19.01.2009

GesellschaftDer Fluchthelfer

Ortstermin: Wie ein norwegischer Headhunter in Berlin die Deutschen und die deutsche Krise sieht
Als es Jahr auf Jahr immer mehr Arbeit in Norwegen gab, hatte Björn Engeset irgendwann nicht mehr genug zu tun. Die Wirtschaft in Norwegen wuchs. Das Öl und das Gas machten Norwegen reich. Die Arbeitslosenquote sank, auf sechs Prozent, dann fünf Prozent, vier, drei - schließlich in manchen Gegenden sogar darunter. Es war zum Verrücktwerden. Zwei Prozent Arbeitslosenquote waren eine Katastrophe. Engeset war am Ende. Er musste dieses Land verlassen.
Engeset war damals Arbeitsvermittler in Oslo, ein Headhunter, ein freundlicher Mann mit hellen Augen, dem es bisher immer gelungen war, genau den Kandidaten zu finden, den ein Unternehmen suchte. Engeset war gut in seinem Job, und er lebte gut von der Vermittlungsprovision. "Bei dreieinhalb Prozent ging das noch, aber drunter wurde es einfach zu schwierig." In Norwegen hatte man bisher immer gedacht, dass man sich Sorgen um das Ende des Öls machen müsste. Jetzt merkten Personalchefs, dass es die Menschen waren, die sie aufgebraucht hatten. Norwegen hatte den Arbeitsmarkt kaputtgeboomt. Engesets Arbeitsmarkt. Engeset musste etwas tun.
"Berlin schien mir eine gute Wahl zu sein." Björn Engeset sitzt in seinem kleinen, vollkommen weißen Büro, in Berlin, Prenzlauer Berg, und wartet auf den Rückruf eines Kunden. Es ist ein sehr kleines Büro. Ein Tisch, ein Laptop, zwei Handys, eine Norwegen-Karte. Viel mehr ist nicht drin. Viel mehr ist auch nicht nötig für ein privates Anwerbebüro. Engeset hat Soziologie und Personalwesen studiert. Er macht jetzt in Berlin genau das, was er auch schon in Oslo getan hat. Er besorgt norwegischen Unternehmen Leute. Früher waren es Norweger, jetzt sind es Deutsche. Engeset brauchte einen anderen Arbeitsmarkt, einen frischen, einen, der marode genug war. Deutschland war perfekt.
"Ja, ich melde mich, sobald ich etwas habe", sagt Engeset. Ein Auftraggeber will mehr Leute. Engeset braucht Schlachter. Gutausgebildete Fleischer sind schwer zu bekommen. Gerade hat er 30 nach Oslo vermittelt. Sein Auftraggeber war dankbar, braucht aber mehr. Norwegen hat offenbar gerade eine Fleischerkrise. Engeset sucht auch Ingenieure, vor allem für die Gegend um Bergen an der Westküste. In Bergen regnet es an mehr als 200 Tagen im Jahr, und kulturell ist in Berlin mehr los, aber die Bezahlung ist gut. Das ist sie meistens. Lastwagenfahrern kann er 3000 Euro versprechen. Netto natürlich. Auch Ärzte können sich melden. Denen kann Engeset geregelte Arbeitszeiten versprechen und viele Kilometer Abstand zum deutschen Gesundheitssystem.
Für Engeset hat sich in den vergangenen Monaten kaum etwas geändert. Ingenieure und Ärzte finden in Norwegen immer noch leicht eine Stelle, auch jetzt in der Krise. Norwegen kommt bisher vergleichsweise gut zurecht. Norwegische Unternehmen suchen noch immer Mitarbeiter, allerdings in vielen Branchen nur noch auf Leihbasis. Wieder so eine seltsame norwegische Eigenheit. Anderswo entlassen sie Leiharbeiter, wegen der Wirtschaftskrise, in Norwegen suchen sie welche. Die Personalchefs dort befürchten, dass sie etwas sehr Unnorwegisches tun müssten, falls die Krise sich verschärfte: Mitarbeiter entlassen. Falls man es doch tun müsste, wäre es mit Leiharbeitern leichter.
Norwegen und Deutschland scheinen gut zusammenzupassen. Die Norweger brauchen Hilfe, weil sie zu wenige sind, um all die Arbeit zu schaffen. Und viele Deutsche suchen Arbeit. Außerdem können sie es offenbar nicht abwarten, Deutschland zu verlassen. "Ich bekomme über tausend Bewerbungen im Jahr, dabei mache ich kaum Werbung. Ich muss niemanden davon überzeugen, nach Norwegen zu gehen. Die kommen alle von allein." Er kann dennoch nur wenige vermitteln.
Die Deutschen haben ein Problem. Sie suchen nicht das Neue, wenn sie sich für eine Stelle im Ausland bewerben. Sie fliehen vor dem Alten. Engesets Bewerber geht es nicht um Norwegen. Es geht um Deutschland. Sie wollen auswandern, alles hinter sich lassen, nur weg. Irgendeinen Grund gibt es immer. Den alten Chef, das Finanzamt, den Ehemann, das Fernsehprogramm, Steinbrück, Ackermann. Norwegen ist der Reset-Knopf in meinem Leben, denken viele. Die Löhne sind in Norwegen besser, der Himmel ist blauer, die Frauen sind hübscher, die Kissen flauschiger. Das sind die Vorstellungen. Engeset klärt das dann im ersten Gespräch. Das Geld ist mehr, der Rest ist Illusion. Glück ist kein Ort. Man zieht von der Unzufriedenheit nicht weg und zum Glück hin. Wenn das eigene Leben nicht in Ordnung ist, liegt das nicht an Deutschland. Es gibt keinen Zurück-auf-Start-Knopf, nicht in Norwegen, nicht bei Björn Engeset in Prenzlauer Berg.
Engeset schaut aufs Handy. Er verhandelt gerade mit einem Ingenieur, der in die Nähe von Oslo ziehen wird. Er muss sich um den Mann kümmern. Solche Leute sind selten. Junge, motivierte Maschinenbauingenieure, Menschen, die etwas erreichen wollen, die Norwegen als Chance begreifen. Solche Leute könnten Freitag anrufen und Montag anfangen, sagt Engeset. Auch jetzt in der Krise. Die meisten Arbeitgeber helfen mit der Wohnung und dem Papierkram. Deutsche werden gern genommen. Sie gelten als fleißig, zuverlässig und gutausgebildet.
Im Jahr 2006 kamen 2581 Deutsche nach Norwegen. 2007 waren es 4168. 2008, das sagen erste Schätzungen, kamen so viele Bundesbürger wie noch nie. Engeset ist zuversichtlich, dass der Trend anhält. Er ist 40, er geht erst in 25 Jahren in Rente. Er glaubt nicht, dass Deutschland ein ähnliches Problem wie Norwegen bekommt. Die deutsche Arbeitslosenquote wird noch lange so sein, wie Engeset sie braucht. Sehr weit weg von den drei Prozent. JUAN MORENO
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 4/2009
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