Von Schmitz, Gregor Peter und Steingart, Gabor
Indyk, 57, war unter Bill Clinton Botschafter der USA in Israel und ist der Autor des gerade erschienenen Buchs "Innocent Abroad" über die amerikanische Nahost-Politik. Indyk gilt als Berater des neuen Präsidenten.
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SPIEGEL: Mr. Indyk, Barack Obama lehnt es ab, die Angriffe israelischer Truppen im Gaza-Streifen zu kommentieren. Ein Fehler?
Indyk: Vor seiner Amtseinführung am 20. Januar kann er zwar reden, aber nicht handeln. Es ist daher weise zu schweigen.
SPIEGEL: Welche Nahost-Politik erwarten Sie von ihm?
Indyk: Er wird auf beide Seiten zugehen. Amerika ist der engste Verbündete des Staates Israel und wird das auch bleiben. Obama aber hat das Potential, in der arabischen Welt stärker zu wirken als seine Vorgänger. Seine Lebensgeschichte als Sohn eines kenianischen Vaters, seine Kindheitsjahre im muslimischen Indonesien, sein Mittelname Hussein, sein Aufstieg ohne eigenes Geld oder großen Familiennamen - all das fasziniert die Araber.
SPIEGEL: Bislang erhält er dafür keinen Vertrauensvorschuss, weder von der Hamas noch von der Hisbollah.
Indyk: Deren Botschaft lautet seit vielen Jahren: Wir stellen Gerechtigkeit und Würde für die arabischen Völker durch Widerstand, Gewalt und Missachtung des Westens her. Sie wollen Obama schnell den Stempel aufdrücken, ein zweiter Bush zu sein. Deshalb wird er unverzüglich nach Amtseinführung die Initiative zur Palästinafrage ergreifen, auch um zu zeigen, dass er kein zweiter Bush ist.
SPIEGEL: Ist er ein zweiter Bill Clinton, der die Konfliktparteien aussöhnen wollte und damit gescheitert ist?
Indyk: Bill Clinton war ein sehr einfühlsamer Präsident und deshalb bei beiden Konfliktparteien beliebt. Er schaffte es, auch den arabischen Völkern klarzumachen: Ich verstehe eure Schmerzen. Obama ist ihm in diesem Punkt sehr ähnlich.
SPIEGEL: Frieden in dieser Weltregion scheint allenfalls in weiter Ferne zu liegen. Viele im Westen sind der Konflikte müde. Amerika auch?
Indyk: Amerika kann aus drei Gründen nicht von diesem Krisenherd wegspazieren.
Aus diesem Teil der Erde kommt das Öl, das unsere westlichen Volkswirtschaften antreibt, Amerika fühlt sich für das Überleben und Wohlergehen des Staates Israel verantwortlich, und wir haben für die Sicherheit unserer arabischen Verbündeten Garantien übernommen.
SPIEGEL: Wird Obama eine andere Gangart vorlegen?
Indyk: Wir Amerikaner verfügen über eine wunderbare, aber oft auch erschreckende Ahnungslosigkeit - den Glauben nämlich, dass wir den Auftrag haben, die Welt nach unserem Vorbild umzugestalten. Wir glauben nicht nur, wir sollten das tun. Wir glauben auch, wir könnten dies schaffen. Darin waren sich Clinton und Bush sehr ähnlich: Beide fühlten sich berufen, den Nahen Osten umzukrempeln, ihn politisch und ökonomisch zu verändern. Der eine wollte das durch Frieden erreichen, der andere durch Krieg. Aber beide teilten dieselbe Naivität. Heute sollten wir weniger naiv, dafür bescheidener sein. Ich bin fest überzeugt, dass Obama das verstanden hat.
SPIEGEL: Wie wird sich diese neue Bescheidenheit in der Praxis auswirken?
Indyk: Das Ziel der völligen Umgestaltung einer Region ist Wunschdenken, und Amerika kann nicht länger sagen: Wir machen es allein. Wer aber mit anderen zusammenarbeiten will oder muss, kann nicht länger alles bestimmen.
SPIEGEL: Also ist Europa gefordert und gefragt?
Indyk: Die Europäer werden eine Rolle bei allen außenpolitischen Initiativen Obamas spielen, mehr als zu Zeiten Bill Clintons.
SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?
Indyk: Die Ausgangslage erfordert das. Iran beansprucht die Dominanz im Nahen Osten, Amerikas Soldaten sind in zwei Kriegen im Irak und Afghanistan gebunden - und unsere Fähigkeit, Verbündete und Gegner durch unser Beispiel zu überzeugen, ist dank des Bush-Erbes dramatisch gesunken.
SPIEGEL: Die Blütezeit der USA ist also vorbei?
Indyk: Unser Einfluss in dieser Region ist schwächer geworden. Amerika ist auf seine Freunde angewiesen und muss sie einbeziehen. Damit meine ich nicht nur die Europäer, sondern auch Russen und Chinesen.
SPIEGEL: Und das ist der Preis, den Obama bezahlen muss?
Indyk: Wenn der Nahe Osten Priorität besitzt, wovon ich überzeugt bin, dann müssen die USA in anderen Weltgegenden stärker als bisher die Interessen möglicher Verbündeter berücksichtigen.
SPIEGEL: Sie meinen: Zugeständnisse machen.
Indyk: Ich mag das Wort Zugeständnisse nicht. Aber wir müssen verstehen, was George W. Bush nie verstanden hat: Wir können nicht alles auf einmal haben. Obama muss sich sehr schnell mit der russischen Führung hinter verschlossenen Türen zusammensetzen und einen solchen Interessenausgleich probieren.
Wer die russische Unterstützung im Nahen Osten sucht, muss bereit sein, die bisherige Strategie der Nato-Osterweiterung und das Drängen auf einen Raketenabwehrschild an der russischen Grenze zu überdenken. Russlands Hilfe in Iran und der Raketenschirm sind nicht gemeinsam zu haben.
INTERVIEW: GREGOR PETER SCHMITZ, GABOR STEINGART
DER SPIEGEL 3/2009
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