16.02.2009

GesellschaftDas Haus der Madame Thuy

Die Globalisierung hat Vietnam nicht nur offene Märkte und ausländische Investoren gebracht, sondern auch Frauen, die anders leben wollen als im traditionellen Rollenverständnis vorgesehen. Besonders das Faustrecht des Mannes ist kein Tabu mehr. Von Barbara Hardinghaus
Dr. Quyet legt ein Foto auf den Tisch, es zeigt eine junge Frau, zehn Tage nach der Operation. Als sie kam, fehlte ihr das rechte Ohr. Ein Kollege von Dr. Quyet hat es wieder angenäht. "Ihr Mann hatte das Messer herausgeholt und auf ihren Kopf eingehackt", sagt Dr. Quyet.
Er ist Arzt im Duc-Giang-Krankenhaus in Hanoi, Distrikt Gia Lam, westlich vom Roten Fluss. Sein Büro liegt in einem der großen gelben Häuser, warmer Wind weht durch die Fenster auf die Korridore. Unter ihm sind die Stationen des Krankenhauses: Innere, Chirurgie, Orthopädie; überall liegen Frauen, die ähnlich aussehen wie die Frau auf dem Foto von Dr. Quyet.
Sie kommen hierhin, schwerverletzt. Und wenn sie gefragt werden, wie es passiert sei, sagen sie, sie hätten einen Unfall gehabt, sie seien gestürzt, sie sagen nicht, dass es ihr Mann war, dass sie Opfer geworden sind von häuslicher Gewalt, geschlagen, misshandelt, gefoltert.
Vor kurzem, sagt Dr. Quyet, sei eine Frau eingeliefert worden, die von ihrem Mann in einen Käfig, zu den Hunden, gesperrt worden war.
Dr. Quyet leitet eine Abteilung, die es erst seit sechs Jahren gibt. Es geht darin nicht um Brüche, um Platzwunden oder um einen Milzriss. Quyet behandelt die Seele der Frauen. Jeden Tag kommen fünf, sechs neue Patientinnen zu ihm. Sie reden miteinander, einen Tag, zwei Tage, und meistens am dritten Tag sagen sie ihm, dass sie nicht gestürzt sind, dass sie keinen Unfall hatten. Sie reden dann von zu Hause.
In 95 Prozent der Fälle sind die Ehemänner die Täter. Die restlichen 5 Prozent werden von anderen Familienmitgliedern misshandelt, vom Onkel, vom Schwiegervater. "In 70 Prozent der Fälle benutzen sie die Fäuste, in 30 Prozent sind es andere Waffen, Holzklötze, Dolche, Stahlstangen, Messer", sagt der Arzt, als redete er über Bandenkriege. Aber er meint Ehemänner, die ein Kartenspiel verloren haben, die Alkohol tranken, die eifersüchtig waren, ein schlechtes Geschäft gemacht haben.
Dr. Quyet hat exklusives Wissen, er führt eine eigene Statistik, sie gibt Aufschluss darüber, welches Leben Frauen in einem Land leben, das modern sein möchte, das Anschluss sucht an die globale Welt, das jahrelang mit seinen Bilanzen prahlte, mit acht Prozent Wirtschaftswachstum beispielsweise.
Aber auch Dr. Quyets Zahlen sind Zahlen aus Vietnam: 50 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt enden mit Verletzungen am Kopf, 40 Prozent der Frauen haben Verletzungen am ganzen Körper, 15 Prozent sind länger als zehn Jahre misshandelt worden. Dr. Quyet glaubt, dass jede dritte Frau in Vietnam betroffen ist. "Alle leiden psychisch, leiden unter Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen", sagt der Arzt, und: "So gut wie alle gehen aus dem Krankenhaus in die Familien zurück."
Dabei wäre es, vom Duc-Giang-Krankenhaus aus, kein weiter Weg in ein neues Leben. Vier Kilometer entfernt von hier, dort, wo die Häuser eng zusammenstehen, Häuser, vor denen Frauen Blumen verkaufen, Früchte, Suppen, trägt seit einiger Zeit ein Gebäude in einem Hinterhof den Namen "Peace House", Haus des Friedens, in dem die Wände bemalt sind mit Flüssen und Landschaften, beklebt mit Collagen aus Zeitungsartikeln, die glückliche Paare zeigen. Es ist ein Frauenhaus, eine erste Station für ein Leben ohne Gewalt, eine Hoffnung. Es steht seit fast zwei Jahren da, und es ist immer offen. Aber nur eine der vielen Frauen, die Dr. Quyet behandelt hat, ist jemals hierhingegangen.
Das schmale, hohe Gebäude, fünf Stockwerke, 20 Schlafplätze, ist das erste und einzige Frauenhaus im Land, bei 86 Millionen Einwohnern. In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, aber hier suchen jedes Jahr rund 40 000 Frauen Schutz in einem Frauenhaus.
"Bei uns sind es im Moment zwölf", sagt Madame Thuy, eine Vietnamesin, sie hatte die Idee zu diesem Haus. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem vietnamesische Frauen lernen, neu zu denken.
Madame Thuy, eine zierliche Frau mit kurzen Haaren und goldener Halskette, sie redet leise, während sie durch ihre Biografie rast. Sie ist vor 54 Jahren, im Jahr der Befreiung des Landes von den Franzosen, in einem Bergdorf geboren worden; von da an war ihr Leben ein Kampf um neue Ideen.
Sie schaffte, bei sechs Geschwistern und Eltern, die Schneider waren, das Abitur, das war noch während des Krieges gegen die Amerikaner. Sie schaffte die Aufnahmeprüfung an der Universität, sie schloss mit 22 das Geschichtsstudium ab, mit 27 das Volkswirtschaftsstudium, sie arbeitete als Lehrerin in einer Provinz, bis die Frauenunion sie entdeckte und zurück in die Stadt holte, da war sie 28, der Krieg war seit sieben Jahren beendet.
Im Krieg gegen die Amerikaner war die vietnamesische Frau Partisanin, Dschungelkämpferin, Botin, Ärztin, Spionin. So, wie vorher im Kampf gegen die Franzosen.
Die Frau hat, vor 1000 Jahren schon, die Chinesen aus dem Land gejagt; Frauen hatten wichtige politische Ämter, eine Frau wurde stellvertretende Parlamentsvorsitzende, eine andere Vizepräsidentin, und die Frau arbeitet im Handel, im Tourismus, in der Medizin, in der Erziehung, auf dem Reisfeld, mehr als jeder Mann. Frauen sitzen in der Nationalversammlung, sie besetzen 25 Prozent der Plätze.
Im Beruf ist die Frau dem Mann oft ebenbürtig, manchmal überlegen, zum Untertan wird sie erst, wenn sie nach Hause kommt, in die Familie. Das wird sich nie ändern, es darf sich nicht ändern, denn es wäre ein Bruch mit Konfuzius. Nach Konfuzius ist die Frau Untertan, das Mädchen dem Vater unterstellt, die Ehefrau dem Gatten, die Witwe dem ältesten Sohn. Nach Konfuzius ist die Familie Modell und Vorbild für den Staat. Wenn also eine Familie zerbricht, zerbricht auch das, woran die Menschen glauben.
Die Frauenunion, das ist eine Organisation der Partei, zentral geführt, vernetzt im ganzen kommunistischen Land, mit Kontakten bis hinein in das kleinste Dorf, sie setzt sich seit 1930 für die Rechte der Frauen ein. Madame Thuy bekam einen Platz in der Propagandaabteilung, denn man wusste, dass sie gut darin war, Menschen zu überzeugen.
Sie sollte herausfinden, wie die neue Zeit, damals war es der wirtschaftliche Neuanfang, das Leben der Frauen und das ihrer Kinder veränderte, sie sollte untersuchen, was die viele Arbeit mit ihnen machte. Anfang der Neunziger, als der Sozialismus begann, zum autoritären Kapitalismus wie in China zu werden, sollte Madame Thuy ein Kreditmodell entwickeln, durch das arme Frauen lernten, mit Geld umzugehen. Es war das erste Modell dieser Art im Land, und es funktionierte.
Madame Thuy machte Karriere in der Frauenunion, wurde Mitglied der Partei, Vizedirektorin der Forschungsabteilung, und dann, 2002, erhielt sie den Auftrag, ein neues Business-Center zu schaffen, ein Zentrum nur für Frauen, das modern sein sollte, in dem sich Frauen aus dem ganzen Land und der Welt treffen könnten, zu Konferenzen, um Geschäfte zu machen. Man wollte die Kräfte der Frauen bündeln, sie sollten lernen, sich einer schon wieder neuen Welt, jetzt der globalisierten, anzupassen. Zum Business-Center sollten ein Hotel gehören, ein schönes Restaurant, Tennisplätze und auch ein Pool. "Mit diesem Blatt hat es angefangen", sagt Madame Thuy. Sie legt ein DIN-A4-Blatt auf den Tisch, es ist der Auftrag der Frauenunion. Sie sitzt noch immer ein bisschen ratlos davor, sie betrachtet es wie einen Brief, der ihr irrtümlich zugestellt worden ist.
Damals, als der Brief angekommen war, fuhr sie durch das Land und sprach mit vielen Frauen, sie reiste auch in die Provinzen. Sie stellte fest, dass die Frauen schon etwas mitbekommen hatten von der neuen Welt, aber es waren nur Ausschnitte. Die meisten Frauen wussten nicht, dass ein Ehemann kein Recht dazu hat, seine Ehefrau zu misshandeln, nur weil er ihr Ehemann war. Schließlich war das immer so gewesen, seit sie denken konnten und ihre Mütter auch.
Drei Jahre lang hatte Madame Thuy Zeit, ihre eigene Idee zu entwickeln, so lange bauten die anderen von der Frauenunion an dem neuen Business-Center, sie bauten ein Hotel, in dessen Eingangshalle goldene Uhren die Zeit aus den großen Städten der Welt anzeigten, sie bauten ein schönes Restaurant, zwei Tennisplätze und einen Pool.
Madame Thuy reiste in dieser Zeit auch ins Ausland. Sie besuchte in Dänemark ein Frauenhaus, das hatte keine Weltuhren, keine Wellness-Abteilung, aber es war trotzdem immer voll.
Als sie zurück war von ihrer Reise, erzählte sie den Frauen aus der Union von ihrer Idee. Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, sagte sie, brauchen Hilfe, keinen Luxus. Der Kopf von Madame Thuy hatte begonnen, auch europäisch zu denken. Die Köpfe der Frauenunion waren asiatische Köpfe geblieben.
Sie sagten, ein Frauenhaus sei eine Gefahr für die Kultur. Ein Frauenhaus sei für vietnamesische Frauen eine Verführung, ein staatlich legitimiertes Ausstiegsprogramm aus der Familie, es könne die Gesellschaft von innen angreifen, weil es Familien zersetze, immer noch die Keimzelle der Gesellschaft.
Madame Thuy malte eine Pyramide auf, sie malte das Frauenhaus an die Spitze dieser Pyramide und versicherte, dieses Haus sei eine Einrichtung nur für die schweren Fälle, für die, bei denen es um Leben und Tod gehe, die Intensivstation des Landes.
Im November 2006 eröffnete die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet mit vielen Gästen aus der neuen Welt in Hanoi das Center for Women and Development (CWD). Einige Wochen zuvor hatte Madame Thuy das Frauenhaus eingeweiht, mit drei Sozialarbeiterinnen, einem ausländischen Berater und mit zwei Psychologinnen der neuen Telefon-Hotline für die Opfer von häuslicher Gewalt.
Man hatte sich auf einen Kompromiss geeinigt. Die Frauen aus der Union ließen die Idee von Madame Thuy Wirklichkeit werden; sie musste aber versprechen, dass sie ein Jahr lang keine Werbung für das Haus machen würde.
"Nach dem ersten Jahr dachten wir, es werde scheitern", sagt Madame Thuy, "es waren drei, vielleicht vier Frauen da." Sie wird oft unterbrochen, während sie spricht, sie ist jetzt die Direktorin des neuen Business-Center, sie sitzt in einem gutgekühlten Büro auf einem Sofa, das sie fast verschluckt, vor einem schweren Gemälde, das eine Flusslandschaft zeigt. Vor ihr liegen ein aufgeschlagener Terminkalender und zwei Mobiltelefone, von denen eines meist klingelt. Sie soll Briefe unterschreiben, Antworten geben.
Sie verlässt am frühen Morgen ihre Wohnung, ihren Mann, ihre Familie und kehrt am späten Abend zurück. Sie arbeitet, als wäre sie in einer Krisenbranche beschäftigt. Madame Thuy aber ist eine Vietnamesin, die sich vorgenommen hat, zwei Welten zu vereinen, die nichts miteinander anfangen können.
Es gibt nicht viel, was sie vorzeigen könnte. Wenn man sie fragt, ob es Frauen gebe, die ihre alte Welt verlassen hätten und schon in der neuen zu Hause seien, denkt sie einen Augenblick nach, der lange dauert. Dann schlägt sie Sang vor. Sang ist 34 Jahre alt, sie lebt seit September im Frauenhaus.
"Ich wurde von meinem Mann geschlagen, mehrere Male, immer wenn er besoffen war, eigentlich jeden Tag", sagt Sang.
Sie ist eine zarte Person, mit kinnlangem Haar, sie sitzt unten im Gemeinschaftsraum auf einem Stuhl, trägt eine Schlafanzughose, ein T-Shirt, sie strickt an einem Schal, während sie spricht, manchmal macht sie Pausen und entknotet die gelbe Wolle.
"Es gab keinen Streit, keine Worte, nichts", sagt sie. Ein Jahr nach der Hochzeit fing es an, das war 1996.
Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Schuhladen, manchmal kochte sie noch am Abend in einem Restaurant, ihr Mann war Maurer.
"Ich habe mich nicht gewehrt", sagt sie. Sie nennt ein asiatisches Sprichwort, an dem sie sich festgehalten hat: Das Sprichwort war der Grund, warum sie schwieg, es ertrug.
"Wenn der Reis kocht, soll man die Flamme kleiner stellen", sagt sie.
"Wenn der Mann wütend ist, soll man ruhiger werden."
Er nahm die Fäuste, er schimpfte auf ihre Mutter, auf ihre Eltern, auf ihr gemeinsames Kind. Manchmal schlug er auch das Kind. Oder die Mutter.
Ein Cousin, der davon erfahren hatte, zeigte Sang eines Tages die Broschüre vom CWD, sie wartete, bis es Abend geworden war, wählte die Nummer 0946833380, die Nummer der Hotline, sie ging in eines der Büros im neuen Center, ging durch die Hotelhalle, an den Uhren vorbei, die die Zeit angaben aus den großen Städten der Welt, sie sprach mit der Psychologin und entschied sich, aus ihrem alten Leben zu gehen.
Sang sagt, sie wollte sich scheiden lassen, sie ist deswegen am Morgen im Gericht gewesen, aber das Gericht sagte, dass sie und ihr Mann es noch einmal versuchen sollten, sie seien, von außen betrachtet, ein so schönes Paar.
Aber Sang wird wieder zum Gericht gehen, sie sagt, dass sie jetzt viel Kraft habe.
Sie ist, wenn man so will, der perfekte Fall für Madame Thuy. Sie sitzt auf dem Sofa wie eine Trophäe. Madame Thuy braucht mehr solcher Fälle. Menschen sind stärker als Zahlen, sie bewegen mehr als Statistiken, die unabhängige Organisationen zusammen mit der Uno veröffentlichen. Nach diesen Zahlen stirbt in Vietnam jeden zweiten bis dritten Tag ein Mensch durch häusliche Gewalt, geschehen 14 Prozent der Morde als Folge daraus und, zumindest im Süden des Landes, 75 Prozent der Selbstmorde.
Die Regierung hat ein Frauenentwicklungsprogramm aufgelegt, es läuft noch bis 2010, das Parlament hat ein Gesetz zur Geschlechtergleichheit verabschiedet und auch ein Gesetz gegen Gewalt in der Familie.
Das Gesetz ist im Sommer in Kraft getreten, noch unfertig, jetzt arbeitet eine Arbeitsgruppe an den Details, hier wird etwa überlegt, was es kosten wird, eine Frau zu schlagen.
100 000 Dong?
200 000 Dong?
300 000 Dong, umgerechnet 14 Euro, könnte das einfache Schlagen kosten, bis zu 500 000 Dong, rund 23 Euro, das Schlagen unter Einsatz von Waffen, so jedenfalls steht es in der aktuellen Ausarbeitung geschrieben, es ist der zehnte Entwurf.
"Wir haben ein Gesetz, aber wir wissen noch immer nicht, was es bedeutet", sagt Madame Thuy.
Die, die daran arbeiten, sind Verbündete, im Großen und Ganzen, aber sie sind, genau genommen, auch Gegner.
Frau Quy ist Professorin an der Universität für Sozialwissenschaften in Hanoi, sie hat mitgearbeitet an dem Entwurf des Gesetzes. Sie war die erste Professorin im Land, die zur Geschlechterfrage unterrichtete, sie hat in der Sowjetunion promoviert, in Massachusetts, USA, gelehrt, heute ist sie die Leiterin des Zentrums für Geschlechterforschung.
Sie kommt in ihr Büro in der zweiten Etage, Raum 2011, gerade hat sie Studenten von der Frauenbewegung in Europa erzählt. Dabei sagte sie aber auch, dass auch Asiens Frauen etwas erreicht hätten. Sie pendelt hin und her zwischen den Welten, ihre Vorträge sind ein Pro und Contra mit vielen Worten.
Sie hat ein Buch geschrieben, das "Gewalt in der Familie" heißt, es ist 2007 erschienen und hat als Grundlage für das neue Gesetz gedient. Das Gesetz besteht aus sechs Kapiteln, es enthält 46 Artikel. Man habe ein Jahr daran gearbeitet, sagt Frau Quy, es sei zwar noch vage, aber es hätten schon Sätze hineingefunden, die Hoffnung machten, sagt sie.
Artikel 2 zum Beispiel. In ihm ist von Vergewaltigung innerhalb der Familie die Rede. Das stand vorher noch nirgendwo.
Oder Artikel 20 bis 22. Hier kündigt das Gesetz, als eine der Maßnahmen gegen häusliche Gewalt, ein Kontaktverbot für den Angreifer an.
Und in Artikel 26 und 28 heißt es, dass eine Frau die Möglichkeit haben soll, "in einem vorübergehenden Zuhause" Schutz zu finden, in ein Frauenhaus zu gehen.
Das sind die Artikel für Madame Thuy. Frau Quy ist aber noch nicht sicher, ob sie bleiben werden. Sie hat ein eigenes Konzept entwickelt, ein vietnamesisches.
In ihrem Konzept bricht die Frau nicht aus, sondern bleibt, wo sie ist, in einer Gemeinschaft, einer Gemeinde, einem Dorf. Die Frauen werden über ihre Rechte informiert, mit Broschüren, in Fernsehsendungen informiert. In ihrem Modell läuft die Frau, die Schutz braucht, in eine andere Familie, von der sie glaubt, dass sie dort nicht geschlagen wird. In ihrem Modell zeigt die Frau am Ende den Mann bei der Polizei an.
"Der Unterschied ist, dass die Frau ihre Familie nicht verlässt", sagt Frau Quy. Ihr Modell sei vielleicht komplizierter, aber asiatischer; es berücksichtige die Rolle der Frau als Leistungsträgerin der Gesellschaft. An Konfuzius hatte Madame Thuy, die Vietnamesin mit dem europäischen Kopf, vielleicht nicht gedacht, als sie das Frauenhaus in Hanoi eröffnete. 20 Plätze hat sie, 12 davon sind besetzt.
Vielleicht wird es niemals voll werden. Vielleicht scheitert Madame Thuy am Ende an Frau Quy, an Frauen, die Untertanen bleiben, wenn sie nach Hause kommen, an Frauen, die eine Geschichte haben wie Coung.
Cuong ist 50 Jahre alt, ihre Augenlider sind golden gepudert, ihre Lippen auch, auf ihrem T-Shirt glitzern bunte Perlen. Seit zweieinhalb Jahren hat ihr Mann zwei Frauen.
Cuong sitzt an einem Holztisch in einem Raum mit großen Fenstern, der Raum liegt weit oben in einem Hinterhof, im Club des CSAGA, einer unabhängigen Organisation für Frauen- und Kinderrechte, da treffen sich Frauen zwischen 20 und 70 Jahren, die geschlagen werden, wie Cuong.
"Ich bin ganz neu im Club", sagt sie. In diesem Club reden die Frauen miteinander und weinen miteinander, dann gehen sie nach Hause und sagen, sie seien im Kino gewesen oder etwas trinken.
Wenn Cuong heute nach Hause geht, muss sie nichts sagen, denn ihr Mann wird nicht da sein. Er ist bei der anderen Frau.
"23 Jahre waren wir glücklich", sagt sie, sie haben vier Töchter, aber keinen Sohn, keinen Stammhalter.
Also, sagte ihr Mann, er brauche eine neue, jüngere Frau, er fand eine, und die wurde schwanger. Er lebte nun in zwei Familien.
Manchmal schreibt er der neuen Frau SMS, während er bei Cuong ist, einmal schrieb er spätabends, nachts um halb zwei, Cuong fragte ihn, was er da tue, sie nahm ihm das Handy weg, da schlug er ihr ins Auge, das erste Mal.
Die Behandlung damals dauerte drei Monate, Cuong trägt die Narbe über dem rechten Augen, deswegen der Lidschatten.
"So ist es jetzt oft, wenn er kommt", sagt sie, "eigentlich immer, wenn er da ist."
Wenn er weg ist, sitzt sie an der Straße, verkauft Erfrischungsgetränke, Tee und Säfte, manchmal braucht er Geld, dann gibt sie ihm welches.
"Er braucht das Geld", sagt sie. Er arbeitet im Wachregiment, er passt auf, wenn ausländische Staatsoberhäupter kommen, er verdiene 3,6 Millionen Dong im Monat, das sind gut 160 Euro. Er muss die andere Frau versorgen, zahlt für das neue Haus 1,2 Millionen Dong Miete im Monat, 1,2 Millionen Dong für den Kindergarten des neuen Kindes, "1,2 Millionen Dong bleiben ihm im Monat zum Leben, das ist nicht viel".
Cuong gibt ihm mal 50 Dong, mal 100 Dong, das, was sie übrig hat, ihre jüngste Tochter geht selbst erst in die siebte Klasse. Sie steht am Morgen um vier Uhr auf, sie versorgt, in gewisser Weise, jetzt zwei Familien.
Warum macht sie das?
"Weil eine Frau das so macht", sagt sie.
Wollte sie nie die Scheidung?
"Einmal schon, aber mein Mann wollte sie nicht, weil es auch sein Haus ist, in dem ich lebe."
Sie könnte trotzdem gehen, neu anfangen.
"Nein", sagt sie. Sie müsse Geld verdienen, die Kinder brauchten sie.
Hat sie noch Hoffnung?
"Nein", sagt Cuong.
Sie sucht in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, sie findet eins und holt auch ein Foto heraus, das ihre Familie zeigt. Das Foto ist entstanden, als die älteste Tochter im Februar heiratete.
Die Tochter steht in einem weißen Kleid neben ihrem neuen Mann, daneben ihre drei Schwestern, davor sitzen die Eltern.
Cuong trägt ein elegantes langes Kleid, sie hat sich Wellen in die Haare gedreht, ihr Mann trägt einen dunklen Anzug.
Es ist das Foto einer heilen, vollständigen Familie, und Cuong hält es immer wieder hoch. Sie lächelt ein bisschen, das erste Mal, und sagt, dass sie und ihr Mann das schönste Paar seien in der gesamten Nachbarschaft, das würden die anderen immer behaupten. Und es sei viel wert, wenn andere solche Dinge sagen.
Es gibt eine andere Frau im Club, die ist von ihrem Mann mit Benzin übergossen worden, er drohte, sie anzuzünden. Aber sie würde nie gehen. Eine andere Frau wird seit 30 Jahren geschlagen, zuletzt mit einer Wasserpfeife, aber auch sie würde nie gehen.
Cuongs Mann hat zuletzt, das war vor ein paar Tagen, mit einem Hocker zugeschlagen. Wenn man ihr zuhört, bekommt man das Gefühl, dass Madame Thuy zu schnell ist für Vietnam.
Kurz vor dem Ende des Gesprächs in Madame Thuys gut gekühltem Büro klingelt das Telefon. Die Spitze der Frauenunion hat sich durchstellen lassen.
Madame Thuy hat danach keine Zeit mehr. Sie soll nach Laos reisen, im Namen der Partei. Dort, hörte sie, interessiere man sich für das neue Frauenhaus.
ENDE

Planet der Frauen (IV) Auf der ganzen Welt verändert die Globalisierung das soziale Leben, in allen Schichten organisieren sich Frauen, um ihre Chancen zu nutzen. In Asien, wo Macht und Ohnmacht, Tradition und Moderne noch nahe beieinanderliegen, greift der globale Wandel in das Zusammenleben von Familien ein, wie die vierte und letzte Folge der SPIEGEL-Serie beschreibt.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 8/2009
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