19.01.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wo ist der Aufschrei?“

Syriens Präsident Baschar al-Assad über den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern im Gaza-Streifen, die Bedrohung durch eine iranische Atombombe und seine Erwartungen an den neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama
SPIEGEL: Herr Präsident, die Weltgemeinschaft protestiert gegen Israels Aggression in Gaza, sie fordert aber auch ein Einlenken der Hamas. Niemand in der arabischen Welt hat so großen Einfluss auf die Hamas wie Sie. Hätten Sie die Kämpfer nicht mäßigen können?
Assad: Es kommt immer darauf an, wozu man Einfluss nutzt. Unser vordringliches Ziel ist es, den Angriff zu stoppen. Das Kämpfen muss ein Ende haben, und das gilt für beide Seiten. Darüber hinaus muss das israelische Embargo gegen Gaza beendet werden, denn die Schließung der Grenzen stranguliert die Bevölkerung - die Blockade ist ein schleichender Tod. Menschen sterben nicht nur durch Bomben, sondern auch weil sie von der Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln abgeschnitten werden.
SPIEGEL: Israel wird die Blockade nur aufheben, wenn keine Raketen mehr auf seine Städte fallen.
Assad: Wenn die Menschen in Gaza nur die Wahl haben zwischen einem langsamen Sterben durch die Blockade oder den Tod im Kampf, dann wählen sie den Kampf. Deshalb ist die Aufhebung des Embargos ein unverzichtbarer Bestandteil eines Abkommens. Darin sind wir uns mit der Hamas einig. Grundsätzlich gilt in diesem Konflikt: Nicht die Hamas ist das Problem, sondern Israel.
SPIEGEL: Ein Großteil der Welt hält Israels Militäraktion für unverhältnismäßig. Aber die Hamas hat sie mit ihrem Beschuss Südisraels provoziert. Jede weitere Rakete führt zu schlimmerer Vergeltung und vergrößert das menschliche Leid.
Assad: Das klingt logisch. Doch in der Politik geht es nicht um Logik, da zählen die Realitäten. Und Fakt ist, dass sich die Hamas immerhin sechs Monate an den vereinbarten Waffenstillstand gehalten hat. Israels Regierung dagegen hat in dieser Zeit den Gaza-Streifen weiterhin eingeschnürt - das ist die Vorgeschichte, die man kennen muss.
SPIEGEL: Die USA und die Europäische Union sehen eine andere Vorgeschichte: Sie halten die Hamas für eine Terrororganisation, die Israel auslöschen will.
Assad: Ach, immer die gleichen Labels und Klischees, das ist der American Way. Ob
Sie es Terrorismus nennen oder Widerstand, ob man die Hamas mag oder nicht: Sie ist eine politische Größe, die niemand ignorieren kann. Es kann keine Rede davon sein, dass die Hamas das Volk als Geisel nimmt, wie manche behaupten. Bei der international anerkannten Parlamentswahl vor drei Jahren hat die Hamas die absolute Mehrheit der Stimmen errungen, einen Erdrutschsieg. Sie können doch nicht ein ganzes Volk zu Terroristen erklären.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass alle Mittel des Widerstands gerechtfertigt sind, welche die Hamas einsetzt und die sie in unseren Augen zu einer Terrororganisation machen?
Assad: Definitiv. Kein Zweifel. Wie können Sie die Hamas des Terrorismus bezichtigen, ohne Israels Taten auch als Terror zu bezeichnen? Während des jüngsten sechsmonatigen Waffenstillstands hat Israel mehr als ein Dutzend Palästinenser gezielt getötet, kein Israeli ist umgekommen. Aber Europa hat geschwiegen. Durch die israelische Aggression im Gaza-Streifen sind nun schon über tausend Menschen ums Leben gekommen. Erst heute morgen habe ich das Bild eines dreijährigen Mädchens gesehen, das getötet wurde - wo ist der Aufschrei des Westens?
SPIEGEL: Wir können die Argumentation über einen gerechtfertigten Widerstand gegen eine Militärmacht nachvollziehen. Doch die Hamas hat ihren Ruf als Terrororganisation vor allem durch Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten erworben. Wollen Sie die auch entschuldigen?
Assad: Ich will nicht über die Arten des Tötens reden. Aber was macht den Unterschied aus zwischen einer Bombe, die am Körper getragen wird, und einer, die aus einem Flugzeug abgeworfen wird? Beide töten. Ich persönlich unterstütze das Konzept der Selbstmordattentate nicht, das ist nicht Teil unserer Kultur. Ob man sie verurteilt oder nicht - Selbstmordattentate sind eine Realität.
SPIEGEL: Mit der Hamas will sich kein westlicher Politiker an einen Tisch setzen.
Assad: Das stimmt doch gar nicht. Gerade in letzter Zeit haben viele europäische Offizielle mit der Hamas das Gespräch gesucht.
SPIEGEL: Mit Ihrer Vermittlung?
Assad: Die Europäer haben dazugelernt. Deshalb sprechen sie mit der Hamas-Führung hier in Damaskus - natürlich nicht öffentlich. Ich will keine Namen nennen. Aber bezeichnend finde ich, dass darunter auch jene sind, welche die Hamas in ihren Reden besonders anprangern. Wir versuchen zu helfen, wo wir können.
SPIEGEL: Der wichtigste Hamas-Vertreter im Ausland, Chalid Maschaal, hat bei Ihnen Asyl gefunden. Er steht ganz oben auf der Todesliste der Israelis, viele halten ihn für weit radikaler als die Hamas-Führung in Gaza. Ist Ihre Gastfreundschaft an Auflagen gebunden?
Assad: Maschaal hat eine Entwicklung vollzogen. Schon 2006 hat er die Grenzen von 1967 erwähnt. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass er eine Zweistaatenlösung akzeptiert. Außerdem hat er vor ein paar Monaten noch hinzugefügt, er unterschreibe alles, was das palästinensische Volk für richtig halte.
SPIEGEL: Das ist sehr weitgehend interpretiert. In unseren Augen ist das allenfalls eine indirekte Anerkennung.
Assad: Über die Grenzen von 1967 zu sprechen bedeutet mehr als eine indirekte Anerkennung. Wir Syrer halten es so: Wir erkennen Israel nicht an, Israel ist noch immer unser Feind, der einen Teil unseres Landes besetzt hält, die Golanhöhen. Wenn die Israelis sich vom Golan zurückziehen, werden wir sie anerkennen. Erst kommt der Frieden, dann die Anerkennung - nicht umgekehrt. Wir ringen mit unserem Verhältnis zu Israel seit über 30 Jahren, in der Hamas hat der Prozess vor drei Jahren begonnen. Sie müssen Geduld walten lassen.
SPIEGEL: Die dramatische Situation in Gaza verlangt doch mehr als das Denken in historischen Zeitspannen.
Assad: Deshalb sind wir hier in Damaskus ja auch aktiv, haben Vorschläge gemacht und sie der Hamas, den Franzosen, den Türken und der Regierung von Katar vorgelegt ...
SPIEGEL: ... die Ende vergangener Woche zum arabischen Krisengipfel nach Doha eingeladen hatte. Welchen Ausweg sehen Sie?
Assad: Dies ist mein Friedensplan: Zunächst müssen die Waffen ruhen, und zwar auf beiden Seiten zur gleichen Zeit. In den darauffolgenden 48 Stunden, höchstens aber innerhalb von vier Tagen, müssen sich die Israelis vollständig aus dem ganzen Gaza-Streifen zurückziehen.
In dieser Zeit müssen Verhandlungen über die Aufhebung des Embargos stattfinden. Das kann sich hinziehen, weil es sich bei der Kontrolle der Grenzen um eine sehr komplizierte Angelegenheit handelt - aber länger als eine Woche darf es nicht dauern. Darüber hinaus brauchen die Menschen in Gaza internationale Garantien, dass sie nicht wieder angegriffen werden.
SPIEGEL: Von Garantien für Israel sprechen Sie nicht.
Assad: Dann muss Israel Frieden machen, und zwar nicht nur mit dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas ...
SPIEGEL: ... dessen gemäßigte Fatah-Bewegung nach einer blutigen innerpalästinensischen Auseinandersetzung mit der Hamas nur noch im Westjordanland das Sagen hat.
Assad: Die Hamas muss mit dabei sein, ohne sie geht es nicht. Als nächster großer Schritt ist wichtig, dass das palästinensische Volk zur Einheit findet. Ohne Einheit kein Friede. Wie sie sich zusammenraufen, ist Sache der Palästinenser selbst. Ich kann und will in diesem Kontext keinen Druck auf die Hamas ausüben.
SPIEGEL: Wer soll denn jetzt für die Palästinenser ein Abkommen unterschreiben?
Assad: Schauen wir uns die Realität an, darauf kommt es an. 2006 haben Israel und die Hisbollah Krieg geführt, die Israelis sahen damals - und sehen bis heute - die Hisbollah als Terrororganisation. Trotzdem haben sie schließlich ein Abkommen geschlossen, das durch Verhandlungen zwischen den USA, Frankreich, Israel, Syrien und der Hisbollah zustande kam. So wie damals die Hisbollah muss heute die Hamas Teil einer Vereinbarung sein. Andernfalls darf man auch nichts von ihr erwarten.
SPIEGEL: Weite Teile der israelischen Regierung scheinen zu glauben, die Hamas könnte ausgelöscht werden.
Assad: Die Hamas wird nicht verschwinden. Die Hamas wird nicht die weiße Flagge hissen. Die Hamas hat das Vertrauen der Bevölkerung, wer sie vernichten will, muss ein ganzes Volk vernichten.
SPIEGEL: Trauen Sie den Palästinensern und Israel zu, ein mögliches Abkommen auch tatsächlich einzuhalten und den Waffenschmuggel für die Hamas zu unterbinden?
Assad: Sie können Schmuggel nicht generell verhindern. Aber die Überwachung durch eine dritte Partei wäre sicherlich hilfreich. Ich denke, das könnten die Türken übernehmen. Die Türken sind sehr vertrauenswürdig und einflussreich, sie haben gute Beziehungen zu Israel und zur arabischen Welt. Andererseits haben die Ägypter eine gemeinsame Grenze mit Gaza, und auch die Franzosen engagieren sich sehr.
SPIEGEL: Und die Deutschen?
Assad: Der deutsche Außenminister ist in der Region aktiv, aber nach Damaskus ist er noch nicht gekommen. Wir würden uns freuen, ihn hier zu sehen, und es begrüßen, wenn die Deutschen generell eine größere Rolle spielten.
SPIEGEL: Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die Schuld für den Gaza-Krieg ausschließlich bei der Hamas. Akzeptieren Sie, dass Deutschland wegen seiner Geschichte besondere Rücksichtnahme gegenüber Israel übt?
Assad: Nein. Wir sehen die Schuldgefühle, die aus Ihrer Vergangenheit herrühren. Und wir sehen, dass sie die deutsche Politik gegenüber Israel beeinflussen. Das sollten sie nicht mehr.
SPIEGEL: Bei all Ihrer Kritik an Israel haben Sie doch bis vor kurzem selbst mit den Israelis verhandelt - mit der Hilfe türkischer Vermittler. Haben Sie Hoffnung, die 1967 besetzten Golanhöhen zurückzuerhalten?
Assad: Es gibt keine Verhandlungen mehr, nicht mit dieser israelischen Regierung. Wir hatten schon vorher keine großen Hoffnungen, weil es eine schwache Regierung war. Wir brauchen eine starke Gegenseite, um Frieden schließen zu können.
SPIEGEL: Wäre etwa der Hardliner Benjamin Netanjahu Ihr Wunschpartner, mit dem Sie schon einmal verhandelt haben und der bei der Wahl am 10. Februar ein Favorit für die Nachfolge Ehud Olmerts ist?
Assad: Er war schon einmal Premier, und er war kein starker Mann. Auch Ehud Barak, der jetzige israelische Verteidigungsminister, war schon einmal Ministerpräsident und zu schwach für ein Abkommen. Der damalige US-Präsident Bill Clinton hat in seinen Memoiren sehr klar geschrieben, dass wir uns kompromissbereit zeigten, Barak aber zu ängstlich war. Was die kommende israelische Regierung betrifft - wir verlieren die Hoffnung nicht. Die Tendenz scheint allerdings zu sein, das sich jede nachfolgende Generation in Israel mehr radikalisiert. Vielleicht will die nächste gar keinen Frieden mehr. Sondern nur noch kämpfen.
SPIEGEL: Gilt das nicht viel mehr für die Hisbollah, die schiitische Gruppierung im Libanon mit engen Beziehungen zu Iran und Syrien?
Assad: Die Hisbollah ist für niemanden eine Gefahr.
SPIEGEL: Haben Sie Ihren Einfluss auf die Hisbollah eingebüßt, weil Sie sich aus dem Libanon zurückgezogen haben?
Assad: Die Hisbollah ist eine eigenständige Organisation, die heute in der Regierung vertreten ist. Und der Libanon ist ein eigenständiger Staat, dessen Souveränität wir akzeptieren.
SPIEGEL: Viele sagen, diese konziliante Haltung gegenüber Beirut sei die Konsequenz aus Syriens Verstrickungen in den Mord an dem ehemaligen Premier Rafik al-Hariri. In diesem Zusammenhang droht Damaskus ein internationales Tribunal.
Assad: Wir fürchten uns nicht vor dem Verfahren. Alle Ermittler haben unsere Kooperation betont. Wir hoffen, dass die wahren Täter bekannt werden.
SPIEGEL: Washington zählt Syrien dennoch zu den Schurkenstaaten - auch wegen Ihrer engen Beziehungen zu Teheran und den iranischen Atombomben-Ambitionen.
Assad: Ich glaube nicht, dass Iran nach der Bombe strebt. Syrien ist grundsätzlich gegen die Verbreitung von Nuklearwaffen. Wir wollen einen kernwaffenfreien Nahen Osten, Israel eingeschlossen.
SPIEGEL: Andere arabische Staatschefs sehen sehr wohl die Gefahr einer iranischen Bombe und sind wegen des wachsenden iranischen Einflusses besorgt. Sie fürchten eine Dominanz durch den Schiitenstaat.
Assad: Diese Angst schüren die Amerikaner mit ihrer Informationspolitik. Washington geht es um das Embargo, mit dem es Iran schwächen will.
SPIEGEL: Israelische Politiker haben konkrete Pläne ausgearbeitet, um iranische Atomanlagen zu bombardieren. Was würde ein solcher Angriff für den Nahen Osten bedeuten?
Assad: Das wäre der größte Fehler, den man überhaupt begehen kann. Die Folgen wären katastrophal und würden die Region langfristig destabilisieren.
SPIEGEL: Wozu Israel fähig ist, haben Sie im Sommer 2007 selbst erlebt: Die israelische Luftwaffe hat einen Gebäudekomplex im syrischen Nordosten dem Erdboden gleichgemacht. Sie haben auf diesen Angriff sehr zurückhaltend reagiert. Warum?
Assad: Wir hätten zurückschlagen können. Aber sollten wir uns wirklich zu einem Krieg provozieren lassen? Dann wären wir in eine israelische Falle getappt. Bei der bombardierten Anlage handelte es sich nicht um eine Atomfabrik, sondern um eine konventionelle Militäranlage.
SPIEGEL: Die Kontrolleure der Internationalen Atomenergiebehörde haben allerdings bei ihrer Überprüfung Spuren von Uran gefunden. Wie erklären Sie sich das?
Assad: Dieses Uran stammt nicht von uns. Vielleicht haben die Israelis es abgeworfen, um uns genau in diesen Verdacht zu bringen. Hätten wir wirklich etwas zu verbergen gehabt, hätten wir keine Inspektoren ins Land gelassen.
SPIEGEL: Die Inspektoren würden gern weitere Proben nehmen und andere syrische Anlagen besichtigen. Warum lassen Sie die Experten nicht mehr ins Land?
Assad: Wir haben ihnen Gelegenheit für ihre Nachforschungen gegeben. Das ist ein politisches Spiel, wir sollen vorgeführt werden. Darauf lassen wir uns nicht ein.
SPIEGEL: Sie haben gar keine Ambitionen, Massenvernichtungswaffen herzustellen, auch keine Chemiewaffen?
Assad: Chemiewaffen, das ist etwas anderes. Aber Sie erwarten nicht im Ernst, dass ich Ihnen hier unser Waffenprogramm vorstelle. Wir befinden uns im Kriegszustand.
SPIEGEL: Bei diesen Waffenprogrammen arbeiten Sie eng mit Staaten wie Nordkorea und Iran zusammen?
Assad: Wir arbeiten mit vielen Staaten vertrauensvoll bei Forschungsprogrammen zusammen.
SPIEGEL: Erwarten Sie vom neuen amerikanischen Präsidenten mehr Entgegenkommen? Werden Sie auf Barack Obama mit eigenen Vorschlägen zugehen?
Assad: Wir sprechen von Hoffnungen, nicht Erwartungen. Die Bush-Regierung hat uns zwei Kriege beschert. Die Weltlage hat sich in den vergangenen acht Jahren in jeder Hinsicht verschlechtert, alles ist schlimmer geworden, einschließlich der
wirtschaftlichen Entwicklung. Im Irak muss es zu einem Rückzug der Amerikaner kommen. Die neue US-Regierung muss sich ernsthaft im Friedensprozess engagieren. Wir müssen ihr dabei helfen, zusammen mit den Europäern.
SPIEGEL: Würde eine Annäherung an Washington nicht Ihre iranischen Freunde stören?
Assad: Wir sind unabhängig. Niemand kann uns vorschreiben, was wir zu tun haben. Unser Handeln wird allein von unseren Interessen bestimmt. Gute Beziehungen mit Washington dürfen nicht schlechte Beziehungen mit Teheran bedeuten.
SPIEGEL: Es könnte sein, dass Präsident Obama Sie bittet, Iran vom Bau der Atombombe abzubringen.
Assad: Wir würden gern zur Stabilisierung der Region beitragen. Aber wir müssen einbezogen und nicht wie bisher isoliert werden. Wir sind bereit zu jeder Form der Kooperation, die auch für Amerikas Beziehungen zu anderen Ländern hilfreich ist.
SPIEGEL: Die designierte Außenministerin Hillary Clinton deutete zwar an, Gespräche mit Syrien und wohl auch Iran zu suchen. Aber sie sagte ebenfalls, Damaskus müsse sein unverantwortliches, "gefährliches" Benehmen verändern.
Assad: Kommt darauf an, was sie damit meint. Unsere Verantwortung definiere ich durch unser nationales Interesse. Wenn wir uns darauf einigen können, habe ich mit ihrer Aussage keine Probleme.
SPIEGEL: Ist nicht die Uneinigkeit der arabischen Welt ein noch größeres Problem?
Assad: Die arabische Welt ist zerstritten, kein Zweifel. Wir hatten etwa mit Ägypten zum zentralen Problem des Gaza-Kriegs keinen direkten Dialog. Wir kennen nicht die genaue Position Kairos, weil wir uns in den vergangenen beiden Jahren nicht mit Ägypten absprechen konnten. Es ist nicht unbedingt leichter für uns, etwa mit Frankreich zu sprechen. Aber zumindest sind die Franzosen interessiert, mit uns zu reden.
SPIEGEL: Der damalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat einmal gesagt: Ohne Ägypten gibt es keinen Krieg im Nahen Osten, ohne Syrien keinen Frieden.
Assad: Das gilt mehr denn je. Ein Frieden ohne Syrien ist undenkbar.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Baschar al-Assad
gilt als einer der einflussreichsten Staatschefs im Nahen Osten. Der studierte Mediziner, unter anderem in London zum Augenarzt ausgebildet, trat im Jahr 2000 das Erbe seines Vaters Hafis al-Assad an. Der hatte ursprünglich den älteren Sohn zu seinem Nachfolger ausersehen, doch Bassil starb bei einem Unfall. Geschickt überwand Baschar al-Assad den Widerstand der alten Garde in Militär und Einheitspartei und hält sich bis heute entgegen vielen Erwartungen an der Macht. Innenpolitisch versuchte er sich anfangs als Reformer und privatisierte ansatzweise die verkrustete Staatswirtschaft; gegen Regimekritiker ging er - nach einem kurzen Damaszener Frühling - weiter hart vor. Außenpolitisch trat Assad, 43, als Hardliner gegen Israel und scharfer Kritiker der amerikanischen Nahost-Politik auf. Der Präsident gehört zur islamischen Konfession der Alawiten, einer Untergruppe der Schiiten.
Das Gespräch führten die Redakteure Dieter Bednarz, Erich Follath und Mathias Müller von Blumencron.
* Am 3. August 2008 in Teheran.
Von Dieter Bednarz, Erich Follath und Mathias Müller von Blumencron

DER SPIEGEL 4/2009
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