26.01.2009

ARKTIS

Reich in der Kälte

Von Schepp, Matthias und Traufetter, Gerald

Mit einer neuen Staatsdirektive erhebt Russland Ansprüche auf weite Teile des Nordpolarmeers. Der Ton ist unverhohlen aggressiv.

Am nördlichsten Grenzposten Russlands regieren gewöhnlich nur Kälte und Langeweile. Eisberge, so hoch wie Häuser, treiben an der Insel Alexanderland vorbei. Alte Dieselfässer gammeln stumm in der trockenen Luft.

Vorbei die Zeiten, als an der Militärstation Nagurskoje noch die Motoren der Atombomber dröhnten. Nur einmal im Monat kommt ein Flugzeug vorbei zu den 30 Soldaten, 16 Wissenschaftlern und 6 Meteorologen. In den kargen Holzhütten, unterstellt dem mächtigen Inlandsgeheimdienst FSB, trotzen sie dem Gleichmut der Arktis.

Im September vergangenen Jahres dann war die Geisterstation des Kalten Krieges plötzlich zurück im geopolitischen Kraftzentrum. Zwei Dutzend Regierungsvertreter schwebten ein, darunter Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow. Rasch waren sich alle einig, dass "die Arktis zu Russlands hauptsächlicher strategischer Rohstoffbasis" werden müsse. "Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, wird man uns einfach rausdrängen", schimpfte Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew.

Die Runde der harten Männer beschloss, eine umfassende Strategie zur Erschließung der Arktis bis 2020 erarbeiten zu lassen. In dieser Woche nun soll sie veröffentlicht werden.

Erste Inhalte sind bereits durchgesickert, und in der Diktion klingen sie unerbittlich: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Kampf um Rohstoffe mit militärischen Mitteln geführt wird", heißt es etwa in dem brisanten Dokument.

Russland, dessen Staatsgebiet zu fast einem Drittel nördlich des arktischen Polarkreises liegt, scheint den Ängsten der westlichen Arktis-Anrainerstaaten recht geben zu wollen: Die Atommacht wird schon bald an den eisigen Gestaden ihres Riesenreiches die Muskeln spielen lassen.

Je mehr sich dort das Eis zurückzieht, desto reger wird das Interesse der Arktis-Länder. Noch eine Woche vor der Amtsübergabe legte der scheidende US-Präsident George W. Bush einen Strategieplan für das Nordpolargebiet vor. Kanada, Dänemark und Norwegen haben eigene Initiativen gestartet. Und sogar die Europäische Union hatte im November eine eigene Polar-Politik verkündet.

Die Regierungszeitung "Rossiiskaja Gaseta" bereitet ihr Volk unterdessen darauf vor, dass "der Kampf um die Arktis zur Initialzündung für die Neuaufteilung der Welt wird". Der Parlamentsabgeordnete Artur Tschilingarow, Moskauer Chefideologe der Arktis-Eroberung, formuliert die Kernbotschaft so: "Wir geben unsere Arktis niemandem ab."

Tschilingarow, der im August 2007 eine russische Fahne aus Titan mit einem ferngesteuerten U-Boot-Arm 4261 Meter tief auf dem Meeresboden am Nordpol gepflanzt hatte, will innerhalb "eines Jahres den Vereinten Nationen Beweise vorlegen", dass der Pol den Russen gehört. Für diejenigen im Westen, die das anders sehen, hält er eine Drohung bereit: "Wenn man diese Rechte nicht anerkennt, tritt Russland aus der Internationalen Seerechts-Konvention aus", sagt er.

Der Politologe Alexander Dugin, ein namhafter Ideengeber des neoimperialen Großrussentums, verliert im nationalen Überschwang gar den Blick für die biologischen Realitäten: "Der Sinn unseres Seins besteht in der Ausweitung unseres Raumes. Das Schelf gehört uns. Dort leben Eisbären, russische Eisbären. Dort leben Pinguine, russische Pinguine."

Pinguine hat es dort zwar noch nie gegeben. Dafür aber lagern in Russlands Reich der Kälte gewaltige Mengen an Bodenschätzen. Schon heute steuert das arktische Russland 11 Prozent zum Bruttosozialprodukt und 22 Prozent zu den Exporterlösen des Landes bei.

Erst recht verheißt nun die angestrebte Ausweitung der russischen Nordgrenze um mindestens 150 Meilen und 1,2 Millionen Quadratkilometer, eine Fläche mehr als dreimal so groß wie Deutschland, sagenhafte Rohstofferträge.

Um jene Schatzkammer ging es auch beim Auftritt des russischen Vizeministers für Umwelt und Naturressourcen, Sergej Donskoi, auf der Konferenz "Arctic Frontiers" im nordnorwegischen Tromsø, wo in der vergangenen Woche mehrere hundert Wissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsleute zusammenkamen.

"Wir erhoffen uns Vorkommen von Öl und Gas, die etwa 20 Prozent der russischen Reserven entsprechen", sagte Donskoi und konkretisierte das russische Arktis-Programm.

Demnach sollten zunächst die Barentssee und die Karasee geologisch untersucht werden, wo jeweils mindestens zwei bis vier große Öl- oder Gasfelder unter dem Ozeanboden vermutet werden. Insgesamt, resümierte der Umweltminister und gelernte Ölingenieur, lägen die Schätzungen bei 3,3 Milliarden Tonnen Öl und bei bis zu 5 Billionen Kubikmeter Gas.

Schon im Jahr 2013 oder 2014 werde das erste Gas aus den polaren Schelfgebieten Russlands strömen, behauptet Hervé Madeo, der Vizedirektor eines Energiekonsortiums, das unter der Führung des russischen Gasprom-Konzerns das sogenannte Schtokman-Feld in der Barentssee erschließt: "Es ist eines der größten der Welt und einmalig in Russland", erklärt er.

Trotz Börsenkrise wird die Vorbereitung der Bohrungen energisch vorangetrieben. "Das Potential ist zu groß, als dass es von den Hochs und Tiefs der Weltwirtschaft berührt werden könnte", behauptet Schtokman-Vize Madeo.

Das Gasfeld vor Murmansk könnte also zum ersten großen Meilenstein in der Erschließung der Lagerstätten des Nordens werden. Den norwegischen Konteradmiral Trond Grytting veranlasste das in seinem Tromsøer Vortrag ("Vom Kalten Krieg zur heißen Arktis") zu sarkastischen Kommentaren: "Wir haben jede Menge Rohstoffe, Militär und ungeklärte Grenzverläufe. Das war noch nie das Rezept für Frieden."

Zwar warf er Bilder von seinem Flottenchef an die Wand, wie der mit seinem russischen Amtskollegen Freundschaftsgesten austauscht. Doch er zeigte auch die Flugkurven russischer Aufklärungsflugzeuge vor der norwegischen Küste.

Gleich drei offene Gebietsfragen mit ihren östlichen Nachbarn plagen die Norweger, und sie brauchen nur auf ihre Radarschirme zu schauen, um zu sehen, wie sehr die ehemalige Rote Armee ihre Präsenz im Nordpolarmeer verstärkt. "Die russische Doktrin ist nicht misszuverstehen", warnt Grytting. "Die Armee soll den Zielen des Staates in seiner Umgebung helfen."

Unverhohlen sehen diese Ziele eine Expansion vor: Russland hatte bereits im Jahr 2001 Ansprüche eingereicht bei der Festlandsockelkommission (CLCS), einem Wissenschaftlergremium der Vereinten Nationen, das in den nächsten Jahren über erweiterte Hoheitsrechte im arktischen Meer entscheiden muss.

Dafür muss es Russland gelingen, Belege zusammenzutragen, die beweisen, dass sich der eigene Festlandsockel über die 200-Seemeilen-Zone hinaus erstreckt. Beim ersten Versuch sind die Russen abgeblitzt, die CLCS forderte weitere geologische Beweise.

Ob allerdings Arktis-Heißsporn Tschilingarow recht mit seiner vollmundigen Ankündigung behält, noch in diesem Jahr alle Unterlagen und Proben beisammenzuhaben, bezweifeln selbst viele seiner Landsleute. "Ein Eimerchen Sediment wird nicht reichen", giftete in Tromsø Leopold Lobkowskij vom Petersburger Institut für Ozeanologie.

So könnte in den nächsten Jahren Rhetorik die Munition für den Kampf um die Arktis bleiben. MATTHIAS SCHEPP,

GERALD TRAUFETTER


DER SPIEGEL 5/2009
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