05.01.2009

KulturKlang des Heimwehs

Nahaufnahme: Wie Oscar Fischer in Buenos Aires dafür sorgt, dass das wichtigste Instrument des Tangos nicht verstummt
Fast 14 Stunden ist er mit dem Bus nach Buenos Aires unterwegs gewesen, jetzt sitzt er mit bleichem Gesicht hier in der Casa del Bandoneón. Die schwarzen Haare hängen Ezequiel Acosta in Strähnen ins Gesicht, seine Augen liegen tief in den Höhlen. Argwöhnisch sieht der junge Tangomusiker in der Instrumentenwerkstatt zu, wie Oscar Fischer sein Bandoneon auf die Werkbank hebt und den Schraubenzieher ansetzt.
Acosta, 20, hat dem Instrumentenbauer einen kostbaren Schatz mitgebracht, nach dem er lange suchen musste. Zuerst streute er die Nachricht unter Freunden, Verwandten und Kollegen in seiner Heimatstadt Mendoza: Er suche ein guterhaltenes, preiswertes Bandoneon. Niemand meldete sich. Also durchforstete er das Internet, klapperte die Dörfer ab, schaltete Anzeigen in Buenos Aires und sogar im nahen Chile. Die Suche blieb erfolglos, Acosta musste sich mit einem geliehenen Instrument behelfen.
Er hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, da gab ihm nach einem Jahr ein Bekannter einen Tipp: Ein Geschäft in Mendoza habe ein Bandoneon hereinbekommen. Acosta sah sich das Instrument an: Es war Baujahr 1955, der Lack war zerkratzt, einige Tasten hakten, es klang verstimmt. 2200 Pesos, rund 500 Euro, sollte das gute Stück kosten, viel Geld für einen Nachwuchsmusiker. Dennoch schlug er zu: "Sonst wäre ich nie zu einem eigenen Bandoneon gekommen."
Und nun sitzt er in der Werkstatt im Bohemeviertel San Telmo und wartet. Bei Fischer, das weiß Acosta eigentlich, ist sein Bandoneon in besten Händen. Der Deutschstämmige mit dem Pferdeschwanz ist einer von drei Instrumentenbauern in Argentinien, die Bandoneons stimmen und reparieren können.
Oft kommen ausländische Touristen vorbei, die bei ihm ein Bandoneon als Souvenir erstehen wollen. Aber Fischer, 40, verkauft Instrumente nur an Musiker. Besuchern drückt er ein Flugblatt in die Hand: "Liebe Touristen, unsere Bandoneons sind vom Aussterben bedroht. Kommen Sie wieder und tanzen Sie Tango, aber lassen Sie unsere Instrumente im Land." Seine Sorge ist berechtigt: Touristen und Sammler aus Europa, den USA und Japan haben in den vergangenen Jahren Hunderte der traditionellen Tango-Instrumente abgeschleppt. Am begehrtesten ist das Modell "AA", benannt nach der deutschen Bandoneonfabrik Alfred Arnold in Carlsfeld im Erzgebirge. Das seltene Jugendstil-Exemplar mit Perlmutteinlagen erzielt Höchstpreise bei Sammlern. Die Abwertung des argentinischen Peso hat dazu geführt, dass guterhaltene AA-Exemplare schon für 3000 Dollar zu bekommen sind - halb so viel, wie ein neues Instrument in Europa kostet. Jetzt werden im Land des Tangos die Bandoneons knapp.
Gewiefte Instrumentenscouts ziehen durchs Land und kaufen den Markt leer. "Da ist eine Mafia am Werk", klagt Fischer. Auch geschäftstüchtige Musiker tragen zum Instrumentenschwund bei. Sie gehen oft mit mehreren Bandoneons auf Tournee nach Europa, die überzähligen Exemplare verscherbeln sie an Sammler. Nachschub bleibt aus, denn Argentinien ist zwar die Heimat des Tangos, aber sein wichtigstes Instrument wurde hier nie hergestellt. Die meisten Bandoneons stammen aus Deutschland.
Benannt ist das Instrument nach seinem Erfinder, dem Musiklehrer Heinrich Band aus Krefeld. Im 19. Jahrhundert diente es als tragbare Orgel bei kirchlichen Prozessionen, später entdeckten Volksmusiker das Bandoneon als Stimmungsmacher für Polkas und Ländler.
Deutsche Auswanderer brachten die ersten Instrumente Anfang des 20. Jahrhunderts an den Rio de la Plata. In den Kaschemmen und Bordellen des Hafenviertels von Buenos Aires, wo vereinsamte Einwanderer aus Italien und Spanien ihr Heimweh im Schnaps ertränkten, entstanden die ersten Tangos. Bei der Oberschicht war die Musik dagegen verpönt.
Experten schätzen, dass es heute höchstens noch 20 000 Bandoneons gibt. Die reichen nicht aus, denn der weltweite Tango-Boom hat die Nachfrage angeheizt, vor allem nach den begehrten AA.
"Die Instrumente aus der Hand von Alfred Arnold und seinen Söhnen haben einen unverwechselbaren Klang", schwärmt Fischer. Jedes Instrument wurde in Handarbeit gefertigt. Mit seinen 71 Tasten lassen sich 142 Töne erzeugen. Im Jahr 1948 wurde die Fabrik Alfred Arnold enteignet, die DDR stellte den Instrumentenbau ein. Arno Arnold, ein Neffe des Gründers, baute im Rhein-Main-Gebiet einige Jahre lang Bandoneons, aber an die Qualität der legendären Doppel-A reichen sie nicht heran.
Das Instrument von Ezequiel Acosta, dem jungen Musiker aus Mendoza, ist so ein Nachkriegsexemplar. Oscar Fischer öffnet das Gehäuse und streicht über den Kamm, eine Leiste aus Metallzungen, die den typischen Bandoneonsound erzeugen. Er ist aus Aluminium, nicht aus Zink, wie bei den AA, dieses Bandoneon klingt daher nicht so voll wie die Original-Arnolds.
Fischer schraubt das Instrument wieder zu und winkt Acosta heran. "Einige Zungen sind beschädigt, mehrere Tasten müssen ersetzt werden", erklärt er dem stolzen Besitzer. "Drei Monate brauche ich, dann kannst du es abholen."
Acosta kann seine Enttäuschung kaum verbergen. Er hat in den kommenden Wochen mehrere Auftritte geplant, sein Ensemble Altertango steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere. Ob Fischer nicht das Bandoneon per Kurier nach Mendoza schicken könne, wenn es fertig sei? Ihm graut vor der langen Busfahrt.
Aber Fischer schaut ihn nur streng an: "Du willst doch dein Bandoneon wohlbehalten zurückbekommen? Ich verschicke keine Instrumente, die werden unterwegs gestohlen." JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 2/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 2/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kultur:
Klang des Heimwehs

Video 03:52

Ärztemangel in Hessen Zur Blutabnahme in den Bus

  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih" Video 25:37
    Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus