05.01.2009

KRIMINALITÄTRechte Engel

Bislang hielten Rockerbanden die Polizei mit Gewalt, Drogen und Waffen in Atem. Nun alarmiert die Fahnder eine neue Bedrohung: Bei deutschen Hells Angels machen militante Neonazis Karriere.
Der Mann, den alle nur Maxe nennen, wollte ein Musterknabe werden, wenigstens nach der Haftentlassung. Markus W. hatte vor gut zehn Jahren für Schlagzeilen gesorgt und für internationales Entsetzen: Damals gehörte er zu jenen deutschen Hooligans, die während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich den Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel schlugen. Vier Jahre lang saß er für die "gemeinschaftliche schwere Körperverletzung" in einem französischen Gefängnis.
Nach seiner vorzeitigen Entlassung 2002 gelobte er einen Wandel vom rechten Schläger zum Sozialarbeiter: Er wolle Sozialwissenschaften studieren, in Kontakt treten mit Menschen, "die Probleme mit der Gesellschaft haben". Jugendliche sollten von seinen Erfahrungen profitieren: "Ich kann ihnen sagen: Jungs, Gewalt lohnt sich nicht."
Doch Maxe war gerade zehn Wochen in Freiheit, da ermittelte die Polizei erneut gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung - wenn auch ohne Ergebnis. Nach der Übertragung des Fußball-WM-Finales Deutschland gegen Brasilien im Sommer 2002 war er auf dem Schützenfest im heimatlichen Hannover in eine Schlägerei verwickelt. Seitdem musste Maxe wiederholt vor Richtern erscheinen, mal wegen der Beleidigung eines Türken, mal wegen eines Angriffs auf einen Algerier.
Sozialarbeiter wird er nun nicht mehr werden, eine Art gesellschaftlicher Aufstieg ist ihm dennoch gelungen: In Hannover hat sich Maxe zu einem führenden Mitglied der Rockerbande Hells Angels hochgearbeitet.
Markus W. alias Maxe ist im Visier von Polizei und Verfassungsschutz, auch weil er für eine besorgniserregende Entwicklung steht. Denn bundesweit konstatieren die Fahnder Kontakte deutscher Rocker zu militanten Neonazis. Bei der "Beobachtung der rechtsextremistischen Szene fallen bei den Verfassungsschutzbehörden Erkenntnisse über Verbindungen zu Rockern an", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage. Man habe "gelegentlich" Hinweise auf "gemeinsame Aktivitäten und Treffpunkte sowie einzelfallbezogene Kooperationen von Rechtsextremisten (insbesondere Skinheads) und Rockern, vor allem auf lokaler Ebene".
Solche "gemeinsamen Aktivitäten" auf "lokaler Ebene" gibt es in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Baden-Württemberg. Am weitesten fortgeschritten ist nach Einschätzung von Ermittlern die Verflechtung zwischen Rockern und Rechtsextremen aber im Hannover-"Charter", wie Hells Angels regionale Unterorganisationen nennen.
Beim Hannover-Boss der Angels, Frank H., ist Markus W. inzwischen "Secretary". Als rechte Hand des Chefs gehört er damit neben dem "Treasurer" (Schatzmeister) und dem "Sergeant at Arms" (Sicherheitschef) zum inneren Zirkel des streng hierarchischen Clubs. Für die Fahnder vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen eine beunruhigende Entwicklung. Denn das Charter Hannover ist nicht irgendeins: Es gilt als größtes und zählt zu den einflussreichsten weltweit im Bund der Hells Angels.
Der Club in Hannover wird vom niedersächsischen LKA dem Dunstkreis der Organisierten Kriminalität zugerechnet. Eine achtköpfige Ermittlungsgruppe "EG 1 Prozent" kümmert sich um die Rocker. Der Name geht auf eine Selbsteinschätzung der Angels zurück, die gern darauf hinweisen, dass 99 Prozent ihrer Mitglieder gesetzestreu seien - es aber das eine Prozent der "Outlaws" gebe, der selbsternannten "Gesetzlosen".
Mögen die Hells Angels gern den Mythos eines friedlichen Clubs von Pfadfindern auf Motorrädern pflegen: Für die Ermittler der "EG 1 Prozent" arbeiten viele "Engel" wie eine kriminelle Bande, die "arbeitsteilig, gezielt und systematisch vorgeht", wie Frank Federau vom LKA erklärt. Sie bediene sich der Hilfe von PR-Profis und hochkarätiger Rechtsbeistände. In Teilen seien sie "wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt".
Die Ermittler sind auf ein unübersichtliches Geflecht mit rechten Querverbindungen gestoßen, von harmlos erscheinenden Tattoo-Studios bis hin zu paramilitärischen Sektionen. Und sie gehen davon aus, dass illegale Einnahmen durch legale Aktivitäten wie Sicherheitsdienste, Merchandising oder Events getarnt werden.
Zu solchen Events der Rocker gehörte im vergangenen Jahr die "Tattoo-Convention" (Tätowiermesse) in Hannover - organisiert von Secretary Markus W. alias Maxe. Er sorgte dafür, dass rechte Szeneläden ihr Angebot freizügig präsentieren konnten, darunter auch ein Tattoo- und Piercingladen aus einem Ort im Kreis Soltau-Fallingbostel. Das Studio leiten Hannes F. und Marcel U., zwei Kampfsportler mit langjährigen Verbindungen in die militante Neonazi-Szene. Bei den Hells Angels des Charters Hannover haben sie es ebenfalls weit gebracht: von "Hangarounds" (Anhängern) zu "Prospects" (Anwärtern) - der letzten Stufe vor ihrer Aufnahme in die Bande als "Member" (Mitglied).
In ihrem Geschäft berät Inhaber Hannes F. freundlich die Besucher, der "Piercer" Marcel U. heißt besonders "experimentierfreudige Kunden" willkommen. Zur Inspiration legen sie Muster vor, die bei Rechtsextremen sehr beliebt sind: Wehrmachtsoldaten und die Runenkunde einer Kameradschaft. In den Fotoalben zeigen sie stolz das Bild eines Tattoos, das deutlich an den einstigen Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß erinnert.
Hannes F. soll nach den Recherchen der Fahnder sowohl in der rassistischen Sekte "Artgemeinschaft" als auch in der "Kameradschaft Hildesheim" mitgewirkt haben. Im März vorigen Jahres musste er sich vor dem Landgericht in Halle (Sachsen-Anhalt) verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, für die "Sektion Niedersachsen" von "Blood and Honour" (Blut und Ehre) gearbeitet zu haben. Das internationale Netzwerk, das rechtsextreme Bands vermarktet, ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 verboten. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Hannes F. auch nach dem Verbot noch im Geiste von "Blood and Honour" rechtsextreme Events organisierte - und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe.
Neben Hannes F. saß in Halle Johannes K. auf der Anklagebank. Auch er hat Verbindungen zu den Hells Angels aufgebaut, die beiden kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei "Blood and Honour". K. führt ein Tattoo-Studio in Hildesheim; in dem Laden wird für die Geschäfte der Rocker im Rotlichtmilieu geworben, zudem werden deren Merchandising-Artikel verhökert.
Der Fall Johannes K. zeigt, dass die Übergänge zwischen Rockern und Rechten fließend sind. Denn neben dem Tattoo-Studio betreibt K. einen Army-Shop: einen Laden für spezielle Ausrüstung "von Soldaten, für Soldaten". Als "Combat and Survival School" (Kampf- und Überlebenstraining) bietet der Militärfan unter anderem eine Ausbildung zum "Scharfschützen" an.
An den paramilitärischen Übungen von Johannes K., so die Ermittler, soll auch ein Mitglied des "Selbstschutzes Sachsen-Anhalt" teilgenommen haben. Die militante "Kameradschaft", die mit ihrem Kürzel "SS-SA" unverhohlen auf die NS-Zeit anspielt, arbeitet als "nationaler Sicherheitsdienst" und stellt bei rechtsextremen Veranstaltungen die Ordner.
Ordner brauchen die Angels viele, sie sollen vor fremden Blicken schützen. Auch ihr Clubheim "Angels Place" wird von stämmigen Burschen bewacht. Es liegt gut geschützt am Ende einer Sackgasse in Hannover. Besucher ohne Einladung werden von muskulösen Wächtern aufgehalten. Hells-Angels-Chef Frank H. hält hier Hof, ein hünenhafter, einschlägig bekannter Ex-Boxer. Erst Mitte Dezember wünschte er als Gastgeber einer Party den aus ganz Deutschland angereisten Engeln "viel Spaß". Stripperinnen mühten sich um Stimmung, das Bier der hauseigenen Marke "81" tat sein Übriges. "81" steht für den achten und ersten Buchstaben des Alphabets: "HA" wie Hells Angels.
Unter den Besuchern tummelten sich indes auch einige, die sich eher an der Ziffernfolge 18 berauschen: "AH" wie Adolf Hitler. Das Logo "Max H8" war gleich an der Kleidung von mehreren zu entdecken: "H8" verschlüsselt die Zahl "88", die in der rechtsextremen Szene für den verbotenen Gruß "Heil Hitler" steht. Zugleich symbolisiert "Max H8" auch "Maximum Hate" (maximaler Hass).
Obwohl die Polizei die Szene ständig beobachtet, ist sie schwer zu fassen. Offiziell sagen die Rocker in Hannover, sie seien vollkommen unpolitisch. So erklärt es ihr Pressesprecher Django. Symbole mit Nazi-Bezug seien kein politisches Statement, sondern dienten bei einigen nur als Provokation. Dass mancher ein langes Vorstrafenregister hat, räumen die Rocker ein. Es sei aber kein Hinderungsgrund, Mitglied zu werden. Entscheidend sei allein, dass man die Regeln der Angels einhalte.
Zu diesen Regeln gehört auch das Gebot, keine Kooperation mit der Staatsgewalt einzugehen. Unter Rockern gilt, wie bei der Mafia, die Omertà - das Gesetz des Schweigens. So mussten die Fahnder in Niedersachsen erst vor wenigen Wochen zähneknirschend mit ansehen, wie die Bruderschaft wieder glimpflich davonkam. 14 Hells Angels aus Bremen standen im Dezember in Hannover wegen eines brutalen Überfalls auf Mitglieder der konkurrierenden Gang Bandidos vor Gericht. Schon nach zwei Verhandlungstagen einigten sich Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf einen Deal: auch weil der Kronzeuge, ein ehemaliger Angel, plötzlich nicht mehr aussagen mochte. Elf der Rocker kamen mit Bewährungsstrafen sofort frei.
"Meine Herren, bleiben Sie sauber", rief Richter Jürgen Seifert unter dem Gejohle der Rocker. Ein frommer Wunsch. Demonstrativ klatschten die angereisten Bandenmitglieder. In der letzten Zuschauerreihe applaudierte ein lächelnder Angel im Sweatshirt der Marke Lonsdale, einem Erkennungszeichen der Rechtsextremen.

DER SPIEGEL 2/2009
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