09.02.2009

PUBLIC RELATIONSAchtung, Gag-Guerilla!

Zwei US-Aktivisten verunsichern Konzerne und Institutionen. Mit gefälschten Nachrichten und bizarr inszenierten Auftritten nutzen sie die Mechanik des PR-Geschäfts.
Ein Dezember-Morgen, kurz vor acht in Paris. Eine wacklige Handkamera begleitet einen fahrigen Mann auf seinem Weg ins Studio des Fernsehsenders BBC. Der Mann trägt Anzug und Krawatte. Er leiert einen Text vor sich hin, den er offenbar selbst nicht ganz glauben kann.
Gleich wird er vor zig Millionen TV-Zuschauern die Verantwortung für die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal übernehmen und zwölf Milliarden Dollar an Entschädigung in Aussicht stellen. Es ist der 20. Jahrestag des Unfalls, an dessen Folgen noch heute Tausende leiden.
Die BBC-Zuschauer sollten glauben, er spreche für Dow Chemical, einen der größten Chemiekonzerne der Welt und Eigentümer von Union Carbide, auf deren Anlage das Unglück geschah. Doch in Wahrheit war der Mann kein Dow-Sprecher namens Jude Finisterra, sondern Andy Bichlbaum, mittlerweile ein Gigant der Kommunikationsguerilla und massenmedialer Münchhausen-Nummern.
Seit dem BBC-Auftritt im Jahr 2004 sind Bichlbaum und sein Partner Mike Bonanno, beide Kunstlehrer aus New York, Stars der Aktivistenszene. Zwar tauschte Bonanno schon früher gern mal die Elektronik von Barbie- und Soldatenfiguren aus. Unter manchen amerikanischen Weihnachtsbäumen ertönte dann aus dem Bauch der
Püppchen Mündungsfeuer, während die Soldaten zirpten: "I wanna go shopping with you!" Aber das waren nur Etüden für spätere global beachtete Aktionen.
Mittlerweile sind die beiden "Yes Men", wie sie sich nennen, zur Bedrohung für Unternehmen und Institutionen geworden. Mit seinen meist billigen, aber wirkungsvollen Medienaktionen reißt das Duo oft in Sekundenschnelle ein, was millionenschwere PR-Kosmetik vorher übertünchte.
"Identitätskorrektur" nennen sie ihre Methode. Das Ziel: den Propheten des freien Marktes Sand ins Getriebe streuen. Die komischsten dieser Aktionen sind nun im Dokumentarfilm der Yes Men zu sehen - eine Art Hommage an die bizarrsten Auftritte der Gag-Guerilla.
Bichlbaum und Bonanno sind mit dem Film gerade auf der Berlinale. Auch ihre jüngste Fälschung kommt darin vor: Am Morgen des 12. November rieben sich Tausende Amerikaner verwundert die Augen, als sie die "New York Times" aufschlugen: Das Blatt meldete das Ende des Irak-Kriegs und den Truppenabzug der Amerikaner. Erst beim genauen Hinsehen war die Verlade zu erkennen: Das kostenlos verteilte Blatt trug das Datum vom 4. Juli 2009, der Untertitel lautete: "Alle Nachrichten, die wir zu drucken hoffen".
So perfekt die Aufmachung - es gab sogar eine Anzeige des Ölmultis Exxon mit dem Slogan "Auch Frieden kann lukrativ sein" -, so chaotisch war die Vorbereitung: "Es war eine Mischung aus Akribie und Chaos", so Bichlbaum.
Mehrfach hatte sich der geplante Erscheinungstermin verschoben. Die nötigen 9000 Dollar an Spenden kamen nur mühsam zusammen. Zudem verließ zwei der ursprünglich eingeplanten Druckereien kurzfristig der Mut.
Aber ohne Pannen lief es eigentlich nie bei den Yes Men. Als Bichlbaum und Bonanno 1999 eine gefälschte Internet-Seite der Welthandelsorganisation WTO ins Netz stellten, dauerte es Monate bis zur ersten Anfrage - die allerdings war dann ein Volltreffer. Für eine Konferenz in Salzburg wurde WTO-Chef Mike Moore angefragt, als dessen Ersatz "Dr. Andreas Bichlbauer" einsprang. Der warb dann ohne Widerspruch für den Handel mit Wählerstimmen und lobte Hitlers Wirtschaftspolitik.
Niemand störte sich daran, dass Bichlbaum, der früher wegen mangelnden Talents aus der Theatergruppe seiner Universität geflogen war, mitunter etwas hölzern ablas. Er kompensiert derlei mit grotesken Power-Point-Präsentationen oder speziellen Einlagen wie bei seinem Vortrag als WTO-Vertreter vor Textilherstellern im finnischen Tampere.
Dort gipfelte sein Plädoyer für die totale Überwachung von Arbeitskräften darin, dass er sich von seinem Assistenten den Geschäftsanzug vom Leib reißen ließ. Darunter trug er ein goldschimmerndes Trikot mit aufblasbarem Riesenphallus samt integriertem Überwachungsdisplay.
Sicher, spätestens an solchen Stellen könnte man ahnen, dass Bichlbaum vielleicht doch kein echter WTO-Vertreter ist. Und mitunter wurde er auch schon von Polizisten abgeführt. Erstaunlicher sei aber, so Bonanno, wie oft das nicht geschehe.
In Finnland etwa applaudierte das Publikum, und der Moderator dankte für die "anschauliche" Präsentation. "Statt sich an den Kopf zu fassen, wollen die Leute oft unsere Visitenkarten", sagt Bichlbaum. Und wenn die Sachen dann auffliegen, werden sie im Netz so schnell öffentlichkeitswirksam verlinkt, dass kaum eine Firma es wagt, mit einer Klage als Spielverderber dazustehen.
Im Fall von Dow Chemical fiel der Schwindel innerhalb von zwei Stunden auf. Die BBC zitierte Bichlbaum noch mal ins Studio. Mit dem Betrug, so erklärte er dann, habe ja nicht er begonnen, sondern Dow. Das Unternehmen suggeriere, genug für die Opfer getan zu haben.
Der freie Markt reagierte übrigens wie gewohnt: Die Nachricht der vermeintlichen Entschädigungen zog den Börsenwert von Dow um zwei Milliarden Dollar nach unten. Das Dementi von Dow sorgte aber für rasche Erholung. NILS KLAWITTER
* Am Donnerstag vergangener Woche bei einer Werbeaktion für den Film "The Yes Man Fix The World" in Berlin.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 7/2009
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