02.02.2009

PROZESSESgarbi-Anwalt klagt über Münchner Justiz

Fünf Wochen vor Prozessbeginn gegen Helg Sgarbi, den mutmaßlichen Erpresser der Milliardärin Susanne Klatten, hat Sgarbis Anwalt Egon Geis scharfe Kritik an der Münchner Justiz geübt. Dass die für das Landgericht München I zuständige Pressestelle vor zwei Wochen den kompletten, zwölfseitigen Anklagesatz ohne Sperrfrist an alle interessierten Journalisten verteilt habe, sei ein "einzigartiger Vorgang" und in seinen Augen "sogar strafbar". Damit sei sein Mandant vor dem Prozess durch die Medien "massiv vorverurteilt worden, noch dazu mit Hilfe einer Gerichtspressestelle", kritisierte Geis. Die Art und Weise, in der Sgarbi "öffentlich vorgeführt" werde, sei auch den Delikten, über die verhandelt werde, nicht angemessen: "Es geht nur um Betrug, versuchten Betrug und Erpressung, nicht um Serienmord." Dass sein Mandant an den Pranger gestellt werde, sei daher schon eine Form von Bestrafung. Geis forderte, dass dies auch im Urteil mildernd berücksichtigt werden müsse. Zu einem möglichen Deal im Prozess äußerte sich Geis nicht. Spekulationen zufolge könnte Sgarbi einen Strafrabatt dafür erhalten, dass er mit einem frühen Geständnis den Opfern eine peinliche Zeugenaussage in öffentlicher Verhandlung erspart. Allerdings äußerte Geis, dass die Verbreitung immer neuer Details durchaus Auswirkungen auf den Prozess haben könne: "Ich schweige, was auch im Sinne der betroffenen Damen ist, andere dagegen pumpen immer mehr Informationen in die Öffentlichkeit." Das könne die Verteidigung "zwingen, kämpferisch in die Beweisaufnahme zu ziehen", da ihr durch ständige Veröffentlichungen fast ganz "die Luft für ein anderes Vorgehen genommen" werde. Die Gerichts-Pressestelle begründete die Herausgabe des Anklagesatzes mit dem Presserecht. Unterdessen zeichnet sich ab, dass im Verfahren der mutmaßliche Sgarbi-Komplize Ernano Barretta allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen wird. Barretta, der in Italien in Haft sitzt, sollte nach anfänglichen Vermutungen das Erpressungsvideo einer intimen Begegnung von Sgarbi und Klatten gedreht haben. Dieser Verdacht habe sich nicht erhärten lassen, teilte Anton Winkler, Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft I, mit. Dementsprechend taucht Barretta im Anklagesatz überhaupt nicht mehr auf. Damit bleibt im Prozess möglicherweise auch ungeklärt, ob Sgarbi lediglich unter einem dominierenden Einfluss des angeblichen Sektenführers Barretta gehandelt hatte. Denn weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung haben Winkler zufolge eine psychologische Begutachtung Sgarbis veranlasst, die darüber hätte Aufschluss geben können.

DER SPIEGEL 6/2009
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PROZESSE:
Sgarbi-Anwalt klagt über Münchner Justiz

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