09.02.2009

RUSSLAND„Die Nachfrage ist riesig“

Der Energieminister Sergej Schmatko über geplante Kooperationen mit Siemens, sichere Rohstofflieferungen in den Westen und Gerüchte um ein Gas-Kartell
Schmatko, 42, ist studierter Politökonom und arbeitete zuletzt als Chef des Nuklearunternehmens Atomstroiexport. Er hat in jungen Jahren längere Zeit in Deutschland gelebt. Seit 2008 leitet er das russische Energieministerium.
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SPIEGEL: Die russische Regierung umwirbt den Siemens-Konzern zurzeit auf zwei Gebieten, bei Atomtechnik und Energieeffizienz. Was wollen Sie erreichen?
Schmatko: Im boomenden Nukleargeschäft möchten wir uns mit Siemens einen festen Platz in der Spitzengruppe der weltgrößten Kernkraftanbieter sichern. Mit Platz drei sollten wir uns gar nicht erst zufriedengeben. Und höhere Effizienz ist die größte und billigste Energiequelle für unser Land. Sparen bedeutet bares Geld. Dazu brauchen wir dringend deutsches Know-how.
SPIEGEL: Die Bundesregierung zeigte sich zunächst überrascht, dass Siemens sich vom Nuklearpartner Frankreich abwendet und mit Russland kooperieren will. Wie lange laufen die Gespräche schon?
Schmatko: Zumindest der Gedanke ist nicht ganz neu. Wir haben ja bereits digitale Leittechnik von Siemens in den chinesischen Reaktor Tianwan eingebaut. Und vor zehn Jahren haben wir mit Siemens den Reaktortyp WWER-640 entwickelt. Schon damals wurde russische Kerntechnik von deutschen Ingenieuren geprüft und modernisiert. Ich persönlich favorisiere ein richtiges Joint Venture, das weltweit mit gemeinsamer Technologie antritt.
SPIEGEL: Im Wirtschaftsministerium gibt es Zweifel, ob die russische Technik dafür gut genug ist.
Schmatko: Die Kritiker sollten sich mal anschauen, wie erfolgreich wir Russen in den vergangenen Jahren auf dem globalen Nuklearmarkt waren. In China, Indien, in Iran, nun auch in Bulgarien. Im eigenen Land bauen wir gerade sieben Reaktoren, mehr als jedes andere Land. Wir erwarten von Siemens Know-how und den Transfer entsprechender Technologien. Dann entwickeln wir gemeinsam ein Projekt, das auch die Kritiker zufriedenstellen wird.
SPIEGEL: Einen Reaktor in Deutschland?
Schmatko: Sicher nicht, wenn ich mir die Diskussionslage so anschaue. Das haben wir ausdrücklich ausgespart. Ich könnte mir als erstes Projekt einen Reaktor bei Kaliningrad vorstellen. Die Stadt bietet sich an, weil in der Region nach der geplanten Abschaltung des litauischen Kernkraftwerks Stromknappheit droht. Wir hoffen auch sehr, dass wir etwa in Bulgarien, Tschechien oder der Slowakei zum Zug kommen werden sowie in vielen anderen Ländern - die Nachfrage ist riesig.
SPIEGEL: Gäbe es für das Gemeinschaftsunternehmen mit Siemens auch Tabus?
Schmatko: Es gibt Regionen, wo diese Kooperation etwas vorsichtiger zu Werke gehen wird. Ich denke an Iran, wo wir Russen schon ein Kernkraftwerk gebaut haben, das dieses Jahr in Betrieb gehen soll. Eine Fortsetzung dieser Kooperation würde ohne Siemens laufen.
SPIEGEL: Dieses Projekt haben Sie einst selbst vorangetrieben ...
Schmatko: ... weil ich überzeugt bin, dass das Kraftwerk, das wir in Iran bauen, keine Missbrauchsmöglichkeit für militärische Zwecke bietet. Deshalb haben uns etwa die Amerikaner auch bei diesem Projekt unterstützt.
SPIEGEL: Die haben doch Russland offiziell scharf für dieses Reaktorprojekt kritisiert.
Schmatko: Nein. Sie waren von uns über alles bestens informiert und auch über Fachleute eingebunden.
SPIEGEL: Warum ist Russland mit seinen riesigen Energiereserven so interessiert an Effizienztechnologie?
Schmatko: Weil wir diese wertvollen Rohstoffe nicht länger in gigantischem Maßstab verschwenden dürfen. Von den 650 Milliarden Kubikmetern Erdgas, die wir jährlich fördern, verbrauchen wir 400 Milliarden selbst. Wenn es uns gelingt, davon bis zum Jahr 2020 bis zu hundert Milliarden Kubikmeter einzusparen, können wir dieses Gas verkaufen und uns zugleich die extrem teure Erschließung neuer Fördergebiete in Sibirien sparen.
SPIEGEL: Warum deutsche Partner?
Schmatko: Ich war schon während meiner Studienjahre in Marburg beeindruckt davon, wie etwa im Studentenwohnheim alles auf Energieeffizienz getrimmt war. Heute entwickelt sich um das Energiesparen ein ganzer Wirtschaftszweig. So etwas brauchen wir auch in Russland. Deshalb gründen wir nun nach dem Vorbild der Deutschen Energie-Agentur auch eine ähnlich treibende Kraft bei uns zu Hause.
SPIEGEL: Und dafür öffnen Sie auch den sonst so gehüteten russischen Energiemarkt für ausländische Investoren?
Schmatko: Die Gazprom ist für uns eine heilige Kuh, auf das Exportmonopol für Energie werden wir nicht verzichten. Aber bei der Einsparung von Energie sind wir sehr offen für Konkurrenz im eigenen Land. Die deutsche Industrie hat auf diesem Gebiet einen hervorragenden Stand. Wir sind auch mit Japan und Italien im Gespräch, aber ich denke, dass deutsche Firmen sich bei uns einen Markt von mehreren Milliarden Euro pro Jahr erschließen können, wenn sie jetzt aktiv werden.
SPIEGEL: Vorerst dreht sich in Russland fast alles um Förderung und Verkauf von Öl und Gas. Das hat auch der hohe Einsatz im Poker mit der Ukraine gezeigt. Hat es sich für Russland gelohnt, die Gaslieferungen nach Europa zu unterbrechen und Hunderttausende Menschen frieren zu lassen?
Schmatko: Das ist sehr provokant formuliert. Dem Vergleich mit Poker kann ich nicht zustimmen. Es ging darum, dass die Ukraine einen angemessenen Preis für unser Erdgas zahlt und ihrer Verpflichtung nachkommt, einen sicheren Transit des Gases in den Westen zu garantieren, so, wie das auch in der Europäischen Energiecharta steht. Die EU muss der Ukraine noch klar sagen, dass sie, und nicht wir, gegen die Energiecharta verstoßen hat.
SPIEGEL: Der Zorn vieler Menschen in der EU richtet sich aber gegen Russland.
Schmatko: Abgesehen davon, dass wir anderer Meinung sind, wer der Schuldige ist, werden wir auf jeden Fall alles, wirklich alles tun, damit es in Zukunft nie wieder zu einer solchen Unterbrechung der Lieferungen kommt. Ich habe die Geschehnisse, ehrlich gesagt, als Alptraum empfunden. Russland und Europa haben ein enges Vertrauensverhältnis entwickelt. Wir haben Europa 40 Jahre lang zuverlässig mit Erdgas beliefert, selbst unter den schwierigen Bedingungen des Kalten Krieges. Dieses Vertrauensverhältnis wollen wir natürlich nicht einfach verspielen. Deswegen hatten wir kein Motiv, den Konflikt zu beginnen.
SPIEGEL: Was lief falsch?
Schmatko: Das Frühwarnsystem mit der EU, das im Rahmen der Energiepartnerschaft etabliert wurde, hat nicht funktioniert. Wir hätten die Maßnahmen, die seit Mitte Januar laufen, schon früher ergreifen müssen. Wenn es bereits Mitte Dezember gelungen wäre, internationale Beobachter und ein Konsortium für das sogenannte technische Gas zu installieren, dann wäre das alles nicht passiert. Daraus müssen wir jetzt schnell Lehren ziehen - und noch enger zusammenarbeiten.
SPIEGEL: Was passiert, wenn die Ukraine wieder nicht bezahlen will, etwa wegen der Wirtschaftskrise? Dann droht schnell eine Wiederholung.
Schmatko: Nein, das denke ich nicht. Wichtig ist, dass die internationalen Beobachter in der Ukraine bleiben. Wir hören Forderungen aus Kiew, die Beobachter schon jetzt wieder abzuziehen. Das wäre aus unserer Sicht grundfalsch. Das System muss sich erst einmal bewähren.
SPIEGEL: Läuft seit der Wiederinbetriebnahme des Pipeline-Netzes alles normal?
Schmatko: Das überprüfen wir gerade. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses komplexen technischen Systems ist das Erdgas in der Ukraine rückwärts geflossen. Das war eine Entscheidung ukrainischer Spezialisten, die gefährlich, ja unberechenbar war. Wir hatten richtig Angst, dass etwas passieren könnte.
SPIEGEL: Die EU sucht wegen des Lieferstopps nach Alternativen zu russischem Erdgas. Beunruhigt Sie das?
Schmatko: Wir sehen das sehr pragmatisch. Unsere eigenen Prognosen besagen, dass Europa im Jahr 2020 rund 620 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbrauchen wird. Das sind 100 bis 120 Milliarden Kubikmeter mehr als heute. Unsere Lieferverträge sind langfristig angelegt, so dass unsere Position als Lieferant der EU in den nächsten 25 Jahren nicht gefährdet ist. Um in der Zukunft Transitrisiken zu vermeiden, bauen wir die neuen Pipelines North Stream und South Stream. Wir investieren selbst in das Flüssiggasgeschäft, um neue Kunden zu erreichen, zu denen wir keine Pipelines bauen können. Und wir legen Pipelines in neue Richtungen, etwa nach China.
SPIEGEL: Betreibt Russland die Gründung einer Gas-Opec?
Schmatko: Ich weiß nicht, woher dieser unglückliche Begriff kommt. Ich habe Ende Dezember in Moskau das neue Forum der gasproduzierenden Länder geleitet und möchte klarstellen: Russland will keine Absprachen zwischen Ländern über Fördermengen, wir wollen keine Gas-Opec.
SPIEGEL: Aber es wurde darüber geredet, dass der Gaspreis wieder steigen soll.
Schmatko: Da geht es um etwas ganz anderes. Russland sucht den Dialog auch mit den Verbraucherländern darüber, wie sich die hohen Investitionskosten bei der Erschließung neuer Gasfelder im Preis abbilden lassen. Wir würden gern zu einem gerechten Preis kommen, der stabiler ist als der heutige und der es ermöglicht, unsere Verpflichtungen langfristig zu erfüllen.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht in den Jahren hoher Gaspreise stärker in die Infrastruktur investiert?
Schmatko: Es wurde schon investiert, aber eben nicht genug. Mit den Gaspreisen stiegen auch die Preise für Dienstleistungen, Personal und Technologien und machten die Modernisierung teurer. Deshalb wollen wir diese spekulativen Spielchen mit Derivaten und anderen Finanzprodukten rund ums Öl und Gas auch am liebsten unterbinden.
SPIEGEL: Und den Preis zwischen den Lieferländern ausmachen?
Schmatko: Nein, wirklich nicht. Statt einer Verschwörung von Gas- und Ölherstellern brauchen wir einen neuen Preisbildungsmechanismus, der nicht allein auf Angebot und Nachfrage beruht, sondern auch auf dem langfristigen Investitionsbedarf. Darüber würden wir gern bald mit Europa verhandeln. Wir sollten uns gemeinsam unabhängiger machen von den irrationalen Ausschlägen an den Börsen.
INTERVIEW: JAN PUHL, CHRISTIAN SCHWÄGERL
* Am 3. Februar in Moskau.
Von Jan Puhl und Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 7/2009
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