12.01.2009

GESUNDHEITMythos Mütze

Herrscht draußen klirrende Kälte, muss sich der Mensch schützen mit einer molligen Mütze oder einem Hut; denn, so eine weitverbreitete Überzeugung: Die meiste Körperwärme geht über den Kopf verloren. Alles Unsinn, behaupten Gesundheitsforscher der Universität von Indianapolis. Rachel Vreeman und Aaron Carroll verfolgten den populären Mützen-Mythos zurück bis zu einem Überlebenshandbuch der US-Armee aus dem Jahr 1970, in dem eine Kopfbedeckung bei Kälte dringend angeraten wurde, da "40 bis 45 Prozent der Körperwärme" durch den Kopf entwichen. Dies hatte eine fragwürdige Versuchsreihe in den fünfziger Jahren ergeben, bei der Freiwillige in Arktis-Überlebensanzügen, aber mit bloßem Kopf bitterer Kälte ausgesetzt wurden und so tatsächlich die meiste Hitze über den Kopf verloren. Weil Kopf, Gesicht und Brust temperaturempfindlicher sind als andere Körperteile, so die Forscher im renommierten "British Medical Journal", entstehe zudem die Täuschung, eine Mütze schütze in besonderem Maße vor Temperaturverlust. In Wahrheit jedoch verliert der Mensch über jede Körperpartie gleich viel Wärme. Hätte man das Experiment in Badeanzügen durchgeführt, mutmaßen die Wissenschaftler, hätten die Probanden kaum mehr als zehn Prozent Wärme über den Kopf verloren.

DER SPIEGEL 3/2009
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