19.01.2009

PROTESTDer Nahe Osten in Berlin

Sie agitieren, demonstrieren, sie kämpfen in Deutschland, dem Land des Holocaust, um politische Sympathien. Der deutsche Jude Levi Salomon, der deutsche Palästinenser Ahmed Mohaisen - beide tragen ihre Wahrheit auf die Straße, im ewigen Konflikt.
Am 15. Tag des Krieges soll Ahmed Mohaisen laut und deutlich vorlesen, was er alles nicht darf. Vorher gehe die Demonstration nicht los, sagt der Polizist an seiner Seite.
"Brüder und Schwestern", sagt Mohaisen ins Mikrofon, "ich küsse eure Stirn, hört mir zu. Ich lese jetzt die Auflagen der Polizei vor." Mohaisen nimmt den Brief, den ihm die Polizeidirektion 3 in der Kruppstraße, Berlin-Moabit, gegeben hat. Seine Stimme klingt ruhig. "Es ist untersagt, während der Dauer des Aufzuges Gegenstände, insbesondere Fahnen zu verbrennen. Ebenfalls untersagt ist die Benutzung von Parolen wie 'Tod, Tod Israel', 'Tod den Israelis', 'Alle Juden tot', 'Tötet alle Juden', 'Scheißjuden'."
Er legt das Mikrofon weg.
"Können wir jetzt anfangen?"
Der Polizist neben ihm nickt.
Ahmed Mohaisen ist 51 Jahre alt und Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde in Berlin. Er hat diese Demonstration organisiert. Mehrere tausend Menschen stehen am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus, um gegen Israel zu demonstrieren. Palästinenser, Türken, Syrer, Perser, Iraker, Deutsche.
Am Rande, etwas abseits von Ahmed Mohaisen, steht ein kleiner Mann. In Hüfthöhe hält er eine Digitalkamera, mit der er das Geschehen filmt. Der kleine Mann trägt eine braune, abgewetzte Jacke, die Kapuze hat er bis in die Stirn gezogen. Er ist unrasiert, was sein Gesicht dunkler erscheinen lässt, als es ist. Er spricht Deutsch mit russischer Melodie, und so wie er da steht, die Füße in klobigen Schuhen, die handgroße Kamera im Anschlag, erinnert Levi Salomon an nicht viel mehr als einen frierenden Passanten. Jemand, der sich zufällig hierherverloren hat.
Salomon ist 50 Jahre alt und Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Es ist bitterkalt an diesem Januartag, und es gibt angenehmere Orte für einen Juden als eine Palästinenser-Demo, aber Salomon ist auf der Suche nach Beweisen. Nach Bildern, die vielleicht die Gegenseite entlarven. Bilder, die die Wahrheit zeigen. Das Ausmaß der Bedrohung.
Levi Salomon filmt, still, unauffällig. Er filmt einen Mann mit einem Transparent: "Israels Holocaust in Palästina". Er filmt Demonstranten, die skandieren: "Zionisten sind Terroristen". Er filmt Mädchen, vielleicht vier, fünf Jahre alt, die Plakate tragen, die sie nicht lesen können. "Das ist infam", sagt Salomon leise. Dann lässt er die Kamera sinken. "Sehen Sie, ich muss wissen, was in deren Köpfen los ist. Dieser Hass und das alles."
Levi Salomon hat Ahmed Mohaisen nie getroffen, sie haben nie miteinander geredet, auch jetzt nicht, in den Tagen des Krieges, in den Tagen der Demonstrationen. Salomon hat zuletzt wenig geschlafen, eine Sache, die ihn mit Mohaisen verbindet, der sich zudem mit Rückenschmerzen quält. Salomon hat, genauso wie Mohaisen, eine Demonstration mitorganisiert, mit dem Unterschied natürlich, dass es sich bei Salomon um eine "Solidarität mit Israel"-Demonstration handelt. Beide stehen in diesen Tagen im Kampf, mehrere Flugstunden von Gaza entfernt. Der deutsche Jude Salomon. Der deutsche Palästinenser Mohaisen. Jeder für seine gerechte Sache.
Ahmed Mohaisen hat viele Briefe geschrieben in den vergangenen Tagen. Er hätte gern deutsche Politiker bei seiner Demonstration dabeigehabt. "Leute aus der zehnten Reihe hätte ich genommen. Aber selbst die kommen nicht." Ihm bleiben nur die Briefe. Es ist ein einseitiger Dialog. Er hat Angela Merkel angeschrieben, Frank-Walter Steinmeier, Walter Momper, den Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses. Sie antworten nicht. Die Israelis werden ernst genommen, sagt Mohaisen. Momper, beispielsweise, der wird bei den Israelis sprechen. CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke, alle gehen zu denen, nicht zu den Palästinensern. Deutschland, Land des Holocaust, da fällt es Politikern schwer, nicht auf der Seite Israels zu stehen. Aber trotzdem. Kein einziger. "Ich verstehe das nicht, wirklich nicht."
Seine Leute sind die Opfer. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben und die immer gleichen Argumente zu entkräften. Er kennt sie alle. Die Raketen der Hamas auf israelisches Gebiet? "Es sind selbstgebaute, unbrauchbare Artefakte. Wie viele Menschen haben sie getötet? Diese Raketen landen in Feldern", sagt Mohaisen. Dennoch müssen die Kinder im israelischen Sderot im Schutzbunker auf den Bus warten. "Palästinensische Kinder würden viel für Schutzbunker geben", sagt Mohaisen. Die Hamas erkennt den Staat Israel nicht an. "Zu einem Staat gehören Grenzen. Israel hat seine Grenzen nie definiert. Sie nehmen sich immer mehr." Es will Ahmed Mohaisen nicht in den Kopf, dass die Leute es nicht verstehen.
Es ist doch alles ganz einfach. Die Israelis haben die Panzer, die F-16-Jagdbomber, die Kriegsschiffe. Palästina hat nur eines, tote Kinder. Man kann über die Hamas streiten, über Iran, die Hisbollah, man kann lange streiten, am Ende ist es ganz einfach, am Ende stehen Hunderte toter Kinder, findet Mohaisen. Für ihn darf toten Kindern kein "Ja, aber" folgen. Tote Kinder sind das ultimative Argument.
Mohaisen steht auf einer Seite eines Konfliktes, der sich kaum noch begreifen lässt. Jimmy Carter, Bill Clinton, Joschka Fischer, Tony Blair, sie sind alle gescheitert, beim Versuch ihn zu lösen. Ahmed Mohaisen findet ihn leicht. Es gibt keine Zweifel in seiner Welt. Nur Wahrheiten. Insofern ist es fast angenehm, ihn zu begleiten. Weil die Dinge dann feststehen. Das Grau verschwindet. Es wird zu Schwarz und Weiß. Und man bekommt eine Ahnung davon, wie schwer es sein wird, eine Lösung zu finden. Jenseits des Krieges.
Am 16. Tag des Krieges sagt Levi Salomon, dass es sich um eine ewige Auseinandersetzung handele.
Ewig?
"Ja, inhaltlich ewig. Manchmal denke ich, es ist hoffnungslos."
Es ist der Tag der "Solidarität mit Israel"-Demonstration, der Platz vor der Gedächtniskirche füllt sich mit Israel-Sympathisanten, was Salomon mit Genugtuung sieht. Die braune Jacke hat er getauscht gegen einen schwarzen Mantel, an dem jetzt eine kleine Israel-Fahne steckt.
Salomon hat in den vergangenen Tagen nicht am Krieg gezweifelt. Nicht nachdem er die Fernsehbilder von den Bombenangriffen der israelischen Armee sah. Nicht nachdem die Opferzahlen immer größer wurden. Das ist erstaunlich, weil eigentlich die ganze Welt am Zweifeln ist.
"Man darf die Ursache nie vergessen. Hätte es die deutsche Regierung geduldet, dass deutsche Städte mit Raketen beschossen werden? Acht Jahre lang? Hätte Israel verhandeln sollen? Mit der Hamas? Mit Terroristen? Würde eine deutsche Regierung mit Terroristen verhandeln? Der RAF?"
Weltpolitisch ist die Lage schwierig. Trotz Uno-Resolution und Verhandlungen auf allen möglichen Ebenen. Lokal gesehen könnte Levi Salomon das Eis brechen und einen Schritt vorangehen, sozusagen Friedenstaube sein. Ein Symbol senden. Aus Berlin in die Welt.
Gibt es eigentlich Kontakte zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Palästinensischen Gemeinde?
"Wir haben einen guten Kontakt zur Türkischen Community", sagt Salomon.
Aber die Palästinenser?
"Auch zu einigen Mitgliedern des Islamrates", sagt Salomon.
Die Palästinenser?
"Nein", sagt Salomon.
"Aber bei uns würde das sicherlich niemand ablehnen, sofern es eine Anfrage von palästinensischer Seite gäbe."
Es ist nicht davon auszugehen, dass Ahmed Mohaisen anfragen wird, und Levi Salomon geht auch schon weiter, hinüber zu vier Jugendlichen, die etwas am Rand stehen, einer mit der palästinensischen Flagge über der Schulter. Sie sehen nicht sehr bedrohlich aus. Sie diskutieren mit einigen Israel-Demonstranten, überall stehen Polizeibeamte, Salomon könnte mit den Jungs reden, gefahrlos. Aber er zieht nur seine kleine Kamera hervor und filmt.
Vorn auf der Bühne stehen die Politiker, es werden insgesamt acht Reden gehalten, es ist eine Demonstration, die an einen kleinen Staatsakt erinnert, und wahrscheinlich ist das gut für die Bilder, die später um die Welt gehen sollen. Für die Berlin-steht-hinter-Israel-Bilder. Es gibt hier keinen Zorn, keine Ohnmacht wie bei den Palästinensern, keine "Mörder"-Rufe, keine Kinderpuppen, die an einem Galgen hängen, nur ordentliche Menschen, Deutsche zumeist, und die Sonne scheint auch. Es hätten nur mehr Demonstranten kommen müssen.
Levi Salomon geht auf eine Polizistin zu. "Wie viele sind wir?", fragt er. "1000?" Die Polizistin schüttelt den Kopf. "Nee, 800, meinetwegen auch 900", sagt sie.
Levi Salomon sieht enttäuscht aus. Auf der Demonstration der Palästinenser liefen zehnmal so viele Menschen durch die Straßen der Stadt. Die Palästinenser haben, so sieht es aus, die Sympathie der Masse.
Salomon kennt Israel, das Land, das er verteidigt, eigentlich nur aus der Ferne. Und als Tourist. Er hat Familie in Israel, aber er hat nie dort gelebt. Ahmad Mohaisen lebt seit über 30 Jahren in Deutschland, er berlinert mit arabischem Akzent, aber am Ende zählt das alles nicht, wenn es um Israel und Palästina geht. Welche Bedeutung diese Orte für sie haben, lässt sich nur erahnen, wenn man weiß, welchen Weg Levi Salomon und Ahmad Mohaisen gegangen sind.
Mohaisen wurde in der Nähe von Ramallah geboren, sein Vater war Musiker, sein Großvater, den er bewundert hat, Maurer. "Er hat an der schönsten Stadt der Welt mitgebaut, seiner Geburtsstadt - Haifa." Haifa ist heute eine israelische Stadt. Nach dem Sechstagekrieg 1967 flohen die Mohaisens vor der israelischen Armee nach Amman in Jordanien. Sie ließen alles zurück, was sie besaßen. Neun Geschwister, Mediziner, Wissenschaftler, Ingenieure, Akademiker. Mohaisen sagt, sie seien Vertriebene, die mit dem Schmerz leben, von den Israelis bestohlen worden zu sein. So sieht er das.
Levi Salomon kommt aus Baku, heute Aserbaidschan, damals Sowjetunion. Er wuchs auf in einer Rabbiner-Familie, sein Vater war der Erste, der diese Tradition brach und Arzt wurde. Levi Salomon studierte Regie, er spielte Schach, er hatte den gleichen Trainer wie der große Garri Kasparow. Salomon besaß einen Pass, unter Staatsbürgerschaft war dort eingetragen: sowjetisch. Unter Nationalität: jüdisch. Der Zugang zu Ämtern, Universitäten sei für Juden nur eingeschränkt möglich gewesen, sagt Salomon. Er wuchs auf mit dem Gefühl des Geduldeten, aber nicht Gemochten. Des Bedrängten. An Feiertagen sagten sie in der Familie: "Nächstes Jahr in Jerusalem". Eine Formel, ein Gruß. Eine Verpflichtung. Israel war immer das Ziel, die Zuflucht auch. "Israel ist unser Tempel. Und unser Haus", sagt Salomon.
Das Haus wird jetzt angegriffen aus dem Gaza-Streifen. Salomon möchte es verteidigen, im Rahmen seiner Möglichkeiten, hier in Berlin. So sieht er das.
1976 verließ Ahmed Mohaisen Jordanien, um Bauingenieur zu werden. Er ging nach Deutschland, studierte an der Technischen Universität in Berlin und wurde Vorsitzender des Palästinensischen Studentenbundes. Er lernte schnell Deutsch.
Nach der Promotion fand er Arbeit als Architekt, er baute in Reinickendorf Kinderspielplätze und sanierte Wohnanlagen. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall kriselte es in der Baubranche in Berlin. Mohaisen wurde arbeitslos. Er ist es immer noch. Mittlerweile ist er 50 Jahre alt, hat fünf Kinder, und sein Rücken bringt ihn um.
Ahmed Mohaisen hat den Konflikt zu seinem Leben gemacht. Er verfolgt die Nachrichten, die deutschen, die arabischen. Seine Aufgabe sieht er darin, die Deutschen wachzuhalten. Durch Kundgebungen, Diskussionen, Internet-Aufrufe. Eine Verpflichtung. Damit niemand vergessen möge, was in seiner Heimat passiert.
1991 kommt Levi Salomon nach Berlin, er wird deutscher Staatsbürger, einen Teil seiner Familie bringt er mit. Salomon sagt, es sei vor allem eine berufliche Entscheidung gewesen, nach Deutschland zu gehen. Es gab so viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die es nach Israel zog. Und Israel ist ein kleines Land.
Salomon arbeitete an Theaterprojekten, er begann sich mit dem Antisemitismus zu beschäftigen, vor allem mit dem "islamischen Antisemitismus", den er "zurzeit als die stärkste Kraft einschätzt". Im vorigen Jahr wurde Salomon "Beauftragter für die Bekämpfung des Antisemitismus" in der Jüdischen Gemeinde. Es ist ein Ehrenamt. Aber eigentlich ist es jetzt sein Beruf. Die Gefahrenabwehr, die Verteidigung.
Solche Leben hinterlassen Spuren. Wahrscheinlich ist es für Levi Salomon und Ahmed Mohaisen immer schwerer geworden, sich herauszuwagen und vom Kampf und der Verteidigung ins Gespräch überzugehen.
Die vielen Kilometer zwischen Deutschland und dem Nahen Osten hätten auf beide wie eine Schutzfolie wirken können. Die vielen Jahre in Deutschland, der Abstand, das alles hätte die Sicht verändern können.
Aber das passierte nicht. Wahrscheinlich sind sie sich längst ähnlicher, als sie glauben.
Levi Salomon ist jeden Tag in seinem Büro in der Jüdischen Gemeinde. Gerade jetzt, in Kriegszeiten. Er arbeitet mit der Polizei zusammen, dem Staatsschutz. Er durchforstet das Internet nach islamistischen Tendenzen. Manche der Filme, die er mit seiner kleinen Kamera aufnimmt, stellt er ins Internet oder schickt sie an Zeitungsredaktionen, "um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren".
Am 18. Tag des Krieges sitzt ein junger Mann in Salomons Büro. Ein Opfer. Der Mann erzählt von einem Angriff durch Palästinenser. Nach dem Ende der Demonstration sei er auf dem Weg nach Hause gewesen, sagt der Mann. Er habe eine israelische Fahne getragen und einen Davidstern an der Brust. In der U-Bahn sei er dann von einer Gruppe junger Palästinenser beschimpft worden mit: "Scheiß Jude!" Sie bedrohten ihn. Ein Palästinenser schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. "Dabei bin ich gar kein Jude. Ich bin Christ", sagt der Mann.
Levi Salomon nickt und macht ein paar Notizen. Es scheint sich alles ins Bild zu fügen. Er zieht eine E-Mail aus einem Stapel Papier hervor. "Sehe ich ein Jude, töte ich ihn. Eins, zwei, drei, der Judenhasser kommt vorbei", liest Salomon vor. "Wir bekommen jetzt ständig solches Zeugs", sagt er.
Von Palästinensern?
"Das weiß ich nicht, aber ich kann es auch nicht ausschließen."
Die Absperrungen vor der Jüdischen Gemeinde wurden noch mal erweitert. Levi Salomon sitzt jetzt hier drinnen wie in einem Bunker. Weltpolitisch gesehen hätte er eine Friedenslösung anzubieten. "Die Zwei-Staaten-Lösung. Das ist die einzige Chance."
Und hier in Berlin? Lokalpolitisch. Im Einflussbereich von Levi Salomon und Ahmed Mohaisen. Wie könnte man die Situation hier befrieden?
"Ich glaube, die Vernünftigen sind auf der palästinensischen Seite leider in der Minderheit", sagt Salomon.
Es klingt wie eine Kapitulation. Dabei kennt Salomon eigentlich niemanden von der palästinensischen Seite.
Müsste man nicht trotzdem sprechen, vor allem mit den Unvernünftigen? Versuchen, Vorurteile abzubauen? Aufklärung betreiben?
"Das ist naiv", sagt Salomon.
Die meisten Menschen auf der Welt haben nie einen friedlichen Nahen Osten erlebt. Auch nicht Mohaisen oder Salomon. Nur Friedensversuche. Madrider Friedenskonferenz, Oslo-Prozess, Camp David II, Roadmap. Alle gescheitert. Der Konflikt scheint unverrückbar festzustehen. Der Normalzustand für Israel, ungefähr so groß wie Hessen, und Palästina, das noch viel kleiner ist. Ein Naturgesetz.
Am 20. Tag des Krieges steht eine Gruppe Kinder in mehreren Reihen auf dem Pariser Platz. Die kleinen vorn, die älteren etwas zurückgesetzt. Ihre Eltern haben Teelichter zu einer Lichterkette auf den Boden gelegt. Im Hintergrund das Brandenburger Tor. Es ist Donnerstag, später Nachmittag. Mohaisen hat zu einer Kundgebung aufgerufen, einer Kinder-Demo. Er möchte später mit einigen der Kinder dem Europäischen Parlament eine Petition übergeben. Die EU unterhält ein Büro am Pariser Platz. Mohaisen findet, dass Kinder dafür am besten geeignet sind. Kinder, die fordern, dass das Töten von Kindern aufhört. Wer könnte da widersprechen? Kinder, Teelichter und eine gute Sache.
Es soll friedlich aussehen.
Es sieht furchtbar aus.
Der Konflikt wird immer weitergetragen, von Generation zu Generation. So weit, dass sich nicht nur Söhne und Enkel im Nahen Osten unversöhnlich gegenüberstehen, sondern mittlerweile auch Menschen, die dort nie gelebt haben. Eine unendliche Geschichte, die mindestens von zwei Dingen am Leben gehalten wird.
Zum einen vom Krieg selbst. Jeder Krieg hinterlässt die Saat für den nächsten. Jede Bombe, die Israel über Gaza abwirft, dreht die Geschichte weiter. Die "Operation Gegossenes Blei" der israelischen Armee hat über tausend Menschen das Leben gekostet. Mehr als 5000 Menschen wurden schwer verletzt. Eine große Saat.
Der zweite Grund für die unendliche Geschichte findet sich an diesem Abend bei Mohaisen. Es ist dunkel geworden am Brandenburger Tor. Ein Mädchen, etwas älter als die anderen, hat sich mit einem Megafon vor die Gruppe gestellt. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Heimat klaut." Die Kinder brüllen es nach. Ein Spiel. Das Mädchen sagt: "Merkel, Merkel, warum kein Wort? Kindermord, Kindermord!" Die Kinder brüllen es nach. Einige lachen. Sie wollen noch mehr hören. "Israel bombardiert, Deutschland finanziert". Aufgeregte Kinderstimmen schallen über den Pariser Platz. Auch Ahmed Mohaisen wird den Gaza-Konflikt weitergeben, ihm mit jeder Kinder-Demo neues Leben einhauchen. Ein Konflikt, noch immer ohne Lösung. Dafür mit Zukunft.
Von Jochen-Martin Gutsch und Juan Moreno

DER SPIEGEL 4/2009
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