09.02.2009

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas schnellste Jahr

Wie ein Schotte durch ein Stellengesuch weltberühmt wurde
Andrew Blair, 28, hatte die Wahl: Santa Monica oder Dubai? Altes Amerika oder neues Arabien? Sicherheit oder Risiko?
"Kalifornien, das kenne ich", sagte er zu Aimee, seiner Freundin. "Die Sonne scheint in Dubai auch. Aber dort zahle ich keine Steuern." Blair ist Schotte. Er entschied sich für Dubai.
Es war Anfang 2007, Turner & Townsend, ein britisches Bau- und Planungsunternehmen, schickte Leute um die Welt. Die Auftragsbücher waren voll. Blair ging für umgerechnet 85 000 Euro nach Dubai. Das war dreimal so viel, wie er im trüben Bristol verdiente.
Turner & Townsend brachte ihn und 16 andere in Firmenwohnungen unter. Dort blieb er nicht lange, denn aus den 16 wurden mehr als 100. Blair zog in ein Apartment am Yachthafen um, wo die hippen jungen Europäer wohnen: Frühstück bei Starbucks, Wasserpfeife beim Libanesen, Wochenenden am Strand.
Andrew wollte ein Auto, das seinem Alter, seiner Zuversicht, seiner Gewichtsklasse in der Society entsprach. Ein Porsche sollte es sein, ein Cabrio, außen weiß und innen beige, ein Boxster S.
Er zahlte 1500 Euro an und wartete fünf ungeduldige Monate, bis sein Auto bei Porsche in der Halle stand. Bar wie die Scheichs am Nebenschalter hatte er die Summe nicht, er ließ sich auf 48 Raten ein.
Bis Rate sieben ging alles gut, es war ein schönes, schnelles Jahr, das Andrew mit seinem Porsche verbrachte. Manchmal kam Aimee zu Besuch aus London, von ihren Touren im Cabrio, sagt sie, werden sie noch ihren Enkeln erzählen. Und von den 35 Strafzetteln, die Andrew auf seinen Baustellen-Fahrten hinaus in die Wüste sammelte.
Dort nämlich sollte innerhalb weniger Jahre Dubailand entstehen, ein Wohn-, Sport- und Vergnügungsviertel, zweimal so groß wie Disney World. Andrew Blair machte Kalkulationen für Aqua Dunya, einen Wasserpark, und für die Universal Studios, die sich in Dubailand niederlassen wollen. Er hatte gerade genug Einblick, um im Herbst 2008 zu merken, dass den Entwicklern langsam das Geld ausging.
Zu Weihnachten flog er nach Schottland; als er zurückkam, wurde der Universal-Auftrag auf Eis gelegt. Ein paar Tage später baten seine Chefs zum Gespräch. "Sie waren sehr höflich", sagt er, "es war ja nichts Persönliches." Irgendwie schon: Andrew Blair war seinen Job los.
Er ging hinaus, setzte sich ans Steuer und fuhr ein paarmal die Sheikh Zayed Road rauf und runter, die Magistrale von Dubai, an der die Wolkenkratzer stehen, das Fairmont-Hotel, das Shangri-La, der Porsche-Showroom. Dann parkte er vor einer Shopping-Mall. Er ging hinein, kaufte sich einen schwarzen Filzstift, setzte sich auf den Boden und fing an, das Heck seines Porsche zu beschriften: "Heute entlassen. Andy Blair. Bau-Projektmanager. 055 3434694". Jemand machte ein Foto von seinem Auto, das kurz darauf in einem Dubai-Weblog auftauchte.
Noch ahnte Andrew nicht, wie genau er den Zeitgeist getroffen hatte. Er tat erst mal etwas für seine Seele und meldete sich bei einer wohltätigen Stiftung an, die Care-Pakete für Gaza vorbereitete und Packer brauchte. "Da standen 2000 von uns in einer Lagerhalle und tüteten Seife, Shampoo und Teddybären ein", erzählt er, seine Augen etwas feucht. "Mein Schicksal, mein ganzer Lifestyle, kam mir auf einmal ziemlich unbedeutend vor."
Am nächsten Morgen aber rief ihn ein lokaler Radiosender an, dann der "Daily Telegraph" aus London, die BBC, Zeitungen aus Australien, aus Hongkong, aus Neuseeland. Die Weltwirtschaftskrise hatte plötzlich ein Gesicht, ein braungebranntes mit Sonnenbrille, und ein Symbol dazu: einen unbeholfen beschrifteten, vom Strudel des Abschwungs erfassten, seiner automobilen Würde beraubten Porsche.
Aimee in London wusste Bescheid, als der Anruf aus Dubai kam: Das Frühstücksfernsehen hatte über Andrew berichtet. Aimee selbst, 23 Jahre alt, Personalagentin, war schon Ende November gefeuert worden, so wie etwa tausend andere Junge, Kinderlose in der City.
Wer sollte nun wen trösten fahren? Aimee kam nach Dubai. "Wenn schon schlechte Laune, dann wenigstens in der Sonne", sagt sie. "Und bevor ich in London etwas finde, bekomme ich hier in Dubai einen Job." Andrew hat eine kleine Abfindung bekommen, noch ist sein Visum gültig. Vor Weihnachten hatte er noch daran gedacht, vom Boxster auf einen Carrera umzusteigen. Das ist vorbei. Allein die Bußgelder, die er noch schuldet, sind so hoch, dass die Polizei den Wagen beschlagnahmen wird, wenn er nicht schleunigst zahlt.
Der erste Schwall von Anrufen ist jetzt vorüber, die beiden sitzen im Wagamama, einem asiatischen Nudelrestaurant an der Strandpromenade von Dubai. Da klingelt das Handy noch einmal. "Wollen Sie einen Honda?", fragt der Mann am Telefon. "Warum?", fragt Andrew zurück. "Wie kommen Sie überhaupt auf mich?"
Der Mann hat Andrews Story gelesen. Er hat ein Auto zu verkaufen. Einen Job zu bieten, hat er nicht.
BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 7/2009
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