16.02.2009

JOURNALISMUS

Wilhelm und der Grubenhund

Von Bartsch, Matthias; Brauck, Markus; Hülsen, Isabell; Müller, Martin U.

Mit einem gefälschten Wikipedia-Eintrag blamierte ein anonymer Jungjournalist vergangene Woche Teile des Medien-Establishments. Die Online-Gemeinde feiert den vermeintlichen Triumph über die althergebrachten Medien - schneidet sich aber zugleich ins eigene Fleisch.

Die Welt hat schon größere Fälschungen gesehen. Witzigere sowieso. Konrad Kujaus erfundene Hitler-Tagebücher etwa, Tom Kummers frei erdachte Interviews mit Hollywood-Größen. Oder Hape Kerkelings staatstragenden TV-Aufritt als Königin Beatrix. Aber selten wurde mit so minimalem Aufwand ein derartiger Wirbel losgetreten. Es genügten ein paar leise Klicks und ein einziges, am Computer eingetipptes Wort.

Am Tag, als die Republik einen neuen Wirtschaftsminister präsentiert bekam, manipulierte ein Jungjournalist dessen Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Er fügte den ohnehin reichlichen Vornamen des Freiherrn von und zu Guttenberg noch einen hinzu: Wilhelm.

Ein paar Stunden später tauchte der dann überall im Internet auf. Auch auf den Nachrichtenseiten sueddeutsche.de, taz.de und SPIEGEL ONLINE. Schließlich prangte der falsche "Wilhelm" noch auf der millionenfach gedruckten Titelseite der "Bild".

Da erst enttarnte der Witzbold seine Manipulation. Er gab sich betroffen. Seinen Namen mochte er nicht verraten, aber er ließ verlauten, das Ganze habe eine Eigendynamik entwickelt, die ihn "an den Recherchemethoden vieler Journalisten erheblich zweifeln ließ".

Damit gab er zugleich die Tonlage vor, die in den nächsten Tagen das Orchester der Internet-Community befeuerte wie das Triumphgeheul einer medialen Guerillatruppe. Der "Fall" Guttenberg beschädige "die Glaubwürdigkeit vieler professioneller Medien und entlarvt ihr Gerede von der eigenen Überlegenheit als eitle (Selbst)Täuschung", schrieb der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier. In einem Forum hieß es, "der ,Qualitätsjournalismus'" stürze nun "vom höchsten Ross".

Die Attackierten zeigten sich peinlich berührt. Korrekturen und Entschuldigungen, auch Gelöbnisse der Besserung wurden online gestellt. Dumm nur, dass der nächste Schlag so schnell folgte, gewissermaßen Wilhelm Zwo: Ein Hacker enterte die Homepage des Fußballvereins Schalke 04 und hinterließ dort die ebenso schlagzeilenträchtige wie falsche Meldung, der Stürmer Kevin Kuranyi sei fristlos entlassen worden.

Auch das übernahmen prompt ein paar Medien - bild.de und rp-online.de etwa. So machten sie das hässliche Klischee vom Journalisten komplett, der einfach stumpf abschreibt, was ihm vorgesetzt wird.

Der Fall "Wilhelm" klingt nach Kleinigkeit, doch er war mehr als nur ein Patzer. Das sieht auch "Bild"-Chef Kai Diekmann so: "Das war überaus heilsam, so heilsam wie Tom Kummer." Seinen Journalisten hat er nun noch einmal eingebleut: "Wer sich bei der Recherche auf Wikipedia verlässt, ist verlassen."

Das Internet ist die verführerischste Recherchemaschine seit Erfindung des Journalismus, so faszinierend wie gefährlich. Es ist schneller als alles, was vorher da war. Es ist umfangreicher. Vor allem aber: Es ist leichter zu manipulieren als jedes andere Medium. Ein paar Klicks im Schutz der Anonymität reichen völlig aus.

Dass Journalisten darauf hereinfallen, kratzt an ihrem Image. Denn für sie geht es auch um die Frage, was denn ein Journalist überhaupt noch ist, wenn jeder Internet-Schreiber sich heute als solcher fühlen kann. Was sie unterscheidet, ist das professionelle Prüfen von Quellen, der Gegencheck, ihre Filterfunktion. Wenn die Zunft darin auf Dauer versagte, könnte sie einpacken.

Es ist ein alter Grabenkampf, der da ausgetragen wird. Die Profi-Journalisten fürchten, dass ihnen durch die Konkurrenz der virtuellen Mitmachmedien allmählich die Deutungshoheit abhandenkommen könnte. Die Amateure und Semi-Profis aus dem Netz würden auch außerhalb der eigenen Sphäre gern ernst genommen werden. Die Häme, die im Netz gerade über Journalisten ausgegossen wird, erklärt sich vor allem aus diesen ideologischen Stellungsgefechten - und entsprechenden Verwundungen auf beiden Seiten.

Die Internet-Community hat auf die handwerklichen Fehler der "etablierten" Medien ein neidvoll-wachsames Auge. Denn sie hat aus der Reihe arrivierter Medienmacher schon viel Spott und Hohn ertragen müssen. Werberstar Jean-Remy von Matt etwa bepöbelte Blogs als "Klowände des Internets". Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" warnte, "gute Redaktionen" sollten "ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt".

"Die Arroganz ist vielen im Netz aufgestoßen. Seither tobt der Kampf zwischen Journalisten und Internet-Schreibern", sagt Klaus Jarchow vom Weblog Medienlese. "Hätten die klassischen Medien nicht mit großer Monstranz ihre Recherchequalität vor sich hergetragen, müssten sie sich jetzt nicht wundern."

Wenn es nicht um eher läppische Dinge wie den elften Vornamen eines Freiherrn geht, scheint es um die journalistische Wahrheitsfindung allerdings so schlecht noch nicht bestellt zu sein. Das zeigt etwa der jüngst missglückte Versuch, den damaligen hessischen Justizminister Jürgen Banzer (CDU) anzuschwärzen. Auch dabei wurde das Internet genutzt - oder besser: missbraucht.

Fünf Tage vor der Landtagswahl in Hessen ging bei SPIEGEL ONLINE eine alarmierende E-Mail ein. Der hessischen Justiz liege eine Anzeige gegen einen Minister vor. Es gehe um Kindesmisshandlung. Aber "weil von oben Druck da ist", werde der Fall von der Justiz "bis nach den Landtagswahlen zurückgehalten".

Die Vorwürfe waren völlig falsch, aber der Absender sorgte mit Raffinesse für vermeintliche Authentizität. Kurz darauf nämlich wurde der Redaktion der angebliche Text der Anzeige zugespielt. "Daraufhin verging sich Herr Banzer an meine damals 15 Jährige Tochter", schrieb der vermeintliche Anzeigenerstatter in wackligem Deutsch. Bei der Staatsanwaltschaft ging eine ähnliche Anzeige ein. Doch weitere angekündigte Belege wie "Therapeutische Gutachten und Ärztliche Berichte" blieben aus. Der Anwalt des angeblichen Opfervaters hatte nur am Telefon Kontakt zu dem Mann gehabt und konnte ihn selbst nicht erreichen.

Drei Tage vor der Wahl wurde Banzer mit den Vorwürfen konfrontiert. "Das ist ein gemeiner Rufmord", entfuhr es ihm. Mehrere Details aus der Anzeige konnte er entkräften. Für den SPIEGEL und seinen Online-Ableger war aufgrund der dürren Quellenlage klar, fürs Erste nichts zu veröffentlichen. Im Netz jedoch tobte bald ein Sturm gegen den Minister.

Unter Pseudonymen wie "Rudolf Bauer" oder "Rudolf B." verbreitete jemand die Vorwürfe weiter. Er rief dazu auf, "bei der Presse" nachzufragen, ob sie noch vor dem Wahltag berichten werde. In etlichen Redaktionen gingen tatsächlich drängende Nachfragen ein. Aber die journalistischen Sicherungen hielten diesmal. Kein

Journalist griff das Thema auf - bis sich Banzer am Tag nach der Wahl selbst an die Öffentlichkeit wandte. Er stellte Strafanzeige wegen Verleumdung.

Doch der Urheber der Rufmordkampagne verstrickte sich selbst im Netz. Fahnder des hessischen Landeskriminalamts verfolgten die Spuren von "Rudolf Bauer" und stießen auf einen PC in der Wohnung von Sedat A. Der 36-jährige Deutschtürke lebt seit einem Dreivierteljahr in einem Ortsteil von Neustadt/Wied in Rheinland-Pfalz. Vor Jahren hatte er sich schon mal die Domain-Namen von SPD-Politikern wie Olaf Scholz oder Hans Eichel gesichert. Besucher wurden von dort auf die Homepage der CSU umgeleitet.

Mit derart üblen und anderen weniger üblen Scherzbolden müssen Journalisten im Netz jederzeit rechnen. Auch Lügen sehen online manchmal wie Wahrheiten aus.

Wie etwa im Fall des Bundes Deutscher Juristen (BDJ). An Neujahr 2006 verschickte die Nachrichtenagentur AP die Nachricht, der BDJ-Vorsitzende, ein gewisser Bundesrichter Doktor Claus Grötz, fordere die Legalisierung "leichter Folter". Die Richtigkeit schien leicht zu prüfen. Es gab ja eine Website des Verbandes. Stutzig aber hätte machen müssen, dass dort das Impressum fehlte und nicht mal eine Telefonnummer zu finden war.

Weder ein Bundesrichter dieses Namens existierte noch der Verband, doch gemerkt hat es in den an Neujahr dünn besetzten Redaktionen zunächst niemand. Es dauerte nicht lange, bis die Geschäftsführerin der Grünen den Rücktritt des imaginären Juristen forderte.

Das Internet scheint falsche Fährtenleger geradezu magisch anzuziehen, doch wirklich neu sind diese Dinge nicht. Das Phänomen ist so alt wie das schreibende Gewerbe selbst. "Grubenhunde" heißen bewusst lancierte Falschmeldungen, mit denen nicht die Leser veräppelt, sondern eher Journalisten der Nachlässigkeit und Eitelkeit überführt werden sollen.

Nach dem aufgebauschten Bericht über ein eher harmloses Erdbeben schickte der als Dr. Erich Ritter von Winkler getarnte Leser Arthur Schütz 1911 einen Brief an die "Neue Freie Presse" in Wien. Es sei ihm "unerklärlich", schrieb er, dass sein im Labor "schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab".

Das Blatt druckte die Zuschrift bedenkenlos ab. Dass der Grubenhund kein Vierbeiner, sondern ein Schienenwagen unter Tage ist, fiel den Redakteuren nicht auf. Heute findet man die Geschichte übrigens rasch im Internet - in mehreren Versionen.

In der Online-Ära sind die Chancen, einen Grubenhund von der Leine zu lassen, allerdings besser denn je. Dass sich der falsche Wilhelm und der vermeintlich geschasste Kuranyi überwiegend in Web-Medien wiederfanden, ist kein Zufall.

Im Wettrennen darum, möglichst als Erster eine Neuigkeit ins Netz zu stellen, bleibt die Sorgfalt gelegentlich auf der Strecke.

Wo eigene Quellen fehlen, wird zum Fakt, was nur oft genug irgendwo im Netz wiederholt wird. Doch schiere Masse macht noch keine Wahrheit, der Logik der Vielen fiel Wikipedia am Ende sogar selbst zum Opfer: Obwohl der falsche "Wilhelm" schon einmal gelöscht worden war, gelangte er kurz darauf wieder in Guttenbergs Eintrag - weil die seriösen Medien den Namen doch auch genannt hatten.

Beim deutschen Ableger des Online-Lexikons fürchtet man nun massenhafte Nachahmer, die auch mal testen wollen, wie lange es dauert, bis ihr "Grubenhund" entdeckt wird. Das würde dem Projekt Wikipedia massiv schaden, heißt es.

Nicht immer steckt hinter falschen Fährten auch böser Wille. So ist seit Monaten ein vermeintliches Gedicht von Kurt Tucholsky im Umlauf, in dem der Dichter schon 1930 über die "Spekulantenbrut" der Banker schwadroniert haben soll. Das Gedicht ist aber zeitgenössisch und wurde von einem Online-User irrtümlich Tucholsky untergeschoben. Der Fehler ist längst aufgeklärt, doch Tucholsky feiert im Netz als visionärer Bankengegner weiter Erfolge.

Selbst die Fälschung eines Wikipedia-Eintrags über den Maler Tizian kann dabei hochpolitische Züge tragen, wie vergangene Woche in Großbritannien aufflog. Premierminister Gordon Brown hatte in einer Rede bemerkt, der venezianische Maler sei mit 90 Jahren gestorben. Darauf lästerte die Opposition, der Premier wisse wohl nicht, dass Tizian nur 86 geworden sei. Wie alt er wirklich wurde, ist zwar unbekannt, doch ein übereifriger Mitarbeiter der Tories setzte darauf das Alter des Malers einfach ein bisschen herunter.

Sogar der deutsche Bundespräsident Horst Köhler - oder zumindest sein Redenschreiber - ließ sich von dem schwadronierenden Schwarm offenbar verführen. In einer Ansprache vor der Fußballnationalmannschaft der Frauen erinnerte er daran, dass 1989 noch "Bügelbrett und Kaffeeservice" zum EM-Sieg überreicht wurden. Das Kaffeeservice entsprach historischer Wahrheit. Das Bügelbrett hatte ein Wikipedia-Nutzer erfunden.

Solch ein Fehler unterläuft also bis in die Staatsspitze hinauf vielen. Doch wenn Journalisten bei Wikipedia abschreiben, können sie rasch auch gezielter Desinformation aufsitzen.

In Konzernen gehört das Überwachen - und manchmal auch das Frisieren - von Wikipedia-Einträgen mittlerweile zum Geschäft. So tilgte man bei Siemens missliebige Passagen aus der Biografie des damaligen Chefs Klaus Kleinfeld. Auch Daimler entledigte sich lästiger Zeilen über NS-Zwangsarbeiter in einer damaligen Außenstelle der Firma im KZ Sachsenhausen.

Derart sinistre Absichten verfolgte der Witzbold mit dem erfundenen Wilhelm keineswegs. Es war auch kein gekränkter Blogger, sondern der Absolvent einer Journalistenschule, der einfach habe testen wollen, wer den kleinen Namensfehler abschreibe - und wer ihn bemerke.

Doch irgendwie stehen jetzt alle dumm da: die übertölpelten Medien, die mit einem lässlichen Schnitzer ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzten. Und die Web-Community, die sich wieder einmal vorwerfen lassen muss, dass "im Internet" ja nichts und niemandem zu trauen ist.

Das ist umso riskanter, als ja auch der professionelle Journalismus immer mehr ins Netz zieht - und aufpassen muss, dass er dabei seine Grundsätze nicht verwässert. Wie rasch das geht, erfuhr jüngst das Recherche-Flaggschiff "New York Times".

Das Blatt hatte Präsidenten-Tochter Caroline Kennedy der Steuerhinterziehung und illegalen Beschäftigung eines Kindermädchens verdächtigt. Entgegen den Grundsätzen der Redaktion hatte der Online-Auftritt die Meldung gebracht, obwohl man als Beleg nur eine anonyme Quelle hatte.

Der Ombudsmann der "New York Times" musste den Scherbenhaufen wieder zusammenkehren. Man habe die eigenen Qualitätsgrundlagen missachtet, gab er zu. "Wir haben Kennedy unfair behandelt", entschuldigte er sich.

Den Wettlauf um die schnellste Nachricht hatte die "New York Times" ohnehin verloren. Die "New York Post" war neun Minuten schneller online.

MATTHIAS BARTSCH, MARKUS BRAUCK,

ISABELL HÜLSEN, MARTIN U. MÜLLER

* Betreiber der Wikipedia-Enzyklopädie.

DER SPIEGEL 8/2009
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