16.02.2009

LITERATUREin Koffer in Prag

Auf mysteriöse Weise sind Briefe Heinrich Manns aus dem weitverstreuten Nachlass des Dichters aufgetaucht.
Das Schreiben kam so gelegen wie ein Treffer im Lotto. Im Sommer 2004 beendete der Lüneburger Professor Peter Stein, damals 63, gerade sein letztes Semester. Mit seinen Studenten bereitete er noch eine Reise vor - nach Prag, auf den Spuren eines literarischen Ortes.
Was für ein Zufall: Der Unbekannte, der sich bei Stein meldete, schrieb aus Prag. Seine Geschichte elektrisierte den Professor. Er sei Ingenieur, berichtete der Mann, heiße Karel Cajcik und habe in den Unterlagen seiner verstorbenen Mutter Schriftstücke gefunden: von Heinrich Mann. Die Mutter sei mit der ersten Frau Manns befreundet gewesen. Cajcik hatte, wie er mitteilte, in einer Buchhandlung herausgefunden, dass Peter Stein ein Experte für Heinrich Mann sei. Deshalb sei er bereit, ihm die Briefe zu überlassen.
Stein verabredete sich mit ihm in einem Prager Café. Der Tscheche brachte einen alten Koffer mit, etwa so groß wie eine Hutschachtel. Als er ihn öffnete, quollen die Briefe nur so heraus. Stein guckte flüchtig auf die Absender: Alfred Döblin, Vicki Baum, Thomas Mann, Ludwig Marcuse. Dann waren noch Briefe Heinrich Manns an seine Mutter dabei und Schreiben der beiden Ehefrauen des Schriftstellers. Der Professor verspürte einen Augenblick lang die vollkommene Germanistenseligkeit.
Doch Stein sollte bald merken, wie viel Mühe eine solche Entdeckung macht. Erst jetzt, viereinhalb Jahre nachdem er sich von dem Finder verabschiedet hatte, kann er die Briefe an diesem Dienstag in der Akademie der Künste in Berlin präsentieren.
Die Schriftstücke, die der SPIEGEL vorab einsehen durfte, enthalten aufschlussreiche Details, vor allem aus dem Privatleben Manns. Noch spannender indes ist die Odyssee dieser Dokumente. Heinrich Mann (1871 bis 1950), der immer im Schatten seines jüngeren Bruders und Schriftstellerkollegen Thomas stand, hatte wie viele seiner Künstlerkollegen gleich 1933 ins Exil gehen müssen, er floh erst nach Frankreich, später nach Los Angeles. Seine geschiedene, jüdische Frau Maria war - ebenfalls 1933 - mit der gemeinsamen Tochter nach Prag gezogen, später kam sie ins KZ. Teile der Familienunterlagen blieben während der Nazi-Zeit in einem Prager Keller.
Nach dem Krieg war Heinrich Mann, der Verfasser von "Professor Unrat" und "Der Untertan", als erster Präsident der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin vorgesehen. Er starb jedoch, bevor es dazu kam, in Santa Monica.
Wichtige Schriftstücke blieben in den USA, andere kamen in verschmutzten, zerschlissenen Pappkartons nach Europa: zunächst nach Prag, wo die einzige Tochter und Alleinerbin lebte, von dort nach Ost-Berlin. Auf verschlungenen Wegen gelangten wiederum Nachlassteile ins Literaturarchiv im bundesrepublikanischen Marbach. 2002 fanden sich zur großen Überraschung westlicher Forscher auch noch Manuskripte, Fotos und Briefe in einem Prager Literaturarchiv (SPIEGEL 44/2002).
Ortswechsel, Schicksalsschläge, politische Verwicklungen - wer heute seriös über Heinrich Mann und sein letztlich tragisches Leben arbeiten möchte, muss viel reisen: nach Los Angeles, Prag, Marbach, Berlin, möglichst auch nach Moskau, um nur die wichtigsten Orte zu nennen.
Da Teile des Nachlasses überdies auf dem freien Autografenmarkt veräußert wurden (heute kann ein einzelner Brief mehr als 500 Euro bringen), sind wichtige Dokumente wohl auch in privaten Sammlungen gelandet.
Der Germanist Stein musste bald erkennen, dass völlig ungeklärt ist, wem die Prager Hinterlassenschaft eigentlich gehört. Kaum war er freudig mit den Dokumenten nach Hause gereist, informierte er die Akademie der Künste in Berlin, übergab ihr alles, erfuhr aber wenig später, dass ein Fund dieses Ausmaßes ein Politikum darstellt.
Die tschechische Botschaft, von der Akademie informiert, intervenierte: Stein habe die Briefe gar nicht ausführen dürfen, er habe gegen die Bestimmungen für den Erhalt des nationalen Kulturguts der Tschechischen Republik verstoßen.
Diverse Gutachten wurden eingeholt, sie gingen hin und her. Vor kurzem fand man eine "symbolische finanzielle Lösung", so formuliert es vorsichtig Wolfgang Trautwein, der Archivdirektor der Akademie. In anderen Worten: Den Tschechen wurde das Konvolut abgekauft.
Nun also gehören die 107 Briefe nach Berlin in die Akademie der Künste. Heerscharen von Liebhabern, die an der schaurig-traurigen Familiensaga der Manns stricken, werden manch brauchbaren Hochkulturklatsch finden, aber auch für die grundseriöse Wissenschaft ist etwas dabei, nämlich die lange vermissten Briefe, die der französische Germanist Félix Bertaux in den zwanziger Jahren an seinen Freund Heinrich Mann schrieb.
Die Gegenbriefe Manns kennt man. Nun ist es fast rührend, im glücklich vereinten Schriftwechsel zu sehen, wie die beiden noch daran glaubten, dass Intellektuelle politisch etwas bewirken könnten, wenn sie sich nur zusammentun.
Für die Abteilung Klatsch sind die Kartengrüße Manns aus den Jahren 1906 bis 1909 an seine Mutter interessant. Sie belegen, wie eng das Familienband war, wie sich Mutter und Sohn über kleinste Dinge des Alltags verständigten, zum Beispiel, wie ein Anzug in einen Koffer zu packen sei, ohne dass er knittert.
Die Briefe von Maria, seiner ersten Frau, liefern wiederum Einblicke in die letzten Jahre dieser Ehe: Sie merkte, dass sich die Bindung löste, sie litt darunter, versuchte abzunehmen, obwohl er ja eigentlich üppige Frauen liebte.
Wirklich überraschend aber sind vor allem die Briefe, die Heinrich Manns zweite Frau Nelly aus dem Exil in Kalifornien schrieb. Auf Nelly Mann, vormals Kröger, hat sich gerade in letzter Zeit das Interesse vieler Mann-Fans gerichtet. In dem 2001 ausgestrahlten TV-Doku-Drama "Die Manns" wurde sie von Veronica Ferres gespielt, in einer erstaunlich großen Rolle. Denn die als exzentrisch geltende Blondine Nelly wurde in der Großfamilie Mann gemobbt und geschmäht; "das Stück" nannte man sie herzlos. 2008 erschien dann eine erste Biografie über sie, in der Autorin Kirsten Jüngling belegen wollte, dass die frühere Animierdame Nelly entgegen dem Ruf eine recht tüchtige Frau gewesen sei.
Für diese Einschätzung liefern die neuen Brieffunde durchaus Belege. Zum Beispiel finden sich Schreiben Nellys an eine Bekannte, in denen die Absenderin originell und sprachgewandt formuliert: Die "talentvolle arbeitslose" Schauspielerin Blandine Ebinger helfe im Haushalt und koche dem Heinrich ein "schlechtes aber herzlich gut gemeintes Essen", schreibt sie zum Jahreswechsel 1943/44 und prophezeit etwas zu hoffnungsvoll: "Dieses ist das letzte Kriegsjahr."
Ende 1944 brachte Nelly Mann, dem Alkohol verfallen und in Depressionen versunken, sich um. In den nun aufgetauchten Briefen gibt es eine Fülle von Kondolenzschreiben, die Hinweise darauf liefern, dass Nelly in Los Angeles allen Gehässigkeiten zum Trotz tatsächlich geschätzt wurde. Der Schriftsteller Alfred Döblin etwa geht in seinem Beileidsschreiben an Heinrich Mann weit über die üblichen Höflichkeitsfloskeln hinaus: "Und sie war eine so gute, so menschlich feine, aufgeschlossene Frau. Wie selten sieht man solche echte Teilnahme an einem anderen Schicksal, während man selbst zu kämpfen hat ... Sie war in nichts gebrochen und hatte eine wirklich innere Kraft."
Für die Germanistik sei es ein Riesenglück, dass all diese Briefe jetzt an die Öffentlichkeit gelangen, sagt Manfred Flügge, der 2006 eine maßgebliche Heinrich-Mann-Biografie vorgelegt hat. Für die Charakterisierung bestimmter Personen, für korrekte Datierungen seien sie unverzichtbar. Ihn erschreckt heute der Gedanke, dass die Dokumente genauso gut in einer Prager Kammer hätten verrotten können.
Für sein Heinrich-Mann-Buch forschte er unter anderem an der University of Southern California, wo etliche Schriftstücke bedeutender deutscher Emigranten lagern: von Lion Feuchtwanger, Ludwig Marcuse und Emil Ludwig.
Ludwig war einer der Bestsellerautoren der zwanziger Jahre und ist heute fast vergessen, gerade weil die Unterlagen aus dem Nachlass so schlecht erschlossen sind, wie Flügge glaubt. Im kalifornischen Archiv gehe es drunter und drüber, das Interesse an den prominenten deutschen Exilanten sei so gut wie erloschen.
Irgendwann wird aus jedem Leben Archivmaterial. Es kann durch Forschung und Erzählung wiederbelebt werden - wenn es denn zu finden ist. SUSANNE BEYER
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 8/2009
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