Von Koelbl, Susanne; Mittelstaedt, Juliane von; Rohr, Mathieu von; Windfuhr, Volkhard; Zand, Bernhard
Es ist der Tag, an dem der letzte israelische Soldat sich zurückzieht aus dem Gaza-Streifen, jenem unglückseligen Flecken Land am Mittelmeer, der nur 360 Quadratkilometer groß ist und immer wieder in den Mittelpunkt der Weltpolitik gerät. Am Mittwoch voriger Woche finden sich viele Bewohner von Gaza wieder in den Trümmern ihrer Häuser, ihrer Leben, ihrer Politik.
An diesem Tag sitzt Ghasi Hamad, der pragmatische, aber seit langem einflusslose Hamas-Funktionär, in einem Garten in Rafah und redet von Frieden.
Mohammed Abu Ahmed, der Schmuggler, schaufelt schon wieder den Sand aus seinen vier Tunneln, die den Gaza-Streifen mit Ägypten verbinden.
John Ging, der Repräsentant der Uno in Gaza, inspiziert seine bombardierten Schulen, seine Krankenstationen, die Gemeindezentren, und versucht seine Organisation wieder zum Laufen zu bringen.
Die Familie Samuni aus Saitun hockt zwischen den Trümmerhaufen, die einmal ihre Häuser waren, und wo es jetzt nach Tod riecht. Sie betrauert ihre 48 Toten.
Abu Hamsa, der erfolglose Hamas-Kämpfer, hängt seine Uniform wieder in den Schrank. Nicht ein einziges Mal hat er gegen den Feind gekämpft.
Und Dr. Iss al-Din Abu al-Aisch, der palästinensische Arzt, der in Israel arbeitet, fährt durch den Kontrollpunkt Erez zurück nach Gaza, als Einziger an diesem Tag, um seine vier überlebenden Kinder zu holen.
Der Krieg ist erst einmal zu Ende, nach 22 Tagen, nach 13 toten Israelis und etwa 1300 toten Palästinensern.
Die arabische Welt ist in Aufruhr, die internationale Gemeinschaft beschwert sich wegen unverhältnismäßiger Anwendung von Gewalt. Aus den USA mahnt der eben vereidigte Präsident Barack Obama, den Waffenstillstand zu sichern.
In Israel sind Politiker und Militärs zufrieden mit dem Krieg. Das Abschreckungspotential ihrer Armee sei wiederhergestellt, sagt ein hoher Regierungsbeamter im Vertrauen, das war das wichtigste Kriegsziel nach dem verunglückten Libanon-Feldzug vor zweieinhalb Jahren. Der außenpolitische Schaden sei dagegen gering, die Europäer, die Amerikaner im Grunde verständnisvoll, und die arabischen Herrscher würden sich schon wieder beruhigen.
War es also ein gelungener Krieg?
Am 27. Dezember, als die israelischen Kampfflugzeuge vom Typ F-16 zum ersten Mal aufstiegen und mit ihnen die Apache- und die Cobra-Hubschrauber, gegen 11.30 Uhr, sitzt Hamas-Führer Ghasi Hamad in Rafah, im Süden des Gaza-Streifens, liest in einem Buch über Araber in Israel. Im Garten spielen Kinder, die Sonne scheint auf die Olivenhaine und die Platanenalleen.
Hamad blättert gerade um, als ihn ein Sirren in der Luft und Sekunden später eine dumpfe Explosion aufschrecken. Ein paar hundert Meter von seinem Haus entfernt steigt über dem Polizeihauptquartier der Stadt eine Staubwolke auf.
Die Israelis haben die Polizeistation bombardiert, wie überall im Gaza-Streifen, es ist der Beginn der Operation "Gegossenes Blei". Erste Phase: der Luftkrieg.
Ghasi Hamad wusste, was kommen würde. Bis zuletzt hatte er Memos nach Gaza-Stadt und nach Damaskus geschickt, um das Politbüro der Hamas zu warnen - und um zu verhindern, dass nach sechs Monaten Waffenruhe wieder die Kassam-Raketen auf Israel fliegen. Aber sie hatten nicht auf ihn gehört.
Er war einmal Regierungssprecher der Hamas gewesen, direkt nach der gewonnenen Wahl vor drei Jahren. Er stand für die neue, pragmatische Hamas. Aber als er in einem Zeitungsartikel die militärische Führung kritisierte, weil sie weiter Raketen nach Israel feuern ließ, war es vorbei mit seiner Karriere.
Als er an diesem 27. Dezember Bomben auf Rafah fallen sieht, ist das auch eine Besiegelung seines Scheiterns. Ihm bleibt jetzt nur, den Einfluss zu nutzen, den er noch hat: Er greift zum Handy und schickt Ambulanzen los, telefoniert mit Ärzten, verteilt seine acht Kinder auf die Häuser seiner Verwandtschaft.
Jetzt muss auch der Palästinenser Abu Hamsa al-Muhadschir in den Kampf. Er ist ein Krieger der Hamas, 26 Jahre alt, bärtig, sein weiches Gesicht versteckt er unter einer schwarzen Maske. Er ist den Kassam-Brigaden unterstellt, die Raketen auf Israel abfeuern. An diesem 27. Dezember ist Abu Hamsa beim Saraja-Gefängnis in Gaza-Stadt stationiert.
Die chinesische Kalaschnikow, die er über der Schulter trägt, hat er bisher nur im Training abgefeuert, er weiß nicht, wie er damit zurechtkommen wird im Kampf gegen die israelischen Spezialeinheiten.
Er ist erst seit zwei Jahren bei der Hamas, davor war er bei der Fatah. Er hasst Israel nicht besonders, er ist froh über den Sold.
Kurz vor Mittag fallen die israelischen Bomben auch auf Gaza-Stadt. Doch seine Einheit ergreift sofort die Flucht.
Die israelische Armee wirft an diesem ersten Tag 100 Tonnen Bomben auf 50 Ziele ab, sie tötet 225 Palästinenser, darunter den Chef der Hamas-Polizei.
Auf den Fernsehschirmen weltweit sieht man nun die nächtlichen Bilder von Feuerbällen über Gaza, man hört wütende Palästinenser in ihrem zumeist bedauernswert schlechten Englisch, und man sieht von nun an immer wieder den Mann, der zum Gesicht Israels für die Welt wird - Mark Regev, Sprecher der Regierung, der eloquent und völlig emotionslos immer aufs Neue die israelische Position wiederholt: "Hat irgendjemand geglaubt, wir würden uns zurücklehnen und zusehen, wie die Hamas Hunderte Raketen und Granaten auf uns abfeuert?"
Am zweiten Tag bombardieren die Israelis die Schmuggeltunnel von Rafah, sie hinterlassen metertiefe Krater im Grenzgebiet zu Ägypten.
Die Tunnel sind eines der Hauptziele der Israelis in diesem Krieg, weil auf diesem Weg nicht nur Olivenöl, Benzin, Zigaretten nach Gaza kommen, sondern auch Kalaschnikows, Sprengstoff, Raketen.
Mohammed Abu Ahmed ist 28 und managt vier Tunnel, sie haben ihn wohlhabend gemacht. Das halbe Jahr vor dem Krieg, sagt er, sei das einträglichste aller Zeiten gewesen.
Er ist gerade mit sieben warmen Hühnchensandwiches unterwegs zu einem seiner Tunnel, um den Männern von der Frühschicht Essen zu bringen, als es zum ersten Mal knallt.
Er wirft die Plastiktüte mit dem Essen zur Seite, rennt in den kleinen Schuppen, der den Schacht verdeckt, und drückt dreimal auf den Knopf der Gegensprechanlage. "Kommt sofort rauf", ruft er. "Ich montiere die Maschine und den Kompressor ab."
Abu Ahmed, jünger als mancher seiner Arbeiter, dirigiert die Aktion ruhig. Er kennt das Geschäft, seit es vor 15 Jahren ernsthaft losging. Er hat Tunnel einstürzen gesehen und hat sie wieder freigeschaufelt.
In den nächsten Stunden räumen die Männer vor ihren Schuppen Dutzende Elektromotoren, Seilwinden, Schlagbohrmaschinen, Luftkompressoren auf Laster und lassen sie verschwinden. Für die Zeit nach dem Krieg.
Im Schifa-Krankenhaus von Gaza-Stadt wundern sich an diesem Tag die Ärzte erstmals über ungewöhnliche Brandverletzungen: großflächige, tiefe Wunden, aus denen Rauch und chemischer Geruch aufsteigen - Haut und Fett sind verbrannt. Später kommen die Ärzte zu dem Schluss, dass es sich um die Folgen von Phosphorgranaten handeln muss.
Am 29. Dezember, dem dritten Tag des Krieges, sagt Mark Regev, der israelische Regierungssprecher: "Unser Feind sind nicht die Menschen von Gaza, im Gegenteil. Wir wollen Frieden und Versöhnung mit den Palästinensern."
Die Israelis kämpfen auch an diesem Tag nur aus der Luft, sie bombardieren das Büro von Premierminister Ismail Hanija, zum ersten Mal auch eine Moschee und die Islamische Universität. Israel sagt, dort seien Waffen versteckt gewesen und Raketen gebaut worden.
Der Hamas-Krieger Abu Hamsa ist noch immer nicht dazu gekommen, einen Schuss abzufeuern. Bei seiner Truppe geht das Gerücht um, Israel kenne ihren Verteidigungsplan und bombardiere deswegen nur aus der Luft. Sie ändern ihre Strategie, bleiben im Untergrund und erwarten den Feind nun in den Straßen von Gaza.
Abu Hamsa steht dort ganz allein, ausgerüstet mit seiner chinesischen Kalaschnikow, einem Funkgerät, mit einer Nikon und einer brandneuen Videokamera.
Sollte es der Hamas gelingen, einen einzigen Panzer zu zerstören, einen einzigen israelischen Soldaten zu töten und davon einen Film ins Internet zu stellen - das wäre schon ein Sieg. "Der Feind wird das sehen", sagt sich Abu Hamsa. "Und er wird sich fürchten."
In den folgenden Tagen erwacht die Welt langsam aus ihrer Schockstarre, die Rufe nach einem Waffenstillstand werden lauter. Es sind inzwischen über 400 Palästinenser ums Leben gekommen.
Mark Regev sagt, es werde erst schlimmer, bevor es wieder besser werde. Israel habe seine Kriegsziele noch nicht erreicht.
Am 3. Januar beginnt Israel mit der zweiten Phase des Krieges, der Bodeninvasion. Die Armee zerschneidet den Gaza-Streifen in zwei Teile, rückt mit Panzern auf das Gebiet der ehemaligen jüdischen Siedlung Nezarim vor.
Am Sonntag, dem 4. Januar, um 9 Uhr früh klopfen Soldaten an die Türen der Familie Samuni, einem weitverzweigten Palästinenser-Clan, der in Saitun wohnt, südlich von Gaza-Stadt. Hier beginnen die Oliven- und Orangenplantagen, eine Traktorspur führt zu den Häusern der Samunis.
Almasa al-Samuni, eine kleine Schönheit, 13 Jahre alt, hat panische Angst, als sie die Soldaten an ihrer Tür sieht. Sie tragen schusssichere Westen, Automatikgewehre, die Gesichter sind geschwärzt. Sie scheuchen Almasa und die übrigen Verwandten in das Haus ihres Onkels Wail.
Es wird von allen Seiten geschossen, als sie hinüberrennen, das Haus von Almasas Vater fliegt in die Luft, so erzählt sie es später. Sie bleiben die ganze Nacht im Haus des Onkels, es sind etwa 100 Leute, es gibt nichts zu essen und zu trinken, es ist sehr kalt.
Am nächsten Morgen, gegen 6.30 Uhr, geht Almasas Bruder Mohammed, 25, nach draußen, um Stroh und Äste für ein Feuer zu holen, und sie geht hinterher. Sie hört noch den Helikopter, sieht, wie ihr Bruder vor ihr im Schusshagel stirbt, spürt, wie im gleichen Moment etwas hinter ihr explodiert. Das Haus ihres Onkels. 29 Menschen sterben laut Zeugenaussagen, darunter Almasas Mutter Leila, 40, ihre Brüder Ismail, 15, Ishak, 14, Nassir, 4, sowie Mohammeds Sohn, ein Baby.
Die Verletzten, die noch gehen können, laufen rund einen Kilometer, bis sie auf Krankenwagen treffen. Andere bleiben im Haus, erst zwei Tage später können sie evakuiert werden, einige verbluten. 19 weitere Leichen werden in den Wochen darauf unter dem Schutt der Siedlung entdeckt.
Selbst in den Ruinen der Häuser haben israelische Soldaten ihre Zerstörungswut ausgetobt, haben die Wände beschmiert. "Araber sind ein Stück Scheiße" haben sie geschrieben und Davidsterne auf die Tapeten gekritzelt. Die Toiletten quellen über, am Boden liegen Plastikbeutel mit Exkrementen.
Es ist eine der tragischsten und immer noch undurchschaubaren Geschichten dieses Kriegs. Warum ist diese kleine Häuseransammlung ausgelöscht worden? Sie liegt weit im Inneren des Gaza-Streifens, nicht an der Peripherie, wo die meisten Raketen abgefeuert wurden.
Die Israelis geben keinen Kommentar ab, sie wollen erst den Vorfall untersuchen.
Mark Regev, der israelische Regierungssprecher, sagt an diesem Tag: "Beide, die zivile Bevölkerung im Süden Israels und die zivile Bevölkerung des Gaza-Streifens, sind Opfer dieses schrecklichen Hamas-Regimes."
Am Tag darauf, am 6. Januar, beschießen Panzer eine Schule der Uno in Dschabalija, einem Flüchtlingslager. Etwa 40 Menschen sterben. Es ist der Moment, in dem John Ging seine Wut nicht mehr zurückhalten kann. Er ist der Vertreter der Uno im Gaza-Streifen. Es war seine Schule, die Schule der Weltgemeinschaft.
Er fragt: Wo können Zivilisten noch sicher sein, wenn nicht hier?
Er ist mehr als ein Uno-Beamter, er ist der Manager des Gaza-Streifens. 800 000 Menschen sind direkt von den Lebensmitteln abhängig, die seine Organisation verteilt, 250 000 Kinder gehen in die Schulen, die sie betreibt, fast 10 000 Menschen arbeiten für ihn.
John Ging ist in den folgenden Tagen der sichtbarste Vertreter der Weltorganisation seit langer Zeit. Er ist zur gleichen Zeit auf CNN, bei al-Dschasira, im israelischen Fernsehen und im ZDF zu sehen. Er hält sein strenges irisches Gesicht in die Kamera, schwarzer Anzug, keine Krawatte, aber voller Ernst.
Er spricht, klagt an, lautstark: "Unser Lagerhaus. Die Schulen mit den Flüchtlingen. Das Labor der Universität! Die Amerikanische Schule, die für sieben Millionen Dollar gebaut wurde, an der Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet wurden - auf Englisch! Alles weg!"
Mark Regev sagt: "Wir sehen Schüsse, die von einer Einrichtung ausgehen. Wenn die Hamas eine Uno-Einrichtung, die ein neutraler Ort sein sollte, in eine Kampfzone verwandelt und von dort schießt - dann ist das ein Verbrechen."
Der Krieg ist jetzt ein sehr schmutziger Krieg geworden. Acht Krankenhäuser und 26 Kliniken sind beschädigt oder zerstört. 4100 Privathäuser sind zerbombt, 100 000 Menschen auf der Flucht.
Am Montag, dem 12. Januar, beginnt die dritte Phase des Krieges. Israelische Bodentruppen dringen nach Gaza-Stadt vor, der Häuserkampf beginnt.
Abu Hamsa, der Hamas-Kämpfer, wartet in den Straßen noch immer auf seinen Einsatz. Doch dazu wird es nie kommen. Israelische Soldaten berichten später, die Hamas-Kämpfer, auf die sie gestoßen seien, hätten schnell Reißaus genommen. Der Krieg ist jetzt fast vorbei. Israel freut sich über seine erfolgreiche Armee. Das Vertrauen in die Führung des Landes hat sich praktisch verdoppelt. Die diplomatischen Bemühungen, die einen Waffenstillstand herbeiführen sollen, laufen auf Hochtouren.
Am Freitag, dem 16. Januar, backt Bisan, die Tochter von Doktor Iss al-Din Abu al-Aisch, einen Kuchen. Sie freut sich, es soll bald einen Waffenstillstand geben.
Später an diesem Tag ruft Iss al-Din Abu al-Aisch beim israelischen Fernsehsender Channel 10 an. Seit Beginn des Krieges war er immer wieder als Kommentator zugeschaltet. Er war beliebt, weil er nicht verdammte, nicht anklagte, nur berichtete. Ein Palästinenser, der fließend Hebräisch spricht, eine Stimme des Friedens, so bezeichnet er sich selbst.
Als Schlomi Eldar, der Moderator, diesmal den Anruf entgegennimmt, hört er auf der anderen Seite Klageschreie: "Meine Mädchen, o Gott, sie haben meine Mädchen getötet", brüllt Abu al-Aisch, die Stimme rau vor Schmerz, aus seinem Haus in Dschabalija. Zwei Panzergranaten hatten es kurz zuvor getroffen. Drei seiner Töchter - Bisan, 20, Majar, 15, und Aja, 13 - sind tot.
Dreieinhalb Minuten ist sein Anruf auf Sendung, eine Ewigkeit im Fernsehen, man hört nur seine Stimme, sieht Schlomi Eldar, der mit den Tränen ringt. Der Vater schreit, schluchzt, auf Hebräisch und Arabisch: Gott, warum?
Der Schmerz des Vaters füllt das Studio, dringt ein in Hunderttausende israelische Wohnzimmer, es ist das erste Mal in diesem Krieg, dass die Zuschauer das Leid der Anderen ungefiltert sehen.
Nun ist da plötzlich dieser trauernde Vater, ein 53-jähriger Mann, dessen Töchter in Friedenscamps in die USA reisen; einer, der Israel seine zweite Heimat nennt und Israelis seine Freunde; einer, der als Arzt in Israel arbeitet und jüdischen Frauen hilft, Kinder zu bekommen.
"Ich muss ihnen gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich dieses Gespräch beenden soll", sagt der Moderator zu den Zuschauern. Er steht auf und verlässt das Studio, ruft die Armee an, das Rote Kreuz, fleht um Hilfe für die Kinder des Freundes. Er schafft es, einen israelischen Krankenwagen nach Gaza zu schicken, der den Arzt und eine verwundete Tochter nach Israel bringt, in das Schiba-Krankenhaus, in dem auch der Vater arbeitet.
Als der Moderator später einen Armeesprecher fragt, wieso das Haus bombardiert worden sei, antwortet der, Heckenschützen hätten von dort auf die Soldaten gefeuert. Der Vater erwiderte: "Diese kleinen Mädchen feuerten Lachen und Liebe und Frieden ab, sonst gar nichts."
Zwei Tage darauf, am Sonntag, ist der Krieg vorerst zu Ende. Waffenstillstand.
War es ein erfolgreicher Krieg?
Israel sagt: Die Luftwaffe habe mehr als 2000 Ziele bombardiert, die Hälfte aller Hamas-Raketen zerstört, 200 Wohnungen von Hamas-Kommandeuren vernichtet, sämtliche Regierungsgebäude und 80 Prozent aller Schmugglertunnel.
Mark Regev sagt: "Es wäre leichter für uns gewesen, die ganze Gegend mit einem Bombenteppich zu überziehen, um die Hamas loszuwerden. Aber wir setzen stattdessen junge Soldaten ein, die chirurgische militärische Bodentaktiken anwenden."
Mohammed Abu Ahmed ist in der Zwischenzeit zum ersten Mal wieder durch einen seiner Tunnel bis nach Ägypten gekrochen. Er sagt, bald werde er ihn wieder in Betrieb nehmen können.
John Ging, der Uno-Repräsentant, sitzt in seinem Büro in Gaza-Stadt, und er stellt schon wieder Forderungen: Die Israelis müssten die Grenzübergänge öffnen. Er sagt, dieser Krieg habe nur die Extremisten gestärkt, auf beiden Seiten.
Ghasi Hamad, der Hamas-Mann, hat die Kriegsnächte bei Verwandten verbracht, sein Haus wurde nicht getroffen. Er sagt sogar, er könne sich auch mit einem Israel in den Grenzen von 1967 abfinden, er redet von Versöhnung zwischen Hamas und Fatah, und das Seltsame ist, dass seine Position plötzlich wieder diskutabel ist, auch innerhalb der Hamas. Viele Gaza-Bewohner sind wütend auf die Hardliner, die den Krieg mit ihren Raketen provoziert haben.
Iss al-Din Abu al-Aisch hatte bisher kaum Zeit, für sich allein zu trauern, er gibt Pressekonferenzen, Interviews. Er will das Gesicht sein für die Palästinenser in Gaza. Er hofft, dass sein Schmerz auf die israelische Gesellschaft überstrahlt, dass seine Töchter die letzten Opfer in diesem Krieg waren.
Das ist seine Mission, sie hält ihn aufrecht in diesen Tagen.
Fünf Tage nach dem Angriff darf er dann nach Gaza fahren, um auch seine überlebenden vier Kinder zu holen. Auf dem Weg kommen ihm Panzer entgegen, verladen auf Lastwagen, die Israelis ziehen ab. Vor dem Grenzübergang stehen Busse, um Flüchtlinge aufzunehmen. Alle wollen raus aus Gaza, bloß der Arzt will noch einmal hinein.
Er sieht zum ersten Mal das zerstörte Haus wieder, das Grab, es gibt keine Blumen in Gaza, die er niederlegen könnte. Er ist sich jetzt sicher, dass die Granaten von Israelis abgefeuert wurden, er hat den Panzer vorher gesehen. "Es ist ein Verbrechen", sagt Abu al-Aisch an diesem Tag zum ersten Mal, er wird es immer öfter sagen in den nächsten Tagen. "Es war kein Fehler, es war Absicht."
Es ist für ihn nun nicht mehr einfach, ein Versöhner zu sein.
Als der Vater mit seinen Kindern Gaza verlässt, fragt der Sohn: "Papa, sind die Israelis böse Menschen?" Und der Vater versucht zu erklären, dass man das so nicht sagen könne, dass es böse Israelis und gute Israelis gebe. "Ich will nicht, dass meine Kinder im Hass versinken."
Es ist schon dunkel, als sie vor dem Krankenhaus ankommen. Tastend strecken die beiden Jüngsten ihre Füße aus dem Auto heraus. Steif stehen sie dann da, ein halbes Dutzend Fernsehkameras ist auf sie gerichtet. Es ist das erste Mal, dass die Kinder israelischen Boden unter den Füßen haben. Sie besuchen ihre verwundete Schwester im Krankenhaus.
Die Kameras nehmen alles auf, israelische Reporter streicheln dem Mädchen im Rollstuhl die Hand, sie umarmen Iss al-Din Abu al-Aisch, um ihm Trost zuzusprechen. Alles wird live gesendet, und es wirkt in diesem Moment wie ein Versuch, den Dämon einer alten Feindschaft gemeinsam auszutreiben. SUSANNE KOELBL,
JULIANE VON MITTELSTAEDT, MATHIEU VON ROHR, VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
DER SPIEGEL 5/2009
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