05.01.2009

NAHOSTTage des Krieges, Tage des Zorns

Mit seinen Angriffen im Gaza-Streifen will Israel die Hamas entscheidend schwächen. Die Regierungen im Westen und auch in der arabischen Welt bringen dafür Verständnis auf. Am meisten leiden Zivilisten unter dem Bombardement. Wie viel blutige Vergeltung ist legitim?
Es passt eigentlich nicht zu einer Außenministerin, aber wenn Zipi Livni eine Bühne erklimmt, wird sie immer nervös. Dann weiß sie nicht, wohin mit den Händen. Sie verschränkt die Arme wie zur Abwehr, egal wie sehr der Blazer knittert. Ihre Stimme beginnt zu zittern, vor allem dann, wenn sie Englisch sprechen muss.
Der Krieg aber ändert so manches.
Als Zivi Lipni an Tag fünf der Luftangriffe auf den Gaza-Streifen zum ersten Mal vor die Weltpresse tritt, da federt sie auf die Bühne des Gemeindezentrums von Sderot, sie ist freundlich und macht ein paar Scherze, sie wirkt souverän, als sie eine Zwischenbilanz des Krieges zieht.
Die Außenministerin lässt das Licht im Auditorium abdunkeln und führt Videos vor, welche die israelische Luftwaffe aufgenommen hat, als sie Kommandozentralen und Waffenlager, Labors und Moscheen der Hamas aus Flugzeugen und mit unbemannten Drohnen bombardierte. In einem Video ist zu sehen, wie einige Tunnel von Rafah, durch die die Hamas Waffen schmuggelt, zerstört werden. "Sie können die zweite Explosion sehen", erklärt Livni, dabei sei dort gelagerter Sprengstoff in die Luft geflogen.
Es folgt eine Aufnahme, auf der angeblich ein Lastwagen zu sehen sein soll, von dem ein paar Leute in aller Eile schmale, lange Rohre abladen. Raketen seien das, sagt Livni, gleich darauf ist ein Fadenkreuz zu sehen, das Fahrzeug löst sich in Rauch auf.
"Bei unserer Operation", sagt sie kurz darauf, "unterscheiden wir zwischen Hamas und Zivilisten." Diesen Satz wiederholt sie, genauso wie Ministerpräsident Ehud Olmert und Verteidigungsminister Ehud Barak, oft genug in diesen Tagen. Das Wort Krieg kommt der Außenministerin an Tag fünf des Krieges allerdings nicht über die Lippen.
Dabei sieht es ganz danach aus, als werde die Operation "Gegossenes Blei", mit der Israel in der Weihnachtswoche überraschend losschlug, als siebter Nahost-Krieg in die Geschichtsbücher eingehen. Allein der erste Tag war der blutigste im israelisch-palästinensischen Konflikt seit mehr als 40 Jahren. So viele Tote, so viel Leid gab es zuletzt im Sechstagekrieg 1967, als Israel den Gaza-Streifen eroberte und besetzte.
Gegenwärtig tobt die erste Phase in einem asymmetrischen Krieg: Luftangriffe der maßlos überlegenen israelischen Streitkräfte, während die Hamas Raketen aus Wohngebieten auf Israel abschießt. Dutzende F-16-Kampfjets warfen in den ersten neun Stunden der Offensive mehr als 100 Tonnen Sprengstoff auf Ziele im Gaza-Streifen - Polizeistationen, Waffenlager, Moscheen, Ministerien, Wohnhäuser. Allein in den ersten vier Minuten bombardierten sie über 50 Hamas-Einrichtungen.
"Wenn wir damit fertig sind", sagt General Dan Harel, der stellvertretende israelische Generalstabschef, "dann wird kein einziges Haus der Hamas in Gaza mehr stehen." Aber das kann wohl kaum das Ziel dieser Operation sein. Die Verhältnisse dort sollten geändert werden, sagt Verteidigungsminister Barak, Außenministerin Livni formuliert vorsichtiger: "Wir wollen die Hamas schwächen."
Es ist ja auch kaum zu glauben, dass sich die Hamas aus Gaza wegbomben lässt. Und bald dürften den F-16-Kampfjets die Ziele ausgehen.
Die zweite Phase in diesem asymmetrischen Krieg wäre die Invasion mit jenen Panzern, die entlang dem Gaza auf den Einsatzbefehl warten. Die israelische Regierung und die Armeeführung drohten von Anfang an damit, zögerten aber bis zum Samstagmorgen vergangener Woche, ernst zu machen. Denn der Übergang von der überschaubaren Operation aus der Luft zum Einmarsch mit Panzern und Tausenden Soldaten verändert den Charakter des Krieges: Die konventionelle Armee verliert dann rasch ihre Überlegenheit, und eine Guerilla mit 20 000 Mann kann mit Panzerfallen, Selbstmordattentaten und im Häuserkampf viele Soldaten umbringen und blutige Gegenwehr leisten - und ihre Anhänger in Iran, Syrien, Jordanien oder Ägypten in die Verzückung treiben.
So war es auch im Krieg vor zwei Jahren, als die israelische Armee im Libanon einmarschierte, rasch an Glanz verlor und ruhmlos abzog. Der Anlass damals wie heute: Raketenbeschuss. Der Verlauf: Luftangriffe, denen der Angriff zu Land folgte. Die Hamas würde jetzt gern nachahmen, was der Hisbollah damals gelang: Der israelischen Kriegsmaschine standzuhalten, was in den Augen vieler Araber einem Sieg gleichkommt.
Auf den Bodenkrieg stellen sich beide Seiten ein. Die israelische Regierung genehmigte die Einberufung von fast 10 000 Reservisten, Soldaten der Elite-Einheit "Golani" warten mit ihren Merkava-Panzern kurz vor der Grenze zum Gaza-Streifen auf den Marschbefehl. Es wäre allerdings eine bittere Ironie der Geschichte, sollte die Armee den Küstenstreifen zurückerobern, den Israel vor dreieinhalb Jahren gegen heftigen Widerstand der israelischen Rechten aufgegeben hatte. Wenn die Infanterie einmarschiere, drohte ein Sprecher des militärischen Arms der Hamas, "dann wird der Gaza-Streifen wie ein Vulkan explodieren".
In solchen Metaphern reden Hisbollah und Hamas gern. Allerdings gibt es auch einen Grund, dass sie sich stark fühlen: Iran. Iran ist der große Bruder, der auch in diesen Tagen mit Demonstrationen und Drohgebärden öffentliche Unterstützung gewährt. Und der Konflikt zwischen Israel und Iran überwölbt mittlerweile den israelisch-palästinensischen. Oft genug drohte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Israel werde von der Landkarte verschwinden. Oft genug haben militärische und politische Führer in Jerusalem laut oder halblaut mit einem Schlag gegen die iranischen Atomanlagen gedroht, falls der Mullah-Staat sein Nuklearprogramm nicht einstellen sollte.
Was vor zwei Jahren im Libanon passierte und sich heute in Gaza ereignet, das lässt sich auch als Stellvertreter-Krieg verstehen - als Operationen gegen die kleinen Brüder im Geiste, die Israel das Existenzrecht streitig machen.
Solange die erste Phase im asymmetrischen Krieges anhält, genießt Israel unter den Verbündeten in aller Welt Rückhalt und Verständnis. "Wir machen die Hamas verantwortlich für die Rückkehr der Gewalt", sagte US-Außenministerin Condoleezza Rice. Auch Barack Obama, der Präsident im Wartestand, gab zu verstehen, dass ihm die Geduld ausgehen würde, wenn regelmäßig Raketen auf Städte niedergingen und Menschen töteten. Ähnlich nahm Angela Merkel Israel in Schutz: "Der Terror der Hamas kann nicht akzeptiert werden." Zu einseitig sei diese Stellungnahme ausgefallen, rügte Martin Schulz, Europa-Abgeordneter der SPD, umgehend die Kanzlerin, so schränke sie den Spielraum deutscher Außenpolitik ein.
Großes Einfühlungsvermögen dürften Amerika und Europa nach einer Bodeninvasion allerdings nicht mehr aufbringen. Denn die Folgen könnten dramatisch ausfallen: womöglich eine zweite Front durch die Hisbollah im Libanon, womöglich Aufruhr im Westjordanland und in den arabischen Städten, die von Autokraten vom Schlag Husni Mubaraks oder Baschir al-Assads regiert werden.
Hinter den Kulissen sind die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die Türkei, die im Nahen Osten zur Vermittlerin aufgestiegen ist, darum bemüht, mit Diplomatie einer Eskalation vorzubeugen. In dieser Woche wollen Javier Solana und der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg - sein Land übernahm gerade die Ratspräsidentschaft - für die EU nach Jerusalem reisen und zur Mäßigung raten.
Die arabische Welt ist mehr denn je gespalten in der Haltung zum Krieg zwischen Israelis und der Hamas. Der ägyptische Präsident Mubarak macht die Hamas-Führer für die Angriffe verantwortlich: "Wir haben euch immer wieder gewarnt, dass eine Aufkündigung des Waffenstillstandes Israel dazu bringen wird, das zu tun, was es jetzt tut." Die meisten arabischen Regierungen hegen Antipathie gegen das Regime der Mullahs, das zur Hegemonialmacht in der Region aufsteigen möchte - ihre Völker aber lieben die martialischen Parolen aus Teheran. Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei trompetete gewaltig: "Kann es eine Katastrophe geben, die noch größer wäre als das Verhalten der muslimischen Staaten, die das zionistische Regime bestärken?"
Der Held der arabischen Straße ist Hassan Nasrallah, der Chef der Hisbollah, der aus Angst vor einem Attentat nicht oft öffentlich auftritt. "Eure Schmerzen sind unsere Schmerzen, eure Wunden sind unsere Wunden" - diese routinierte Botschaft ließ er per Video verbreiten. Seine Organisation hat ihre Waffenlager wieder aufgefüllt, einen Krieg mit Israel könne sie sich leisten, meinen westliche Geheimdienste.
Die Hamas rief für den vorigen Freitag einen "Tag des Zorns" aus. Im Westjordanland zogen denn auch Tausende Demonstranten durch die Straßen, genauso wie in Kabul, Jakarta und Teheran. Das sah nach kontrolliertem Volkszorn aus.
In Israel steht Verteidigungsminister Barak im Zentrum der Ereignisse, ein Mann mit begrenztem Spaß an Selbstdarstellung. Der Krieg gilt als sein Krieg. Der Krieg ist - noch - populär, und deshalb hat Barak, der nach der Wahl im Februar Ministerpräsident werden will, ungemein an Beliebtheit gewonnen. Er spricht von einem "Krieg ohne Gnade", er sagt: "Es gibt eine Zeit für Ruhe und eine Zeit für den Kampf, jetzt ist die Zeit für den Kampf." Barak ist General a. D., er genießt Autorität, momentan.
Die Eskalation der Gewalt zeichnete sich schon kurz vor Weihnachten ab, als ein sechsmonatiger Waffenstillstand zwischen Israel und den Islamisten endete. Die Hamas startete eine neue Offensive - 300 Raketen schlugen innerhalb weniger Tage im südlichen Israel ein. Inmitten der Feierlichkeiten zum jüdischen Chanukka-Fest befanden sich plötzlich eine Viertelmillion Israelis in Reichweite der Raketen.
Mit jedem Tag erreichten die Geschosse weiter entfernte Ziele, bis zu 80 täglich sind es seit Beginn der Luftschläge, selbstgebaute Kassam-Raketen und fabrikneue Katjuschas. Am ersten Tag auf Netivot, 12 Kilometer von der Gaza-Grenze entfernt, am zweiten Tag auf die Innenstadt von Aschkelon, 13 Kilometer, am dritten Tag bereits auf Aschdod, 27 Kilometer, am vierten Tag auf die Großstadt Beerscheba, 42 Kilometer.
Israel kämpfe mit einem "moralischen Vorteil", meint Verteidigungsminister Barak, weil der jüdische Staat das Raketenfeuer aus Gaza lange tatenlos über sich habe ergehen lassen. Aber wie lange hält dieser Vorteil an?
Mehr als 200 Palästinenser starben am ersten Tag der Luftangriffe, bis Ende der Woche stieg die Zahl der Toten auf fast 450. Schätzungsweise 2000 Verletzte soll es bislang geben, darunter etliche Kinder und Frauen. Die Israelis begannen das Bombardement am helllichten Tag, die Hamas lebt und versteckt sich und ihre Waffen in Schulen, in Wohngebieten, in Gebetshäusern: Wer die Hamas angreift, nimmt zwangsläufig Opfer unter den Zivilisten in Kauf. Und die Hamas mit ihrer Opfer-Mystik nimmt die anderthalb Millionen Menschen im Gaza in eine Art Geiselhaft und vertraut auf die Wirkung der Fernsehbilder. Die waren bisher vor allem auf "al-Dschasira", dem TV-Sender in Katar, zu sehen. Israel sperrte die Weltpresse aus Gaza aus.
Wann wird aus legitimer Selbstverteidigung ein schmutziger Krieg? Sind die rund 10 000 Raketen, die in den vergangenen sieben Jahren insgesamt 32 Israelis töteten, Grund genug für eine Militäroperation mit bislang 450 Toten - jeder vierte eine Frau oder ein Kind? Und wiegt der Verlust des israelischen Mädchens, dessen Mutter vergangene Woche an einer Bushaltestelle in Aschdod von einer Katjuscha-Rakete getötet wurde, schwerer als der Verlust, den ein palästinensisches Mädchen am selben Tag im Flüchtlingslager Dschabalija erlitt, als seine fünf Schwestern bei einem Luftangriff starben?
Die israelische Armee verteilt Flugblätter, um die Anwohner vor Angriffen zu informieren. Es gab allein 90 000 Warnanrufe in den ersten Tagen der Offensive. Auch die Familie Baluscha aus Dschabalija wurde gewarnt, sie wartete bis spät in die Nacht bei Verwandten, dann ging sie zurück. Kurz darauf bombardierten Kampfflieger die benachbarte Moschee, deren Dach das Haus der Familie und darunter fünf Töchter begrub.
Tragische Ereignisse. Sie erwecken den Eindruck, Israel gehe es um mehr als nur die "Zerstörung der Terrorinfrastruktur" der Hamas. Um Vergeltung, um Krieg als Strafe.
Ahmed Jussuf bittet, das Telefonat kurz zu halten. Der Chef-Stratege von Hamas-Premierminister Ismail Hanija im Gaza-Streifen befürchtet, dass die Israelis sonst herausfinden, wo er sich aufhält. Er ist, wie die gesamte Hamas-Führung, abgetaucht. "Die Israelis versuchen, die Palästinenser von der Landkarte zu tilgen", erregt er sich.
In seinem Versteck schaut Jussuf, erzählt er, den ganzen Tag "al-Dschasira". "Die arabischen Massen unterstützen uns", sagt er und nennt die ägyptische Regierung "Kollaborateure Israels". Wie sonst sei zu erklären, fragt er, dass die Luftangriffe nur zwei Tage nach dem Treffen von Präsident Mubarak mit Israels Außenministerin Livni begannen? "Das ist ein Vernichtungskrieg, wir Palästinenser verteidigen uns nur", behauptet der Hamas-Mann.
Das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Hamas hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren vorbereitet auf diesen Krieg, den sie selbst mit provoziert hat. "Sie hat Israel die Gelegenheit zu einem Schlag gegen Gaza auf einem goldenen Teller serviert", sagt der ägyptische Außenminister Ahmed Abul al-Gheit.
Der Widerstand gegen Israel ist das Lebenselixier der Hamas, seit sie vor 21 Jahren im Gaza-Streifen gegründet wurde. Sie hat den palästinensischen Befreiungskampf mit islamischer Wohltätigkeit zu einer ganzheitlichen Märtyrerideologie verschmolzen.
Spätestens seit dem Putsch gegen die Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Juni 2007 haben die Islamisten den Gaza-Streifen vollständig im Griff. Sie haben ein effektives Herrschaftssystem aufgebaut, dessen Kern die Kontrolle ist: Sie ließen Moscheen errichten, bis der Zement knapp wurde, sie schickten eine Moralpolizei los, die auch mal Frauen ohne Kopftuch verprügelte. Läden, die Alkohol oder Kondome verkauften, gingen in Flammen auf, genauso wie Internet-Cafés und Restaurants. Sie ernannten Richter, stellten Lehrer und Verkehrspolizisten ein, nicht alle davon ideologisch der Hamas zugetan, aber immerhin so loyal, wie sie ein regelmäßiges Monatsgehalt nur machen kann.
Das prophezeite Chaos blieb aus, im Gegenteil: Die Islamisten verhafteten Mitglieder mafiöser Familienclans, die den Gaza-Streifen als ihr Eigentum betrachteten. Sie entließen korrupte Angestellte und stellten Polizisten an, die gegen Drogenhändler vorgingen. Sogar Fatah-Anhänger geben zu, dass sie sich unter der Hamas-Regierung erstmals wieder nachts auf die Straße trauten.
Nur an eines dachte die Hamas nicht: die Lebensverhältnisse für die Menschen zu bessern. Stattdessen rüstete sie den Gaza-Streifen zur Festung hoch. Sie kopierte die Untergrundstrategie der Hisbollah, wohl unterstützt von Ausbildern aus dem Libanon und Iran.
Die Islamisten unter Waffen trainierten in den Ruinen der Siedler-Synagogen den Häuserkampf und legten überall Waffen- und Raketenlager an. Sie hoben Stellungen aus, legten Sprengstofffallen und Tunnel in Grenznähe an, vermutlich mit dem Ziel, israelische Soldaten zu entführen.
Verstecke für die Führungsebene standen bereit, es gibt eine Kommunikationsstruktur, so dass bisher nur einer der hohen Hamas-Führer bei den israelischen Angriffen getötet wurde. Schlagkräftige Einheiten erhalten den Raketenbeschuss trotz des Bombardements in großem Stil aufrecht. Die F-16-Kampfjets können ihnen nicht viel anhaben, da die Hamas die Raketen aus getarnten Erdlöchern abfeuert, oft mit Zeitzündern versehen.
Zur Radikalisierung der Hamas hat aber auch Israel beigetragen. Nach dem Putsch verhängte die Regierung einen strikten Boykott und erklärte den Küstenstreifen sogar zum "feindlichen Gebiet". Seitdem hat sich Gaza immer mehr in eine Elendszone verwandelt. Die Menschen sind von Autos auf Eselskarren umgestiegen, Läden haben nichts mehr zu verkaufen, Fabriken kein Material mehr, Baustellen sind verwaist.
Arm war Gaza immer, schön nie, aber lange Zeit gab es Menschen, die hier freiwillig lebten. Das war, bevor der 40 Kilometer lange Küstenstreifen zu einem Gefängnis wurde. Es gab mannshohe Erdbeer-Pyramiden auf den Märkten, gegrillten Fisch an jeder Ecke, schwere Goldgeschmeide auf dem Basar der Altstadt. Jetzt ist es lebensgefährlich, auf die Äcker zu gehen, der Fisch ist von ins Meer strömender Kloake verseucht, und Gold kann sich niemand mehr leisten. Erst recht vergessen ist die Zeit nach dem Abzug der israelischen Siedler, als man von einem palästinensischen Dubai am Mittelmeer träumte und anfing, ein Luxushotel am Strand zu bauen.
Der Waffenstillstand hat an der Not nichts geändert. Israel ließ nur einen Bruchteil der Waren herein und keine hinaus, es hat die Übergänge Dutzende Male geschlossen und Hamas-Mitglieder liquidiert. Monatlich rund 20 Geschosse flogen nach Israel - vor dem Abkommen waren es über 300.
Sicher ist, dass keine der beiden Seiten ihre Verpflichtungen vollständig erfüllt hat. Nicht die Islamisten, die mit dem Kassam-Beschuss weiterhin Stärke zeigen wollten. Nicht Israel, das die Hamas mit der Blockade in die Knie zwingen wollte. Irgendwann, so die Hoffnung, würde die ausgehungerte Bevölkerung im Gaza-Streifen revoltieren oder die Islamisten-Regierung einfach implodieren. Das Gegenteil ist passiert, und darunter leidet seither vor allem die palästinensische Bevölkerung.
Im November verschärfte Israel die Blockade. Das Uno-Hilfswerk, das rund die Hälfte der Bewohner des Gaza-Streifens mit Nahrungsmitteln versorgt, musste seine Hilfe tagelang einstellen. Anfang Dezember schlossen dann die Banken, weil das Bargeld ausgegangen war. Löhne konnten nicht mehr ausgezahlt werden. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei vermutlich 80 Prozent, die Wirtschaft ist kollabiert. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, Trinkwasser ebenso. Benzin und Kochgas sind rar, deshalb mussten Bäckereien und Hühnerzuchten schließen, deshalb gibt es kaum noch Brot und Fleisch. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sondern sammeln Müll; die arbeitslosen Väter stehen stundenlang an für ein wenig Mehl oder Reis.
Wer sich nicht mehr zu helfen weiß, wer hungert oder Angstattacken hat, geht in die Apotheke und kauft sich Beruhigungspillen. Der Verkauf sei seit der israelischen Blockade in die Höhe geschnellt, sagt Faïs al-Dschasni, ein Apotheker in Gaza-Stadt. "Besonders Kinder können nachts nicht schlafen und nehmen die Tabletten", berichtet er. Mit Beginn der israelischen Militäroperation sei der Absatz noch einmal gestiegen.
Jetzt gehen die Pillen langsam aus. Nachschub kam bislang durch die Schmugglertunnel von Rafah im südlichen Gaza-Streifen, unter der Grenze zu Ägypten. Die Tunnel waren bis zum israelischen Militärschlag die Lebensadern des Gaza-Streifens, alles wurde hier durchgeschleust: Ziegen für das Opferfest, Benzin. Wäre es nur dabei geblieben, hätte Israel keinen Grund für die Bombardierung gehabt, aber die Hamas füllte so vor allem ihr Waffenarsenal.
Daher geben viele Palästinenser der Hamas zumindest eine Mitschuld an den Luftschlägen. Sie sehnen sich inzwischen nach der als korrupt verschrienen Fatah - und manche trauen sich sogar, dies offen auszusprechen. "Es wäre gut, wenn die Fatah möglichst bald nach Gaza zurückkommen würde", meint der Apotheker Dschasni. "Auch die meisten meiner Kunden denken so."
"Die Hamas hat sich entzaubert und wird die nächsten Wahlen verlieren." Das sagt Mohammed Dahlan, der ehemalige Fatah-Sicherheitschef von Gaza (siehe Interview unten), obwohl die Umfragen das Gegenteil besagen.
Dahlan, groß und wuchtig gebaut, sitzt in einem weitläufigen Büro mit neuen weißen Ledersesseln. Er wirkt kaltblütig, redet bedacht. Für die Hamas ist er der Inbegriff des korrupten Bonzen. Als die Islamisten die Macht im Gaza übernahmen, kam Dahlan nur mit dem Leben davon, weil er nach Deutschland geflogen war, um sich am Knie operieren zu lassen.
Er will nicht den Verräter spielen und freut sich allenfalls klammheimlich über das Vorgehen der Israelis. "Die Hamas ist eine der schlimmsten Organisationen in der Region", sagt er. "Ihre Führer haben Freude daran, palästinensische Kinder sterben zu sehen" - weil ihr Tod den Hass gegen Israel nährt.
Die Fatah, das Produkt Jassir Arafats, ist die ältere Organisation der Palästinenser, die sich lange Jahre wenig darum bemühte, einen regulären Staat aufzubauen. Erst der Nachfolger Abbas gab zu erkennen, dass ihm an Besserung der Verhältnisse gelegen ist. Die Hamas entstand als religiöse Konkurrenz zur säkularen Fatah.
Auch Hamas und Fatah liegen seit dem 27. Dezember miteinander in einem Krieg, der Opfer fordert. In Hebron schossen Polizisten der Autonomiebehörde auf Demonstranten. In Betlehem verhinderten sie, dass Palästinenser Molotowcocktails auf einen israelischen Wachturm warfen. Und im Gaza-Streifen ermordeten Hamas-Leute im Schifa-Krankenhaus mindestens fünf Fatah-Mitglieder - per Kopfschuss, vor den Augen der Ärzte und Verwundeten. Die fünf hatten sich aus dem bombardierten Saraja-Gefängnis gerettet, wo sie wegen "Kollaboration" mit Israel eingesperrt waren.
Dahlan und Abbas mögen nun davon träumen, die Fatah könne im Triumphzug nach Gaza zurückkehren - wobei die israelische Luftwaffe ihnen dann den Weg freigebombt hätte, was sie in den Augen vieler Palästinenser wohl auf lange Zeit entehren würde. Die Alternative ist die Stationierung einer internationalen Schutztruppe im Gaza. In Israel ist es vor allem Außenministerin Livni, die an solchen "Exit-Strategien" arbeitet. Das ist bei jedem asymmetrischen Krieg das größte Problem.
Livni wird vom Rest des Kabinetts misstrauisch beäugt. Die Entscheidung für den Krieg fiel wohl einmütig aus. Wie er aber weitergehen soll und vor allem, wie er enden soll, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Kontroverse hat ihren Grund nicht zuletzt in den Neuwahlen, die am 10. Februar anstehen. Das macht es nicht leichter, sinnvolle Entscheidungen kühl zu treffen.
Premier Olmert sieht seine letzte Chance gekommen, die Schmach des Libanon-Krieges wettzumachen. Ihn wollen Außenministerin Livni von der Kadima-Partei und der Sozialdemokrat Barak beerben. Bald schon dürften Krieg und Wahlkampf nicht mehr zu trennen sein.
Übrigens hatte die Video-Vorführung in Sderot, bei der Zipi Livni durch Souveränität auffiel, ein kleines Nachspiel. Kurz darauf verbreitete die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem eine andere Version über den Lastwagen mit den Raketen, der in die Luft flog. Der Fahrer hat überlebt und behauptet nun, die Männer auf dem Video hätten nicht etwa Katjuschas davongeschleppt, sondern Sauerstoff-Flaschen, die für Schweißarbeiten gedacht gewesen seien.
Die Wahrheit über den Krieg kommt meistens allenfalls nach dem Krieg heraus.
JULIANE VON MITTELSTAEDT, CHRISTOPH SCHULT,
DANIEL STEINVORTH, BERNHARD ZAND
Von Juliane von Mittelstaedt, Christoph Schult, Daniel Steinvorth und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 2/2009
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