Ruh" - da wusste jeder, wer gemeint war.

Dass die Stadtkasse leer ist, liegt frivolerweise auch an Rotkäppchens Zukäufen von Marken wie Mumm, an der Ausdehnung in den Westen also, die gut ist für

die Firma, aber schlecht für Freyburg, denn jetzt fällt wegen der Schuldendienste erst mal die Gewerbesteuer aus.

Der blutrot leuchtende Schriftzug "Rotkäppchen" über den Dächern ist in solchen Momenten sehr weit weg. Früher war die Firma den Freyburgern näher. "Man hatte ja alles dem Erdboden gleichgemacht", sagt ein Alter, als wäre die Stilllegung der Giftschleudern in Leuna und Bitterfeld ein Bombenangriff gewesen. Rotkäppchen aber hielt durch, gemeinsam mit Freyburg. Die Firma also ist das neue Deutschland. Nur: wie damit umgehen, wenn man ein so flüchtiges Gut produziert wie Sekt?

Der ist zunächst ja nichts anderes als eine Mischung aus Grundweinen, Hefe, Zucker und viel Phantasie. Materialistisch gesprochen: Er flüchtet von der Basis fast vollständig in den Überbau, und das in zarten Perlenschnüren. Karl Marx würde von seinem "Fetischcharakter" sprechen, in der Firma nennt man es das "kleine Glück".

Sekt jedenfalls ist ein labiles Geschäft, das in erster Linie aus Verheißungen und Bildern besteht. Er soll billig sein, aber nicht so wirken, soll Emotionen wecken, möglichst schöne - er ist ständig gefährdet.

Wohl daher ist zum Gespräch im rustikalen Restaurant des Hotels "Unstruttal" gleich eine kleine Delegation aufgezogen, als ob es um Abrüstungsverhandlungen ginge. Dabei geht es um Ernsteres: Image.

"Wir haben nichts Besonderes geplant zum Jubiläumsjahr", sagt Peter Claußen. "Der Mauerfall ist kein Kommunikationsthema." Er ist rosig unter silberweißer Föhnfrisur. Dunkelblauer Anzug, gestärkter Hemdkragen, rote Satinkrawatte. Früher war Claußen bei Nestlé, sehr Westen.

Neben ihm sitzt Lutz Lange im Tweed, Chef der Abteilung Qualitätsmanagement, ein Mann mit Alterskerben, kariertes Flanellhemd, bedächtig, sehr Osten. "Natürlich ist es ein Freudentag", sagt Lange. Der agile PR-Stratege aus Frankfurt, Main, nicht Oder, der jetzt die Pressearbeit für die Firma regelt, sagt nichts, nickt nur vage.

West-Claußen hat den Mauerfall im Fernsehen erlebt. Er bügelte Hemden in Düsseldorf, als er die ersten Bilder sah. DDR war weit weg, "wie Orson Welles' Radiosendung von der Landung der Marsmenschen". Nicht gerade Marsmenschen, aber außerirdisch sah das wohl schon aus, was dann durch die Grenzbarrieren brach. Nicht wenige schwenkten Rotkäppchen-Flaschen.

Ost-Lange dagegen sah seine Welt zusammenbrechen. Sie war zwar ohne Hoffnung, aber er wusste, "die neue wird erst mal nicht das Schlaraffenland". Lange hatte ein historisches Schicksal, Claußen allenfalls ein ästhetisches Problem.

Lange gehörte zu denen, die aus dem einst Volkseigenen Betrieb (VEB) die ostdeutsche Triumphgeschichte im Weltenwechsel machten. Zwei harte Jahre waren damals zu überstehen. Rotkäppchen, die Bonzenbrause, das Gute-Laune-Getränk zu Jugendweihe und Staatsbesuch, hatte zum Mauerfall noch kurz aufgeschäumt und war dann jäh zur Ladenhüterplörre geronnen, die selbst der Osten nicht mehr wollte.

Die Produktion, zu DDR-Zeiten 15 Millionen Flaschen, brach ein auf 1,8 Millionen. Von 364 Angestellten mussten 298 gehen. "Die Briefe haben wir persönlich überreicht, wir kannten ja jeden", sagt Lange. Da der Großhandel weggebrochen war, verkauften die Mitarbeiter ihren Sekt auf Märkten von der Ladefläche ihrer Lieferwagen herunter.

"Wir schufteten bis zum Umfallen", sagt Lange. "Und als die Treuhand uns die Note Zwei gab, wussten wir, wir haben eine Chance, uns zu beweisen." Mit dem technischen Direktor Gunter Heise und vier weiteren Geschäftsführern sowie dem mit 40 Prozent beteiligten Großinvestor und Likörfabrikanten Harald Eckes-Chantré aus Nieder-Olm bei Mainz übernahmen sie den Betrieb vor 15 Jahren.

Damals war Lange Marketingchef. "Ich hab mir erst mal ein Buch besorgt darüber." So hat er gelernt, was ein "Kommunikationsthema" ist. Die Umsatzsteigerungen lagen in den Folgejahren um die 70 Prozent. Dann war Rotkäppchen wieder angekommen im Osten.

Doch plötzlich war der ostdeutsche Stallgeruch gleichzeitig das Handicap im Westen. Rotkäppchen wurde zum Abbild der deutsch-deutschen Psychoblockade. Hier kam Peter Claußen an Bord. Lange ist die Generation des Aufbaus, Claußen die des Ausbaus.

Langes historische Mission war erfüllt, als Claußens begann. Er hob Maria aus der Taufe, die jung-brünette Reklamephantasie mit dem roten Satinkleid und dem tiefen Rückendekolleté, die ihren Freund am Bahnhof mit einer Flasche Rotkäppchen empfängt. In der Werbung stand ein Dampfzug in einem Bahnhof. Schnaubend. Damit schied jede ICE-Realität zwischen Düsseldorf und Leipzig von vornherein aus. Es war ein Bahnhof im ideologischen Nirgendwo und zugleich ein romantisches Signal, das auch an West-Tankstellen verstanden wurde. Prickelnde Laune für die kleinen Leute, egal, wo sie wohnen.

"Prickelnd" ist das Rotkäppchen-Wort schlechthin. Seither wird Rotkäppchen entostet. Doch die gleichzeitige Eroberung des Westens gerät zum Etikettenschwindel. Mit der Übernahme der Konkurrenzfirmen, besonders aber der Eckes-Spirituosen, gelang der Freyburger Firma ein kapitalistischer Spiegeltrick. Auf den ersten Blick sah es so aus, als habe hier der Osten den Westen geschluckt, also Rotkäppchen den bösen Wolf. Auf den zweiten Blick hat der West-Eigner Eckes seinen Einfluss vergrößert.

Seither sitzt die Geschäftsführung auch im rheinischen Eltville. Auf den Visitenkarten ist Freyburg heute nur noch eine von zwei Firmenadressen, doch beide Seiten kennen ein Ziel, das sie eint: das Ziel, den Absatz zu vergrößern.

Die Rotkäppchen-Mumm-Familie produziert nun 130 Millionen Flaschen Sekt pro Jahr. 82 Millionen davon sind die Flaschen mit der roten Kappe. Nun aber wird es spannend, denn in den vergangenen Monaten ist die Legitimationskrise, die vor 20 Jahren dem Ostsystem vorbehalten war, im Westen angekommen.

Neuerdings sind es kapitalistische Gaunereien, die die Wirtschaft lähmen. Der Boden schwankt, auch für "Deutschlands Haus aus Sekt", wie sich die Firma nun nennt. Ob nicht nun auch Rotkäppchen, das doch endlich so triumphal im Kapitalismus angekommen war, Umsatzeinbußen befürchten muss? "Ich glaube nicht", sagt Claußen. Er zögert. "Das kleine Glück gönnt sich doch jeder, oder?" Lange dagegen wiegt den Kopf. Man spürt, in ihm arbeiten sich nun altgelernte Einstellungen durch, die plötzlich neu überzeugen. "Die Zeltstädte in Nevada", sagt er, "das sind ja fürchterliche Bilder." Könnte es sein, dass nun Lange wieder Vorsprung hat, weil er katastrophenerfahrener ist?

Die beiden sind bemüht, den Mentalitätsgraben des Misstrauens zwischen Ost und West ständig zu überspringen. Besonders Claußen ist da zu jeder Konzession bereit und erzählt einen Witz, den eigentlich Lange erzählen sollte: "Warum haben westdeutsche Gymnasiasten ein Schuljahr mehr? Es ist das Extrajahr für Schauspielunterricht."

Natürlich ist der Witz schon immer falsch gewesen: Langes Anpassungsleistung war wesentlich größer als die von Claußen, vor dem Mauerfall und hinterher. Ein heilloses Kuddelmuddel aus guten Absichten und Missverständnissen. Doch in diesem einen Punkt bleibt Claußen kompromisslos: "Der Mauerfall ist kein Sektereignis", insistiert der Westler. "Sekt ist jung, Sekt ist frisch, wir gucken nach vorn."

Die Deutsche Einheit ist kein "Kommunikationsthema". Nicht für Rotkäppchen, das wie keine andere Firma dafür steht.

In der Geschichte des Unternehmens sei die DDR übrigens doch nur ein kleines Kapitel. Claußen sagt nicht "Fußnote", wie es der Historiker Hans-Ulrich Wehler genannt hat. Dennoch zuckt Lange jetzt zusammen. Immerhin war die DDR der größte Teil seines Lebens. Er will nicht in einer Fußnote gelebt haben. "Als Deutscher bin ich stolz auf diesen Tag, auf die Wiedervereinigung", sagt er, und er scheut das Pathos nicht. Das Geschäft eint sie dann wieder.

Schon vormittags um elf perlt Rotkäppchen Rosé vorm Stammhaus auf der Anhöhe in den schlanken Gläsern, die von Hostessen herumgereicht werden. Zwei Busse stehen auf dem Parkplatz, aus dem Rheinland und aus Halle.

Die Gruppen warten auf die Führung, aber vor allem die aus Halle hat Sinn für geschichtliche Pointen. "Dass das sowjetische Brudervolk nun Island unter die Arme greift, und dann noch ausgerechnet mit Geld ...", sagt eine Touristin aus der Halleschen Schulverwaltung. Die anderen lachen. Die Welt hat sich schon wieder gedreht, man kommt gar nicht mehr mit, na Prosit aufs kleine Glück!

Die muntere Frau Kaiser organisiert diese Touren für rund 110 000 Besucher jährlich. Sie beginnt vor einer Ansicht des Stammhauses aus dem Gründungsjahr 1856, führt dann durch die historischen Weinkeller mit den Riesenfässern, vorbei an Etiketten und Plakaten und Vitrinen, und endet an der modernen Abfüllanlage.

Sie konzentriert sich eher auf Anekdotisches, weniger geschichtlich als gemütlich. Aber so viel lässt sich sagen: Rotkäppchen hat sich ideologisch schon ein paarmal im Wald verirrt, weit häufiger als andere Marken.

Die Firmengründer Kloss & Foerster aus Freyburg wurden mit ihrem Sekt - einst Antwort auf den traditionsreicheren französischen Champagner - so erfolgreich, dass sie 1870 bereits Weine aus der Champagne importieren mussten. Der sanften Landnahme folgt die kriegerische. Nach dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung wurden die Flaschen mit der roten Kappe gegen die französische Konkurrenz durch Schutzzölle preiswert gemacht. Die leinengebundene Jubiläumsschrift der Firma formuliert: "Ganz oben macht man sich für deutsches Prickeln stark."

Mit den anderen Sektkellereien taumelt Rotkäppchen durch die Geschichte. Inflation und Weltwirtschaftskrise lassen die Absätze einbrechen, die Nazis sorgen für neue Absatzrekorde, weil sie die Sektsteuer abschaffen. Nach dem Krieg jedoch trennen sich die Wege. Die Westfirmen begleiten beschwingt das westdeutsche Wirtschaftswunder, Rotkäppchen wird nach Enteignung und Umwandlung in einen VEB ausgenüchtert. Sekt ohne Firlefanz, Prickeln nach Plansoll.

Die Kellerei erhält eine "Forschungs- und Entwicklungsstelle", die Schüttelroste, in denen die Flaschen kopfüber stecken, werden durch Bottiche ersetzt, das "kleine Glück" wird buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt. Rotkäppchen ist konkurrenzlos und wird Musterbetrieb im real existierenden Sozialismus.

"Wir verschweigen die DDR-Geschichte nicht", sagt Ilona Kaiser irgendwann vor der Vitrine mit den vielen Medaillen. Aber viel schöner und eindrucksvoller findet sie dann doch, finden eigentlich alle Besucher, das große, dunkle Fass von 1896 im Domkeller gleich daneben, "25 Eichen wurden dafür gefällt, es fasst 120 000 Liter" und ist mit Biederem verziert: Arbeit ist des Bürgers Zierde / Segen ist der Mühe Preis / Ehrt den König seine Würde / Ehret uns der Hände Fleiss.

So schrecklich-deutsch hallt Schillers bürgerstolze "Glocke" durch Rotkäppchens Geschichte. Nach einer derartigen Führung lässt es sich nicht vermeiden, doch noch einmal kurz über die gute alte Zeit zu reden, bevor sie sich ganz verflüchtigt hat. Ein schmuckloser Raum, Tische, Stühle, reine Formsache, eine Art kapitalistischer Gesinnungstest. "Waren Sie eigentlich in der Partei, Frau Kaiser?"

"Ja", sagt sie, ein wenig aufgeregt. "Man konnte ja sonst nichts werden." Der PR-Mann sitzt am Nebentisch und versucht, leer irgendwo hinzugucken. Früher hätte man gesagt: Er sieht aus wie einer von der Firma. Die beiden protestieren lachend. Frau Kaiser fährt fort: "Mir war klar, dass die DDR völlig an der Natur des Menschen vorbeiging." Erleichterung beim PR-Menschen, das wäre geschafft.

"Es geht nicht, dass Leute faul sind und erwarten, man stopft ihnen gebratene Tauben ins Maul." Das wäre dann die Zugabe, schon leicht neoliberal. Kein Zweifel, Frau Kaiser ist angekommen im neuen Deutschland.

Dabei gibt es auch in Freyburg Verlierer, das weiß hier jeder. Sie hängen am Imbiss ab, in der Nordstadt, bei den 400 Plattenbauwohnungen, die im Jahr des Mauerfalls fertig wurden. Freyburgs Arbeitslosenanteil liegt bei gut 13 Prozent, etwa im Landesschnitt. Frau Kaiser hat ihre Kinder, durchaus nach Schiller, "zu Ehrlichkeit und Fleiß" erzogen, das in erster Linie. "Wer will", sagt sie eifrig und mittlerweile völlig entostet, "der kriegt auch Arbeit, man muss nur nach vorn schauen, ich bin so'n Typ."

Freyburg ist längst nicht mehr nur Rotkäppchen. Als Bundespräsident Horst Köhler durchs Städtchen geführt wurde vom Bürgermeister, rühmte er die "Toskana des Ostens". Lieber ist ihnen hier "Toskana des Nordens". Das klingt tourismusfreundlicher. Allein im vergangenen Jahr hatten die Kanetzkys aus dem Hotel "Unstruttal" - totale Einheit: er aus Freyburg, sie aus Freiburg - 20 Prozent mehr Gäste.

Früher, wenn der Wind aus Nordost kam, hatte man in der Pendlerstadt der mitteldeutschen Braunkohlereviere Blei auf der Zunge - und kein einziges Hotelbett. Jetzt sind es 400, und die Rotkäppchen-Schrift auf dem Hügel ist tatsächlich lesbar, Tag und Nacht. Prosit, auf das kleine Glück.

* Beim 150-Jahre-Firmenjubiläum in Freyburg im Mai 2006.

DER SPIEGEL 1/2009
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DER SPIEGEL 1/2009

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