Von Thadeusz, Frank
Die Warnung ist unmissverständlich: "Der Arzt leidet womöglich an Selbstüberschätzung. Unter Umständen wird Ihnen der Zahn zusammen mit einem Stück Kiefer herausgebrochen", berichtet der Patient eines Zahnarztes bei Hamburg im Internet-Forum "Patienten empfehlen Ärzte".
Ein anderer genervter Kranker weiß ebenfalls wenig Schmeichelhaftes über seinen Allgemeinmediziner zu berichten: Der sei "stets unfreundlich", klagt der Zermürbte. Auch der Patient eines Münchner Orthopäden zieht eine erschütternde Bilanz seines Arztbesuchs: "Wer sein Leben endgültig zerstören lassen will, lässt sich von diesem Herrn behandeln."
Rache ist ein Gericht, das kalt serviert wird: Die so getadelten Doktoren ereilt eine Höchststrafe, die sonst vor allem misslungenen Büchern und Platten vorbehalten ist - nur ein Stern von fünf möglichen auf der Bewertungsskala.
Diese Form der Abstrafung durch frustrierte Patienten ist möglich, seit die ersten Arzt-Bewertungsportale im Internet aufgetaucht sind. Ihr Anspruch ist unter anderem, die Machtposition der Ärzte gegenüber den Behandelten ins Wanken zu bringen.
Inzwischen wird auch auf Seiten mit Namen wie "DocInsider" oder "mein-guter-Arzt.de" Dampf abgelassen. Aber wie hilfreich sind die Bewertungen wirklich? Eine jetzt veröffentlichte Studie des Lehrstuhls für Gesundheitsmanagement der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kommt zu einem ernüchternden Befund.
Keine der vom fränkischen Forschertrupp inspizierten Web-Adressen könne "derzeit höheren Ansprüchen genügen", bilanziert Projektleiter Martin Emmert. Einige Qualitätskriterien würden von den Portalen "vollkommen vernachlässigt".
Das Grundproblem: Wie kann ein medizinischer Laie die Arbeit eines Arztes angemessen beurteilen? Die meisten Medizinportale versuchen diese Klippe zu umschiffen, indem sie den Bewertungswilligen mit einem gezielten Fragenkatalog an die Hand nehmen. Dabei regiert allerdings häufig die reine Willkür.
"Imedo" etwa - eine der am häufigsten geklickten Seiten ihrer Art - will mit Hilfe von lediglich vier Fragen ergründen, ob eine Arztpraxis etwas taugt. Wie gut der Mediziner mit dem Stethoskop umgeht, fragen die Seitenmacher erst gar nicht ab. Wichtig ist vor allem die gute Stimmung in der Praxis: "Waren die Angestellten freundlich?" oder: "Wie würden Sie die zwischenmenschlichen Fähigkeiten des Anbieters beschreiben?"
Trost für die anhand solch dürftiger Kriterien Geschmähten mögen die verliehenen Noten spenden: Bei Imedo steht selbst ein einzelner Stern noch für "gut" (fünf Sterne bedeuten "unschlagbar"). Imedo mag offenbar keinem weh tun, wie auch Sprecher Jörg Zimmermann einräumt: "Wir wollen eher empfehlen und weniger bewerten."
Beim Konkurrenten "Medführer" müssen sich die Nutzer immerhin durch einen Berg von 30 Fragen zum Behandlungserfolg und zur Fähigkeit des Arztes mäandern. Zwar bescheinigen Emmert und seine Kollegen dem Portal beim Arzt-Bewertungssystem den "mit Abstand besten Auftritt", ermahnen jedoch die Anbieter, ihren Fragenkatalog nicht weiter aufzublähen: "Es liefert keinen Hinweis auf die fachliche Kompetenz eines Arztes, ob Entspannungsmusik im Hintergrund läuft."
Vielmehr raten die Wissenschaftler den Betreibern der Seiten, mehr substantielle Fragen zu klären, die derzeit kaum zu interessieren scheinen. Etwa: Erhalten Patienten Hinweise auf weiterführende Informationen und Beratungsangebote?
Auch nach dem problemlosen Zugriff auf die eigenen Unterlagen und dem Schutz der persönlichen Daten erkundige sich keines der flott klingenden Foren, moniert Emmert. Vor allem aber beanstandet er, dass zur großen Mehrzahl der Ärzte im Bundesgebiet bislang überhaupt keine Bewertungen vorliegen.
Auf "Patienten empfehlen Ärzte" werden derzeit beispielsweise von insgesamt 1749 Allgemeinmedizinern in Berlin lediglich 80 bewertet. Der Anbieter "Topmedic" konnte derweil 5500 Bewertungen erst gar nicht freischalten, weil diese oft nur auf Schmähungen basierten.
Aus diesem Grund verzichten manche Bewertungsportale auch auf Kommentarfelder, in denen aufgebrachte Patienten ihrem Zorn freien Lauf lassen können - zu groß ist offenkundig die Furcht vor unsachlichen Schimpfkaskaden.
Gelegenheit für üble Nachrede bietet sich den Patienten gleichwohl. Es sei tatsächlich ein Manko aller untersuchten Websites, "dass es möglich ist, falsche Bewertungen abzugeben oder einen Arzt mehrmals zu bewerten", hat Emmert herausgefunden.
Ob sie an einen Heilkünstler oder Kurpfuscher geraten sind, können dennoch die wenigsten Patienten fundiert beurteilen - wie auch der Fall eines pensionierten Forstwirts aus Gießen zeigt. Der häufig Unpässliche pflegte eine Reihe eingebildeter Krankheiten. Von seinen Doktoren fühlte sich der Rentner dabei meist nicht gut behandelt. Endlich landete er dann doch bei einem einfühlsamen Arzt, der ihn scheinbar ernst nahm und besorgt an einen Spezialisten überwies.
Nur aus Neugierde öffnete der Hypochonder den mitgegebenen Arztbrief: "Hier schicke ich dir eine fette Gans, rupfe sie, so gut du kannst - ich tat es auch!", hatte dort der nette Mediziner für seinen Kollegen notiert.
FRANK THADEUSZ
DER SPIEGEL 3/2009
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