09.02.2009

MEDIZINBakterien auf Wanderschaft

Können Mundkeime Frühgeburten auslösen? Bei der Untersuchung von Fruchtwasser haben US-Forscher verdächtige Mikroben entdeckt.
Die Schmarotzer lieben es feuchtwarm. Bei immerwährenden tropischen Temperaturen zwischen 32 und 37 Grad Celsius nagen Mundkeime am Zahnschmelz, überschwemmen das Zahnfleisch oder bombardieren mit Säuren und giftigen Stoffwechselprodukten den Zahnhalteapparat (Parodontitis).
Und wenn sie über mikroskopisch kleine Verletzungen in die Blutbahn gelangen, treten die Winzlinge auch Ausflüge in entferntere Körperregionen an. Ausgeschwemmte Oralbakterien wurden schon in Herzkranzgefäßen und auf künstlichen Hüftgelenken, im Sperma, auf Herzklappen und in Hirnabszessen nachgewiesen.
Bei ihrer Reise durch den Organismus können sie das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöhen und Lungenentzündungen, Gelenk- und Herzklappenentzündungen verursachen. Sogar als Auslöser von Krebs oder Diabetes sind sie schon länger im Gespräch.
Nun nähren Erkenntnisse von US-Forschern einen weiteren schlimmen Verdacht: Erhöhen vagabundierende Mundmikroben auch das Risiko für Frühgeburten?
Spezialisten für orale Mikrobiologie von der Case Western und der Yale University haben mit modernsten Untersuchungsmethoden Fruchtwasserproben von Schwangeren untersucht, die zwischen April 2004 und Januar 2007 Spezialabteilungen des Yale New Haven Hospital aufgesucht hatten - die Frauen waren beunruhigt, weil sie verfrühte Wehen oder gar Anzeichen für einen vorzeitigen Blasensprung wahrgenommen hatten.
In der normalerweise keimfreien Umgebung der Föten stießen die Wissenschaftler auf einen bizarren Mikrobenzoo: Im Fruchtwasser trieben Spuren von insgesamt 15 unterschiedlichen Bakterienarten. Der am häufigsten vorkommende Schädling war "Fusobacterium nucleatum": ein klassischer Mundhöhlenbewohner, von dem zumindest aus Tierversuchen bekannt ist, dass er bei Mäusen über Entzündungsreaktionen der Plazenta vermehrt zu Früh- und Totgeburten führt.
"Erreger aus dem Mundraum, die wir bisher nicht auf der Rechnung hatten, könnten bei Frühgeburten eine Schlüsselrolle spielen", vermutet Studienleiterin Han Yiping. "Die Beteiligung von Bakterienarten, die sich nicht mit den üblichen Labormethoden nachweisen lassen, ist unterschätzt worden."
In vielen westlichen Ländern hat die Frühgeburtenrate in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. In Deutschland kommt mittlerweile jedes 14. Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt - etwa jedes 5. dieser Frühchen verlässt den Mutterleib sogar schon vor der 32. Woche.
Die Folgen sind schwerwiegend. In rund 60 Prozent der Fälle, in denen Neugeborene entweder bei oder kurz nach der Entbindung sterben, ist der zu frühe Geburtstermin der entscheidende Faktor. Auf viele andere Frühgeborene warten oft lebenslange körperliche und geistige Beeinträchtigungen: "Lernbehinderungen kommen mehr als 20-mal häufiger bei Kindern vor, die vor der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt kamen", erläutert der Entwicklungspsychologe Dieter Wolke von der Warwick University in England.
Die Ursachen für das abrupte Ende der Schwangerschaft liegen häufig im Dunkeln. Viele Indizien sprechen jedoch dafür, dass Infektionen und entzündliche Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Unter anderem werden aufsteigende Vaginalkeime für Frühgeburten verantwortlich gemacht. Die Bakterien bremsen die Entwicklung des heranwachsenden Fötus und können über die vermehrte Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen wie Prostaglandin zu vorzeitigen Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur führen.
Ob tatsächlich Oralkeime ebenfalls solche schwerwiegenden Infektionen der Gebärmutter und des Fruchtwassers auslösen können, ist nach Ansicht von Medizinern auch mit der jüngsten Untersuchung nicht restlos geklärt. Es fehlen noch immer große internationale Studien mit hohen Patientenzahlen. "Wir sind noch nicht so weit, dass wir ein klares Ergebnis in die Welt hinausposaunen können", erklärt Thomas Hoffmann, Parodontologe an der Uni-Klinik Dresden.
Denn die aktuelle US-Studie beweist keinen kausalen Zusammenhang zwischen Oralkeimen und Frühgeburtsrisiko. Mit ihrer Analysetechnik haben die Forscher lediglich molekulare Fingerabdrücke der Mundschädlinge nachgewiesen. "Man kann nicht sagen, ob die Keime noch aktiv waren oder ob man nur tote Bakterien entdeckt hat", sagt Hoffmann.
Auffällig bleibt dennoch, dass viele der Frauen, bei denen die US-Wissenschaftler im Fruchtwasser fündig wurden, ihre Babys weit früher als normal entbunden hatten - zwischen der 20. und der 32. Schwangerschaftswoche. Außerdem wurde bei den Neugeborenen oft eine spezielle Form von frühkindlicher Blutvergiftung diagnostiziert.
Ärzte raten deshalb zu erhöhter Wachsamkeit. "Ich empfehle Frauen, ihren Mund so gesund wie möglich zu halten", sagt Oralbakterien-Experte Floyd Dewhirst aus Boston. "Und wenn sie unter Parodontitis leiden, sollten sie sich unbedingt behandeln lassen, bevor sie schwanger werden." GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 7/2009
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