19.01.2009

AuslandDer Wolf bleibt draußen

Global Village: In Abu Dhabi findet ein deutsches Unternehmen Schutz unter dem Schirm eines arabischen Staatsfonds.
Zwei weißrussische Zirkusartistinnen sind gekommen, die Spieler von Bayern München, Diplomaten, Scheichs und europäischer Industrie-Adel. Livrierte Diener tragen Lachsfilet und Schokoladenparfait auf im Ballsaal des Abu Dhabi Intercontinental Hotel: viel Glanz, viel Marmor, viel Blattgold für eine Firmenfusion in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. "Ich möchte wissen", sagt ein britischer Ökonom und schaut zu den sechs gewaltigen Kronleuchtern empor, "wo heute sonst noch solche Feste gefeiert werden."
Eingeladen haben zwei Unternehmen, die zusammenfanden, bevor sich die globale Konjunktur eintrübte: der Anlagenbauer MAN Ferrostaal, dessen Wurzeln bis in die Zeit der Weimarer Republik reichen - und die International Petroleum Investment Company (IPIC), ein Staatsfonds, eine der vielen Schatullen, in welche die Herrscher von Abu Dhabi vor 25 Jahren einen ersten Petrodollar warfen, auf dass er sich vermehre. Das hat er getan. Es sind 15 Milliarden daraus geworden. Nun kauft die IPIC 70 Prozent von Ferrostaal, nächstes Jahr vielleicht den Rest.
Etwa 500 Millionen Dollar haben die Scheichs dem Mutterkonzern MAN bezahlt. Für ein Kronjuwel der deutschen Industrie, wie der britische Ökonom anmerkt: "Wenn es anderthalb Milliarden gewesen wären, hätte mich das auch nicht gewundert. Ich glaube, die haben ein ziemlich gutes Geschäft gemacht."
Es ist erst ein Jahr her, dass im Westen die Angst vor den russischen, chinesischen und arabischen Staatsfonds umging. Sie hätten es auf Europas Schlüsselindustrien abgesehen und wollten nicht nur Profit, sondern auch Einfluss. Nun sieht es aus, als sei die Angst genauso schnell gewichen, wie im Westen das Kapital knapp wurde: "Ferrostaal ist bei der IPIC besser aufgehoben als bei uns", sagt Håkan Samuelsson, der Vorstandschef von MAN. Unter Abschiedsschmerzen leidet er nicht.
Als träge Rentiers waren die Scheichs früher verschrien, als Leute, die vom Ölgeld leben und von den Dividenden, die es abwirft. Doch wie einer, der nur Coupons schneidet, sieht Chadim al-Kubaissi nicht aus. In einer dunkelblauen Winter-Dischdascha federt der IPIC-Manager aufs Podium, ein junger Mann mit einer Mission. "Wir sind kein Hedgefonds", sagt er und räumt das leise Unbehagen aus, das Europäer bei solchen Geschäften wohl immer noch verspüren: "Wir sind genau das Gegenteil davon." Seit seine Firma unter anderem in Österreich, Südkorea und Spanien in Öl- und Chemieunternehmen eingestiegen sei, habe sie die Anteile nie wieder verkauft.
Dann spricht er von der Wirtschaftskrise, in Worten, die man im Westen gut versteht. Es habe sich auch in Abu Dhabi herumgesprochen, dass die Zeiten schlecht sind: "Wir wissen, dass der böse Wolf vor der Tür steht, und wir machen uns nicht vor, er könne ein harmloses Tier sein."
Doch seine Ober-Scheichs seien "Herren voller Weisheit", so dass es ein Leichtes sein werde, den Wolf draußen zu halten. Einer, den er meint, ist sein Landsmann Scheich Mansur Bin Sajid al-Nahajan, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Der hat im September erst den Fußballclub Manchester City gekauft und im Oktober 16 Prozent der britischen Barclays Bank. Auch das muss ein sehr gutes Geschäft gewesen sein, denn die anderen Aktionäre beschwerten sich alsbald, der Scheich hätte für seine Aktien deutlich zu wenig bezahlt.
Den Zuhörern in der ersten Reihe verschlägt es die Sprache, was IPIC-Manager Kubaissi da erzählt. Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen Araber heimlich, still und leise 10, 20 oder 30 Prozent westlicher Unternehmen kauften und ihr Geld und die Europäer dann für sich schuften ließen.
Sie wollen inzwischen selbst bestimmen und produzieren, mit Ferrostaal zum Beispiel Benzin, Biokraftstoff und Chemieprodukte in Raffinerien in Marokko und in Kasachstan und in einem Chemiewerk in den Emiraten, das so groß wie die BASF sein wird, "wahrscheinlich größer", wie Ferrostaal-Chef Matthias Mitscherlich sagt. 20 Milliarden Dollar wollen die Scheichs in einer "ersten Phase" investieren, am Ende sollen es 50 sein. Immerhin: Es gibt noch Leute, die so liquide sind.
Weiter hinten im Saal erfreuen sich die Fußballspieler von Bayern München - zu deren Sponsoren MAN zählt - unterdessen am Anblick der libanesischen Fernsehmoderatorin, die in einem kühnen schwarz-weißen Kleid durchs Programm führt. Als die Reden gehalten sind und die Gastgeschenke ausgetauscht, sagt sie die zwei weißrussischen Zirkuskünstlerinnen an, welche die Hochzeit der beiden Unternehmen nun artistisch in Szene setzen. Marina und Swetlana Zodikowa tänzeln in hautengen Kostümen in den Ballsaal, aus der Ecke von Luca Toni und Franck Ribéry sind anerkennende Pfiffe zu hören; weiter vorn, wo die Dichte der arabischen Gäste höher ist, herrscht einen Augenblick lang Atemnot.
Die Zwillinge jonglieren, die Beine gespreizt, mit schweren Damasttüchern, lassen sie wirbeln, werfen sie sich über weite Distanzen zu. Begeistert verfolgen die Scheichs, die Diplomaten, Bayern-Manager Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann den Auftritt.
Ja, genauso akkurat hat sich das Rad der Weltwirtschaft gedreht, bevor die Krise kam. Die aber schreibt neue Regeln: Wer jetzt das Geld hat, lässt die Artisten tanzen, und zwar die besten. Für das Freundschaftsspiel kam Bayern München, für die Chemiefabrik kommt Ferrostaal. Im Nachbarhotel gastiert gerade Maxim Schostakowitsch, um die Fünfte Symphonie seines Vaters Dmitrij aufzuführen - und kurz vor ihm war die neue Bayreuth-Chefin Katharina Wagner in Abu Dhabi: Sie ließ Auszüge aus dem "Ring des Nibelungen" aufführen. Das nächste Mal, sagen die Scheichs, soll es der ganze sein.
BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 4/2009
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