12.01.2009

Das Buch meines Lebens

In seiner 1927 erschienenen Autobiografie schildert Oskar Maria Graf (1894 bis 1967) seine eigene Bildungsgeschichte vor dem Hintergrund von sozialer Not, Krieg und Revolution
Kaum ein Buch hat mich bereits als Jugendlicher so in seinen Bann gezogen, so lachen und weinen lassen wie die Autobiografie des ewig aufmüpfigen Bayern Oskar Maria Graf. Dessen Obsession, ständig einer Gefangenschaft entfliehen zu wollen, kenne ich sehr gut, obwohl sich meine behütete Kindheit doch sehr unterscheidet von der des Urgesteins aus Berg am Starnberger See: "Zehn Jahre war ich alt ... als einer zu befehlen begann, mich anschrie, prügelte und immer noch mehr prügelte. Zehn Jahre war ich alt, als ich anfing zu wissen, was Zwang ist, und anfing, ihn zu hassen." Aufgewachsen in einer Backstube, großgeprügelt von seinem Bruder Max, erinnert sich Graf keines lieben Wortes in seiner Kindheit. Und bald beginnt sein lebenslanger Privatkrieg gegen die Autoritäten, der ihn zum Rebellen und Pazifisten macht. Dem Ersten Weltkrieg entzieht sich Graf auf unnachahmliche Weise: Er lacht und hört nicht auf zu lachen, bis er von der Front weg in ein Irrenhaus kommt. Des Ehrentitels "Schandfleck der ganzen bayrischen Armee" erweist sich Graf bis an sein Lebensende als würdig. 1958 bringt er seinen Pazifismus auf den einfachen Punkt: "Ich werde niemals einen Staat oder irgendein System mit der Waffe verteidigen, weil das für mich barbarisch ist. Wenn ich Sie umbringe, kann ich nicht mehr mit Ihnen reden." Noch nie wurde eine Autobiografie von solch schonungsloser Selbstentlarvung geschrieben, noch nie hat sich jemand so ironisch und fast schon unangenehm ehrlich als einen beschrieben, dem es ausschließlich ums Überleben geht, jenseits von Gut und Böse, frei von moralischem und ideologischem Pathos. Mit großer erzählerischer Kraft, vor keiner Schwäche haltmachend, malt Graf im Prisma seines Lebens das Porträt einer durch Repression und Weltkrieg traumatisierten Generation. "Wir sind Gefangene" reicht bis zur blutigen Niederschlagung der Rätedemokratie durch protofaschistische Freikorps. Es war Grafs Durchbruch als Schriftsteller. Und es müsste Standardlektüre im Deutschunterricht werden.
Der Liedermacher Konstantin Wecker, 61, lebt in München.

DER SPIEGEL 3/2009
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